In einer dichten, feuchten Nacht, als die Straßen von München wie endlose Gänge erschienen, betrat ich mit zwei prall gefüllten Einkaufstaschen unser kleines Apartment. Im Flur stand ein breitschultriger Kerl, dessen ausgebeulte Jogginghose und verwaschenes Unterhemd an vergangene Jahrzehnte erinnerten. Neben ihm grinste mein Ehemann, Matthias, dessen Blick zwischen schlechtem Gewissen und kindlicher Freude pendelte. Komm rein, nicht so zögerlich! Das ist mein alter Bundeswehr-Kamerad, Holger. Erinnerst du dich an die Geschichte mit dem Leopard-Panzer? Da steht er, leibhaftig!
Die Luft war durchzogen von billigem Zigarettenrauch, abgestandenem Augustiner und dem dumpfen Geruch fremder Socken der vertraute Duft von Frühlingswaschmittel war wie ausgelöscht. Holger, mit einer Zahnlücke, die wie ein Spalt in eine andere Welt wirkte, streckte mir seine Pranke entgegen. Servus, Chefin! Hab schon viel von dir gehört. Matthias schwärmt immer, was für eine schlaue und hübsche Frau er hat. Ich bin der Holger.
Ich nickte steif, wich seiner Hand aus und verschwand in die Küche, während Matthias mir mit einer Mischung aus Entschuldigung und Euphorie folgte. Mona, sei nicht sauer, dass ich nichts gesagt hab. Holgers Frau hat ihn rausgeworfen, einfach so, nach all den Jahren. Er hat niemanden. Ich hab ihm angeboten, eine Woche bei uns zu bleiben, bis er was Neues findet oder sich mit ihr versöhnt.
Ich stellte die Taschen ab, sah meinen Mann müde an und fragte: Eine Woche? In unserer Einzimmerwohnung? Wo soll er schlafen, auf der Fußmatte? Matthias zuckte zusammen. Wir stellen das Klappbett in die Küche. Oder ich schlaf auf dem Boden, er auf dem Sofa. Er ist unser Gast, Mona, er braucht Ruhe, sein Leben ist gerade ein Scherbenhaufen.
Und ich? Ich arbeite von acht bis sechs, will abends einfach nur meine Ruhe. Jetzt stolpere ich über deinen Holger. Meine Stimme war ruhig, aber bestimmt. Matthias hob beschwörend die Hände. Er ist mein Bundeswehrbruder! Wir haben aus einem Feldtopf gegessen! Ich kann ihn nicht auf die Straße setzen. Nur eine Woche, Mona. Ich schwör, du wirst ihn kaum bemerken.
Ein dröhnendes Lachen und der Lärm des Fernsehers, der plötzlich aufheulte, zerschnitten die Stille. Kaum bemerken?, hob ich die Augenbraue. Er ist nur nervös, entspannt sich gerade, stammelte Matthias. Bitte, für mich. Ich tu doch alles für dich. Halte es eine Woche aus.
Ich seufzte. Ich liebte Matthias, auch wenn er oft zu weich war, zu sehr auf andere hörte. Und ich konnte niemanden in Not abweisen. Na gut. Aber nur eine Woche. Nächsten Montag ist er weg. Und keine Saufgelage, ich muss morgen früh raus. Matthias küsste mich auf die Wange und verschwand zu Holger.
Allein in der Küche sortierte ich die Einkäufe. Eigentlich wollte ich einen leichten Salat und Putenbrust machen, doch jetzt musste ich umdisponieren zwei hungrige Männer würden davon nicht satt. Kartoffeln schälen, Fleisch anbraten, das war nun angesagt.
Als ich zum Essen rief, kam Holger herein, als gehöre ihm die Wohnung. Er schob den Stuhl zurück, ließ sich plumpsen und griff nach dem Brot. Ah, Pute! Endlich mal was Gescheites. Meine Brunhilde, diese Giftschlange, hat mich nur mit Körnern gefüttert. Diät, sagt sie. Aber ein Mann braucht Fleisch, Kraft!
Er schnappte sich das größte Stück, aß mit den Händen, Krümel rieselten auf die Tischdecke. Ich verzog das Gesicht, schwieg aber. Matthias, haben wir nichts zu trinken? Auf das Wiedersehen, auf die Chefin? Holger kaute, während er sprach. Matthias blickte zu mir. Unter der Woche trinken wir eigentlich nicht… Ach, sei kein Pantoffelheld!, lachte Holger, klopfte Matthias so fest auf den Rücken, dass er fast in den Teller fiel. Die Chefin versteht das schon. Ein Mann muss seinen Kummer ertränken!
Wortlos stellte ich die alte Flasche Doppelkorn, die seit Silvester im Kühlschrank stand, auf den Tisch. Das ist alles. Mehr gibts nicht. Mein Ton war frostig.
Das Abendessen wurde zur Männerbastion, in der für mich kein Platz war. Holger erzählte endlose Geschichten aus der Kaserne, schimpfte auf Frauen, die keine Grenzen mehr kennen. Matthias lachte, bewunderte seinen Freund. Ich aß hastig und verschwand ins Bad, um wenigstens dort Stille zu finden.
Die Nacht war eine Tortur. Holger schnarchte auf dem Sofa, als wolle er die Wände zum Einsturz bringen. Ich lag mit Matthias auf einer Matratze am Boden, wälzte mich, suchte Schlaf. Matthias, tu was. Ich kann nicht schlafen. Was soll ich machen? Ich kann ihn doch nicht wecken. Dreh dich um, du gewöhnst dich dran. Doch ich gewöhnte mich nicht. Am Morgen war ich zerschlagen, Kopfschmerzen hämmerten. In der Küche: ein Berg schmutziges Geschirr, Krümel, die Pfanne leer. Das Fleisch und die Kartoffeln, für zwei Tage gedacht, waren verschwunden.
Die hatten nachts Hunger, murmelte Matthias, als er meinen Blick sah. Zwei große Kerle, die brauchen Energie. Ich kauf heute Abend Leberkäs. Ich muss zur Arbeit, hab keine Zeit für den Abwasch. Macht das bitte selbst. Klar, machen wir!, versprach Matthias.
Abends kehrte ich mit schwerem Herzen zurück. Ich hoffte, die Männer hätten aufgeräumt. Doch im Flur standen fremde Schuhe, aus dem Wohnzimmer drang Stimmengewirr jetzt waren es drei, vielleicht vier. Es roch nach gebratenen Zwiebeln und billigem Bier.
Im Wohnzimmer saßen Matthias, Holger und zwei Unbekannte um den Couchtisch, der mit Bierdosen, Chipstüten und Matjes übersät war. Auf dem Boden glänzten Schuppen. Der Fernseher brüllte Bundesliga. Ah, Mona ist da!, rief Matthias, schwankte auf, wir schauen nur Fußball! Holger hat Nachbarn eingeladen, super Typen!
Ich musterte die Runde. Alle raus, sagte ich leise. Die Männer wurden still, aber niemand bewegte sich. Holger lehnte sich zurück, breitete sich auf unserem Sofa aus, das nun fettige Flecken zierten. Warum so streng, Mona? Lass die Männer mal entspannen. Matthias, du solltest deiner Frau mal Manieren beibringen.
Matthias errötete, blickte zwischen Freund und Frau hin und her. Mona, mach doch keine Szene. Geh in die Küche, koch was, wir sind gleich fertig. Blamier mich nicht. Ich spürte, wie der Boden unter mir schwankte. Mein fürsorglicher Mann war für ein bisschen Anerkennung zum Fremden geworden.
Ich sagte: alle raus! Das ist meine Wohnung. Ich dulde hier keinen Saustall. Deine, meine was macht das für einen Unterschied? Wir sind Familie!, rief Matthias, seine Stimme überschlug sich. Holger ist mein Gast! Ich hab das Recht!
Holger erhob sich, schwankte, war einen Kopf größer als ich. Pass auf, Chefin. Der Mann hat gesprochen, also ab in die Küche. Stör uns nicht beim Feiern. Ich wich nicht zurück, zog mein Handy. Ihr habt eine Minute, sonst rufe ich die Polizei.
Die Nachbarn waren klüger als Holger, packten ihr Bier und schlichen hinaus, murmelten etwas von wichtigen Terminen und gebärender Frau. Holger spuckte auf den Teppich unseren Teppich! und funkelte Matthias an. Du bist ein Waschlappen, Matthias. Die Frau tanzt dir auf der Nase rum. Ich hätte ihr längst gezeigt, wos langgeht. Komm, wir rauchen auf der Treppe.
Sie knallten die Tür. Ich blieb allein im Chaos zurück. Fischschuppen auf dem Teppich, Bierflecken auf dem Tisch, das Geschirr doppelt so viel wie am Morgen. Ich begann zu putzen, wütend, mechanisch, öffnete alle Fenster, um den Gestank zu vertreiben. Erst nach Mitternacht war die Wohnung wieder bewohnbar. Matthias und Holger kamen nicht zurück.
Erst im Morgengrauen taumelten sie herein, betrunken, laut, schamlos. Die Prinzessin schläft!, gröhlte Holger. Wir haben gefeiert! Die Seele braucht Freiheit! Matthias kicherte, verhedderte sich in den Schnürsenkeln. Ich trat im Bademantel aus dem Zimmer. Legt euch schlafen. Wir reden morgen.
Vielleicht will ich gar nicht schlafen! Vielleicht will ich weiterfeiern! Matthias, wo ist die Musik?, Holger griff nach der Anlage. Lass das. Es ist drei Uhr. Die Nachbarn rufen die Polizei. Mir doch egal! Ich bin frei!, Holger wankte auf mich zu. Und du, Henne, sag mir nicht, was ich zu tun hab!
Matthias stand an der Wand, grinste dämlich. Sie hat Temperament, meine Mona. Eine richtige Feuerfrau! Holger packte mich an der Schulter. Temperament? Das brechen wir dir gleich… Ich riss mich los, stieß ihn weg. Er fiel, riss die Garderobe um.
Raus! Beide raus! Was soll das, Mona? Schmeißt du mich raus? Deinen Mann? Einen Mann hab ich nicht mehr. Nur noch einen Saufkumpan. Verschwindet!
Na dann, tschüss!, Holger rappelte sich auf. Matthias, komm. Wir gehen zu Tanja, die ist nicht so. Matthias schwankte, blickte mich an, Zweifel in den Augen. Mona, im Ernst? Es ist Nacht… Wohin sollen wir? Mir egal. Zu Tanja, zu Monika, zum Hauptbahnhof. Leg die Schlüssel hin.
Matthias Stolz flammte auf, befeuert von Holgers Blick. Na gut! Ich geh! Du wirst noch betteln, dass ich zurückkomme! Aber ich überlegs mir! Komm, Holger! Uns will hier keiner! Sie stürmten hinaus, ohne ihre Sachen. Matthias in Jeans und T-Shirt, Holger in seinen ewigen Jogginghosen. Die Tür fiel ins Schloss. Ich verriegelte sie, rutschte an der Wand hinab und weinte.
Drei Tage lang herrschte Stille. Ich nahm mir frei, sortierte Matthias Sachen in Koffer, stellte sie in den Flur. Ich wartete. Ich wusste, sie würden zurückkommen.
Am Donnerstagabend standen sie vor der Tür. Durch den Spion sah ich zwei zerschlagene Gestalten. Matthias unrasiert, mit blauem Auge, Holger zitternd, vom Kater geplagt. Ich öffnete, ließ die Kette vor.
Mona, mach auf, wir müssen reden. Sprich durch den Spalt. Mona, hör auf. Wir haben draußen geschlafen, am Hauptbahnhof. Das Geld ist weg, das Handy leer. Holger hat die Karte verloren. Lass uns duschen, essen. Wir holen nur die Sachen und… ich will nach Hause.
Holger soll zu seiner Frau. Oder zu Tanja. Und du… Mona, Holger geht nicht ohne mich, er braucht Hilfe! Wir sind Freunde! Freunde? Dein Freund hat in drei Tagen deine Familie zerstört. Er hat mich beleidigt, unser Zuhause in einen Schweinestall verwandelt, dich zum Trinken angestiftet. Und du hast ihn gedeckt, wolltest cool wirken. Geh mit ihm. Seid cool am Bahnhof.
Du verstehst nicht! Das ist Männerfreundschaft! Und das ist weiblicher Stolz. Und meine Wohnung. Morgen tausche ich die Schlösser. Deine Sachen stehen draußen.
Ich schob die Koffer hinaus, knallte die Tür zu. Mona! Das ist unser gemeinsames Eigentum!, brüllte Matthias. Die Wohnung ist von meiner Oma, Matthias. Du bist nur vorübergehend gemeldet. Ich melde dich ab. Tschüss!
Ich hörte, wie sie auf der Treppe stritten. Holger schimpfte, Matthias rechtfertigte sich. Dann wurde es still.
Eine Woche später erfuhr ich, dass Holger zu seiner Frau zurückgekehrt war, reumütig, unter Hausarrest, ohne einen Cent. Matthias wohnte bei seiner Mutter.
Er kam noch öfter, nüchtern, mit Blumen, bat um Verzeihung. Doch ich öffnete nicht. Ich erinnerte mich an seinen Blick voller Verachtung, als er mit den Kumpels am Tisch saß. Daran, wie er zuließ, dass ein Fremder mich anfasste. Wie er den Männerkodex über unsere Ehe stellte.
Eines Abends, als Matthias wieder unter dem Fenster wartete, trat ich auf den Balkon. Geh, Matthias. Ich habe die Scheidung eingereicht. Wegen so einer Kleinigkeit? Wegen eines Streits? Wir waren fünf Jahre zusammen! Nicht wegen eines Streits. Sondern weil du den Schmutz ins Haus gebracht hast. Und als ich bat, ihn zu entfernen, hast du dich auf seine Seite gestellt. Ich kann nicht mit einem Mann leben, dem das Urteil eines Trinkers wichtiger ist als der Frieden seiner Frau.
Er ist kein Versager! Er ist mein Freund! Ein Freund zerstört keine Familie. Ein Freund erniedrigt nicht die Frau seines Freundes. Das ist kein Freund, Matthias. Das ist ein Parasit. Und du warst ein perfekter Wirt.
Ich schloss die Balkontür. In der Wohnung war es ruhig, sauber, es roch nach Kaffee und Vanille. Ich setzte mich in den Sessel, schlug ein Buch auf und spürte zum ersten Mal seit Langem, dass ich wirklich zu Hause war. Allein, ein wenig wehmütig, aber sicher. Niemand schnarchte, niemand aß mein Fleisch mit den Händen, niemand belehrte mich.
Matthias und Holger saßen noch lange hinter den Garagen, tranken billiges Bier. Holger schimpfte auf die Frauen, Matthias nickte, doch in seinem Innersten, angesichts der grauen Wände und Holgers verquollenem Gesicht, wusste er, dass er das Paradies gegen eine kalte, schmutzige Grube eingetauscht hatte. Aber das zuzugeben, dazu fehlte ihm der Mut.





