So kam es, dass ihn die Oma großzog, obwohl seine Mutter noch lebte: Die Geschichte eines Berliner IT-Spezialisten, dessen Mutter als Sängerin auf Tournee war und dem die Rückkehr ins alte Mietshaus mystische Begegnungen mit Erinnerungen und einem vertrauten Kaffeebecher bescherte.

So sonderbar es klingt, hatte ihn seine Großmutter großgezogen, obwohl seine Mutter noch lebte.
Es verhielt sich so: Thomas Großmutter kümmerte sich um ihn, obwohl seine Mutter am Leben war. Dabei war die Mutter keineswegs schlecht sie war eine schöne, gutmütige Frau. Doch sie arbeitete als Sängerin in der Hamburger Staatsoper, war selten zu Hause. Aufgrund häufiger Tourneen hatte sie sich sogar vom Ehemann, dem Vater des Jungen, getrennt. So blieb nur die Großmutter, die sich um Thomas sorgte.
Solange er sich erinnern konnte, hob Thomas beim Heimkehren den Blick zum vierten Stock seines Plattenbaus in Berlin-Wedding und sah im Fenster die Silhouette seiner geliebten Oma, die stets auf seine Rückkehr wartete. Wenn die Großmutter ihn irgendwohin verabschiedete, winkte sie immer aus dem Fenster und Thomas winkte jedes Mal zurück.
Mit fünfundzwanzig aber, da ging die Großmutter. Seitdem kam Thomas nach Hause, schaute in den vierten Stock, und kein Silhouett grüßte ihn mehr. Das Fenster war leer. Selbst wenn seine Mutter daheim war, fühlte sich Thomas fremd und allein. Sie sprachen schon seit Jahren nicht mehr wirklich miteinander, teilten keine Interessen, keine Gespräche sie lebten wie zwei Fremde nebeneinander; selbst den Alltag regelten sie jeder für sich.
Einige Monate nach dem Tod der Großmutter fasste Thomas einen plötzlichen Entschluss: Er wollte in eine andere Stadt ziehen. Zumal seine Fähigkeiten in der Informatik stark gefragt waren. Im Internet fand er eine gute Firma in München, versprach Spitzengehalt in Euro und übernahm die Wohnkosten. Die Mutter freute sich sogar darüber der Sohn war erwachsen, sollte seinen eigenen Weg gehen, weit weg von der Mutter.
Aus dem Zuhause nahm er nur Omas Lieblingskaffeetasse als Andenken mit sowie etwas Kleidung für den Start. Mit seinem Reiserucksack über der Schulter blickte Thomas ein letztes Mal zum Küchenfenster hoch aber da war niemand. Die Mutter kam nicht, um zum Abschied zu winken. Das Taxi brachte ihn zügig zum Hauptbahnhof, wenig später lag er bereits in der oberen Koje eines Abteilwagens.
Am nächsten Morgen hielt der Zug pünktlich; Thomas fand das Münchner Büro, meldete sich an und machte sich mit Hilfe der Navigations-App daran, die im Internet ausgewählten Wohnungen zu besichtigen. Quer durch das unbekannte Stadtviertel gehend, fiel ihm ein Wohnblock ins Auge und ihm war, als ginge ein Riss durch die Wirklichkeit. Der Block ähnelte seinem alten Haus frappierend. Alle diese Plattenbauten sind ähnlich, doch dieser hatte eine sonderbare Einzigartigkeit. Die Fensterrahmen waren in jenem seltsamen Türkis gestrichen, den seine Oma so geliebt hatte.
Thomas verließ wie in Trance seine virtuelle Route, trat näher an den Wohnblock heran, weil er kurz innehalten und seiner Großmutter gedenken wollte. Automatisch hob er den Kopf, schaute zum Fenster, das auf die Küche hätte zeigen müssen, und erstarrte… Die Welt drehte sich. Hinter dem Küchenfenster im vierten Stock schimmerte der Schatten seiner Großmutter. Ganz sicher, das war sie sein Herz schlug bis zum Hals.
Er wusste genau, das konnte nicht sein. Rasch schloss er die Augen, drehte sich um und entfernte sich langsam vom Haus. Sein Verstand sagte: Das ist bestimmt eine ganz andere alte Dame. Doch sein Herz rief: Halt an! Das ist sie!, und er konnte nicht widerstehen. Er blieb stehen, drehte sich erneut um der Blick fest nach oben gerichtet.
Die Großmutter stand weiterhin am Fenster. Thomas hielt es nicht mehr aus. Mit dem Rucksack auf dem Rücken stürmte er zum Haus, stieg vogelgleich die Treppe zum vierten Stock die Haustür war zufällig wie früher nicht richtig verschlossen und klingelte wild. Die Tür öffnete sich, und eine verschlafene junge Frau im Morgenmantel blickte ihn verwundert an:
Was wollen Sie hier?
Ich… äh … ich suche meine Oma…
Ihre Oma? wiederholte sie perplex, fing plötzlich an zu kichern und rief in die Wohnung: Mama! Da ist jemand für dich!
Während die Mutter kam, musterte das Mädchen neugierig diesen seltsamen Gast. Bei Thomas wurde nicht nur der Kopf schwindelig, auch sein Herz blieb beinahe stehen.
Wer will zu mir? erschien nun, ebenfalls im Bademantel, eine etwa fünfzigjährige Frau im Türrahmen.
Mama, stell dir vor er hat dich Oma genannt, lachte die Tochter.
Moment mal… stammelte Thomas. Ich habe nicht SIE gerufen. Ich meine… Im Fenster, in der Küche… Da stand meine Oma… Ich hab sie wirklich gesehen.
Bist du auf Drogen? höhnte die Tochter. Hier wohnen keine Omas! Nur meine Mutter und ich! Kapiert?
Ja… schon… Entschuldigung… Mir ist irgendwie schwindlig… murmelte Thomas, machte einen wackeligen Schritt zurück, setzte seinen Rucksack ab und stützte sich, um nicht umzufallen, an die Wand. Tut mir leid, ich Ruhe mich nur kurz aus…
Die Tochter wollte gerade die Tür schließen, doch die Mutter hinderte sie daran.
Junge, wie geht es dir? fragte sie besorgt.
…Gut… log er leise. Machen Sie sich keine Sorgen.
Mir scheint, du hast einen Blutdruck von mindestens 200. Du bist ganz rot im Gesicht… Komm, sie ging rasch ins Vorzimmer, nahm ihn an die Hand und führte ihn vorsichtig hinein, dabei der Tochter zurufend: Anneliese, nimm seinen Rucksack und bring ihn rein! Und hol das Blutdruckmessgerät! Los!
Die Tochter führte jeden Befehl mit riesigen Augen aus zwischen Furcht und Neugier.
Die Mutter setzte Thomas auf dem Vorzimmer-Sofa ab und maß schweigend seinen Blutdruck. Dann gab sie ihrer Tochter weitere Anweisungen, die weiter verblüfft zuschaute.
Gib mir meine Tasche. Da hab ich Spritzen… Dann wandte sie sich an Thomas: Ich gebe dir jetzt zur Sicherheit ein paar Medikamente und rufe den Notarzt…
Nein, bitte kein Notarzt, keuchte Thomas panisch. Ich bin gerade erst aus dem Zug gestiegen… Ich kenne hier niemanden… Ich habe noch nicht mal eine Wohnung.
Hör auf meine Mama! warf Anneliese ein. Meine Mama ist Ärztin, klar?
Du bist also nicht von hier? fragte die Mutter.
Er nickte bloß. Noch einmal bat er:
Bitte, sperren Sie keinen Notdienst ein… Morgen muss ich zum neuen Job… Mein erster Arbeitstag…
Stillhalten! Die Ärztin injizierte ihm Medikamente. Schon mal solche Anfälle gehabt?
Nein… flüsterte er schwach.
Wie alt bist du?
Fünfundzwanzig…
Herzprobleme?
Ich bin kerngesund, ehrlich…
Gesund? Und warum ist dein Blutdruck dann bei 180 zu 100? Das ist gefährlich.
Vielleicht wegen der Aufregung…
Wovon denn?
Weil… ich im Fenster Ihre… meine Oma sah. Sie stand in der Küche… und schaute… Mich an.
Deine Großmutter?
Ja. Aber sie starb. Vor zwei Monaten. Gibt es denn keine Omas im Haus?
Du bist ja ein merkwürdiger Typ, lachte Anneliese. Hab doch gesagt, wir wohnen nur zu zweit! Aber damit du dich beruhigst, geh ich jetzt mal kurz in die Küche und überprüfe es.
Tatsächlich tat sie das gutgelaunt, doch nach ein paar Sekunden schrie sie erschrocken auf:
Mama! Was ist das?! Nach einem Moment kam sie ins Vorzimmer zurück, hielt einen fremden Kaffeebecher in den Händen. Woher ist der, Mama?! So einen Becher hatten wir nie im Haus!
Oh lächelte Thomas verzweifelt. Das ist der Becher meiner Oma. Ich hab ihn… Aber… Er sollte eigentlich in meinem Rucksack sein. Den hab ich als einziges Andenken mitgenommen. Das ist wirklich wie ein Spuk…
Wo ist denn dein Rucksack? Mutter und Tochter starrten ihn ungläubig an.
Wie, wo? Da drüben… Er deutete zur Tür. Der Becher müsste da drin sein…
Zu dritt durchsuchten sie alles aber sie fanden keinen zweiten Becher.
Bis heute bleibt dieses Erlebnis der Familie ein Rätsel. Besonders für Annelieses Mutter. Denn ein paar Monate später wurde sie tatsächlich Thomas Schwiegermutter. Ja, es war wohl tatsächlich etwas Magisches daran.

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Homy
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So kam es, dass ihn die Oma großzog, obwohl seine Mutter noch lebte: Die Geschichte eines Berliner IT-Spezialisten, dessen Mutter als Sängerin auf Tournee war und dem die Rückkehr ins alte Mietshaus mystische Begegnungen mit Erinnerungen und einem vertrauten Kaffeebecher bescherte.
Meine Freunde kaufen Eigentumswohnungen und investieren in Renovierungen, während meine Freundin all ihre Ersparnisse aufgebraucht hat, um gemeinsam unser Vermögen zu vermehren.