„Ich habe keine Verwandten mehr,“ sagte der Ehemann.

Ich habe keine Verwandten mehr, sagte ich, als er das Wort rauswarf.
Da gehts ja gleich los!, brüllte Bernd.
Maren zuckte zusammen. In all den sechs Jahren hatte sie nie gehört, dass er so schrill wird.

Was sagst du, Junge, begann Schwiegermutter Elisabeth, während sie sich am Tischrand festklammerte.
Ich bin nicht dein Junge!, packte Bernd ihre Tasche und warf sie in den Flur. Damit dein Geist hier nicht mehr rumspukt!

Klein Lieselotte schlief, die Arme ausgebreitet wie ein winziger Seestern. Maren richtete die Decke.
Sie liebte es, dort zu stehen und das kleine Mädchen zu beobachten. Jahrelang hatte sie davon geträumt, Mutter zu werden, und alles dafür gegeben, dass es endlich Wirklichkeit wurde.

Bernds Nachtschicht war vorbei, das leise Rascheln im Flur verriet das. Maren schlich aus dem Kinderzimmer, schloss die Tür hinter sich. Bernd schlüpfte aus den Schuhen.

Müde, merklich abgemagert, arbeitete er wie ein Pferd, um die Darlehen, die sie für die IVF aufgenommen hatten, so schnell wie möglich zu tilgen.

Schläft sie?, flüsterte er.

Ja. Sie hat gegessen und gleich eingeschlafen.

Bernd zog Maren an sich, drückte ihr Gesicht an ihren Hals. Er sprach selten von Liebe, doch Maren wusste: Er war ihr bis auf den Kopf dankbar.

Dankbar dafür, dass sie nicht weggegangen war, dass sie nicht den gesunden Mann gewählt hatte, dass sie ihm ein Stück Glück brachte.

Mit sechzehn hatte Bernd eine Schwangerschaft am Fuß überlebt er hatte sich geschämt, seiner Mutter zu sagen, dass etwas dort geschwollen war und weh tat. Als er es schließlich gestand, war es zu spät. Die Komplikation führte fast zur kompletten Sterilität.

Mutter hat angerufen, murmelte Bernd, ohne die Hände loszulassen.

Maren spannte die Schultern.

Und was will Elisabeth?

Sie kommt zum Mittag. Sagt, sie hat einen Kuchen gebacken und vermisst uns.

Maren seufzte, ließ sich aus Bernds Umarmung los.

Bernd, das ist vielleicht besser so. Beim letzten Mal brachte sie mich mit ihren Ratschlägen zum Aufstoßen von Natron zur Weißglut.

Maren, das ist doch meine Mutter Sie will die Enkelin sehen. Ein ganzes Jahr ist vergangen, und sie hat Lieselotte nur auf Fotos gesehen. Immerhin ist sie Oma.

Oma, schnitt Maren scharf, die unsere Tochter als Untermensch bezeichnet.

Ein Jahr zuvor hatten sie Anke adoptiert. Die Wartelisten für gesunde Neugeborene in ihrer Region waren so lang, man hätte das Haar grau werden sehen können, bis man dran war.

Durch Kontakte, ein Kuvert mit einer stattlichen Summe für das Kinderzimmer und die Schnelligkeit einer bekannten Hebamme kam das Glück.

Das Mädchen war geboren, als die leibliche Mutter erst sechzehn war ein verängstigtes Schulmädchen, das das Leben ihres Kindes kaum tragen konnte.

Maren erinnerte sich an jenen Tag: ein winziger Bündel, etwa zweihundert Gramm, mit blauen Augäpfeln, die neugierig hervor starrten.

Na gut, drehte Maren sich. Sie kann kommen. Wir schaffen das. Aber wenn sie wieder anfängt, …

Fängt nicht an, versprach Bernd. Ehrlich.

***

Zur Mittagszeit klopfte die Schwiegermutter an. Elisabeth trat ein, füllte den Flur mit ihrer Präsenz.

Sie war groß, laut und hatte die raue Bauernmannshand, die sowohl ein Pferd bändigen, als auch eine Scheune abfackeln und den Nachbarn die Synapsen aus den Köpfen fegen konnte.

Ach du meine Güte!, rief sie vom Flur aus, stellte ihre karierte Tasche ab. Der Weg hierher war eine Katastrophe! In der SBahn war es stickig, in der UBahn drängeln sich alle.

Und warum habt ihr euch da hochgezwängt? Der Fahrstuhl knattert, wackelt, ich dachte, ich geb euch die Seele zum Fraß!

Hallo, Mama, drückte Bernd sie an die Wange und nahm die schwere Tasche. Komm rein, Hände frei.

Elisabeth ließ den Mantel fallen, enthüllte ein buntes Kleid, das ihre kräftige Figur umschloss, und starrte Maren sofort an. Sie musterte sie von Kopf bis Fuß, wie ein Pferd auf dem Jahrmarkt.

Guten Tag, Elisabeth, lächelte Maren.

Hallo, hallo, schnitt Elisabeth die Lippen zusammen. Du siehst ja ganz durchsichtig aus, Maren. Nur Knochen ragen heraus. Wie hält dein Mann das noch aus?

Sieht so aus, als wäre Bernd etwas ausgehungert, dachte sie. Fütterst du ihn nicht ordentlich? Sitzt du selbst im Gras und lässt den Mann verhungern?

Bernd isst gut, parierte Maren, die Wangen leicht errötend. Kommt doch zum Tisch.

In der Küche schmiss Elisabeth sofort den Koffer aus und holte aus einem Sack Behälter mit Brötchen, ein Glas saure Gurken und ein Stück Schmalz hervor.

Hier, esst etwas. In eurer Stadt seid ihr nur Chemie, ihr kaut Plastik.

Sie setzte sich, lehnte die Ellbogen schwer auf den Tisch und sagte:

Na, erzähl mal. Wie läuft das Leben? Die Darlehen für eure Experimente schon abbezahlt?

Maren schob die Gabel an. Experimente! So nannte sie die sechs Jahre voller Schmerzen, Hoffnungen und Verzweiflung.

Fast erledigt, Mama, grummelte Bernd, griff zum Salat. Lass uns nicht über Geld reden.

Worüber reden wir denn sonst?, fragte Elisabeth und biss in ein Brötchen. Über das Wetter? Bei Kolja, deinem Bruder, ist das dritte Kind geboren.

Ein gesundes Mädel, hübsch! Vier Kilo! Und Tanja, die Schwester, trägt Zwillinge.

Das ist, was ich verstehe Zucht! Unsere Rasse, Bernd, ist stark. Wir sind fruchtbar.

Sie sah Maren bedeutungsvoll an.

Das gilt natürlich nur, wenn man die Herkunft nicht verdirbt

Maren legte langsam die Gabel ab.

Elisabeth, wir haben das schon hundertmal besprochen. Es geht nicht um mich. Wir haben medizinische Befunde.

Ach, hör doch auf! Diese Papierchen schreiben die Ärzte, um Geld zu scheffeln. Die Schweine sagst du das auch!

Bei uns im Dorf hat fast jeder einen Schweinebraten überlebt, und alle haben sieben Kinder.

Das ist dein Vorwand, Bernd, deine Frau hat dir die Ohren vollgepustet, um ihre eigene Schwäche zu verdecken.

Mama!, schlug Bernd mit der Hand auf den Tisch. Genug.

Elisabeth fasste dramatisch ihr Herz.

Du erhebst deine Stimme nicht gegen deine Mutter. Ich habe fünf Kinder großgezogen, ich kenne das Leben. Sieh nur, ihr Becken ist so schmal, ein Kind ist unmöglich.

Wir sind glücklich, Mama, sagte Bernd leise. Wir haben eine Tochter. Anke.

Eine Tochter, schnaufte Elisabeth. Zeig wenigstens etwas.

Sie gingen ins Kinderzimmer. Anke war bereits wach, saß im Bettchen und spielte mit einem Plüschbär. Als sie die fremde Tante sah, runzelte sie die Stirn, weinte aber nicht. Ihr Wesen war erstaunlich gelassen.

Elisabeth kniete sich ans Bett, Maren stellte sich bereit, im Notfall das Kind zu ergreifen von Schwiegermüttern konnte man ja nie genug erwarten.

Die Frau starrte das Mädchen lange an, blinzelte, dann streckte sie die Hand aus und berührte die runde Wange. Anke rückte zurück.

Und wer ist das denn?, fragte Elisabeth missmutig. Schwarze Augen, wir haben nur helläugige in unserer Familie.

Ihre Augen sind blau, korrigierte Maren. Dunkelblau.

Und die Nase? Wie eine Kartoffel. Dein Nase, Maren, ist spitz, Bernds gerade. Und hier

Sie richtete sich auf, schüttelte die Hände, als wäre sie schmutzig geworden.

Fremde Abstammung, das ist sie!

Zurück in der Küche goss Bernd sich Wasser ein, die Hände zitterten.

Mama, hör zu, begann er, bemüht sanft zu klingen. Wir lieben Anke. Sie ist unsere, nach den Papieren, nach dem Herzen, nach allem.

Und wir probieren weiter. Die Ärzte sagen, es gibt Chancen, wenn auch klein. Aber selbst wenn es nicht klappt wir haben bereits eine Familie.

Elisabeth presste die Lippen zusammen, ein wenig erstickt. Für die Mutter von fünf Kindern, Großmutter von zwölf Enkeln, war es körperlich schmerzhaft zu sehen, wie ihr Sohn sein Leben für ein Fremdes verschwendet.

Du bist ein Drecksack, Bernd, hauchte sie schließlich. Du bist fünfunddreißig, ein alter Sack, und kümmert dich um ein Kind, das nicht deins ist.

Nenn mich nicht so!, schrie Maren.

Wie soll ich dich nennen?, drehte Elisabeth sich zu ihr um. Als Prinzessin?

Du hättest lieber geschwiegen. Du kannst selbst nichts gebären, hast den Mann aus dem Sinn gebracht. Sie haben das Kind gekauft, wie ein Kätzchen auf dem Markt.

Das ist unser Kind!

Kind heißt nur eigen, wenn es dein Blut ist! Wenn du nachts nicht schlafen kannst, wenn du die Schwangerschaft vergiftet hast, wenn du in Qualen geboren hast!

Und das hier, winkte sie in Richtung Kinderzimmer. Ein Spiel mit Müttern und Töchtern. Ein fertiges Paket von einer Partygängerin, die kaum ein Jahr alt war.

Ihr glaubt, man kann Gene mit einer Axt abschneiden? Sie wachsen und zeigen euch Diamanten am Himmel. Sie gehen in die Hände! Wie die Mutter!

Maren sah, wie sich Bernds Pupillen weiteten. Er stand langsam auf. Langsam.

Da, sagte er leise.

Elisabeth erstarrte.

Was?

Da!, rief Bernd.

Maren zuckte zusammen. Noch nie, in all den sechs Jahren, hatte sie so laut von ihm gehört.

Du sagst ja, Sohn, begann die Schwiegermutter und griff nach dem Tischrand.

Ich bin nicht dein Sohn!, packte Bernd ihre Tasche und schmiss sie in den Flur. Damit dein Geist hier nicht mehr herumspukt! Das Kind zurückgeben? Das Kind zurückgeben?!

Verwechselst du die Person mit der Sache? Das ist meine Tochter! Meine! Und du du

Er keuchte.

Du bist keine Mutter, sondern ein Unhold. Geh zurück in dein Dorf und zähle deine Rasse. Bleib weg von uns! Nie wieder!

Aus dem Kinderzimmer ertönte ein Schluchzen. Maren rannte zur Tür, hielt inne und sah, wie Elisabeths Gesicht von rot zu erdfarbenem Grau wechselte.

Elisabeth öffnete den Mund, schluckte Luft wie ein Fisch, der an den Strand gespült wurde. Ihre Hand, die ihr über das Herz fuhr, umklammerte das Kleid fest.

Bernd, krächzte sie. Es brennt Wie brennt es

Sie sank schwer wie ein Sack Getreide auf die Seite, stieß den Stuhl um. Der Aufprall vermischte sich mit dem Weinen des Kindes.

***

Maren rief den Krankenwagen. Bernd kniete neben seiner Mutter, zog ihr das Kleid vorsichtig auf.

Mama, was ist los? Atme!

Elisabeth keuchte.

Der Sanitäter stürmte ein:

Herzinfarkt, großflächig. Trage! Schnell!

Als die Tür hinter den Ärzten schlug, setzte sich Bernd auf den Flurboden, lehnte sich an die Wand. Er starrte auf das vergessene Halstuch seiner Mutter, das auf dem Nachttisch lag.

Hab ich sie umgebracht?, flüsterte er.

Maren setzte sich neben ihn, drückte seine kalte Hand.

Nein. Sie hat es selbst getan, aus eigener Wut.

Sie ist doch die Mutter, Maren.

Sie wollte unser Kind wie Fehlware wegwerfen. Bernd, komm zur Vernunft. Du hast deine Familie beschützt.

Im Taschenfach seines Hemdes vibrierte das Handy. Eine Stunde später rief die Schwester an, dann die Tante, dann der Bruder. Bernd nahm nicht ab.

Eine Nachricht kam von der Tante:

Mutter liegt auf der Intensiv. Die Ärzte sagen, die Chancen sind gering. Du hast es gebracht, und das Kind? Wir verfluchen dich. Komm nicht.

Siehst du, ich habe keine Verwandten mehr.

Maren legte den Arm um seine Schultern, spürte das Zittern.

Doch, du hast mich. Du hast Anke. Wir sind deine wahre Familie, die dich nicht im Stich lässt.

Sie stand auf, ergriff seine Hand.

Komm, wir müssen Anke füttern. Sie hat Angst.

Am Abend saßen sie in der Küche. Anke, beruhigt, spielte mit Bauklötzen am Fußboden. Bernd schaute sie an, als sähe er sie zum ersten Mal.

Weißt du, sagte er plötzlich, deine Mutter hatte recht.

Maren spannte sich.

Worauf denn?

Man kann Gene nicht einfach ignorieren. Aber Gene sind nicht nur Augenfarbe oder Nasenform. Sie bestimmen, wie sehr man lieben kann.

Eine Mutter von fünf Kindern, deren Liebe steinerner ist als Granit. Vielleicht bin ich ein Pflegekind? Ich kann lieben ja, meine Kleine?

Er hob Anke hoch. Sie packte ihm die Nase und lachte, ihr Zähnchen noch klein.

Papa, sagte sie plötzlich deutlich.

Zum ersten Mal vorher nur ein undeutliches baba und mama.

Bernd erstarrte. Tränen, die er den ganzen Tag zurückgehalten hatte, liefen über sein Gesicht und tropften auf den rosafarbenen Overall.

Papa, wiederholte sie. Ja, Kleine, ich bin Papa. Und ich gebe dich nie her.

***

Die Mutter erholte sich, doch Bernd spricht nicht mehr mit ihr. Für die Verwandten ist er jetzt der größte Feind.

Maren schämt sich, darüber laut zu sprechen, aber sie ist froh, dass es so gekommen ist. Ohne ständige Beleidigungen und Spott ist das Leben viel leichter.

Wozu Verwandte? Und ohne sie geht es auch gut.

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Homy
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