Ich hab einen Witz gemacht, und sie hat die Hochzeit abgesagt!

Liselotte, hör doch endlich auf! Mach die Tür auf!

Liselotte schob die Tür nur einen Spalt breit, gerade genug, um den Koffer den Flur hinunterzurollen. Andreas stand im Eingangsbereich, grinste, als wäre nichts geschehen.

Hey, Süße! Was, bist du sauer? Ich hab nur einen Scherz gemacht!

Sie griff in die Tasche, ließ den Verlobungsring auf den Koffer fallen.

***

Entschuldigung, können Sie mir bitte sagen, wo die Garderobe ist? Liselotte drehte sich um und traf den Blick eines jungen Mannes, der sie ansah, als wäre sie das einzige Wesen in diesem lauten Messesaal in Berlin.

Da drüben, hinter der Säule, wies sie mit der Hand zum Ausgang, doch er blieb stehen.

Andreas, zog er ein Lächeln über die Lippen. Eigentlich kenne ich den Weg, ich wollte nur nicht nach einer Ausrede suchen, um mit dir zu reden.

Liselotte lachte ehrlich, überrascht von seiner Offenheit. In seinen Augen funkelte ein Licht, die Grübchen auf den Wangen ließen ihn wie einen Jungen wirken, obwohl breite Schultern und eine selbstbewusste Haltung ihn eindeutig als Erwachsenen kennzeichneten.

Liselotte. Das war wohl die schlechteste Anmache, die ich je gehört habe.

Aber sie hat funktioniert, zwinkerte er. Lust auf einen Kaffee? Hinter der Ecke gibts ein nettes Café, und diese moderne Kunstausstellung bringt mich an den Rand eines ExistenzKrises.

Sie stimmte zu, ohne zu wissen warum. Vielleicht war es seine unverblümte Ehrlichkeit, vielleicht sein eindringlicher Blick, als würde jedes ihrer Worte für ihn eine Bedeutung haben.

Im Café redeten sie vier Stunden. Andreas war SoftwareEntwickler, hielt Hunde, verabscheute morgendliche Joggen und kochte nach seiner Aussage leckere Spaghetti Carbonara. Liselotte merkte, wie sie sich zu ihm hinüberlehnte, lachte lauter, als ihr Handy die ganze Zeit unberührt blieb.

Als er sie zur UBahn begleitete und nach ihrer Nummer fragte, schlug ihr Herz bis zum Hals.

Ich ruf morgen an, sagte Andreas. Nicht in drei Tagen, wie in diesen PickupRatgebern. Morgen. Weil ich deine Stimme wirklich hören will.

Und er rief pünktlich um neun Uhr morgens.

Die nächsten Monate wirbelten wie ein Sturm. Sie trafen sich täglich nach der Arbeit, in der Mittagspause, am Wochenende vom frühen Morgen bis spät in die Nacht. Andreas schenkte ihr Blumen ohne Anlass, lernte ihre Lieblingsbücher und -filme, kochte CandleLightAbendessen. Er lauschte ihren Erzählungen vom schwierigen Kunden im Büro, als würde er ein Staatsgeheimnis vernehmen.

Bist du wirklich echt?, fragte Liselotte eines Abends, als sie gemeinsam auf ihrem Sofa lagen, die Beine verheddert.

Andreas drückte einen Kuss auf ihre Stirn.

Teste so oft, wie du willst. Du darfst mich sogar zwicken.

Sie testete. Sie suchte nach einer Falle, erwartete, dass die Maske fallen würde. Doch Andreas blieb er selbst warm, witzig, verlässlich. Er reparierte den Wasserhahn in ihrem Bad, obwohl sie nicht darum gebeten hatte. Er brachte Suppe, wenn sie krank war.

Zieh zu mir, platzte Liselotte eines Abends heraus.

Andreas erstarrte mit einer Gabel halb im Mund.

Meinst du das ernst?

Wir hängen doch ständig zusammen. Wozu zwei Wohnungen zahlen?

Er legte die Gabel beiseite, ging um den Tisch und kniete sich vor sie hin.

Ich habe nur darauf gewartet, dass du das zuerst sagst. Ich wollte nicht drängen.

Der Umzug dauerte einen Tag. Andreas brachte zwei Koffer, einen Laptop und eine Kaffeemaschine, die er feierlich als Beitrag zum gemeinsamen Haushalt erklärte. In der ersten Nacht, die sie nun teilten, schlief Liselotte mit einem Lächeln ein.

Das Zusammenleben erwies sich als erstaunlich leicht. Sie teilten die Aufgaben: Er kochte, sie spülte. Andreas brachte den Müll raus, Liselotte goss die Pflanzen. Samstags lagen sie bis mittags im Bett, sonntags spazierten im Park oder schauten Serien, eingewickelt in eine Decke.

Nach einem halben Jahr gemeinsamer Zeit machte Andreas den Antrag. Er führte sie in ein gemütliches Restaurant mit LiveMusik und Kerzen. Liselotte bemerkte, dass er bereits die dritte Serviette zerrissen hatte.

Liselotte, zog er eine samtige Schachtel aus der Tasche, und ihr Herz stockte. Ich habe eine Rede geübt, drei Entwürfe geschrieben. Und jetzt ist alles weg.

Sie hielt die Hand vor den Mund, Tränen stiegen ihr in die Augen.

Sag einfach er öffnete die Schachtel, ein feines goldenes Band mit einem kleinen Diamanten funkelte im Kerzenlicht. Sag ja, dass du mich heiratest.

Ja, hauchte sie. Ja, Gott sei Dank!

Andreas setzte den Ring mit zitternden Händen an ihren Finger. Liselotte fühlte, dass sie nie glücklicher gewesen war. Auf dem Heimweg planten sie die Hochzeit. Sie wollte eine kleine Zeremonie, er stimmte zu, solange sie lächelte.

Die folgenden Wochen verschwammen in einem süßen Nebel aus Plänen und Träumen. Sie suchten Locations, diskutierten die Gästeliste, stritten über die Flitterwochen. Jeden Morgen sah Liselotte das Band an ihrem Finger und konnte ihr Glück kaum fassen.

Alles schien perfekt. Zu perfekt

Eines Morgens erwachte Liselotte von Kälte. Sie griff nach Andreas, fand jedoch nur ein leeres, zerknittertes Laken. Das Licht drang durch die Vorhänge, die Uhr zeigte acht Uhr, Samstag. Normalerweise schliefen sie bis zehn.

Andreas? rief sie, setzte sich im Bett auf.

Stille.

Sie stand, zog einen Bademantel an und durchstreifte die Wohnung. Das Bad war leer, die Küche hatte einen kalten Wasserkocher, niemand hatte gefrühstückt. Seine Turnschuhe und Jacke waren verschwunden. Auf dem Nachttisch lag das Handy. Sie öffnete den Bildschirm, sah das grüne OnlineSymbol neben seinem Namen.

Wo bist du? Warum bist du so früh weg?

Nachricht gesendet. Zwei graue Häkchen zugestellt. Sie starrte aufs Display, bis die Augen schmerzten.

Fünf Minuten. Zehn. Fünfzehn.

Liselotte machte Tee, obwohl sie keinen Durst hatte. Sie schaltete den Fernseher ein, aus, nahm das Handy wieder immer noch online, immer noch stumm. Zwanzig Minuten, fünfundzwanzig.

Endlich blinkte ein Eingehendes.

Ichm Bahnhof.

Sie runzelte die Stirn, las erneut.

Welcher Bahnhof? Was ist los?

Die Antwort kam schnell, aber besser hätte sie nie erfahren sollen.
Ich wollte dir das nicht sagen, aber ich gehe für fünf Jahre ins Ausland. Vergiss mich.

Die Buchstaben tanzten vor ihren Augen. Sie las die Nachricht ein, zweimal, ein drittes Mal vielleicht ein Scherz? Ein dummer Streich? Das grüne Symbol erlosch, und nichts mehr kam.

Sie wählte Andreas Nummer. Lange Besetzt, dann Aufgelegt. Noch einmal dasselbe. Sie schrieb:

Andreas, was ist los? Ruf mich bitte.

Die Nachricht blieb ungelesen. Das Telefon fiel aus ihrer Hand und schlug dumpf auf den Teppich. Liselotte kauerte sich an die Wand, umklammerte die Knie und brach in lautes, hässliches Schluchzen aus.

Wie? Warum? Sie hatten doch ihr Glück gefunden. Sie war sich sicher, dass sie glücklich waren.

Die erste Woche verging in Nebel. Liselotte nahm Krankmeldung, weil sie nicht aus dem Bett kommen konnte. Sie spielte jedes Gespräch, jede Geste, jedes Wort in ihrem Kopf durch, suchte den Moment, in dem alles schiefgelaufen war. Habe ich zu viel von der Hochzeit gesprochen? Zu sehr gedrängt?

Am fünften Tag zwang sie sich zu essen Joghurt und ein Stück Brot. Der Geruch normaler Nahrung ließ ihr übel werden. Tee war das Einzige, was sie schlucken konnte.

Am zehnten Tag bemerkte sie, dass sie laut mit sich selbst sprach, stellte Fragen an die leere Wohnung, entschuldigte sich bei seinem Foto auf dem Handy.

Entschuldige, wenn ich etwas falsch gemacht habe. Sag mir bitte, worin ich schuld bin.

Der Ring blieb unverrückt. Sie drehte ihn wie ein Gebetsperlenarmband.

Am fünfzehnten Tag ging ihr das Weinen aus. Nur noch ein dumpfes, bohrendes Leeren und das endlose Warum.

Am neunzehnten Tag kam eine Nachricht.

Hey :) Wie gehts dir? Ich hab nur über die fünf Jahre gescherzt. Bin eigentlich nur zu nem Freund aufs Land gefahren, ein bisschen Ruhe gesucht. Ich hab gelogen, weil ich wusste, du würdest mich nicht gehen lassen. Bin heute Abend wieder zu Hause!

Liselotte starrte so lange auf den Bildschirm, dass er erlosch. Sie entsperrte, las erneut. Zwei Smilies nach dem, was ihr Herz in Stücke gerissen hatte. Sie antwortete nicht. Legte das Handy in die Kommode und legte sich aufs Bett, starrte an die Decke.

Drei Wochen. Drei Wochen schlief sie kaum, aß kaum, quälte sich mit Schuldgefühlen, während er bei seinem Freund auf dem Land war.

Er hatte gescherzt

Am Abend klopfte es an der Tür. Liselotte wusste, es war Andreas. Sie öffnete nicht. Das Klopfen wiederholte sich, dann hämmerte er.

Lissi! Öffne, ich bin es!

Sie zog den Koffer unter dem Bett hervor und begann, systematisch die Sachen zu packen.

Liselotte, reicht! Mach die Tür auf!

Liselotte schob die Tür nur einen Spalt, gerade genug, um den Koffer hinauszurollen. Andreas stand im Flur, lächelte, als wäre nichts geschehen.

Hey, Süße! Was, bist du sauer? Ich hab nur gescherzt!

Liselotte holte den Ring aus der Tasche und warf ihn auf den Koffer.

Warte, warte!, rief er, das Lächeln verschwand. Meinst du das ernst?

Drei Wochen, sagte sie, ihre Stimme klang fremd. Ich habe drei Wochen gedacht, ich hätte etwas falsch gemacht, dich verletzt, ich wäre schuld.

Komm schon, das ist doch nur

Ich habe nichts gegessen, schnitt sie ihm ins Wort. Ich habe nicht geschlafen. Ich habe jedes Gespräch durchgegangen, jede Kleinigkeit gesucht. Und du? Hast du die Zeit auf dem Land genossen und über meinen Streich gelacht?

Lissi, ich habe nicht gedacht, dass du so reagierst! Ich dachte, du ärgerst dich ein paar Tage und

Pack deine Sachen und geh.

Warte, wir können reden!

Wovon? Ich habe drei Wochen allein mit mir selbst geredet. Schluss mit dem Gerede.

Liselotte schloss die Tür. Andreas klopfte weiter, rief, bat sie, keinen Unsinn zu machen, doch Liselotte saß im Flur, den Rücken an die Wand gelehnt, wartete, bis das Treppenhaus wieder still war.

Am nächsten Tag fuhr sie den Zug nach dem Haus ihrer Eltern zwei Stunden, die wie eine Ewigkeit erschienen. Ihre Mutter, Marlene Weber, öffnete die Tür und verstand sofort, was ihr Gesicht verriet.

Mein Gott, mein Kind, umarmte sie Liselotte, so fest, dass das Atmen schwer fiel.

In der Küche duftete es nach Apfelkuchen ihre Mutter backte sonntags immer. Ihr Vater, Thomas Weber, saß am Tisch mit der Zeitung, legte sie beiseite, als er sie sah.

Was ist passiert?

Liselotte erzählte alles, stockend, sprunghaft, manchmal zurückspringend, um Details zu präzisieren. Die Mutter goss Tee, schwieg. Der Vater runzelte die Stirn immer stärker.

Also hast du drei Wochen nichts gefunden und er nennt das einen Scherz? fragte Marlene nach Liselottes Schilderung.

Er sagte, er hätte nicht gedacht, dass ich so reagiere.

Lissi, sagte ihr Vater, die Nase rieb er. Jeder mit Köpfchen weiß, das ist kein Scherz.

Vielleicht habe ich zu heftig reagiert? Vielleicht hätte ich normal reden sollen?

Nein, legte die Mutter ihre Hand auf Liselottes. Du hast richtig gehandelt. Ein Mann, der so etwas macht, wird sich nicht ändern. Heute scherzt er über das Wegziehen, morgen erfindet er etwas anderes. Und er wundert sich jedes Mal, warum du so wütend bist.

Deine Mutter hat recht, nickte ihr Vater. Vertrauen ist das Fundament einer Familie. Wie kann man Vertrauen haben, wenn er deine Nerven zum Spielball macht? Und warum hast du uns das nicht sofort erzählt? Warum hast du allein gelitten?

Liselotte saß zwischen ihnen eine erwachsene Frau, die plötzlich wieder Eltern brauchte, wie ein Kind, das sich das Knie aufgeschürft hat. Sie lächelte schwach, ihr Herz hörte auf zu pochen.

Sie blieb eine Woche bei den Eltern, spazierte durch die ihr vertrauten Straßen, aß Mutters Kuchen, half dem Vater in der Werkstatt.

Als sie zurück in ihre Wohnung zog, wirkte sie nicht mehr so leer. Sie warf die letzten Erinnerungsstücke an Andreas raus die Zahnbürste, das alte Magazin im Regal, den bunten Magneten, den er von einer Reise mitgebracht hatte.

Die Lektion war schmerzhaft, aber lehrreich. Sie wusste nun: Schöne Worte bedeuten noch kein Liebe. Ring und Kerzen garantieren keine Zuverlässigkeit. Ein richtiger Mann wird nie aus Spaß über die Geliebte spotten.

Beim nächsten Mal wird sie vorsichtiger sein, klüger. Und irgendwann wird sie glücklich sein mit jemandem, der es wirklich verdient.

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Homy
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