Alle trinken, trinken, Flaschen überall, aber kein Essen weit und breit.
Zu Hause waren wieder mal Gäste. Eigentlich war ständig Besuch da.
Alle trinken nur, die Flaschen stapeln sich, aber was zu essen gibts hier wirklich nie, murmelte Leon, während er den Küchentisch musterte. Mit Glück finde ich vielleicht ein Stück trockenes Brot aber auf dem Tisch: nur Zigarettenstummel und eine leere Fischkonserve.
Noch einmal ließ Leon den prüfenden Blick schweifen, aber Essbares war Fehlanzeige.
Gut, Mama, ich geh dann mal, sagte der Junge leise und begann, in seine durchgelatschten Schuhe zu steigen.
Eigentlich hoffte er ja immer noch, dass seine Mutter ihn im letzten Moment zurückhalten und sagen würde:
Ach Junge, du sollst doch nicht hungrig rausgehen, draußen friert’s! Bleib hier, ich koch gleich Grießbrei, werf die Gäste raus und feg endlich mal wieder.
Leon sehnte sich jedes Mal nach einem liebevollen Wort von ihr, aber seine Mutter war mit Zärtlichkeiten sparsam wie mit Butter zur DDR-Zeit. Ihre Worte stachen wie Brennnesseln, sodass Leon am liebsten unsichtbar geworden wäre.
Diesmal hatte Leon beschlossen, für immer zu gehen. Mit seinen sechs Jahren fühlte er sich mindestens schon halb erwachsen. Erstmal musste er irgendwie an Geld kommen für eine Schrippe, am besten gleich zwei Sein Magen grummelte protestierend.
Wie er zu Geld kommen sollte, wusste Leon allerdings nicht. Doch auf seinem Weg an den Kiosken entlang entdeckte er eine leere Bierflasche im Schnee. Da fiel es ihm ein: Pfand! Flaschen bringen Geld. Zack, steckte er die Flasche in seine Jackentasche. An der Bushaltestelle fand er noch eine zerknüllte Plastiktüte. Mit der sammelte er den halben Tag weiter Flaschen ein.
Bald klimperte sein Beutel richtig motivierend. Leon stellte sich schon vor, wie er sich für zwanzig Cent ein fluffiges Mohn- oder Rosinenbrötchen gönnt vielleicht sogar eines mit Zuckerguss Aber die sind vermutlich teurer, also wurde eifrig weitergesammelt.
Schließlich landete er am S-Bahnhof. Auf dem Vorplatz, wo die Männer neben ihren Bierflaschen die Züge erwarteten, stellte Leon die Tüte am Kiosk ab und rannte zu einer eben abgestellten leeren Cola-Flasche.
Als er zurückkam, hatte ein schmuddeliger, grimmiger Typ seine gesamte Beute eingesackt.
Bitte, können Sie mir den Beutel zurückgeben? flehte Leon.
Der Mann warf ihm einen Blick zu, bei dem einem schon der Appetit aufs Leben verging Leon machte sich lieber aus dem Staub.
So löste sich die Brötchenfantasie wie Zuckerwatte im Regen auf.
Flaschen sammeln ist echt kein Zuckerschlecken, dachte Leon und wanderte mit seinen durchnässten Füßen weiter durchs Schneematsch-Labyrinth.
Es dämmerte schon. Irgendwie kam er in ein Treppenhaus, lehnte sich an den warmen Heizkörper und glitt erschöpft in einen überraschend angenehmen Schlaf.
Als er wach wurde, dachte er zunächst, er träume noch: warm, kuschlig, es duftete so köstlich!
Eine Frau trat ins Zimmer und lächelte ihn an.
Na, kleiner Mann, schon aufgewärmt? Gut geschlafen? Komm zum Frühstück! Du hast ja wie ein herrenloser Welpe im Treppenhaus geschlafen. Da hab ich dich kurzerhand mitgenommen.
Gehören wir jetzt zusammen? Sind das jetzt meine neuen Zuhause? fragte Leon ungläubig.
Wenn du noch keins hast, dann ja, mein Schatz, kicherte sie.
Ab da lief alles wie im Märchen. Die unbekannte Dame sie hieß übrigens Frieda, für Leon der schönste Name der Welt kümmerte sich und stopfte ihn voll mit Kartoffelbrei, besorgte neue Sachen, hörte ihm zu. Nach und nach erzählte Leon ihr alles: von seiner Mutter, den Abenden ohne Abendbrot, von seinen Träumen.
Möchtest du, dass ich deine Mama werde? flüsterte sie eines Abends, während sie ihn fest drückte, so wie nur echte, liebe Mütter es tun.
Natürlich wollte er!
Aber das Glück hielt keine Woche.
Seine leibliche Mutter stand eines Tages halbwegs nüchtern vor der Tür, schimpfte wie ein Rohrspatz und forderte ihren Leon zurück:
Mir wurde noch nicht das Sorgerecht entzogen, ich hab ein Recht auf meinen Sohn!
Im dichten Schneegestöber musste Leon das weiße Haus, diese kleine, märchenhafte Burg mit Frieda drin, verlassen.
Dann wurde alles richtig zäh. Seine Mutter trank. Leon floh immer wieder, schlief in Nebengleisen, sammelte Flaschen, kaufte ab und an ein bisschen Brot. Freunde hatte er keine, Hilfe wollte er von niemandem.
Wenig später wars dann doch so weit: dem Jugendamt reichte es und Leon landete im Kinderheim. Am schlimmsten war für ihn: er konnte sich partout nicht an die Adresse der weißen Burg erinnern, dort, wo die nette Frieda wohnte.
Drei Jahre gingen ins Land.
Leon lebte jetzt im Kinderheim: wortkarg, eher ein Träumer. Am liebsten setzte er sich in eine stille Ecke und malte und jedes Mal zeichnete er wieder das gleiche: ein weißes Haus im Schneetreiben.
Eines Tages kam eine Journalistin vorbei, um einen Bericht zu schreiben. Die Erzieherin führte sie herum:
Leon, das ist ein prima Junge, aber mit der Gruppe fremdelt er obwohl er hier seit Jahren lebt! Wir bemühen uns um eine passende Familie.
Hallo, ich heiße übrigens Frieda, stellte sich die Journalistin vor.
Da passierte etwas Ungeahntes: Leon taute auf, redete ohne Punkt und Komma aus dem introvertierten Kind sprudelten Geschichten über seine gute Fee Frieda und die Zeit im weißen Haus. Mit leuchtenden Augen und roten Wangen erzählte er selbst die Erzieherin staunte Bauklötze.
Frieda war irgendwie der magische Schlüssel zu Leons Herz.
Die Journalistin, Frieda, musste ein Tränchen verdrücken und versprach, Leons Geschichte in der Lokalzeitung zu bringen. Vielleicht ein Fünkchen Hoffnung! liest die gute Frieda das und erkennt ihren Jungen.
Und wirklich: Es geschah ein Wunder.
Die Frau, die damals Frieda gewesen war, hatte kein Zeitungs-Abo. Aber an ihrem Geburtstag schenkte ihr das Kollegium einen Blumenstrauß eingewickelt in Zeitungspapier.
Zu Hause, beim Auspacken, fiel ihr ein Artikel ins Auge: Liebe Frieda, der Junge Leon sucht Sie! Melden Sie sich!
Sie wusste sofort: das war ihr kleiner Schlafgast von damals.
Sie beeilte sich, ins Kinderheim zu fahren.
Sobald Leon sie sah, sprang er ihr in die Arme. Sie weinten beide und auch die Erzieherin kriegte nasse Augen.
Ich hab so auf dich gewartet, schluchzte Leon.
Man musste ihn quasi losreißen. Noch durfte Frieda ihn nicht sofort mitnehmen, das Prozedere der Adoption lief, aber sie versprach, nun jeden Tag zu kommen.
P.S. Danach wurde Leons Leben endlich normal und, ja: glücklich!
Heute ist er 26, hat die Technische Hochschule in München abgeschlossen, will eine nette, echte deutsche Annika heiraten, und liebt seine Mama Frieda über alles. Ohne sie hätte er es nie so weit gebracht.
Später, als er erwachsen war, erzählte ihm Frieda, warum sie damals überhaupt die Nerven hatte, ihn mitzunehmen. Ihr Mann hatte sie verlassen, weil sie keine eigenen Kinder bekommen konnte. Sie hatte sich einsam und überflüssig gefühlt gerade da lag Leon wie eine kleine Rettungsboje im Treppenhaus.
Als Leons leibliche Mutter ihn wieder zu sich holte, dachte Frieda traurig: Na, so ist halt das Schicksal
Aber sie war überglücklich, ihn im Kinderheim wiedergefunden zu haben.
Leon hat später nach seiner leiblichen Mutter geforscht, herausgefunden, dass sie die Wohnung in Berlin verkaufte und mit einem frisch entlassenen Häftling abgehauen ist. Weiteren Kontakt wollte er nicht aufnehmen. Wozu auch sein Zuhause war längst woanders.




