Schon wieder bist du spät dran!
Verena ließ ihre Tasche von der Schulter gleiten und lehnte sich erschöpft an die Wand im Flur. Ihre Beine schmerzten nach zehn Stunden im Büro die Jahresabschlussphase in der Buchhaltung forderte alles von ihr.
Frau Gertrud, wir haben den Quartalsabschluss, ich habe es heute Morgen doch gesagt…
Gesagt hat sies, die Schwiegermutter schnaubte und verzog die Lippen auf jene Art, die eindeutig bedeutete: Du bist schuld, und damit basta.
Markus lugte aus dem Wohnzimmer, schenkte seiner Frau ein schuldbewusstes Lächeln und verschwand gleich wieder. Gertrud drehte sich um und ging, hinterließ eine Spur von Unmut und den Duft von Baldrian.
Verena zog die Schuhe aus und schlurfte in die Küche. Seit zwei Jahren lebten sie nun in dieser Dreizimmerwohnung bei Markus Mutter, seit zwei Jahren sparten sie auf die Anzahlung für eine eigene Wohnung. Und seit zwei Jahren schmolzen die Ersparnisse dahin wie Eis im August. Mal ging die Waschmaschine kaputt die alte taugt nichts mehr, wir brauchen eine neue, eine gute. Dann musste das Bad renoviert werden die Fliesen sind gerissen, so kann man nicht leben. Oder ein neuer Fernseher Markus bekommt von dem alten Bildschirm Kopfschmerzen.
Verena öffnete den Kühlschrank, sah die Schale mit kalten Kartoffeln und schloss die Tür wieder. Hunger hatte sie keinen.
Ein sanftes Miau ertönte von unten. Lotte eine flauschige graue Katze mit weißem Fleck auf der Brust schmiegte sich an Verenas Beine, streckte den Rücken und schnurrte laut.
Hallo, Kleine, Verena hob die Katze hoch, vergrub das Gesicht im warmen Fell. Hast du auf mich gewartet?
Lotte stieß mit dem Kopf gegen ihr Kinn und schnurrte noch lauter. Vor acht Jahren hatte Gertrud sie als Kätzchen vor dem Haus gefunden. Nun war Lotte eine stattliche Dame mit dichtem Fell und der Angewohnheit, nur auf Weichem zu schlafen.
Verena trug Lotte ins Schlafzimmer, legte sich aufs Bett, und die Katze rollte sich sofort an ihrer Seite zusammen. In dieser Wohnung, wo jeder Schritt kommentiert und kontrolliert wurde, war die Katze das einzige Wesen, das sich einfach über Verena freute. Ohne Vorwürfe, ohne stumme Kritik.
Sie strich über das weiche Fell und dachte daran, dass es nur noch ein halbes Jahr, höchstens acht Monate dauern würde dann würden sie ausziehen. Ganz bestimmt.
Doch die kommenden Monate wurden schwierig. Die Veränderungen schlichen sich langsam ein. Erst schimpfte Gertrud Lotte, weil sie auf den Küchentisch sprang. Dann wurde sie aus dem Wohnzimmer verbannt überall Haare, man kann kaum atmen. Schließlich durfte sie nicht mehr auf dem Sofa schlafen.
Das ist ein Möbelstück, kein Katzenbett! Sie kann auf dem Boden schlafen, das schadet ihr nicht.
Verena kaufte Lotte ein weiches Körbchen, doch die Katze drückte sich trotzdem in die Ecken, zuckte bei lauten Geräuschen zusammen. Früher streifte sie frei durch die Wohnung, jetzt huschte sie nur noch vorsichtig umher, um Gertrud nicht zu begegnen.
Eines Abends saß Verena im Sessel, Lotte auf dem Schoß, scrollte am Handy. Die Katze schnurrte und schob den Kopf unter ihre Hand.
Verena!
Gertrud stand in der Tür, das Gesicht voller Empörung.
Nimm das Tier weg! Wie oft soll ich es noch sagen du sollst sie nicht herumtragen! Überall Haare, und Flöhe…
Lotte hat keine Flöhe, Verena streichelte weiter. Ich bringe sie alle sechs Monate zum Tierarzt.
Trotzdem! Es ist ein Tier, verstehst du? Ein Tier! Du sollst nicht so ein Theater machen!
Lotte spannte sich an, legte die Ohren an. Verena setzte sie auf den Boden, und die Katze flüchtete sofort unters Bett.
Gertrud nickte zufrieden und ging. Verena ballte die Fäuste, die Nägel drückten sich in die Handflächen.
Die Ersparnisse wuchsen langsam. Bald würde es für die Anzahlung reichen. Verena durchstöberte Immobilienportale, speicherte Angebote, rechnete Raten aus. Eine kleine Einzimmerwohnung am Stadtrand nichts Besonderes, aber ihr eigenes. Und Lotte würde sie mitnehmen, ganz sicher. Die Katze dürfte dann auf dem Sofa liegen, auf dem Kissen schlafen, durch die ganze Wohnung streifen.
Bald, Kleine, flüsterte Verena, wenn Lotte nachts zu ihr kam und sich an sie kuschelte. Bald ziehen wir aus. Halte noch ein wenig durch.
Der Abend begann wie immer. Verena kam von der Arbeit, zog sich um, öffnete die Banking-App um den Kontostand zu prüfen.
Und erstarrte.
Fast das ganze Geld war verschwunden…
Markus!
Ihr Mann erschien in der Tür, das Gesicht voller Schuld. Er sah immer so aus als würde er sich schon im Voraus entschuldigen.
Verena, ich wollte es dir sagen…
Wo ist das Geld?
Mama… Der Arzt hat ihr eine Kur am Meer empfohlen. Fürs Herz, verstehst du? Sanatorium, Behandlungen… Sie fühlt sich wirklich schlecht, und ich dachte…
Du dachtest, Verena lachte, aber es klang bitter und gebrochen. Du dachtest! Seit zwei Jahren sparen wir auf eine Wohnung, zwei Jahre! Und immer gibt es einen Grund, das Geld auszugeben!
Verena, es ist doch meine Mutter…
Und wer bin ich? Wer bin ich in dieser Familie, Markus?
Er schwieg. Stand da, den Blick gesenkt, trat von einem Fuß auf den anderen. Ein dreißigjähriger Mann, der seiner Mutter nie nein sagen konnte. Der ihr erlaubte, über ihr gemeinsames Geld zu bestimmen. Der…
Hast du jemals, Verena trat ganz nah an ihn heran, auch nur einmal zu mir gehalten? Auch nur einmal gesagt, dass wir auch ein Recht auf unser Leben haben?
Markus hob den Blick. Darin schwammen Verwirrung und etwas wie Flehen.
Sie ist meine Mutter, Verena. Ich kann nicht…
Du kannst nicht. Du konntest noch nie.
Verena drehte sich weg und ging ins Schlafzimmer. Schlug die Tür zu, lehnte sich dagegen, schloss die Augen.
Ein leises Kratzen Lotte kam zu ihr, schmiegte sich an ihre Hand.
Verena legte sich aufs Bett, und die Katze kuschelte sich sofort an sie, legte den Kopf auf ihre Hand. Das einzige Wesen in dieser Wohnung, das sie wirklich brauchte.
Sie strich über das graue Fell und starrte an die Decke. Tränen liefen über ihre Schläfen und versickerten im Haar.
…Der Morgen begann mit ungewohnter Stille. Normalerweise klapperte Gertrud mit Geschirr, drehte den Fernseher laut auf, redete mit sich selbst. Heute nichts.
Verena trat aus dem Zimmer und blieb stehen.
Gertrud stand im Flur mit einem großen Müllsack. Aus dem Sack ragte die Ecke von Lottes Katzenklo.
Wo ist Lotte?
Die Schwiegermutter zog die Augenbrauen hoch, als wäre sie wirklich überrascht.
Lotte? Ach, die Katze. Ich habe sie rausgebracht.
Was?
Sie hat mich genervt. Überall Haare, schreit nachts, frisst wie ein Scheunendrescher. Acht Jahre habe ich sie ertragen, jetzt reichts. Sie kommt draußen schon klar, Katzen sind zäh.
Gertrud sprach ruhig, fast gleichgültig als ginge es um einen kaputten Stuhl oder alten Teppich.
Sie haben… Sie haben die Katze rausgeworfen?
Nicht rausgeworfen, rausgelassen. Soll sie Mäuse fangen. Sie hat sich zu sehr an dich gewöhnt! Immer nur bei dir! Jetzt soll sie draußen leben, dann merkt sie, was sie verloren hat!
Verena wusste nicht, wie sie auf die Straße kam. Hausschuhe, Schlafanzughose, Markus T-Shirt egal. Hof. Hauseingänge. Büsche am Haus.
Lotte! Lotte, Miez-Miez!
Die kalte Winterluft brannte in der Lunge. Die Hausschuhe wurden nass von Pfützen und Matsch. Verena durchsuchte den ganzen Hof, schaute hinter Mülltonnen, unter parkende Autos.
Keller. Die Tür stand offen.
Sie zwängte sich hinein, in die feuchte Dunkelheit, die nach Schimmel und rostigen Rohren roch.
Lotte?
Ein leises, klagendes Miau kam von irgendwo hinter den Rohren.
Verena kämpfte sich durch Gerümpel, Bretter, alte Eimer. Lotte kauerte in einer Ecke zwischen Wand und Rohr, ein kleiner grauer Ball. Die Augen riesig, verängstigt. Als sie Verena sah, miaute die Katze wieder, und es klang wie Weinen.
Komm her, Kleine. Komm zu mir.
Lotte kroch zitternd aus dem Versteck. Verena hob sie hoch, drückte sie an sich. Die Katze klammerte sich mit den Krallen an ihr T-Shirt und schnurrte hektisch, nervös, laut.
Alles gut. Ich hab dich gefunden. Es wird alles gut.
Gertrud stand in der Tür und versperrte den Weg.
Und wohin willst du sie bringen?
Nach Hause.
Ich habe gesagt, die Katze hat hier nichts mehr zu suchen. Sie kommt nicht mehr in meine Wohnung.
Verena blieb vor der Schwiegermutter stehen. Lotte schmiegte sich an ihre Brust, zitterte immer noch.
Lassen Sie mich durch.
Nein. Du hast die Wahl entweder die Katze oder die Wohnung.
Gertrud…
Was? die Schwiegermutter verzog den Mund. Glaubst du, ich merke nicht, wie du mit dem Tier umgehst? Mehr als mit deinem eigenen Mann. Eine Streunerkatze, eine fremde Schwiegertochter ihr passt gut zusammen. Beide meinen, ihr hättet hier Rechte, auf alles Fertige.
Verena trat einen Schritt vor. Gertrud war überrascht, wich einen halben Schritt zurück, das reichte. Verena drängte sich in die Wohnung, die Katze fest an sich gedrückt.
Halt! Wohin?! Was habe ich gesagt…
Verena ging ins Schlafzimmer. Holte die Reisetasche aus dem Schrank, begann, Sachen einzupacken. Wäsche, T-Shirts, Jeans. Dokumente aus der Schublade. Handy-Ladekabel.
Gertrud tauchte in der Tür auf.
Was machst du da?
Ich packe. Sieht man doch.
Und wohin willst du gehen?
Verena schloss die Tasche, holte die Transportbox aus dem Abstellraum. Lotte kletterte von selbst hinein, als wüsste sie, dass es Zeit war zu gehen.
Verena, Markus stand hinter seiner Mutter. Lass uns reden. Mach das nicht…
Doch, Markus. Genau so muss es sein.
Sie ging an beiden vorbei, ohne sich umzudrehen. Tasche über der Schulter, Transportbox in der Hand.
Draußen zückte sie das Handy, wählte eine Nummer.
Maria? Hier ist Verena. Kann ich ein paar Tage bei dir unterkommen? Ja, es ist etwas passiert. Ich erzähle dir alles. Danke.
Das Taxi kam nach sieben Minuten. Verena stieg hinten ein, stellte die Box neben sich. Lotte sah sie durch das Gitter an, und in den grünen Katzenaugen war keine Angst. Nur Vertrauen.
Maria empfing sie mit Teekanne und einer Dose Kekse. Hörte zu, schüttelte den Kopf, schenkte noch Tee nach. Lotte gewöhnte sich schnell schnupperte in den Ecken, fand einen Sonnenfleck auf der Fensterbank, rollte sich zusammen.
Bleib so lange du willst, sagte Maria.
Nach drei Tagen fand Verena eine Wohnung. Eine kleine Einzimmerwohnung in einem Altbau, mit Blick auf die Industrie und lauten Nachbarn oben. Dafür günstig und Haustiere erlaubt.
Sie brachte ihre Sachen mit dem Taxi, stellte Lottes Klo ins Bad, die Näpfe in die Küche. Die Katze streifte durch die leere Wohnung, rieb sich an den kahlen Wänden, miaute.
Wir gewöhnen uns schon, Verena setzte sich zu ihr auf den Boden. Wir kaufen Möbel. Hängen Gardinen auf. Es wird gemütlich.
Lotte kletterte auf ihren Schoß und schnurrte.
Die Scheidung unterschrieb Markus ohne Widerrede. Es gab nichts zu teilen die Ersparnisse waren weg, gemeinsames Eigentum hatten sie nicht. Gertrud, so hörte Verena von Bekannten, erzählte überall, die Schwiegertochter sei undankbar und wegen einer Katze gegangen.
Verena widersprach nicht. Im Grunde stimmte es.
Das Jahr verging langsam und doch wie im Flug. Arbeit, Wohnung, Wochenenden mit Buch auf dem Sofa. Lotte schlief an ihren Füßen, begrüßte sie abends im Flur, schnurrte am Abend. Das Geld wuchs diesmal wirklich, ohne plötzliche Ausgaben für Kuren und Fernseher.
Im Frühling fand Verena eine neue Wohnung. Eine kleine Einzimmerwohnung im Neubau, mit breitem Fensterbrett zum Sitzen und einem Balkon für Blumen.
Kaufvertrag, Kredit, endlose Unterschriften. Und dann der Schlüssel. Der Schlüssel zu ihrer eigenen Wohnung.
Verena öffnete die Tür, ließ Lotte hinein. Die Katze inspizierte die leeren Räume, schnupperte in jeder Ecke. Sprang aufs Fensterbrett, setzte sich, den Schwanz um die Pfoten geschlungen, und sah ihre Besitzerin an.
Und, wie gefällt es dir?
Miau, antwortete Lotte.
Verena setzte sich zu ihr auf den Boden. Draußen ging die Sonne unter, tauchte das Zimmer in warmes, goldenes Licht. Leere Wände, staubiger Boden, der Geruch von Farbe und Neuanfang.
Zwei Jahre in fremder Wohnung. Ein Jahr zur Miete. Und jetzt ihr eigenes Zuhause.
Lotte sprang vom Fensterbrett, kletterte auf Verenas Schoß, schmiegte sich an ihr Kinn. Das Schnurren erfüllte den Raum, hallte von den kahlen Wänden wider.
Verena lächelte und kraulte die Katze hinter dem Ohr.
Das Beste, was aus dieser Ehe geblieben war, lag jetzt auf ihrem Schoß und schnurrte laut. Und manchmal ist das, was bleibt, genau das, was man wirklich braucht.





