Von der ersten Begegnung bis zum Abschied

**Von der Begegnung bis zum Abschied**

Vor fünf Jahren war Gisela plötzlich allein. Ihr Mann war nach einem langen Kampf gegen den Krebs gestorben. Und noch früher war ihre einzige Tochter weggezogen, als sie heiratete erst in eine andere Stadt, dann bekam sie einen Sohn, Jakob, und drei Jahre später eine Tochter, Lina. Als ihr Mann noch gesund war, besuchte Gisela ihre Tochter regelmäßig. Doch als er krank wurde, konnte sie ihn nicht mehr allein lassen.

Die Tochter kam ab und zu, ließ die Kinder aber beim Mann. Sie fand, sie müssten ihren sterbenden Opa nicht sehen. Zur Beerdigung kam sie auch allein. Und gleich danach machte sie sich auf den Heimweg.

Entschuldige, Mama, aber mein Mann und die Kinder Du kannst ja zu uns kommen. Was willst du hier allein?

Und dann war sie weg. Gisela blieb zurück. Sie vermisste ihren Mann schmerzlich. Auch wenn er krank gewesen war Hauptsache, er lebte noch. Und jetzt? Niemand brauchte sie.

Nach neun Tagen fuhr Gisela trotzdem zu ihrer Tochter. Doch die beiden arbeiteten den ganzen Tag, und die Enkel mieden sie, fremdelten, weil sie sie kaum kannten. Gisela fühlte sich überflüssig. Nach einer Woche packte sie ihre Sachen.

Mama, willst du nicht noch eine Woche bleiben?, fragte die Tochter, aber als Gisela ablehnte, bestand sie nicht weiter darauf.

Seitdem besuchte Gisela sie nicht mehr. Letztes Jahr waren sie auf der Rückreise aus dem Süden kurz bei ihr vorbeigekommen. Jakob war schon vierzehn, hatte ständig Kopfhörer in den Ohren und sein Tablet in der Hand. Lina, mit pinken Strähnen im Haar, schrieb den ganzen Tag Nachrichten auf ihrem Handy und kaute Kaugummi.

Gisela versuchte, mit ihrer Tochter zu reden ob das nicht schädlich für die Kinder sei? Ob sie überhaupt wüsste, was sie da anschauten und mit wem sie schrieben?

Mama, alle Kinder sind heutzutage so. Verbote machen es nur schlimmer, winkte die Tochter ab.

Vor ihrer Abreise versuchte Gisela es noch einmal.

Es ist schwer für mich, allein zu sein. Besucht mich doch öfter. Die Enkel kennen mich kaum. Solange ich noch fit bin, könnten sie vielleicht in den Ferien zu mir kommen?

Mama, warum willst du dir die extra Arbeit antun?, fragte die Tochter.

Das sind doch meine Enkel! Was für eine Arbeit?

Mal sehen, sagte die Tochter, aber im ganzen Jahr schickte sie die Kinder nie, rief nur ab und zu an.

Also fuhr Gisela selbst hin. Warum auch nicht? Sie war in Rente, hatte Zeit. Die Eltern arbeiteten den ganzen Tag, und Jakob und Lina ernährten sich von Pizza und Döner. Was war das für ein Essen? Also übernahm Gisela das Kochen. Zuerst freuten sich alle über Suppen, Pfannkuchen und Kuchen doch bald bestellten die Enkel wieder Pizza. Ihr Schwiegersohn sah sie einmal beim Abwasch und murrte, sie solle doch die Spülmaschine benutzen, statt sich an der Spüle abzumühen.

Die Tochter seufzte und räumte das Geschirr auf dem Trockengestell um. Jakob beschwerte sich, Oma habe seinen Schrank durchgewühlt, jetzt finde er nichts mehr. Gisela versuchte sich zu rechtfertigen sie hatte doch nur alles ordentlich zusammengelegt.

Mama, misch dich da nicht ein, riet die Tochter.

Oma, back nicht mehr so viel Kuchen, ich nehme schon zu, bat Lina.

Und von Pizza nimmt man nicht zu?, fragte Gisela.

Kurzum: Sie merkte, dass sie stört, alles falsch macht, und es Zeit war zu gehen. Die Tochter hielt sie nicht auf, und der Schwiegersohn bot sofort an, sie zum Bahnhof zu fahren.

Gisela sehnte sich nach ihrem Mann. Wäre er doch noch da Warum musste er so früh gehen und sie allein lassen? Mit wem sollte sie reden? Wer würde sich um sie kümmern, wenn sie Gott bewahre krank würde?

Früher hatte sie gestrickt und gestickt, aber jetzt ließ ihre Sehkraft nach, und die Anstrengung verursachte nur Kopfschmerzen. Und was sollte sie sonst tun in der Rente? Kuchen backen? Aber wer würde ihn essen?

Eine Freundin war kurz nach ihrem Mann gestorben, die andere hatte selbst Enkelkinder ohne Ende keine Zeit für Gisela.

***

Es waren die letzten warmen Tage des Altweibersommers. Die Sonne schien, obwohl es kühl war. Goldenes Laub raschelte unter den Füßen. Gisela packte altes Brot in eine Tüte und ging in den Park.

Auf einer freien Bank säbelte sie Brotkrümel für die Tauben. Bald versammelte sich eine ganze Schar vor ihr, sogar Spatzen gesellten sich dazu.

Gisela beobachtete sie und dachte an ihr unglückliches Los. Wie flüchtig die Jugend war, wie zerbrechlich das Leben und jetzt kam schon das Alter. Sie hatte gehofft, es mit ihrem Mann zu teilen, sich gegenseitig zu stützen. Er war tot, und ihre Tochter und Enkel brauchten sie nicht

Guck mal, wie sie sich versammeln, sagte jemand neben ihr.

Am anderen Ende der Bank saß ein Mann. Gisela war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie ihn gar nicht bemerkt hatte. Gepflegt, ungefähr in ihrem Alter oder etwas älter.

Ich sehe Sie oft hier im Park, sagte er plötzlich.
Gisela erkannte ihn nicht. Normalerweise beachtete sie niemanden, wenn sie spazieren ging.

Ich bin auch allein. Meine Frau ist vor acht Jahren gestorben, und ich gewöhne mich einfach nicht daran, seufzte der Mann.

*Als hätte er meine Gedanken gelesen*, dachte Gisela. Sie must

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Homy
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Von der ersten Begegnung bis zum Abschied
Drei Fäden. Drei Schicksale