Als der Regen gegen die Fensterscheiben trommelte und die Tropfen wie Tränen hinunterliefen, hörte Valentina das Lied von Anna German: Was soll man da schon machen, du hast eine andere getroffen Unwillkürlich rollten ihr die Tränen über die Wangen, ohne dass sie es bemerkte. Dieses Lied konnte sie nicht ruhig anhören es erinnerte sie zu sehr an ihr eigenes Schicksal.
Die Bitterkeit ungerechter Kränkung brennt tief in der Seele. Wenn man die Situation nicht ändern kann, sucht man Trost und Verständnis sogar in Liedern.
Valentina lebte in einer kleinen Kreisstadt, wo fast jeder jeden kennt. Einst war sie aus dem Dorf gekommen, um an der Medizinische Fachschule zu studieren, und blieb dann einfach dort.
Mein Kind, komm nach dem Studium nicht zurück, hatte ihre Mutter gesagt. Nicht, weil wir dich nicht brauchen, sondern weil es hier auf dem Dorf nichts für dich gibt. Die Jugend zieht in die Stadt also bleib auch du dort. Und wenn Gott will, findest du einen einheimischen Jungen und heiratest.
Ja, Mama, daran habe ich auch schon gedacht. Es tut mir leid, euch zu verlassen, aber ich muss mein eigenes Leben beginnen.
So blieb Valeska in der Stadt und arbeitete als Krankenschwester im Krankenhaus. Sie war hübsch dunkles, dichtes Haar, blaue Augen, volle Lippen viele beneideten sie. Eines Morgens betrat sie mit einer Infusion das Männerzimmer und sah einen jungen Mann mit einem Gipsarm. Er starrte sie unverhohlen an, neugierig und fasziniert.
Guten Morgen, grüßte sie alle, doch Michael hatte das Gefühl, sie spreche nur zu ihm.
Er war erst am Abend zuvor eingeliefert worden, damals war eine andere Schwester im Dienst. Doch heute war sie da. Michael arbeitete im einzigen großen Betrieb der Stadt. Nach seinem Studium war er als junger Spezialist hierher versetzt worden. Dann war etwas Unvorhergesehenes passiert er war in der Werkstatt ausgerutscht, hatte die Arme verzweifelt ausgestreckt und war auf den Betonboden gefallen. Das Ergebnis: ein gebrochener Arm.
Valeska trat zu ihm und legte die Infusion an. Schweigend beobachtete er, wie geschickt sie arbeitete, und wusste sofort, dass er sie unbedingt näher kennenlernen musste. Sie schwieg ebenfalls, warf ihm aber immer wieder neugierige Blicke zu.
So, das wars. Bleiben Sie ruhig liegen, sagte sie.
Kommen Sie noch mal vorbei?, fragte Michael spontan. Und wie heißen Sie?
Natürlich, ich arbeite ja hier. Ich heiße Valeska, antwortete die Schwester und verließ das Zimmer.
Also Valeska-Valentina, dachte er. Wegen des Bruchs muss ich mich jetzt nicht mehr ärgern. Dafür gibt es hier so eine nette Schwester da wird das Liegen nicht langweilig. Ich muss nur herausfinden, ob sie schon einen Freund hat.
Valeska mochte Michael, aber sie würde sich nie zuerst verraten. Obwohl sie an seinen Blicken merkte, dass er sie auch mochte.
Na ja, das bedeutet noch nichts. Vielleicht hat er schon eine Freundin so gut aussehende Jungs sind selten allein.
Sie beobachtete, wer Michael besuchte. Freunde und Kollegen kamen, aber keine Mädchen. Das beruhigte sie etwas. Michael hingegen träumte schon davon, wie sie nach seiner Entlassung gemeinsam durch die Stadt spazieren würden.
Er ging oft in den Flur, um mit Valeska zu reden, wenn sie zu lange nicht ins Zimmer kam. Abends saßen sie manchmal zusammen und unterhielten sich.
Ich bin nicht von hier, erzählte er ihr. Nach dem Studium wurde ich zum Kombinat geschickt. Zuerst lebte ich im Wohnheim, aber vor Kurzem habe ich eine Wohnung vom Betrieb bekommen. Als Jungfachkraft. Weißt du, wie toll das ist, eine eigene Wohnung zu haben? Allerdings muss ich noch renovieren aber das kommt mit der Zeit.
Ja, das ist schön. Ich wohne noch im Wohnheim auch nicht das Beste. So viele verschiedene Leute, manchmal ist es sehr laut, vertraute Valeska ihm an.
Bald wurde Michael entlassen, ging aber noch lange zur Nachsorge in die Klinik. Doch nun war er zu Hause, und sie trafen sich regelmäßig. Allerdings dauerte es lange, bis er ihr einen Heiratsantrag machte. Entweder war er noch nicht reif für diesen Schritt, oder es gab andere Gründe aber erst nach über zwei Jahren heirateten sie.
Valeska liebte ihn auf eine besondere Weise. Sie wagte kaum zu atmen, wenn er da war, geschweige denn einen anderen Mann anzuschauen. Doch sie wartete geduldig auf den ersehnten Antrag. Und dann kam der Tag. Allerdings ohne große Feierlichkeit er sagte einfach:
Vale, wir sind schon so lange zusammen. Lass uns heiraten.
Lass uns, antwortete sie sofort und lachte glücklich. Er verstand, dass sie schon lange darauf gewartet hatte.
Die Hochzeit war bescheiden für damalige Verhältnisse ganz normal. Immerhin kam ihre Mutter aus dem Dorf und Michaels zwei Schwestern reisten an. Es wurde fröhlich gefeiert. Alle Freundinnen und Kolleginnen beneideten Valeska.
Na, Vale, so einen Mann hast du ergattert klug, aufmerksam und noch dazu gut aussehend!
Sie lebten in seiner Zweizimmerwohnung, renovierten gemeinsam, und dann bekamen sie nacheinander zwei Töchter.
Vale, ich möchte einen Sohn, sagte ihr Mann. Doch sie hatte bereits beschlossen, nicht noch einmal zu gebären. Zwei Töchter reichten sie mussten großgezogen werden.
Manchmal fuhren sie in den Urlaub ans Meer. Sie lebten gut, Michael verdiente genug. Oft besuchten sie Valeskas Mutter im Dorf im Sommer war es dort wunderschön. Sie sammelten Pilze, gingen mit den Kindern an den Fluss und halfen bei der Heuernte. Selbst im Winter gefiel es ihnen dort sie fuhren Ski. Die Zeit verging, und nichts deutete auf Unheil hin.
Michaels Arbeit war sehr verantwortungsvoll. Manchmal wurde er sogar am Wochenende gerufen. Dann fluchte er, packte seine Sachen und fuhr los. Doch eines Tages kam er so müde und wütend nach Hause, dass er seiner Frau an den Kopf warf:
Ich kündige! Alles hier nervt mich. Am Wochenende will ich mich ausruhen, und dann das
Sein Chef ließ ihn nur widerwillig gehen Michael war ein hervorragender Fachmann. Er fand einen neuen Job, allerdings mit einem Haken: Er musste nun häufiger auf Dienstreisen.
Vale, da kann man nichts machen. Ich muss jetzt viel unterwegs sein, aber dafür ist das Gehalt gut.
Na ja, dann müssen wir halt durchhalten. Du bleibst ja nicht monatelang weg.
Die Zeit verging. Michael arbeitete schon lange in dem Job und reiste oft mal für drei Tage, manchmal eine Woche. Doch in letzter Zeit fiel Valentina auf, dass er häufiger Alkohol trank, später von der Arbeit oder von Dienstreisen zurückkam. Er hatte sich angewöhnt, auszuspannen.
Fünfzehn Jahre lebten sie nun zusammen, die Töchter wuchsen heran. Valentina äußerte ihrem Mann gegenüber ihr Missfallen.
Mich, was ist bloß mit dir los? Früher warst du nicht so und hast sogar die verurteilt, die trinken. Und jetzt kommst du selbst oft betrunken nach Hause.
Lass mich in Ruhe! Unser Leben ist langweilig da muss ich mich selbst amüsieren.
Die Stadt war klein, und es fanden sich wohlmeinende Menschen.
Valentina, merkst du wirklich nichts an deinem Mann? Der hat es faustdick hinter den Ohren!, sagte ihr eines Tages ihre Kollegin Tanja. Meine Freundin Rita hat mit ihm in der Sauna gefeiert und es mir erzählt. Die beiden treffen sich schon lange er fährt erst zu ihr, bevor er nach Hause kommt.
Tanja, ist das wahr?, fragte sie entsetzt. Ich sehe zwar, dass er manchmal spät heimkommt, aber ich dachte, er sitzt mit Kollegen irgendwo. Mein Gott, wie eklig
Immer mehr Leute erzählten es ihr. Sie stritt sich mit Michael, er schrie:
Du gehst mir mit deinem Misstrauen auf die Nerven! Ich lebe, wie ich will!
Der letzte Strohhalm war, als er sie schlug.
Ich lasse mich scheiden, sagte Valentina, als die Tränen versiegten.
Sie betrat das Zimmer und sah, wie Michael seine Sachen packte. Im Fernsehen sang Anna German: Was soll man da schon machen, du hast eine andere getroffen Die Worte trafen sie wie ein Messer. Sie setzte sich auf das Sofa. Michael nahm seine Tasche und sagte ruhig:
Ich verlasse dich. Ich gehe zu einer anderen. Die Wohnung lasse ich dir und den Mädchen. Ich weiß, es wird schwer für dich wohin sollst du schon? Dann ging er, die Tür leise hinter sich schließend.
Valentina dachte, sie hätte keine Tränen mehr, doch sie kamen mit neuer Wucht. Zeit verging.
Ich lasse mich scheiden, dachte sie. Was bin ich jetzt? Keine Ehefrau, keine Witwe.
Viele Bekannte verurteilten Michael. Valentina blieb allein zurück ohne Mann, mit Kindern, jung und hübsch. Die erste Zeit war schwer, voller Kränkung. Doch die Zeit heilte. Jahre vergingen. Die Töchter wurden erwachsen, die Älteste heiratete und zog mit ihrem Mann in die Großstadt.
Die Mutter hatte es vorausgesehen die Tochter verliebte sich.
Mama, sagte die Jüngere, ich verlasse dich nicht. Du wärst sonst zu einsam.
Schon gut, Kind. Das Leben ist unberechenbar. Vielleicht verliebst du dich noch in einen Zugereisten, und dann
Genau so kam es.
Mama, du hast es geahnt!, rief die jüngere Tochter fröhlich. Pascal hat mir einen Antrag gemacht, und ich habe ja gesagt. Wir lieben uns.
Das ist schön. Ich freue mich für euch, sagte sie. Doch die Tochter zögerte. Was willst du noch sagen, Kind?
Mama wir ziehen zu ihm in die Stadt. Er besteht darauf. Dort gibt es mehr Möglichkeiten. Die Tochter sprach bedrückt, aus Angst, ihre überschwängliche Freude zu zeigen.
Doch Valentina tat so, als merke sie nichts, und erinnerte an ihr früheres Gespräch.
Fahr nur, Kind. Ich habe nichts dagegen dafür könnt ihr mich besuchen. Hauptsache, du bist glücklich. Pascal scheint ein guter und zuverlässiger Mann zu sein.
Zur Hochzeit lud die jüngere Tochter auch Michael ein ihren Vater. Mit ihm hatte sie noch Kontakt, während die Ältere ihn nie verziehen hatte. Als Valentina an den friedlich plaudernden Männern vorbeiging, hörte sie zufällig, wie ihr Ex-Mann zu Pascal sagte:
Pascal, ich sage es dir wie einem Beichtkind und gebe dir den Rat: Lebe mit einer Familie und beginne niemals eine zweite. Was auch kommt halt durch und bleibe. Das rate ich dir aus eigener Erfahrung.
Valentina dachte:
Er hat also auch seinen Kelch des Leids getrunken. Es ist nicht alles so glatt gelaufen
Die Zeit verging. Valentina hatte die Depression längst überwunden. Manche unterstützten sie, andere heuchelten Mitleid vielleicht, um später darüber zu lachen. Doch egal, sie hatte alles überstanden.
Nun war sie in Rente, und ihr Ex-Mann war auch schon älter. Manchmal trafen sie sich sie lebten ja in derselben Stadt. Was ihr einst wie eine Tragödie vorkam, wurde mit den Jahren zur Dramödie und nun war es ihr gleichgültig oder brachte sie sogar zum Lächeln.
Doch wenn sie das Lied hört Was soll man da schon machen, du hast eine andere getroffen kommen ihr noch immer die Tränen. Doch das ist nur Sentimentalität.





