Zu spät zum Leben? Gibts nicht!
Mit 72 Jahren setzte sich Margarete Schneider zum allerersten Mal in ein Flugzeug. Bis dahin hatte sie nie ihren kleinen Heimatort verlassen ihr Leben lang stand sie hinter der Theke im Kaufhaus, später dann in der Kirchenbuchhandlung. Zwei Söhne großgezogen, den Ehemann verabschiedet, die Enkelinnen unter die Haube gebracht. Ihr Alltag? Wie bei allen: anstrengend, aber irgendwie richtig.
Eines Morgens wacht Margarete auf und denkt:
So, das wars. Jetzt passiert nichts mehr.
Keiner wartet. Keiner ruft an. Keiner lädt ein.
Die Kinder machen ihr Ding, die Enkel auch.
Sie ist jetzt die Feiertags-Oma.
Und dann tut sie etwas, das sie sich nie hätte träumen lassen.
Sie schnappt sich ihre gesamten Ersparnisse 2.200 Euro, die eigentlich für die Beerdigung gedacht waren und marschiert ins Reisebüro.
Geben Sie mir ein Ticket irgendwohin, wos warm ist und Meer gibt, sagt sie entschlossen.
Die Reiseberaterin schaut die ältere Dame im abgetragenen Mantel lange an und weiß nicht so recht, was sie sagen soll.
Wissen Ihre Verwandten Bescheid? Vielleicht fahren Sie mit jemandem zusammen?
Die sind beschäftigt. Ich fahre allein.
So landet Margarete Schneider in Ägypten.
Ganz allein. Mit kleinem Koffer, dicker Brille und einem Kopftuch, das sie selbst am Strand nicht ablegt.
Erst wird sie bemitleidet.
Dann belächelt.
Und schließlich um Rat gefragt.
Denn Margarete taucht mit Schnorchel, düst mit dem Quad durch die Wüste, posiert mit Kamelen, tanzt im Hotel auf der Tanzfläche und probiert sogar Shisha (hustet sofort und meint: Also ehrlich, ein Obstler ist mir lieber!).
Zurück kommt sie gebräunt, mit Magneten für den Kühlschrank und Augen, die leuchten wie bei einem Teenager.
Die Kinder stehen am Bahnhof baff, ein bisschen genervt.
Mama, bist du verrückt geworden? In deinem Alter!
Ach, und in meinem Alter soll man nur noch sterben? kontert sie gelassen.
Und fährt wieder los.
Und nochmal.
In fünf Jahren bereist Margarete die Türkei, Zypern, Griechenland, Goa, Vietnam und sogar die Dominikanische Republik. Sie lernt schwimmen (mit 73!), springt im Tandem aus dem Flugzeug (mit 75!), eröffnet einen Instagram-Account (mit 76!) und sammelt 12.000 Follower alle staunen über die coole Oma.
Sie kauft bunte Kleider, trägt knallroten Lippenstift und sagt zu allen:
Die halbe Lebenszeit habe ich für andere gelebt. Jetzt bin ich dran. Und wisst ihr was? Es ist nie zu spät, um anzufangen.
Mit 78 lernt sie in Thailand einen deutschen Witwer kennen. Er ist 82. Gemeinsam reiten sie auf Elefanten, essen Nudeln vom Straßenstand und lachen wie Kinder.
Die Kinder sind wieder empört:
Mama, was sollen die Leute denken?!
Aber Margarete winkt ab:
Mir ist egal, was die Leute sagen. Ich habe endlich kapiert: Das Leben gehört mir. Und ich mache, was ich will. Ob mit 80 oder mit 90.
Mit 84 schläft sie friedlich ein.
In ihrer Wohnung.
Auf dem Tisch liegt der offene Reisepass mit frischen Stempeln, auf dem Nachttisch das Ticket nach Portugal für den nächsten Monat.
Bei der Beerdigung liest die Enkelin ihren letzten Instagram-Post vor:
Meine Lieben! Wartet nicht auf die Rente, um zu leben. Wartet nicht, bis die Kinder groß sind. Wartet nicht auf bessere Zeiten.
Lebt jetzt.
Solange das Herz schlägt zu spät gibts nicht.
Eure Oma Margarete.
Und alle weinen.
Nicht, weil sie gegangen ist.
Sondern weil sie merken: Sie hat bunter gelebt als alle zusammen.
Und mit 72 fing das Leben erst richtig an.
Zu spät zum Leben? Gibts wirklich nicht. Nie.





