Der Novemberwind peitschte wie unsichtbare Messer über die Haut, während vom Rhein ein klammer, markdurchdringender Nebel herüberzog. Zwischen bröckelnden Betonmauern alter Garagen in einem trostlosen Randbezirk von Köln spielte ein fünfjähriger Junge, einsam in der kalten Mittagssonne. Seine Mutter stand am Ende der Einfahrt, das Smartphone ans Ohr gepresst, laut lachend über die neusten Geschichten ihrer Freundin.
Der Junge näherte sich immer weiter dem Abhang zum Fluss, während seine Mutter ganz ihrer Welt verloren blieb. Das Wasser schimmerte an diesem Tag schlammig und unruhig vergangene Regengüsse hatten die Strömung in Aufruhr versetzt. Ein falscher Schritt und der Schrei des Jungen durchschnitt plötzlich den Dunst, als er ins Wasser stürzte, von seinem schweren Anorak sofort hinabgezogen.
Die Mutter verharrte, ganz im Gespräch, warf nur ab und zu einen teilnahmslosen Blick in Richtung des Flusses.
Im Wasser kämpfte der Junge verzweifelt; er japste, schlug um sich, verschluckte Wasser, während die eisige Kälte ihm die Luft raubte.
Da zeigte sich am gegenüberliegenden Ufer plötzlich eine Gestalt ein Mann, den die Nachbarschaft nur gemieden und geflüstert kannte. Mager, zottelig, mit eingefallenem Blick. Sie nannten ihn Herr Ehrlich. Niemand kannte seinen richtigen Namen. Er hauste seit Monaten in einer verlassenen Hütte hinter Bahngleisen, mit einer alten Decke und kaum mehr als ein paar Münzen in der Tasche.
Er hörte den Schrei des Kindes und ohne ein Zögern warf er sich in seiner schmutzigen Kleidung in den wirbelnden Rhein. Das Wasser prügelte auf ihn ein, schlug gegen seine Beine, doch unbeirrt kämpfte er sich durch die Strömung. Schließlich packte er den Jungen am Kragen und zog ihn keuchend ans Ufer.
Der Junge war blass und zitterte, klammerte sich schluchzend an Ehrlich. Der wickelte den Jungen in seinen fadenscheinigen Mantel und trug ihn ans andere Ufer, hinauf zu den Garagen.
Erst da, als die beiden vor der Tür standen, fiel der Mutter der nasse, verstörte Sohn auf. Sie ließ ihr Handy fallen; ihre Stimme gellte scharf durch die Kälte:
Was fällt Ihnen ein, meinen Sohn anzufassen?! Verschwinden Sie, Sie Penner!
Er stand kurz davor zu ertrinken
Das wäre noch besser gewesen, als dass er von IHNEN angefasst wird!
Ehrlich blickte sie verständnislos an. Verletzung und Sorge kehrten in seinen Blick zurück, als er auf den schreienden, zitternden Jungen und die emotionslose Mutter schaute. Die Logik des Augenblicks löste sich auf; alles wirkte wie in einem banalen Alptraum.
Da tat Ehrlich etwas, womit niemand gerechnet hätte. Etwas, das nur im Traum Sinn ergibt und dennoch richtig war
Mit einer merkwürdigen Ruhe zog er den Jungen wieder näher an sich, drehte sich wortlos um. Die Mutter brüllte auf, wagte aber nicht, näherzukommen.
Geradeaus ging er, suchte das kleine Haus am Ende des Blocks auf, in dem Frau Bäumer lebte eine alte Rentnerin, bekannt für ihre freundlichen, wachsamen Augen. Er klopfte mit roten Fingern an die Tür.
Helfen Sie dem Jungen, keuchte er. Rufen Sie die Polizei. Die Mutter hätte ihn beinahe Sie haben alles gesehen.
Frau Bäumer zögerte keine Sekunde, griff sofort zum Telefon. Wenige Minuten später traf die Polizei ein; die Mutter tobte, überschüttete Ehrlich und die Behörden mit Schimpftiraden. Aber Ehrlich schilderte alles sachlich, ließ kein Detail aus.
Nach der Untersuchung entzog das Jugendamt der Mutter das Sorgerecht. Der Junge durfte zunächst bei Frau Bäumer bleiben, später kam er in eine Pflegefamilie.
Herr Ehrlich verschwand. Niemand sah ihn je wieder in der Nachbarschaft. Erst Monate danach wurde seine Geschichte zur Legende unter den Straßenlaternen: Der Unbekannte, der das Kind aus den Fluten gerettet hatte ein Kind, das vielleicht nie eine Chance gehabt hätte, bei so einer Mutter zu überleben.



