14. November 2024
Heute habe ich es endlich zu Papier gebracht, was mich seit Jahren verfolgt. Meine Mutter, Hel Helmut, war immer die unscheinbare Frau aus unserem Hinterhof in Schwäbisch Hall. Sie war klein, schlank, mit den ersten silbernen Strähnen, die sich in ihr dunkles Haar mischten. Sie arbeitete als Reinigungskraft in einer Hausarztpraxis, verdiente kaum etwas, doch klagte nie. Jeden Morgen stand sie um fünf, putzte noch die Treppenhäuser der Nachbarschaft, um ein bisschen dazu zu verdienen, und bereitete dann noch das Frühstück für mich zu.
Ich war damals fünfzehn, groß und dünn, mit ständig zerzaustem Haar und einem Blick, der schon alles gleichgültig erscheinen ließ. Ich hielt meine Mutter für veraltet, für jemanden, der den Anschluss verpasst hatte: ein abgewetzter Mantel, ein ausgeleierter Schal, Hände voller Risse von den billigen Reinigungsmitteln. Oft schrie ich: Warum haben wir nie Geld? Warum kleidest du dich nicht richtig? Warum leben wir in diesem Dreckloch?
Sie schwieg nur, senkte den Blick und flüsterte: Es tut mir leid, mein Junge ich gebe mein Bestes. Ich rollte mit den Augen und knallte die Tür zu.
Mit achtzehn packte ich alles in einer Nacht, schrieb ihr einen Zettel: Such mich nicht. Ich mach das jetzt alleine. Schreib nicht, ruf nicht. Und fuhr nach Berlin. Drei Tage weinte sie, wischte dann die Tränen weg, nahm noch zwei Nebenjobs an und lebte weiter. Jeden Monat schickte sie ein kleines bisschen Geld auf mein Konto so viel, wie sie beiseitelegen konnte. Ich dankte nie, ich nahm das Geld nur, um es sofort auszugeben.
In Berlin fand ich schnell das einfache Geld. Zuerst als Kurier, dann half ich einem Dealer, dann verkaufte ich selbst. Das Geld kam. Teure Sneaker, ein neues Handy, Partys, hübsche Mädchen wie Anneliese und Liesel. An meine Mutter dachte ich selten und immer mit Ärger: Schon wieder schenkt sie mir ihre letzten Groschen. Wie ein Bettler.
Sie rief einmal im Monat an. Ich nahm selten ab, warf sonst abrupt: Alles okay. Du musst nicht nachfragen. Das letzte Mal hörte ich sie im November. Ihre Stimme war schwach, keuchend. Mein Sohn ich habe Krebs, Stadium vier. Der Arzt sagt, dreivier Monate bitte komm. Ich sagte nur: Jetzt gerade nicht, ich habe Arbeit. Später. und legte auf.
Am 28. Januar verstarb sie allein in der Intensivstation des Kreiskrankenhauses. Eine Nachbarin fand sie bewusstlos zu Hause, rief die Notaufnahme. Ich ließ die Anrufe unbeantwortet. Der Staat übernahm die Beerdigung, ein einfacher Holzkreuz und ein Schild mit ihrem Namen standen auf dem Friedhof.
Einen Monat später fuhr ich zurück, als das Geld aus war und die Freunde sich zerstreuten. Die Polizei war mir auf den Fersen, ein Versteck gab es nicht. Ich kniete vor ihrem Grab, schrie, schlug mit den Fäusten in die kalte Erde, bat um Verzeihung, küsste das eisige Kreuz. Die Nachbarn sagten später, ich käme jeden Tag, saß stundenlang, brachte teure Blumen, die sie zu Lebzeiten nie erhalten hatte, räumte den Schnee, redete mit ihr, weinte wie ein kleines Kind.
Eines Tages kam ich mit einer Flasche, trank die halbe direkt am Grab, den Rest über den Boden goss. Mama ich habe alles verstanden zu spät. Dann richtete ich mich auf, wischte mein Gesicht mit dem Ärmel meines teuren Mantels, den ich mit ihren letzten Überweisungen gekauft hatte, und ging.
Seitdem hat mich niemand mehr in Berlin gesehen. Auf dem Grab blühten das ganze Jahr über frische Blumen, jemand pflegte sie, obwohl keine Verwandten mehr da waren. Die Leute sagen, er komme von irgendwoher, jede Woche, und bitte um Verzeihung. Er bitte sie, noch zu warten.
Jetzt weiß ich endlich: Die Mutter ist das Einzige, das man im Leben nie verlieren darf. Nie. Für kein Geld. Für kein besseres Schicksal. Ich habe es zu spät erkannt, aber ich habe es verstanden.





