Fremde Einsamkeit: Das Leben der Valentina – Zwischen Pflichtgefühl, harter Arbeit und verlorener Nähe in einem deutschen Pflegeheim

Fremde Einsamkeit

Ich, Heinrich, lag reglos da und hörte, wie die Uhr auf dem Nachttisch meiner Zimmernachbarin tickte.

Tick-tack.

Tick-tack.

Jeder Schlag erinnerte mich erbarmungslos daran, dass alles bald vorbei sein würde.

Draußen war September. Der Himmel war grau, verschmolz mit der grauen Wand des gegenüberliegenden Gebäudes. Es schien, als hätte jemand die Welt in Hoffnungslosigkeit getaucht.

***

Ich war nie ein schlechter Mensch. Doch in meinem Leben gab es immer etwas, das wichtiger war als meine Kinder.

Dieses Etwas schrie ständig: Sofort!, Beeil dich!, Du schaffst es sonst nicht!

Also arbeitete ich. Mein ganzes Leben lang. Für sie.

Noch heute habe ich den Geruch des Wochenmarkts in der Nase: feuchte Kälte, der strenge Duft von Kohl und fauligem Gemüse.

Frühmorgens, wenn ich schon an meinem Stand stand und mir die löchrigen Handschuhe über die klammen Finger zog, schliefen meine Tochter und mein Sohn in der warmen Wohnung.

Für ihren Komfort zahlte ich mit meinem hart verdienten Geld. Ihr ruhiger, warmer Schlaf war meine Pflicht, mein Ziel, meine Belohnung.

***

Die Gespräche mit den anderen Marktfrauen drehten sich immer um das Gleiche:

Die Kinder sind schon wieder erkältet, klagte die rundliche Gisela vom Nachbarstand. Ich habe die ganze Nacht Fieber gemessen. Schrecklich. Ich kann kaum arbeiten

Ich nickte nur stumm und zählte das Kleingeld.

Ich verstand Gisela nicht.

Wirklich nicht! Was ist wichtiger? Die laufende Nase eines Kindes oder das Geld, mit dem man Medizin und neue Schuhe kaufen kann?

Für mich war die Antwort klar.

***

Einmal, da war Lukas etwa zehn und Marie sieben, kamen sie am Wochenende zum Markt. Ich war müde, aber zufrieden mit dem Umsatz, und gab ihnen je eine Brezel und einen Becher heißen Tee aus der Thermoskanne. Sie saßen auf einer Kiste hinter dem Stand, klein, glücklich, und schauten mich bewundernd an.

Papa, dürfen wir dir helfen? fragte mein Sohn voller Eifer.

Helfen? schmunzelte ich. Na gut, rechne mal aus, wie viel Wechselgeld ich geben muss?

Ich drückte ihm einen Stapel knisternder Scheine in die Hand.

Lukas runzelte konzentriert die Stirn und begann zu zählen. Marie sah ihn stolz an, als würde er eine Staatsaufgabe lösen.

In diesem Moment spürte ich so etwas wie Zärtlichkeit. Doch sofort bremste ich mich:

So ist es richtig. Ich füttere sie nicht nur, ich lehre sie das Leben! Ich bringe ihnen bei, zu überleben.

Und das werden sie lernen. Ganz sicher.

Dafür sorge ich

***

Dann war da noch die Zeichnung. Kleine Marie kam in die Küche gerannt, reichte mir ein Blatt Papier. Darauf eine krakelige Figur mit einer Sonne als Kopf und zwei Strichen als Arme.

Papa, schau, das sind wir! Wir halten uns an den Händen! rief sie vor Freude.

Ich stand am Herd, rührte in der dicken Suppe.

Zehn Stunden auf den Beinen, erschöpft. Im Kopf nur der Gedanke: Morgen vor Ladenschluss noch Jeans für Lukas kaufen, die alten sind hinüber.

Ich warf einen flüchtigen Blick auf das Bild.

Schön gemacht. Geh jetzt spielen. Stör mich nicht, sonst brennt die Suppe an.

Ich sah, wie das Leuchten in Maries Augen erlosch. Wie ihre kleinen Schultern sanken. Aber was hätte ich tun sollen? Die Suppe wartet nicht. Die Jeans kaufen sich nicht von selbst.

Das Bild klebte ich mit Tesafilm an den Kühlschrank. Es hing dort ein paar Tage, bis es von einem neuen Zettel dem Einkaufszettel ersetzt wurde.

***

Eines Abends, Lukas war schon Teenager, versuchte er, rot bis in die Haarspitzen, mit mir über ein Mädchen aus seiner Klasse zu sprechen.

Papa, die Anna aus der 9b sie hat mir geschrieben, er zupfte verlegen an seinem alten T-Shirt.

Ich saß im Sessel, schloss die Augen nach einem langen Tag und winkte ab.

Dafür hast du noch Zeit. Mach erst mal die Schule fertig, dann reden wir. Jetzt lern lieber, damit du später nicht auf dem Bau landest.

Ich war überzeugt, ihm einen vernünftigen, praktischen Rat zu geben. Ich wollte, dass er sich nicht ablenken lässt, stark bleibt.

Und er hat es sich gemerkt.

Marie und Lukas haben alle meine Lektionen verinnerlicht.

***

Sie bauten sich ihr eigenes Leben auf, ohne Platz für Sentimentalitäten. Sie riefen mich zu Weihnachten oder zum Muttertag an. Kurze, höfliche Gespräche.

Hallo Papa, wie gehts?

Geht schon. Und euch?

Auch gut. Bis dann.

Sie kümmerten sich aus der Ferne. Überwiesen mir ab und zu ein paar Euro. Es war praktisch. Es war bequem. Es war meine eigene, hart erarbeitete Methode, die zu mir zurückkam wie ein Bumerang.

***

Dann kam der Schlaganfall.

Ich wachte im Krankenhaus auf. Allein. Die ersten Tage waren ein Nebel aus Ärzten und Medikamentengeruch, doch als der Nebel sich lichtete, bat ich als Erstes um ein Telefon.

Mit zitternden Fingern wählte ich Maries Nummer.

Marie, mein Schatz, hallo, meine Stimme war heiser und schwach. Ich bin im Krankenhaus Schlaganfall.

Am anderen Ende Stille, dann ein genervtes Seufzen.

Papa, wie kann das sein? Ich hab so viel Stress im Büro, Quartalsende, die Kinder sind krank. Ich komm vorbei, wenn ich kann. Ich ruf den Arzt an, frag, was du brauchst. Soll ich dir Geld überweisen?

Geld. Schon wieder Geld

Nein, Marie, flüsterte ich, komm lieber vorbei.

Papa, ich kann wirklich nicht. Versteh das doch. Ich ruf dich morgen an.

Ich rief Lukas an. Mit zitternder Hand.

Sohn, ich liege im städtischen Krankenhaus

Ich weiß schon, Marie hats erzählt. Aber ich hab gerade eine Baustelle, kann nicht weg. Ich überweise dir was, kauf dir, was du brauchst. Gib den Ärzten auch was, damit sie sich kümmern.

Er war praktisch. Wie immer.

So war mein Sohn.

***

Die Tage schleppten sich dahin. Morgens Spritzen, dann Frühstück, das ich kaum essen konnte. Dann stundenlanges Warten.

Im Nachbarbett lag eine alte Dame mit gebrochenem Oberschenkel, deren Tochter jeden Tag kam. Sie brachte selbstgekochtes Essen, Kompott, las ihr vor. Sie lachten, erinnerten sich an früher.

Jedes Mal, wenn ihr Lachen zu mir drang, drückte ich den Kopf ins Kissen. Um nichts zu hören.

Das tat mehr weh als jede körperliche Pein.

Nach einem Monat, als klar war, dass es nicht besser werden würde, kam der behandelnde Arzt, ein junger Mann mit müden, aber freundlichen Augen, zu mir ans Bett.

Herr Weber, sagte er leise und setzte sich. Wir haben alles versucht. Ihr Zustand ist stabil, aber Sie brauchen dauerhafte Pflege, die wir hier nicht leisten können. Wir möchten Sie ins Hospiz verlegen.

Hospiz

Das Wort klang wie ein Urteil. Wie ein Stempel: Überflüssig.

Und meine Kinder? fragte ich leise. Sollen sie entscheiden.

Wir haben sie informiert, antwortete der Arzt verlegen. Sie sind einverstanden. Sie meinen, dort ist es besser für Sie. Rund-um-die-Uhr-Betreuung.

Im Hospiz war es still. Es roch nach Medizin, Sauberkeit und Ausweglosigkeit.

Die Mitbewohnerinnen warteten auf Anrufe von Verwandten. Eine sprach ständig vom Sohn, der bald aus einer anderen Stadt kommen würde.

Ich wartete auf niemanden. Ich hatte verstanden.

Ich hatte eine Welt gebaut, in der Kinder eine Pflicht waren, keine Freude. In der Gefühle Schwäche bedeuteten.

Ich hatte zwei praktische, starke Menschen großgezogen, die einfach taten, was ich ihnen beigebracht hatte. Sich nicht einmischen. Sich nicht belasten.

***

Ich starb langsam. In den letzten Tagen sprach ich kaum noch.

Vor meinen Augen tauchten nicht die Marktstände oder Geldscheine auf

Ich dachte immer wieder an die krakelige Zeichnung mit der Sonne als Kopf, die ich an den Kühlschrank geklebt und dann vergessen hatte; und an das verlegene Gesicht meines Sohnes, der mir etwas Wichtiges erzählen wollte. Und ich schickte ihn weg, zum Lernen

Und immer wieder hallten meine eigenen Worte in meinem Kopf: Kein praktischer Nutzen.

Wie falsch ich lag!

Der Nutzen war da! Riesengroß!

Ich habe ihn nur nicht gesehen. Ich habe Momente gegen Minuten getauscht, das Leben gegen das Überleben.

***

Ich starb früh am Morgen. Die Schwester, die mir die Spritze geben wollte, stellte nur noch den Tod fest. Mein Körper war kalt.

***

Sie riefen die Kinder an.

Zuerst Marie.

Hallo? meldete sie sich verschlafen.

Frau Weber? Hier ist das Hospiz. Ihr Vater, Heinrich Weber, ist heute Nacht verstorben.

Stille. Dann ein hysterisches, aber irgendwie aufgesetztes Schluchzen.

Oh, Papa! Mein Gott! Wie konnte das passieren? Ich muss doch in drei Tagen zur Hochzeit meines Neffen Tickets, Kleid Was machen wir jetzt? Die Beerdigung

Dann riefen sie Lukas an.

Ja?

Herr Weber? Hier ist das Hospiz. Ihr Vater ist verstorben.

Verstanden, die Stimme war völlig ruhig. Können Sie das nicht selbst organisieren? Ich zahle alles. Ich hab gerade zu viel zu tun. Schicken Sie mir die Kontonummer, ich überweise

***

Die Stadt hat mich beerdigt. In einem Gemeinschaftsgrab am Rand des Friedhofs, wo die landen, die niemanden haben.

Ein schlichter Holzkreuz. Ein Namensschild.

Jemand schrieb meinen Namen und die Lebensdaten achtlos darauf

Niemand weinte um mich. Niemand warf eine Handvoll Erde.

Ich habe mein Leben damit verbracht, meinen Kindern das Überleben zu sichern und am Ende starb ich, als hätte es mich nie gegeben.

Denn für die, denen ich das Leben schenkte, war ich nur noch eine Funktion, die man nicht zu schätzen wusste.

Heute weiß ich: Das Leben besteht nicht aus praktischen Lösungen, sondern aus Liebe, die man nicht aufschieben darf.

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Homy
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Die Frau und der Geist im Gemüsegarten