Als ich mich daran erinnere, wie alles damals in unserem Heimatdorf geschah, spüre ich noch den kühlen Abendwind von damals auf meiner Haut, als Annegret zum am Brunnen gelegenen Sitzplatz lief, weil sie daneben den Hund liegen sah. Ihr Blick fiel sofort auf die Leine, die Irmgard achtlos beiseite geworfen hatte. Fritz sah seine Besitzerin mit geschwollenen Augen klagend an
Fast zwei Jahre lang hatten die beiden Geschwister kaum ein Wort gewechselt. Annegret verstand bis heute nicht, wie aus einer Nichtigkeit ein so gewaltiger Streit hatte werden können.
Annegret und Wilhelm Ebert waren nur gut ein Jahr auseinander. Seit ihrer Kindheit waren sie unzertrennlich gewesen, immer füreinander eingestanden. Was für einen Streich sie auch ausheckten, sie übernahmen gemeinsam die Schuld und versteckten sich nie hinter dem anderen.
Unser Dorf, Hohenberg in der Nähe von Leipzig, blühte jedes Jahr mehr auf. Wir hatten Glück mit dem Bürgermeister Dietrich Vogt, ein Einheimischer, der als Wirtschaftsfachmann einiges auf die Beine stellte.
Nach seinem Studium an der Landwirtschaftshochschule kehrte Dietrich zurück aufs Dorf und half, es zu gestalten und aufblühen zu lassen. Sein Engagement wurde bald anerkannt, und nach zehn Jahren war Dietrich Vogt der geschätzte Bürgermeister von Hohenberg.
Auch privat war das Glück auf seiner Seite. Annegret, die nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester im Dorfambulatorium als Assistentin arbeitete, fiel dem charmanten Dietrich bald ins Auge. Auch sie erwiderte seine Gefühle. Nach ihrer Hochzeit feierte das ganze Dorf mit, bei Bier, Musik und Tanz. Wilhelm freute sich ehrlich über das Glück seiner Schwester, auch wenn seine eigene Ehe mit Irmgard nie so ungetrübt war.
Solange Annegret unverheiratet gewesen war, hatte Irmgard über sie gemurrt und sie faul oder eingebildet geschimpft. Doch nach der Hochzeit schlug das Grummeln in Neid um. Immer größere Forderungen stellte Irmgard an Wilhelm: ein neues Fachwerkhaus, ein größeres Auto, einen edleren Pelzmantel
Oft hielt sie ihrem Mann vor: Schau, was die anderen alles haben und wir? Wir haben nichts! Wilhelm tat was er konnte, doch weder mit Mark noch mit Kraft konnte er Irmgards Wünsche befriedigen.
Zugleich wurde Irmgard selbst immer unglücklicher: Ein Kind blieb ihr nicht vergönnt, und nun hatte Annegret einen angesehenen Mann, einen Jungen und ein Mädchen geboren sowie ein schönes, weiträumiges Haus gebaut
Familienfeiern endeten immer öfter im Streit. Bei jedem Besuch bei Annegret musste Wilhelm sich später von Irmgard vorwerfen lassen, er sei zu gut zu ihnen.
Der letzte große Krach brach an Wilhelms Geburtstag los. Annegret hatte ihm aus Leipzig einen Labradorwelpen mitgebracht er hatte sich schon lange einen Hund gewünscht. Von Dietrich bekam er ein neues Motorrad.
Alles lief gut, bis die angetrunkene Irmgard tobt und ihre ganze aufgestaute Wut an Annegret auslässt:
Na, Annegret! Soll der Hund was bedeuten? Wenn wir schon keine Kinder haben, sollen wir uns jetzt mit Tieren trösten, was?!
Annegret blieb ruhig: Irmgard, komm zur Ruhe. Morgen bereust du das.
Doch Irmgard wollte nicht hören. Es brach ein gewaltiger Streit vom Zaun, der Freundeskreis spaltete sich, und Dietrich raunte seiner Frau leise zu, sie sollte gehen. Sie verabschiedeten sich und verließen die Feier.
Zwei Jahre gingen ins Land. Seit jener Nacht mied Wilhelm seine Schwester, es blieb bei spärlichen, seltenen Treffen. Auch zwischen Irmgard und ihm wurde die Stimmung frostiger.
Am Abend suchte Wilhelm mit Fritz immer öfter die Mulde auf. Gemeinsam wirkten sie zufrieden: Wilhelm warf Stöcke, Fritz rannte hinterher, kehrte zurück und lauschte dann den leisen Erzählungen seines Herrn.
Annegret hörte von alledem durch Nachbarinnen sie wusste, dass Wilhelm sich nicht besänftigen ließ.
Nach jenem schrecklichen Streit begann Irmgard, Annegret und auch Fritz das ungeliebte Geschenk regelrecht zu verachten. War Wilhelm außer Haus, scheuchte sie den Hund hinaus, schrie ihn an und schlug auch mal zu.
Die neugierigen Nachbarinnen gaben Öl ins Feuer:
Sag mal, Irmgard, Wilhelms Hund läuft wieder mit ihm unten am Fluss
Und gestern hat er gelacht mit Annegret, Dietrich und den Kindern wie glücklich sie waren!
Neid und Eifersucht erwuchsen in Irmgards Herz. Einmal fragte Wilhelm sie:
Irmgard, behandelst du Fritz schlecht?
Ich brauche deinen Köter wirklich nicht!, knurrte sie und ging.
Fritz versteckte sich immer öfter vor ihr und zitterte, wenn sie auftauchte.
Das Ende kam schließlich an einem Morgen, als Wilhelm in der Haustür stehen blieb und wütend schrie:
Ich ertrage diesen ewigen Neid nicht mehr!
Allein und voller Zorn zerrte Irmgard Fritz vors Haus, band ihn an die Bank, dann schlug sie ihn mit dem Gürtel. Der arme Hund jaulte vor Schmerz. Nachdem ihr Zorn verraucht war, schleuderte sie den Gürtel weg, packte ihre Sachen und verschwand für immer.
Am Abend fand Wilhelm das Haus im Chaos, seinen Hund aber nicht an der Tür. Erst am Sitzplatz entdeckte er Fritz mit schmerzverzerrtem Blick. Mit geballter Faust löste er ihn und trug ihn zum Ambulatorium.
Gerade war Annegret dabei, den Heimweg anzutreten, als sie ihren Bruder mit dem verletzten Hund sah:
Annegret, hilf mir …, bat Wilhelm heiser.
Sie brachten Fritz in die Behandlungsstube. Annegret untersuchte den Hund genau:
Wer hat ihm das angetan?
Irmgard …, antwortete Wilhelm mit gesenktem Blick.
Annegret nickte wortlos. Sie nähte die Wunde, spülte die Augen und gab dem Hund etwas zu trinken.
Später auf dem Flur sagte Wilhelm leise und zerknirscht:
Vergib mir, Annegret
Ach was, lächelte sie erschöpft. Und Irmgard?
Nein, Annegret. Das wars mit ihr.
Annegret rief ihren Mann an:
Dietrich, kannst du mich bitte abholen?
Kaum hatte er die erschöpfte Stimme seiner Frau gehört, war er unterwegs. Nach einer halben Stunde stand Dietrich im Flur. Als er die Geschwister zusammensitzen sah, Fritz winselnd zu ihren Füßen, sagte er nur ruhig:
Kommt, ihr Tapferen.
Sie nahmen Wilhelm mit heim und gaben ihm Ratschläge für die Pflege des Tieres.
Als Annegret später ihrer Mutter berichtete, was vorgefallen war, seufzte die alte Frau nur:
Sie hätten längst auseinandergehen sollen.
Sie machte sich sogleich auf den Weg zu Wilhelm, um ihm beim Aufräumen zu helfen.
Auf der Veranda saß Wilhelm, streichelte Fritz. Die Mutter trat zu ihnen, legte ihre Hand auf beide:
Seid ihr wohlauf?
Wir leben, antwortete Wilhelm sanft.
Aus dem Haus zog der Duft von gekochtem Fleisch und frischem Gemüse. Fritz schnupperte, wedelte mit dem Schwanz. Wilhelm lächelte und stand langsam auf.
Und das Leben ging weiter.




