Am frühen Morgen stand ihr Koffer im Flur.
“Lina…” begann Johann.
“Lass es”, unterbrach sie ihn. “Du hast deine Entscheidung getroffen. Und jetzt treffe ich meine.”
Die Tür schlug zu. Johann blieb allein zurück.
Er saß in der Küche und stocherte mit der Gabel in seinem erkalteten Kartoffelpüree. Halb sieben. Lina war schon eineinhalb Stunden zu spät.
Der Fernseher in der Ecke plapperte über den neuesten politischen Skandal, doch Johann hörte nicht hin. Sein Blick glitt über die vertrauten Dinge: die gelben Vorhänge mit Mohnblumen, die Lina vor fünf Jahren aufgehängt hatte, seine Hausschuhe neben dem Kühlschrank, ihre gestrickte Jacke über der Stuhllehne.
Alles an seinem Platz. Nur sie fehlte.
Ein Klicken an der Wohnungstür. Endlich.
“Johann, entschuldige bitte!”, kam die müde Stimme. “Papa ging es plötzlich schlecht, wir mussten den Notarzt rufen.”
Johann verzog das Gesicht. Schon wieder diese Alten.
Lina taumelte in die Küche zerzaust, mit geröteten Augen.
“Was war los?”, fragte er, ohne von seinem Teller aufzublicken.
“Sein Blutdruck ist gefährlich hoch. Der Arzt sagt, das muss jetzt dauerhaft überwacht werden…” Lina ließ sich auf den Stuhl fallen. “Mutter war völlig außer sich, wusste nicht, was tun.”
“Haben die kein Telefon? Können die nicht selbst den Krankenwagen rufen?”
Lina zuckte zusammen, als hätte er sie geschlagen.
“Johann, sie sind über siebzig. Sie hatten Angst. Und sie sind meine Familie…”
“Und ich? Bin ich nicht deine Familie?” Johann legte die Gabel beiseite. “Keiner zu Hause, das Essen kalt. Ich komme von der Arbeit, und du…”
“Es tut mir leid”, flüsterte sie und richtete sich auf. “Ich wärme es gleich auf.”
Doch die Gärung in seiner Brust war bereits im Gang. Früher hatte sie ihn an der Tür empfangen. Die Hausschuhe gebracht, nach seinem Tag gefragt.
Jetzt nur noch die Eltern.
Lina hantierte schweigend am Herd. Ihre Schultern hingen, die Hände zitterten, als sie die Töpfe verschob.
Johann betrachtete ihren Nacken und erinnerte sich, wie sie sich früher mit einem Lächeln zu ihm gedreht hatte.
Wann war das gewesen? Vor einem Monat? Zwei?
“Hör zu”, sagte er sanfter, “vielleicht brauchen sie wirklich eine Pflegekraft? Sie haben doch eine anständige Rente.”
Lina erstarrte mit dem Schöpflöffel in der Hand.
“Anständig? Johann, Papa bekommt achthundert Euro, Mutters Rente sind sechshundert. Davon geht fast die Hälfte für Medikamente und Nebenkosten drauf.”
“Wie, sechshundert?”, wunderte er sich. “Sie hat doch ihr Leben lang gearbeitet.”
“Als Lehrerin in einer Dorfschule.” Lina drehte sich zu ihm um. “Johann, das weißt du doch.”
Er wusste es nicht. Die Finanzen seiner Schwiegereltern hatten ihn nie interessiert.
Seine eigenen Eltern waren vor zehn Jahren gestorben und hatten ihm eine Einzimmerwohnung hinterlassen, die er sofort verkauft hatte. Linnas Eltern sah er nur an Feiertagen.
“Dann sollen sie sich stundenweise Hilfe holen”, schlug er vor. “Für Putzen, Kochen.”
“Wovon?”, ihre Stimme überschlug sich. “Hast du gehört, was ich gesagt habe? Vierzehnhundert für beide!”
Johann zuckte mit den Schultern. Ihm wäre nie eingefallen, die Ausgaben anderer zu berechnen. Sie hatten genug sein Ingenieursgehalt plus ihre Einnahmen aus Nachhilfestunden.
Sie lebten ruhig, ohne große Sprünge, aber auch ohne Not.
Draußen wurde es dunkel. Lina stellte ihm den aufge





