Ohne jede Vorwarnung beschloss meine Schwiegermutter, bei uns einzuziehen und stand dann wie bestellt und nicht abgeholt vor einer verschlossenen Tür.
Paul, willst du wirklich beige? Das sieht doch aus wie im Wartezimmer einer Behörde, da fehlt nur noch das Nummernziehen. Nimm lieber die olivgrüne Tapete, die macht wenigstens ein bisschen was her!, flehte Katharina im Baumarkt, während sie mit einer Tapetenrolle fuchtelte.
Ich, groß, leicht krumm und mit Brille, massierte mir die Schläfen. Drei Stunden lang hatten wir uns durch Tapetenmuster gequält. Die Renovierung unserer neuen Eigentumswohnung finanziert auf zwanzig Jahre, versteht sich raubte uns zwar den letzten Nerv, aber irgendwie fühlte sich diese Erschöpfung nach Freiheit an. Endlich ein eigenes Reich, niemand, der uns vorschreibt, wann das Licht auszugehen hat oder ob die Wandfarbe genehm ist.
Kathi, meinetwegen auch lila mit gelben Streifen, Hauptsache, wir kommen heute noch raus hier, gab ich nach und grinste schief. Du weißt doch, für mich sehen die alle gleich aus. Hauptsache, du bist glücklich und das Anbringen ist kein Hexenwerk.
Abgemacht!, rief sie und warf die Tapete in den Wagen. Olivgrün, dazu Leinenvorhänge das wird ein Träumchen. Endlich wohnen wir, ohne dass uns jemand reinquatscht.
Dieser Spruch ohne fremde Einmischung war unser neues Familienmotto. Fünf Jahre Ehe, davon ein Jahr bei meiner Mutter, Ingrid, in Hamburg. Katharina bekam noch heute Gänsehaut, wenn sie daran dachte. Meine Mutter war laut, bestimmend und überzeugt, dass die Welt sich um sie drehte. Sie wusste alles besser: Eintopf kochen (Katharina natürlich falsch), Hemden bügeln (angeblich mit Absicht Falten drin, um mich zu blamieren) und Kinderkriegen (laut Ingrid war Katharina unfruchtbar, weil sie nicht direkt nach der Hochzeit schwanger wurde).
Der Umzug in die Mietwohnung war ein Fest, auch wenn das Konto danach weinte. Nach vier Jahren Sparen und Nebenjobs hatten wir endlich unser eigenes Nest.
Abends, vollbepackt mit Tüten, kamen wir heim. Es roch nach Reinigungsmittel und frischem Holz der Duft von Neuanfang. Pizza bestellt, Wein aufgemacht, auf dem Wohnzimmerboden sitzend, planten wir, wie die Möbel stehen sollten.
Manchmal glaube ich, ich träume, flüsterte Katharina und lehnte sich an mich. Unser eigenes Zuhause. Niemand platzt einfach rein, niemand wühlt in meinen Sachen. Erinnerst du dich, wie deine Mutter meine Wäsche neu sortiert hat, weil ich angeblich zu doof zum Falten bin?
Ich verzog das Gesicht. Ich liebe meine Mutter, aber ihre Penetranz war legendär.
Lass uns nicht über Mama reden, bat ich. Sie ist weit weg, in ihrem Kaff bei Bremen, mit Garten, Hühnern und Kaffeekränzchen. Die ist beschäftigt. Ein Anruf pro Woche reicht.
Plötzlich riss ein schrilles Klingeln uns aus der Idylle. Fast zehn Uhr abends. Wir kannten kaum die Nachbarn, Besuch erwarteten wir nicht.
Katharina sah mich an wie ein Reh im Scheinwerferlicht.
Erwartest du jemanden?, hauchte sie.
Nö. Vielleicht hat der Lieferdienst sich vertan? Oder die Nachbarn beschweren sich über unsere Musik?
Ich stand auf, klopfte mir die Hose ab und schlich in den Flur. Katharina hinterher, mit mulmigem Gefühl.
Ich lugte durch den Spion und erstarrte. Mein Rücken wurde steif, die Schultern zogen sich hoch, als würde gleich ein Gewitter losbrechen. Langsam drehte ich mich zu Katharina, kreidebleich.
Wer ist es?, flüsterte sie, ahnend.
Mama, presste ich hervor.
Wie bitte? Deine Mutter? Hier?
Ja. Mit Koffern.
Das Klingeln wurde länger, fast aggressiv. Dann folgte ein Klopfen, das keinen Zweifel ließ, wem hier die Wohnung zu gehören schien.
Paul! Mach auf! Ich seh das Licht! Ihr seid da!, schallte Ingrids Stimme durch die Tür.
Katharina wurde eiskalt. Das war kein Besuch. Meine Mutter wohnte zweihundert Kilometer entfernt. Mit Koffern das war kein Zufall.
Mach nicht auf, zischte Katharina und hielt mich am Arm, als ich schon zum Schloss greifen wollte.
Kathi, was soll ich machen? Sie steht da draußen. Die Nachbarn hören das!, ich fühlte mich wie ein ertappter Teenager.
Paul, es ist zehn Uhr abends. Kein Anruf, keine Vorwarnung, aber Gepäck. Weißt du, was das heißt? Wenn du jetzt aufmachst, bleibt sie. Für immer.
Wieso für immer? Vielleicht ist was passiert?
Wenns ihr schlecht ginge, hätte sie den Notarzt gerufen, nicht den Zug genommen. Frag sie durch die Tür.
Seufzend trat ich näher.
Mama? Was machst du hier? Ist was passiert?
Das Klopfen stoppte.
Na endlich, du meldest dich!, rief Ingrid, beleidigt. Paul, mach auf, die Taschen sind schwer, meine Arme tun weh. Und ich muss dringend aufs Klo. Was sperrt ihr euch ein wie im Bunker?
Mama, wir haben keinen Besuch erwartet. Warum hast du nicht angerufen?
Was für Besuch, Paulchen? Ich bin doch deine Mutter! Muss ich mich anmelden? Ich wollte euch überraschen. Mach jetzt auf, sonst denken die Nachbarn, ihr lasst eure Mutter nicht rein!
Klassiker Schuldgefühle und Nachbarschaftsdrama. Ich griff zum Schloss, doch Katharina stellte sich dazwischen, Arme ausgebreitet.
Nein, flüsterte sie. Frag, warum sie Koffer hat.
Mama, rief ich, bemüht, souverän zu klingen. Warum hast du Koffer dabei? Bleibst du länger? Hier ist überall Baustelle, kein Platz zum Schlafen.
Ach, stell dich nicht so an! Ich schlafe auf dem Boden, bin nicht aus Zucker. Ich bleibe bei euch, Paul! Das Dorfleben reicht mir. Das Haus wird verkauft, solange wohne ich bei euch, helfe im Haushalt, vielleicht gibts ja bald Enkel. Die Mieter sind schon drin, ich kann nicht zurück. Mach auf!
Katharina schloss die Augen. Ihr Albtraum wurde wahr. Die Brücken abgebrochen, die Mieter eingezogen meine Mutter meinte es ernst.
Paul, sagte Katharina leise, aber mit Stahl in der Stimme. Wenn du jetzt aufmachst, packe ich meine Sachen und gehe. Sofort. In die Nacht.
Kathi, bist du verrückt? Wohin willst du? Das ist auch deine Wohnung!, fauchte ich.
Eben! MEINE Wohnung. Für die ich geschuftet und auf alles verzichtet habe. Ich habe keinen Kredit aufgenommen, um wieder in die Hölle zurückzukehren, aus der wir geflohen sind. Erinnerst du dich, wie sie meine Cremes entsorgt hat? Mein Tagebuch gelesen? Mich als Bettelmädchen beschimpfte? Das mache ich nie wieder mit.
Aber es ist meine Mutter! Ich kann sie nicht auf dem Flur stehen lassen!
Sie ist erwachsen. Sie hat entschieden, ihr Haus zu vermieten und ohne zu fragen zu kommen, weil sie denkt, wir kuschen. Das ist Manipulation. Wenn sie jetzt reinkommt, bleibt sie für immer. Sie zerstört unsere Familie, Paul. Entscheide dich: ich oder ihre Launen.
Wiederes Klopfen.
Paul! Katharina! Schlaft ihr? Macht sofort auf! Mein Blutdruck! Wollt ihr, dass ich hier tot umfalle? Ich rufe gleich die Polizei!
Nur zu, Frau Ingrid!, rief Katharina laut. Rufen Sie die Polizei. Zeigen Sie denen Ihren Ausweis. Sie sind hier nicht gemeldet, haben kein Wohnrecht. Wir dürfen nachts niemanden reinlassen, den wir nicht erwarten.
Stille. Offenbar hatte meine Mutter nicht mit so viel Gegenwind gerechnet.
So ist das also…, Ingrids Stimme klang plötzlich wie Essig. Du hetzt meinen Sohn gegen mich auf? Paul, hörst du, wie sie mit mir redet? Bist du ein Mann oder ein Waschlappen? Deine Mutter steht draußen, und diese… diese Person kommandiert!
Mama, beleidige Katharina nicht, sagte ich ungewohnt bestimmt. Offenbar hatte mich das Ganze wachgerüttelt. Katharina hat recht. So geht das nicht. Du kannst nicht einfach ohne Absprache einziehen. Wir haben nur ein bewohnbares Zimmer, das andere ist voller Werkzeug. Wir arbeiten, wir brauchen Ruhe.
Welche Ruhe?! Ich helfe euch! Koche, putze! Das macht euch das Leben leichter!
Wir brauchen keine Hilfe, Frau Ingrid, fiel Katharina ihr ins Wort. Wir brauchen unser Leben. Sie haben Mieteinnahmen und Rente. Sie können ins Hotel gehen. Oder eine kleine Wohnung mieten.
Hotel?! Mieten?! Geld zum Fenster rauswerfen?! Habt ihr den Verstand verloren? Mein Sohn hat eine Wohnung, und ich soll ins Hotel? Was sollen die Leute denken!
Meine Mutter begann zu lamentieren, die Nachbarn lugten schon aus den Türen.
Was ist hier los?, brummte eine Männerstimme der Nachbar von oben. Es ist elf, morgen müssen Leute arbeiten.
Ach, junger Mann!, rief Ingrid sofort. Stellen Sie sich das vor! Die eigene Mutter wird nicht reingelassen! Ich komme aus dem Dorf, bringe Geschenke, und sie machen nicht auf! Nehmen Sie eine alte Frau auf, ich kann nicht mehr stehen!
Mama, hör auf mit dem Theater, ich wurde knallrot, stellte mir vor, was die Nachbarn jetzt tuscheln. Aber ich öffnete nicht. Ich rufe dir ein Taxi zum Hotel und überweise dir das Geld. Morgen treffen wir uns irgendwo und reden. Aber heute kommst du nicht rein.
Ich gehe nirgendwohin! Ich bleibe hier vor der Tür! Sollen alle sehen, wie ihr mit mir umgeht!
Katharina legte mir die Hände auf die Schultern, spürte mein Zittern.
Halte durch, flüsterte sie. Wenn du jetzt nachgibst, ist alles verloren. Erinner dich an das Jahr. An unsere Streitereien. Willst du das wieder?
Ich schüttelte den Kopf.
Ich habe dir fünfhundert Euro aufs Konto überwiesen, Mama, rief ich durch die Tür. Ruf dir ein Taxi. Die Adresse vom Hotel Central schicke ich dir per SMS. Da gibts Zimmer, ich hab nachgesehen. Wenn du weiter hier Theater machst, rufe ich selbst die Polizei. Wegen Ruhestörung.
Du… du rufst die Polizei gegen deine Mutter?, Ingrids Stimme zitterte. Sie merkte, dass ihre Tricks nicht mehr zogen. Der Sohn, der immer nachgab, war plötzlich eine Wand und hinter der stand Katharina.
Ich hab dich lieb, Mama. Aber wir leben getrennt. Das ist unsere Entscheidung. Fahr ins Hotel. Morgen besprechen wir, wie es weitergeht, falls du wirklich dein Haus vermietet hast.
Draußen hörte man Rascheln, Schluchzen, dann das Rollen eines Koffers.
Verflucht…, murmelte sie. Der liebe Gott sieht alles…
Der Aufzug brummte, die Türen schlossen sich, das Geräusch entfernte sich.
Erst jetzt sackte ich an der Tür zu Boden und vergrub das Gesicht in den Händen.
Mein Gott, was für ein Albtraum…, flüsterte ich. Wie soll ich morgen den Nachbarn begegnen?
Ganz entspannt, setzte sich Katharina neben mich und nahm mich in den Arm. Du hast deine Familie beschützt. Das ist Männersache. Die Nachbarn… Die Klugen verstehens, die anderen sind eh verloren.
Wir saßen noch zwanzig Minuten im Flur, lauschten der Stille. Mein Handy piepte die Bank bestätigte die Taxizahlung. Sie war also weg.
Die Nacht war unruhig. Katharina wachte immer wieder auf, horchte, ob meine Mutter zurückkam. Am Morgen waren wir gerädert, aber fest entschlossen.
Um zehn rief ich meine Mutter an. Sie ging nicht ran. Eine Stunde später rief sie zurück.
Na, zufrieden?, ihre Stimme war eisig. Ich sitze in eurem Loch. Mein Blutdruck…
Das Hotel hat drei Sterne, Mama. Wollen wir uns in einer Stunde im Café treffen?
Ich brauche eure Cafés nicht. Ich will nach Hause.
Du hast doch gesagt, das Haus ist vermietet?
Ist es!, fauchte sie. Habe mit den Leuten einen Vertrag, Anzahlung bekommen. Jetzt muss ich alles rückgängig machen, mich blamieren, sie rauswerfen. Alles eure Schuld! Ich dachte, ich komme zu meinem Sohn und lande bei Feinden.
Mama, niemand ist dein Feind. Aber du musst vorher Bescheid sagen. Und unsere Grenzen respektieren.
Grenzen… Früher lebte man als Großfamilie, heute macht jeder sein eigenes Ding. Na gut, kauf mir ein Zugticket. Für heute Abend. Ich will euch nicht mehr sehen.
Ich kaufte das Ticket. Bot sogar an, sie zum Bahnhof zu bringen, aber sie lehnte stolz ab deinen Fuß will ich in meinem Leben nicht mehr sehen. Das Geld für das Rückfahrtticket und die entgangene Miete nahm sie trotzdem.
Als der Zug am Abend abfuhr, atmete Katharina endlich auf. Sie stand am Fenster und blickte auf die Lichter der Stadt.
Glaubst du, sie kommt zurück?, fragte ich, als ich sie umarmte.
Nicht so bald, antwortete sie. Sie ist zu stolz. Jetzt wird sie im Dorf die Rolle der verstoßenen Mutter spielen. Erzählen, wie wir sie rausgeworfen haben. Aber weißt du, Paul… das ist mir egal.
Mir auch, gab ich zu. Gestern, als ich an der Tür stand, wurde mir klar: Wenn ich sie reinlasse, verliere ich dich. Und das will ich nicht.
Richtig so, grinste Katharina. Ich wäre wirklich gegangen.
Diese Episode war ein Wendepunkt. Das Verhältnis zu Ingrid war endgültig abgekühlt. Sie rief nur noch zu Feiertagen an, gratulierte knapp und legte schnell auf. Nachbarin Frau Zimmermann erzählte, Ingrid behaupte im Dorf, ich sei verhext worden. Katharina lachte nur.
Dafür war bei uns endlich Frieden eingekehrt. Wir klebten die Olivtöne an die Wand, kauften Leinenvorhänge. Ein halbes Jahr später wurde das Abstellzimmer zum Kinderzimmer. Als Katharina von der Schwangerschaft erfuhr, dachte sie zuerst an die Farbe fürs Babybett, nicht an meine Mutter.
Eines Tages, beim Spaziergang im Park, sagte ich:
Weißt du, hätten wir damals die Tür geöffnet, wären wir heute wohl geschieden.
Ganz sicher, nickte Katharina. Manchmal ist eine verschlossene Tür der beste Schutz für das, was drinnen ist.
Das Leben ging weiter. Nicht perfekt, aber unseres. Und die Schlüssel dazu hatten nur wir beide. Ersatzschlüssel unter der Fußmatte? Gibts nicht mehr.





