Es war einmal vor langer Zeit, als die Herbstsonne noch warm über den deutschen Wäldern stand. Gisela war sich sicher, einen Teppich gefunden zu haben doch dann hörte sie ein Stöhnen daraus.
Das Wetter war unerwartet mild, und Gisela nutzte die Gelegenheit, ihre “Kissen” und “Decke” zu lüften. Als Kissen dienten ihr mit Sägemehl gefüllte Papiertüten, als Decke ein alter Wandteppich mit Hirschmotiv. Sie spannte ihn vorsichtig zwischen zwei Bäume auf und legte ihre selbstgemachten Kissen auf eine abgewetzte Holzbank mit rotem Kunstlederbezug.
Seit über einem Jahr war Gisela obdachlos. Ihr Traum war es, Geld zu sparen, ihre verlorenen Papiere zu ersetzen und nach Hause zurückzukehren in eine südliche Region Deutschlands, wo Erinnerungen an Familie und ein normales Leben auf sie warteten. Doch vorerst lebte sie in einer verlassenen Försterhütte, die einst mitten im dichten Wald stand. Nun türmten sich dort Müllberge.
Anfangs war der Gestank kaum wahrnehmbar, doch mit der Zeit wuchsen die Abfallhaufen nicht mehr täglich, sondern stündlich. Alles wurde hier entsorgt: Bauschutt, kaputte Möbel, alte Kleidung, Geschirr. So hatte Gisela einen kleinen Schrank, einen abgenutzten Hocker und sogar eine Holztruhe mit aussortierter Kleidung gefunden.
Irgendwann kamen auch Lieferwagen von Supermärkten sie brachten abgelaufene Ware. Nach sorgfältigem Aussortieren blieben manchmal noch genießbares Gemüse, Obst oder sogar Tiefkühlkost übrig. Doch Wasser war knapp. Sie musste es aus einem schmutzigen Fluss holen und durch Tücher und Holzkohle filtern.
Feuerholz gab es im Überfluss überall lagen zerbrochene Baumstämme, sodass das Heizen des Ofens kein Problem war. Die Tage verschwammen zu einem eintönigen Dasein, und es gelang ihr selten, auch nur ein paar Euro zu sparen. Münzen in den Taschen weggeworfener Kleidung waren eine Rarität, und eine Geldbörse zu finden, galt als Jahrhundertfund.
Eines Nachts weckte sie das Geräusch eines anrollenden Autos. Das war nichts Ungewöhnliches die meisten brachten ihren Müll im Schutz der Dunkelheit vorbei. Doch diesmal war etwas seltsam. Der Wagen war teuer, groß, fast ein Geländewagen. Im Mondlicht wirkte er wie ein Raubtier auf Rädern.
Ein Mann stieg langsam aus, zog eine schwere Rolle aus dem Kofferraum und schleppte sie tiefer in die Müllberge.
Dachpappe? Damit könnte ich das Dach flicken Bald kommt der Regen, dachte Gisela und drängte den Fremden innerlich: Beeil dich, verschwinde endlich!
Der Mann ließ die Rolle in einer Mulde zwischen den Abfallhaufen fallen, schaute sich um, als bereue er etwas, winkte ab und kehrte zum Auto zurück. Minuten später heulte der Motor auf, und der Wagen verschwand in der Dunkelheit.
Endlich, seufzte Gisela und zog sich Arbeitskleidung an.
Sie stieg in ihre großen Gummistiefel und trat hinaus. Der Himmel hellte sich schon auf, und der Duft von Wald durchzog die Luft. Sie erinnerte sich an eine Lichtung hinter dem Hügel, wo Pilze wuchsen die würde sie am Morgen absuchen.
Als sie zu der Stelle kam, wo der Mann die Rolle abgelegt hatte, erwartete sie eine Bahn Dachpappe oder dicke Folie. Doch stattdessen lag dort ein sorgfältig zusammengerollter Teppich. Kein gewöhnlicher einer von der Sorte, wie sie einst reiche Häuser schmückten.
Hm Orientmuster, denke ich. Wunderschön, schwer. Schade, dass er nichts fürs Dach taugt, bemerkte Gisela enttäuscht, fügte aber hinzu: Vielleicht nehme ich ihn trotzdem? Gefaltet wäre er besser als diese Sägemehlsäcke.
Der Gedanke gefiel ihr sogar, und sie lief rasch zur Rolle. Sie versuchte, sie hochzuheben zu schwer. Dann zog sie vorsichtig an der Kante, um ihn auszurollen. Und dann hörte sie ein Stöhnen von innen!
Gisela, die in ihrem Jahr auf der Straße schon alles gesehen hatte, zitterte plötzlich bis in die Knie. Sie trat näher und rief:
Wer ist da?
Stille. Dann wieder ein Stöhnen und eine kaum hörbare Frauenstimme:
Ich Margarethe Schultheiß
Mit Mühe zog Gisela die Teppichkante weiter, bis die Frau befreit war. Sie fiel heraus, rang nach Luft und stöhnte leise.
Warten Sie, ich helfe Ihnen!, rief Gisela und eilte zu ihr.
Als der Teppich ganz ausgebreitet war, lag darauf eine kleine, schmächtige Frau in guter Kleidung. Sie hatte einen blauen Fleck an der Schläfe. Verwirrt sah sie sich um und sagte:
Also hierher hat er mich gebracht? Auf den Müll? So einfach
Ohne ein Wort half Gisela ihr auf und führte sie langsam zur Hütte. Sie setzte sie auf einen Stuhl, während die Frau, erst jetzt begreifend, dass sie gerettet war, leise schluchzte:
Ich lebe noch Er wollte mich lebendig begraben und hat sogar seinen geliebten Teppich ruiniert
Gisela stellte Wasser auf, nahm Kräuter aus dem Schrank, bereitete einen starken Tee und reichte ihn ihrer Gastgeberin.
Ich bin Gisela Bauer, stellte sie sich vor. Ehemalige Deutsch- und Geschichtslehrerin.
Sie sind eine Frau?, fragte Margarethe überrascht und musterte ihren kurzen Haarschnitt und die Männerkleidung.
Ja, so ist es gekommen, seufzte Gisela. Ich wollte in der Stadt als Hauslehrerin arbeiten. Doch am Bahnhof wurde ich bestohlen. Alles: Tasche, Geld, Papiere
Warum sind Sie nicht zur Polizei gegangen?, fragte Margarethe streng.
Doch. Aber sie sagten, ich müsse alles über die Botschaft neu beantragen. Und das kostet Geld. Gebühren, Formulare Ich habe nichts. Nutzlos.
Margarethe betrachtete die junge Frau aufmerksam. Durch ihre Tränen blitzte etwas wie Mitleid.
Gibt es wirklich keine Hilfe?
Ich kenne keine, antwortete Gisela. Nun sagen Sie mir, wie Sie in den Teppich kamen.
Bei der Frage zuckte Margarethe zusammen und brach erneut in Tränen aus:
So ist das Leben manchmal Wie konnte es nur so weit kommen
Ach, warum habe ich gefragt, murmelte Gisela.
Margarethe wischte sich die Tränen ab, richtete sich auf und sah Gisela an, als prüfe sie etwas:
Warum sollte ich Ihnen helfen? Wissen Sie überhaupt, wer ich bin? Wenn ich hier rauskomme, werde ich einen solchen Skandal veranstalten, dass er es nie vergisst! Und Sie? Können Sie so weiterleben?
Gisela senkte den Blick, beschämt von ihrem Dasein, ihren Lumpen, dieser Hütte, die nun fast wie ein Palast wirkte im Vergleich zu dem, was im Teppich gewesen war.
Ihre Gastgeberin trank den Tee aus, atmete tief durch und sagte, als spräche sie mit jemand Unsichtbarem:
Es wird alles gut Ich werde dich finden, fügte sie hinzu und schüttelte die Faust, als stünde ihr Peiniger schon bereit.
Draußen brach der Morgen an. Die ersten Sonnenstrahlen fielen ins Innere und ließen die Staubpartikel in der Luft aufleuchten.
Gisela, wie lange wohnen Sie schon hier? Kennen Sie den Weg zur Landstraße?, fragte Margarethe und erhob sich langsam.
Natürlich, nickte Gisela.
Dann begleiten Sie mich, forderte die Frau mehr, als sie bat.
Sie trat hinaus und zuckte zusammen die Morgenluft war kühl, und sie trug nur ein dünnes Wollkostüm.
Nehmen Sie eine Jacke, schlug Gisela vor, doch Margarethe verzog angewidert das Gesicht:
Ich friere nicht. Bringen Sie mich nur zur Straße mehr nicht.
Es ist nicht weit, erwiderte Gisela und ging neben ihr. Aber wie wollen Sie mit der Verletzung laufen?
Wer leben will, findet einen Weg, Kind. Also los, halten Sie mich nicht auf, sagte die alte Dame und stützte sich auf Giselas Arm.
Unterweg



