Weine nicht, beruhige dich, mein Kind. Für jemanden wie deinen Bernd lohnt es sich wirklich nicht, Tränen zu vergießen, versuchte Oma Anneliese ihre Enkelin Gerlinde zu beruhigen. Schon vor der Hochzeit habe ich dich gewarnt, Bernd ist nicht der Richtige, heirate ihn nicht Aber du hast nur von Liebe gesprochen. Und wo ist diese Liebe jetzt?
Oma, ich dachte, du würdest mich trösten, aber du sagst immer das Gleiche, schluchzte Gerlinde und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
Was soll ich denn sagen? Soll ich Bernd etwa loben, der zu nichts taugt? Jetzt sitzt du hier und weinst.
Aber Oma, was ist mit der Liebe? Ich habe ihm vertraut, und dann bringt er meine Nachbarin Waltraud mit nach Hause, die sieben Jahre älter ist als er. Sie hat mich auch noch ausgelacht Wir waren gerade mal ein halbes Jahr verheiratet, und schon
Gerlinde kam früher von der Arbeit nach Hause, betrat das Haus, hörte Gelächter, ging ins Schlafzimmer und was sie sah, verschlug ihr den Atem. Bernd starrte sie erschrocken an, während Waltraud breit grinste:
Was starrst du so? Ich zeige deinem Mann gerade, wie Liebe wirklich funktioniert, und lachte laut.
Gerlinde rannte aus dem Haus, irrte durch die Straßen und landete schließlich bei ihrer Großmutter.
Was ist das für eine Liebe, wenn er eine andere Frau ins Haus bringt? Lass ihn gehen, lass dich scheiden, solange ihr noch keine Kinder habt. Bleib erst mal bei mir, sagte Anneliese.
So sehr sie sich auch bemühte, streng zu wirken, ihr Herz schmerzte. Ihre geliebte Enkelin wurde von so einem Bernd verletzt, aus einer Familie voller Streit und Alkohol. Sie hatte es geahnt, aber Gerlinde wollte nicht hören.
Natürlich werden manche Kinder aus solchen Familien anständig und selbstständig, alles ist möglich. Aber Bernd war anders. Schon als Kind war er ein Unruhestifter, und als Erwachsener trank er oft, geriet in Schlägereien, die er meist verlor. Anneliese wollte nie, dass Gerlinde ihn heiratet. Doch Bernd war schlau, wusste, dass Gerlinde ruhig, freundlich, fürsorglich und fleißig war.
Gerlinde, ich verspreche dir, sobald wir verheiratet sind, höre ich mit dem Trinken auf, beteuerte er bei seinem Antrag.
Sie glaubte ihm gutgläubig. Sie hatte ja noch keinen Freund gehabt, nie ernsthaft jemanden getroffen. Nur in der Schule mit Viktor, aber das war nur Freundschaft. In Bernd verliebte sie sich, er war wirklich attraktiv, und sie sah keinen anderen mehr. Er war vier Jahre älter, hatte seinen Wehrdienst schon hinter sich.
Alle rieten Gerlinde von der Ehe ab, ihre Freundin Lisa sagte offen:
Ich mag deinen Bernd nicht, wenn du ihn heiratest, komm nicht mit ihm zu uns. Mein Mann kann ihn auch nicht leiden und meint, du wirst es bereuen.
Lisa, warum immer dieses Wenn, Wenn Ich werde trotzdem glücklich, rief Gerlinde und verließ ihre Freundin, die ihr mitleidig nachsah.
Anneliese tat, was sie konnte, um Gerlinde zu beruhigen. Sie kochte Pfefferminztee, versuchte sie abzulenken, aber sie sah, dass es nichts brachte. Sie wusste selbst, wenn alles schlecht läuft, helfen keine Worte. Man muss es durchstehen, Zeit muss vergehen.
Am Abend tauchte Bernd im Hof von Anneliese auf, betrunken natürlich, und brüllte durch die ganze Nachbarschaft, als sie mit dem Stock auf die Veranda trat.
Gerlinde soll rauskommen, sonst hole ich sie selbst!
Das kannst du vergessen, Anneliese schwang den Stock, wenn du nicht verschwindest, setzt es was, auch wenn ich alt bin.
Anneliese war mutig, denn hinter Bernd sammelten sich schon die Nachbarn am Gartentor, und Lisa mit ihrem Michael waren bereits im Hof.
Bernd schrie wüste Drohungen, drohte, das Haus mit Gerlinde niederzubrennen, doch plötzlich packte Michael ihn am Kragen, schüttelte ihn so heftig, dass Bernd verstummte.
Halt den Mund, wir haben alles gehört, was du angedroht hast. Jetzt gehen wir zur Polizei, verschwinde, sagte Michael, schleifte ihn hinaus und warf ihn auf die Straße. Bernd rappelte sich auf und verschwand wortlos.
Nach und nach gingen die Nachbarn, Gerlinde trat in den Hof, Lisa umarmte sie. Michael winkte und ging nach Hause. Anneliese setzte sich auf die Bank unter dem Fenster, Gerlinde und Lisa setzten sich dazu.
So sieht also Liebe aus, so sieht Glück aus, flüsterte Gerlinde. Was soll ich tun, Oma? Du weißt doch alles über die Liebe. Du hast mit Opa Johann fünfzig Jahre zusammengelebt, immer in Harmonie, hast du gesagt.
Ach Kind, hör auf mit der Liebe. Ich weiß selbst nicht, was das eigentlich ist.
Gerlinde und Lisa sahen sich an, zu wem, wenn nicht zu Oma Anneliese, sollte man gehen
Oma, erzähl, wie du Opa Johann geheiratet hast, bat Gerlinde, und Anneliese willigte ein, um sie abzulenken.
Gut, ich sage es euch gleich: Es gab keine große Liebe, keinen schönen Mann, keine romantischen Worte, keine Schwiegermutter. Aber ich habe geheiratet.
Anneliese schwieg einen Moment, erinnerte sich wohl an ihre Jugend
Mit Johann, ihrem späteren Mann, war sie in einer Klasse, aber er kam aus einem anderen Dorf. Die Schule war hier im Ort, er lief jeden Tag drei Kilometer, wie viele andere auch. Aus allen kleinen Dörfern kamen Jungen und Mädchen zur Dorfschule.
Nach der siebten Klasse kam Johann nicht mehr, verschwand einfach. Anneliese bemerkte es kaum, sie achtete damals nicht auf Jungen. Sie blieb nach dem Abschluss im Dorf, die Familie war groß, sie hatte noch drei jüngere Geschwister.
Die Tochter erledigte alles, kümmerte sich um die Kleinen. Der Vater war schwer krank, hatte sich im Frühling bei einem Sturz in die eiskalte Elbe mit Pferd und Schlitten erkältet, kam gerade so davon. Seitdem lag er viel, hustete, arbeitete als Nachtwächter im Getreidespeicher. Die Mutter arbeitete als Melkerin auf dem Hof, ging früh zur Morgenmelkung, kam mittags heim, dann wieder zur Abendmelkung.
Kind, koch was zu essen, pass auf die Kleinen auf, dass sie nicht zu spät zur Schule kommen, sagte die Mutter, und Anneliese tat alles, war verantwortungsbewusst, die Mutter verließ sich auf sie.
So kümmerte sie sich um die Geschwister, half bei den Hausaufgaben, wusch, flickte, kochte, putzte. Die Mutter kam erschöpft heim. Der Vater lag meist. Für den Jugendclub blieb kaum Zeit, aber manchmal schaffte sie es. Die Mutter sagte oft:
Kind, geh mal in den Club, die Arbeit läuft nicht weg, du bist jung, die Jugend vergeht schnell.
Anneliese ging manchmal hin und sah eines Abends unter den Jungen ihren alten Klassenkameraden Johann, der nach drei Jahren wieder im Dorf war. Er war erwachsen geworden und bald oft in ihrer Nähe.
Darf ich dich nach Hause bringen? fragte er.
Anneliese war es egal, wenn sie Lust hatte, ließ sie es zu.
Bring mich, wenn du willst, dann standen sie vor ihrem Haus und redeten.
War sie schlecht gelaunt, ging sie wortlos heim. Johann folgte ihr hartnäckig, fast aufdringlich. Sie mochte ihn nicht besonders, er war einfach ein Junge wie jeder andere. So waren sie fast drei Jahre befreundet.
Anneliese, ich gehe in einer Woche zur Bundeswehr, schreibst du mir Briefe? fragte er.
Schreib du, ich antworte, versprach sie.
Sie antwortete nicht auf alle Briefe, er schrieb zu oft. Sie traf sich mit keinem anderen, keiner gefiel ihr. Im Winter kam Johann zurück, breiter geworden, ernst. Sie trafen sich wieder.
Im Frühling, als der Schnee schmolz, machte Johann ihr plötzlich einen Antrag.
Wie lange wollen wir uns noch treffen? Heirate mich. Ich laufe immer aus dem Dorf zu dir.
Gut, ich bin einverstanden, sagte Anneliese ohne Widerrede.
Johann hat nie gesagt, dass er sie liebt, sie empfand auch keine große Liebe, es war einfach an der Zeit zu heiraten. Johann war wortkarg, ein gewöhnlicher Dorfjunge, kein Märchenprinz.
Mama, Papa, ich heirate. Johann hat gefragt.
Der Vater schwieg, war schon sehr schwach. Die Mutter machte eine Szene, sogar die Oma kam und schimpfte:
Warum willst du dir so ein Unglück ins Haus holen? Er hat nichts, Anneliese schwieg, dachte, sie sind ja selbst nicht reich. Die Familien waren gleich.
Die Hochzeit war in Johanns Dorf, fröhlich, mit Liedern, Tanz und Späßen. Das Wetter war warm, alles blühte, viele Gäste kamen. Sie bekamen drei Hühner und einen Hahn, sogar zwei Säcke Weizen und einen Sack Mehl als Geschenk.
Sie beschlossen, im Dorf von Anneliese zu leben, bis das eigene Haus gebaut war, vorerst wohnten sie bei ihm, mit dem Schwiegervater. Johanns Mutter war früh gestorben. Der Schwiegervater und Verwandte bauten im Sommer ein kleines Haus, sie zogen sofort ein. Dann bauten sie einen Stall, schafften sich Vieh an, eine Kuh und ein Ferkel.
Anneliese arbeitete auf dem Hof, Johann fuhr Traktor. Sie arbeiteten viel, waren jung, schafften alles. Nach einem Jahr kam ein Sohn. Mehr Kinder bekamen sie nicht.
Ich hätte gern eine Tochter als Hilfe gehabt, sagte sie, aber es klappte nicht.
Als der Sohn erwachsen war, zog er in die Stadt, wurde Agraringenieur, heiratete eine ruhige, freundliche Frau. Dann wurde Gerlinde geboren, Annelieses Lieblingsenkelin. So lebten Anneliese und Johann bis zur Rente.
Uns ging es gut, erzählte Anneliese, Johann war verlässlich und ruhig. Er hat nie laut mit mir gesprochen. Wir hatten keine Geheimnisse. Wir freuten uns an dem, was wir hatten. Wir hatten Bienen, das war Johanns Leidenschaft, ich half ihm dabei. Er konnte stundenlang bei den Bienen sein. Manchmal stach mich eine in die Wange. Dann lachte er und scherzte:
Wir legen gleich kaltes Wasser drauf, jetzt bist du ganz pausbäckig, sieht man kaum noch die Augen, aber schön bist du trotzdem.
Johann liebte Anneliese still, sprach nie große Worte, sammelte Beeren Himbeeren oder Walderdbeeren und fütterte sie ihr, sie lachte. Außerdem las Johann gern Bücher. Wahrscheinlich hat er die ganze Dorfbibliothek durchgelesen, obwohl wenig Zeit war, fand er immer welche, manchmal las er ihr vor.
So war das, Mädchen, sagte Oma Anneliese, wir waren einundfünfzig Jahre verheiratet. Über Liebe haben wir nie gesprochen, uns nie gestanden, wir dachten nicht viel darüber nach. Wir waren einfach füreinander da, sorgten uns umeinander, wenn einer krank war. Aber als Johann starb, war mein Märchen zu Ende. Jetzt lebe ich allein in diesem Haus.
Gerlinde ließ sich von Bernd scheiden, er drohte nie wieder und mied sie. Bald fand sie ihr Glück und heiratete einen guten Mann. Das Wichtigste: Oma Anneliese segnete ihre Wahl.
Manchmal zeigt das Leben, dass Glück nicht von großen Worten oder romantischen Gesten abhängt, sondern von Verlässlichkeit, gegenseitigem Respekt und dem Willen, füreinander da zu sein.





