Mama, warum hat Greta mich ein blödes Schaf genannt? fragte Annegret, eingefroren im Türrahmen wie ein Gartenzwerg im Winter.
Hildegard tauchte aus dem Nebel auf, der über dem dampfenden Topf Linsensuppe waberte.
Greta! Komm sofort her! donnerte sie, ihre Stimme rollte durchs Haus wie ein Güterzug am Sonntagmorgen.
Ein sechsjähriges Mädchen erschien, die Stirn in Falten, bereit, sich zu verteidigen wie ein kleiner Feldherr.
Ich hab gar nichts gesagt!
Doch, hast du wohl! Annegret stampfte mit dem Fuß, als wollte sie Kartoffelbrei daraus machen.
Jetzt reichts, ihr zwei, Hildegard hockte sich hin, sodass sie den Kindern direkt in die Augen schauen konnte. Greta, keine Schimpfwörter. Annegret, nicht immer gleich petzen. Ab nach draußen, euer Vater kommt gleich heim.
Die Kinder verschwanden, ihre Schatten tanzten über die Tapete. Aus dem Nebenzimmer kam Emils leises Quengeln der Zweijährige war vom Krach aufgewacht. Hildegard atmete, als müsste sie durch Honig schnaufen. Drei Mal Mutterschutz in acht Jahren Karriere? Eher ein Märchen aus alten Zeiten.
Emil wurde schwer in ihren Armen, als sie ihn hochhob, warm wie ein frisches Brötchen vom Bäcker. Sie wiegte ihn, während draußen der Hinterhof in grauem Nieselregen versank, als hätte jemand den Farbfilter vergessen. Emil schmiegte sich an ihren Hals, sein Atem kaum spürbar, und Hildegard summte eine Melodie, die sie irgendwo zwischen Windeln und Wäschebergen aufgeschnappt hatte.
Vor einem halben Jahr, dachte sie, war alles noch anders. Damals kam Matthias abends heim, warf die Kinder in die Luft, küsste Hildegard auf die Stirn. Dann, eines Tages, war etwas zerbrochen lautlos, wie ein Weinglas im Traum.
Matthias Job wurde zum Irrgarten aus Sorgen. Erst schwieg er beim Abendbrot, dann kam er immer später, schließlich war er nur noch ein Schatten, der durch die Wohnung huschte. Die Tür knallte Matthias war zurück. Hildegard hörte, wie er die Schuhe in die Ecke pfefferte, die Aktentasche auf den Boden donnerte.
Was ist das für ein Chaos im Flur? Seine Stimme war schärfer als ein Berliner Winter. Schon wieder Jacken überall!
Wir sind gerade erst reingekommen, sagte Hildegard, Emil noch auf dem Arm. Das Abendessen steht auf dem Tisch.
Matthias drängelte sich vorbei, lupfte den Topfdeckel.
Schon wieder Linsensuppe? Ich hab doch gestern gesagt, ich kann das Zeug nicht mehr sehen.
Du hast gesagt, du willst was Warmes, Hausgemachtes.
Ich meinte richtiges Essen. Vielleicht Rinderrouladen. Oder Schweinebraten mit Knödeln.
Hildegard setzte Emil in den Hochstuhl, holte Quark aus dem Kühlschrank.
Morgen gibts Rinderbraten.
Morgen, Matthias schnaubte. Bei dir ist immer alles morgen.
Hildegard schwieg. Sie wusste, der Chef im Büro, der wie ein grantiger Dackel knurrte, das Projekt, das sich auflöste wie Zucker im Tee. Ihre Mutter hatte ihr Geduld beigebracht, Nachsicht, Verständnis. Aber das Schweigen wurde schwerer, Tag für Tag.
Eine Woche später krachte der erste große Streit. Greta kippte Apfelschorle auf den Teppich. Matthias, der Fußball schaute, sprang auf wie von der Tarantel gestochen.
Erziehst du die Kinder überhaupt? brüllte er, während Hildegard auf den Knien den Fleck bearbeitete. Sechs Jahre alt und benimmt sich wie ein Baby! Zwei linke Hände!
Matthias, das war ein Versehen…
Versehen? Bei dir ist immer alles ein Versehen! Die Kinder sind verzogen, die Wohnung ein Saustall, das Essen fad! Was machst du eigentlich den ganzen Tag?
Hildegard blickte zu ihm auf, die Hände klammerten am nassen Lappen. Greta weinte, kroch hinter das Sofa. Annegret stand wie eine Salzsäule im Türrahmen.
Ich ziehe deine Kinder groß, flüsterte sie.
Meine? Matthias lachte, kurz und bitter. Du hast sie geboren! Großziehen ist dein Job. Ich bring das Geld, während du hier rumhängst.
Langsam stand Hildegard auf, der Lappen tropfte auf die Fliesen.
Kommt, Kinder. Schlafenszeit.
Sie brachte Annegret und Greta ins Kinderzimmer, las eine Geschichte vor. Emil schlief längst, eingerollt wie ein kleiner Dachs. Als Hildegard ins Wohnzimmer zurückkam, starrte Matthias auf den Fernseher, als wäre nichts gewesen.
Sie sagte nichts, verschwand ins Schlafzimmer, drehte sich zur Wand. In der Nacht, als Matthias sich zu ihr legte, blieb sie steif wie ein Brett.
Die nächsten Wochen wurden zum Dauerlauf im Hamsterrad. Jeden Tag neue Vorwürfe: das Geschirr nicht sauber, das Hemd zerknittert, die Kinder zu laut, zu leise. Erst schluckte Hildegard alles runter, dann fauchte sie zurück, schließlich lernte sie, zu brüllen.
Du kannst gar nichts! tobte Matthias. Nichts! Nur Kinder kriegen, das ist alles!
Hildegard erstarrte in der Küche, das Geschirrtuch in den Fäusten.
Du wolltest doch Kinder, sagte sie leise. Du hast gebettelt. Erinnerst du dich? Noch ein drittes, solange wir jung sind. Das waren deine Worte.
Und? Matthias zuckte die Schultern. Ich schufte wie ein Ochse! Ernähre die Familie! Und du jammerst nur!
Ich jammere nicht. Ich will nur, dass du mich vor den Kindern nicht anschreist.
Verdien dir erst das Recht, was zu verlangen!
Mit einem Knall fiel die Tür ins Schloss. Hildegard blieb allein zurück, starrte auf das kalte Abendessen.
In der Nacht lag sie wach, zählte die Schatten an der Decke, hörte Matthias Schnarchen. Wann waren sie Fremde geworden? Wann war Liebe zu Müdigkeit, Müdigkeit zu Groll geworden? Emil war erst zweieinhalb. Noch vier Jahre bis zur Schule. Drei Jahre noch so?
Hildegard drehte sich, klammerte sich ans Kissen. Vielleicht hätte sie Karriere machen sollen? Im Büro, von acht bis fünf? Eigenes Geld, eigenes Leben?
Aber dann gäbe es Annegret nicht, mit ihren ernsten braunen Augen. Greta, die Bauklötze liebt und Ärztin werden will. Emil, warm, tapsig, wie ein kleiner Bär.
Hildegard schloss die Augen. Es gab nie einfache Antworten.
An einem Dienstag, der so grau war wie ein Novembermorgen, klingelte das Telefon.
Hör zu, ich brauche eine Empfangsdame im Studio, sagte Sabine. Ines ist nach Hamburg gezogen, der Liebe wegen. Willst du?
Hildegard wäre fast das Handy in die Spüle gefallen.
Sabine, aber… Emil ist noch so klein.
Bald ist er drei, kommt in die Kita. Reiche die Unterlagen ein, bis September klappt das. Ich passe den Dienstplan an.
Ich weiß nicht… Hildegard blickte zur Küchentür, hinter der Kinderstimmen wie ferne Musik klangen. Matthias wird dagegen sein.
Weiß Matthias eigentlich, dass du ein Mensch bist und keine kostenlose Haushaltshilfe? Sabine schnaubte. Überlegs dir.
Drei Tage grübelte Hildegard. Sie beobachtete Matthias, der abends nur noch ins Handy starrte. Die Kinder, die immer mehr für sich blieben, während sie zwischen Kochtopf, Staubsauger und Waschmaschine zerriss. Ihr Spiegelbild: neunundzwanzig, aber sie sah aus wie vierzig.
Am vierten Tag rief sie Sabine an.
Ich machs.
Das erste Gehalt bescheiden, aber ihr eigenes lag Ende September in einem Umschlag in ihrer Hand. Hildegard stand am Fenster des Schönheitssalons, konnte das Grinsen nicht unterdrücken.
Schön, oder? Sabine legte ihr die Hand auf die Schulter.
Du hast keine Ahnung, wie sehr.
Doch, das weiß ich. Ich war vor fünf Jahren an genau demselben Punkt.
Hildegard drehte sich um.
Du hast nie davon erzählt.
Was soll ich erzählen? Ex-Mann, Kredite, Mietwohnung. Jetzt hab ich mein Studio und keinen Tyrannen mehr zu Hause. Herrlich.
Hildegard lachte. Zum ersten Mal seit Monaten frei und leicht.
Zuhause wurde alles komplizierter. Matthias begegnete ihr mit eisigem Schweigen, musterte das schmutzige Geschirr, die Wäsche auf dem Sofa.
Willst du ewig die Geschäftsfrau spielen? fragte er nach einer Woche. Hier siehts aus wie bei Hempels unterm Sofa.
Dann hilf doch mit, Hildegard hielt seinem Blick stand. Wir arbeiten beide. Warum soll alles an mir hängen?
Weil du die Frau bist.Das ist eben deine Aufgabe. Meine Aufgabe ist es, Kinder zu bekommen. Alles andere ist unser gemeinsames Leben.
Matthias schüttelte den Kopf, als hätte sie behauptet, der Mond sei aus Leberwurst, und seine Stimme klang wie ein Echo aus einer leeren Turnhalle: Du spinnst. Ich schufte, komme abends platt nach Hause. Ich werde sicher nicht noch den Boden schrubben.
Dann engagier doch eine Putzfrau, warf Hildegard ein, ihre Worte plumpsten wie Kiesel in einen stillen See.
Wovon denn? Matthias Lachen war so hohl, als käme es aus einer alten Regentonne.
Sie standen sich gegenüber, zwei Menschen, die sich kaum noch kannten, Schatten an der Wand, die sich nicht mehr berührten. Zu viel Frust, zu wenig Lachen, dachte Hildegard, während draußen ein Bus wie ein müder Marienkäfer vorbeikroch.
Am Samstag, als der Himmel wie ein zerknittertes Geschirrtuch über Berlin hing, kam Hildegard von der Frühschicht zurück. Die Wohnung war ein Aquarium: Kinder vor dem Fernseher, Matthias ausgestreckt auf dem Sofa, das Handy wie eine Fernbedienung in der Hand.
Du hättest wenigstens abwaschen können, sagte sie, ihre Stimme war ein dünner Faden.
Ich ruhe mich aus.
Du ruhst dich seit Stunden aus. Ich habe gearbeitet.
Vier Stunden im Studio, das ist doch kein richtiger Job.
Hildegard trat näher, griff nach dem Handy, zog es ihm aus der Hand wie einen Kaugummi aus dem Teppich.
Steh auf. Hilf jetzt.
Matthias setzte sich auf, sein Schatten wurde länger, als wolle er sie verschlucken.
Sag mir nicht, was ich tun soll. Dann benimm dich wie ein Erwachsener, nicht wie ein weiteres Kind!
Ich bin nicht dein Diener! Matthias Stimme donnerte, ließ die Fensterscheiben klirren. Wenn du arbeiten willst, dann arbeite! Aber zu Hause soll alles laufen wie früher!
Früher ist vorbei, Hildegard wich keinen Zentimeter zurück, obwohl ihr Herz raste wie ein ICE. Ich trage das nicht mehr allein.
Dann entscheide dich Familie oder dein Job!
Nein, Matthias. Du musst dich entscheiden hilfst du, oder…
Sie ließ den Satz in der Luft hängen. Matthias griff nach seiner Jacke, schnappte die Autoschlüssel, stürmte hinaus. Die Tür knallte, Bilderrahmen mit Kinderfotos kippten wie Dominosteine von der Kommode.
Hildegard trat ans Fenster, sah, wie Matthias Wagen wie ein silberner Fisch aus dem Hof glitt, und starrte lange auf die Lücke, die er hinterließ.
Als sie sich umdrehte, standen Annegret und Greta im Türrahmen, die Gesichter blass, die Augen groß wie Fünf-Cent-Stücke. Emil baute in seinem Zimmer eine Stadt aus Bauklötzen, völlig unbeeindruckt von den Dramen der Großen.
Mama, ist Papa weg? fragte Annegret, ihre Stimme kaum hörbar.
Ja, Liebling. Er… braucht frische Luft.
Hildegard kniete sich hin, schlang die Arme um die Kinder, drückte sie fest an sich, als könnte sie sie so vor allem beschützen. Und in diesem Moment wusste sie: Jetzt reichts.
Als Matthias spät in der Nacht zurückkam, warteten zwei Koffer im Flur. Hildegard saß in der Küche, ruhig, gesammelt, als hätte sie auf diesen Moment gewartet.
Was soll das? Matthias Stimme war ein Schatten.
Deine Sachen. Ich habe sie gepackt.
Wie meinst du das?
Ganz einfach. Geh, Matthias.
Er trat in die Küche, stellte sich ihr gegenüber, als wolle er sie mit Blicken festnageln.
Das ist dein Ernst?
Vollkommen. Die Wohnung gehört mir, das weißt du. Ich schaffe das mit den Kindern. Und du… …du bist nicht mehr mein Mann.
Hildegard, jetzt hör doch auf mit dem Theater. Lass uns reden.
Reden? Das hättest du früher machen sollen. Jetzt ist es zu spät.
Matthias schwieg, sein Blick glitt an ihr vorbei, als würde er sie zum ersten Mal sehen. Dann zuckte er mit den Schultern, griff nach den Koffern und verschwand. Hildegard schloss die Tür, lehnte sich dagegen, rutschte langsam zu Boden, die Knie angezogen, die Stirn auf den Armen. Die Stille im Flur war dick wie Sahne, süß und schwer.
Irgendwann stand sie auf, wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser, schlich ins Kinderzimmer. Annegret und Greta schliefen eng aneinandergekuschelt, Emil hatte sich quer über das Kopfkissen gelegt, ein Bein aus der Decke gestreckt wie ein kleiner König. Hildegard strich ihnen übers Haar, flüsterte leise: Alles wird gut, ihr Mäuse.
Die Scheidung war nach drei Monaten durch. Matthias machte keinen Aufstand, vielleicht war er genauso müde wie sie. Die Kinder verarbeiteten alles auf ihre eigene Art: Annegret klammerte sich öfter an Hildegard, Greta wurde stiller, taute aber langsam wieder auf. Emil schien das alles kaum zu bemerken für ihn war die Welt ein Abenteuerspielplatz, egal ob Papa da war oder nicht.
Hildegard arbeitete weiter im Studio. Sabine bot ihr eine Ausbildung zur Nageldesignerin an, übernahm sogar die Kursgebühren. Nach einem halben Jahr zauberte Hildegard kunstvolle Nägel, nach einem Jahr war sie besser als die meisten anderen im Laden.
Ihre Eltern sprangen ein, wo sie konnten. Nina holte die Kinder aus der Kita und von der Schule, wenn Hildegard Spätschicht hatte. Alexander reparierte kaputtes Spielzeug, baute mit den Enkeln Burgen aus Kartons, spazierte mit ihnen durch den Park, wenn die Sonne wie ein goldener Pfannkuchen am Himmel hing.
An einem Abend, Emil war inzwischen vier, legte Hildegard ihn ins Bett. Er schlang die Arme um ihren Hals, seine Hände warm wie kleine Brötchen.
Mama, du bist schön.
Danke, mein Schatz.
Und klug. Und lieb. Die beste Mama der Welt.
Hildegard küsste ihn auf die Stirn, knipste das Nachtlicht aus, trat in den Flur.
Aus dem Wohnzimmer drangen die Stimmen von Annegret und Greta, sie stritten leise, wie zwei Katzen im Morgengrauen. In der Küche summte der Kühlschrank, draußen rauschte die Stadt wie ein ferner Fluss.
Alles war gut. Und es würde noch besser werden.
Endlich.





