Anneliese war eine Frau, die sich irgendwie antiquiert fühlte und dringend heiraten wollte. Heutzutage wollen ja viele Frauen nicht mehr heiraten: wozu sich gleich ein ganzes Schwein ins Haus holen, wenn eine einzige Bratwurst doch auch reicht? Und von diesen Bratwürsten gab es genug in allen Sorten und Größen. Zusammenleben ohne Trauschein galt inzwischen als normal und nichts, wofür man sich schämen müsste. Früher gab es noch Moral, Scham, Stolz, Anstand und viele andere, scheinbar überflüssige Tugenden. Heute gilt so ein gemütlicher Landadliger kaum noch als schwarzes Schaf Hauptsache, die Rente kommt regelmäßig aufs Konto. Gib einem Mann ein Smartphone in die Hand, und schon ist er vermeintlich ein erfolgreicher Influencer, der es zu etwas gebracht hat. Und die Familienregeln? Lebt, wie ihr wollt: trefft euch im Stundenhotel, mietet ein Appartement stundenweise dafür hat die Welt ja Erfindungen parat. Es gibt das Gast-Ehe-Modell: wozu denn gleich zum Standesamt laufen? Wer weiß, was nach der Hochzeit noch zum Vorschein kommt! Früher galt zerstreute Socken und das Nicht-Können, eine Suppe zu kochen, als Tragödie; inzwischen sind schlimmere Dinge bekannt geworden: Infantilisierung, Muttersöhnchen-Syndrom und chronisches Nichts-machen-Verhalten bei den Herren. Und bei manchen Damen dasselbe, abgesehen vom Bewundern des eigenen Spiegelbilds. Ach ja, und Ansprüche gibt es heute von beiden Seiten nicht nur Brot und Spiele; das Brot kriegst du selber. Und natürlich Shopping.
Anneliese war eine angenehme Ausnahme: hübsch, ohne den modernen Body-Tuning-Kram, mit klarem Kopf, einem guten, angesehenen Studium und einem vernünftigen Job mit anständigem Gehalt in Euro. Trotzdem beachteten die Männer sie ausgerechnet nicht; sie zogen in Reihen vorbei und verbanden sich mit ganz anderen Frauen kurz gesagt, sie traten immer wieder auf dieselben Fallstricke. Nicht, dass Anneliese gar keine Verehrer gehabt hätte sie war ja hübsch aber es ging nie bis zum Standesamt. Im nächsten Jahr würde sie dreißig werden, und in manchen Kreisen galt das schon als zu spät fürs erste Kind; heutzutage sind Mütter ja oft bis in die Fünfzig noch aktiv, aber für ein Kind ohne Mann wollte sie sich nicht entscheiden.
Anneliese glaubte an Horoskope. Genauer gesagt, an astrologische Prognosen das klang seriöser. Horoskope sind doch Erfindungen findiger Geschäftsleute: dazu gedacht, leicht Geld zu machen. Kein Wunder, dass in schweren Zeiten die Voraussagen immer positiv klingen: Am Dienstag in der ersten Tageshälfte begegnen Sie vielleicht einem Millionär! also pack besser die Zahnbürste ein, man weiß ja nie. Sie suchte einen Partner passend zu ihrem Sternzeichen: sie war Schütze, ein Feuerzeichen, verwandt mit Widder und Löwe, wobei der Schütze als der ausgeglichenste von ihnen galt.
Ihre erste große Liebe kam im ersten Semester diese Zeit wird heute fast belächelt, als sei sie kindlich und naiv. Doch manche Dinge verstanden die Achtzehnjährigen durchaus: moderne Sexualaufklärung hat eben andere Töne. Danach kam eine schöpferische Durststrecke: Miete, Strom, Busfahrten und Essen mussten bezahlt werden. Es war ein Schock, zu merken, dass man seine Lebensmittel selbst kaufen musste und nicht mehr aus dem elterlichen Kühlschrank nehmen konnte! Bis dahin hatten die Eltern ihr Geld gegeben; sie wohnte schon allein, aber das Geld reichte kaum für zwei Personen. Und das war dem Freund unangenehm: sie lebten in Annelieses Wohnung, die ihre Großmutter ihr zum sechzehnten Geburtstag geschenkt hatte.
Kaufst du nicht die Lebensmittel?, fragte ihr Freund Waldemar völlig erstaunt.
Warum sollte ich?, entgegnete sie.
Der Kühlschrank ist doch dein, und ich bin hier doch nicht der Hausherr!, erklärte er, ganz logisch.
Wenn es nur darum geht, sagte Anneliese listig, dann übertrage ich dir gerne die volle Verantwortung schmeiß du den Laden!
Man ahnt schon, was passierte: der Freund verschwand, grüßte nicht mehr einmal auf dem Flur, und das Studium hatten sie im selben Jahrgang. Er war doch auch ein Feuerzeichen Schütze und trotzdem lief alles schief. Also: kein Standesamt, obwohl sie schon Pläne geschmiedet hatte.
Anneliese war traurig, sie hatte Waldemar geliebt; es war ja der erste Mann. Doch die Zeit heilte und brachte einen zweiten festen Freund im dritten Studienjahr. Dieser kam nicht von der Universität: das kennt man ja. Siegfried war deutlich älter, über dreißig, und meinte es ernst: Wir heiraten bestimmt, mein Schatz! Er war geschieden, aber Liebe kennt doch keine Hindernisse, oder? Doch Siegfrieds Berufssituation war unsicher das war damals, bevor die großen wirtschaftlichen Verwerfungen einsetzten. Trotzdem gab es in seinem Leben permanente Schwierigkeiten: er wurde ständig rausgeschmissen, nannte das ich bin wieder raus, Liebling, ich bin so nervös und aß dann aus Frust für zwei. Das machte Anneliese unglücklich.
Vielleicht lieferst du ja Pakete aus, ein Kurierjob?, schlug sie schüchtern vor.
Ich bin Analyst!, sagte er stolz.
Und Analysten können nicht kurieren?, fragte sie vernünftig. Fahr und analysier, wen störts ich hab gestern von meinem letzten Geld eingekauft.
Frag doch deine Mutter! Sag ihr, wir haben nur vorübergehende Schwierigkeiten!, meinte er.
Das sage ich ihr seit zwei Monaten!, antwortete Anneliese.
Die Zeit ist ein ungewöhnlich langes Ding!, zitierte er dann Mayakovsky, stolz auf seine Bildung, und schaute sie an, als wolle er sagen: Bist du nicht froh, so einen Kerl zu haben?
Dann verlang nicht, dass ich dich füttere!, erwiderte sie scharf und fügte hinzu: Die alten Zeiten sind vorbei dann zieh halt von dannen! Sie war nicht nur belesen, sondern auch schlagfertig.
Wem hast du das jetzt gesagt?, empörte sich Siegfried er war es nicht gewohnt, zurückgewiesen zu werden. Vorher hatte er immer die Frauen verlassen, nie umgekehrt.
Ich habs an Mayakovsky gesagt du kannst gerne mit ihm verschwinden!, antwortete Anneliese. Das war eine Beleidigung, die niemand mit Ehre hinnehmen wollte. Dabei war Siegfried ein Steinbock angeblich einer der fleißigsten und verlässlichsten Sternzeichen. Und dennoch: wie soll man nach solchen Horoskopen noch Vertrauen haben?
Der Dritte, Lennart, glaubte ebenfalls an Sterne; genau das hatte sie zusammengebracht: ein Astrologieforum. Aus dem Chat wurde echte Zuneigung. Doch er nannte die Sternzeichen immer Sternzeichchen mit einem dummen Kichern. Warum tust du das?, fragte sie. Das klingt absichtlich verkehrt. Ach, komm schon, das ist doch witzig!, antwortete er. Solche Spitzfindigkeiten, kleine verbale Sticheleien, prasselten aus seinem Mund wie Konfetti: Schnurrpüppchen, Fieschenfatz und andere Kosenamen, die anfangs noch charmant wirkten, später aber nervten besonders bei einer Frau Anfang dreißig. Ansonsten lief vieles gut: beide hatten gute Jobs, er war geschieden und hatte einen erwachsenen Sohn. Zuerst war er schüchtern, dann wurde er einer von uns und entfaltete seinen ganzen Schabernack.
Der Eklat kam, als er in Gegenwart von Annelieses Großvater, einem alten Mann, der einst im Staatsdienst gearbeitet hatte, einen historischen Namen verballhornte und laut loslachte: Alle lachten bis der Großvater aufschrie und aus polnisch-deutscher Verbundenheit empört reagierte. Der Familienabend war ruiniert, und an ein gemeinsames Gehen zum Standesamt war erst recht nicht zu denken. Lennart war Stier ein Erdzeichen wie der Steinbock und Stiere gelten als besonders leicht gekränkt. So kam es, dass Anneliese einen Mann kennenlernte, der sie in keiner Hinsicht nervte: Peter.
Peter war geschieden, kinderlos, sympathisch, wohlhabend genug, gebildet, humorvoll, mit einer soliden Ein-Zimmer-Wohnung. Er war ordentlich, sparsam, ein bisschen knauserig vielleicht er war Jungfrau, ebenfalls ein Erdzeichen. Jungfrauen gelten als sparsam und fürsorglich, ideal für das Eheleben. War das nun die große Liebe? Sie gaben eine gemeinsame Erklärung ab: er zog zu ihr, seine Wohnung wollte er vermieten. Dann bat er sie, ihn bei der Meldebehörde einzutragen als Mitbewohner eingetragen zu sein, das hieß in Deutschland manchmal viel.
Warum denn?, wunderte sich Anneliese. Du bist doch in deiner Wohnung gemeldet, und ohne Meldebescheinigung geht heute nichts. Also wozu jetzt?
Wie bitte?, antwortete Peter. Wir lieben uns, wir sind jetzt Familie! Alles muss gemeinsam sein! Das erinnerte Anneliese an einen alten Witz: Übertrage mir doch bitte deine Wohnung! Oh, Entschuldigung, das war nicht der richtige Einstieg: Glaubst du an Gott? So fangen manche Beziehungen an: mit Liebe.
Nach kurzer Pause sagte sie: Gut, das klingt alles schön mit Liebe, Familie und Gemeinsamen. Also einigte ich mich: ich melde dich bei mir an, und du meldest mich bei dir!
Wohin?, fragte er verblüfft.
In meine Wohnung jetzt ist ja alles gemeinsam!, sagte sie.
Aber du wohnst doch gar nicht ständig dort!, konterte Peter.
Dann leben wir halt im Wechsel: einen Monat bei mir, einen bei dir, schlug sie klug und ein wenig enttäuscht vor. Sie erkannte, dass hier noch etwas nicht stimmte man kann ja nicht einfach jeden Fremden in die eigene Wohnung aufnehmen. Vielleicht hätte er lieber zu ihr ziehen sollen. Peters erste Ehefrau hatte ihm ja nichts Vernünftiges hinterlassen; er selbst war eben von Natur aus knauserig.
Beide waren still. Eine Rückkehr ins Vergangene war nicht möglich, und so zu tun, als sei nichts geschehen, war auch schwer. Anneliese ging vom Esstisch ins Wohnzimmer und ließ ihn allein mit seinem Gewissen. Nach etwa fünfzehn Minuten kam er zu ihr, ganz unverbindlich: Anneliese, wollen wir ins Kino gehen?
Klar, sagte sie Erleichterung: er war nicht wütend; und er hatte bereits eine Anzahlung für die Restaurantmiete geleistet, offenbar in Gedanken schon bei der Feier. Sie fügte aber hinzu: Du meldest mich auch an, Peter, oder? Irgendwie hast du das nicht ganz zu Ende gesagt. Er wich aus, ging weg, und sie hielt ihn nicht auf wenigstens hatten sie noch nicht für die Hochzeit bezahlt; an ein öffentliches Vorverloben war er herangetreten, bevor die Formalitäten geklärt waren.
Ist das bei allen so? Immerhin heiraten manche Menschen ja doch. Zwei von Annelieses drei Freundinnen hatten geheiratet die eine für ein halbes Jahr, die andere für ein Jahr; die dritte ging es langsam an wie in einem alten Witz. Anneliese selbst war auch oft verheiratet im Alltag: mit manchen Männern lebte sie länger als einen Monat zusammen, und Liebe war durchaus da. Aber Liebe besteht nicht nur aus Gefühlen, sondern aus Taten und Verbindlichkeiten. Bei ihren Verehrern fehlte die echte Liebe oft in Form von Verantwortung und Einsatz. Wie man so sagt: Es gibt keine dummen Leute und doch trafen sich bei ihr genug Typen, die sich wie Schafe benahmen.
Es tat weh, klar, aber nicht so sehr, dass es das Leben ruinierte. Mit über dreißig hatte Anneliese plötzlich keine große Lust mehr auf heiraten. Seltsam, oder? Sie bekam eine Beförderung, tauschte die Einzimmerwohnung der Großmutter gegen eine Zweizimmerwohnung, kaufte sich einen gebrauchten, aber guten Wagen und fuhr endlich in den Urlaub. Am Ende stellte sie fest: das Leben war ganz gut geraten. Außerdem wurde die Kinderzeitspanne heutzutage bis in die Fünfzig gedehnt man hat noch Zeit, ein Kind für sich allein zu bekommen. Und die Bratwürste also Angebote waren ja reichlich vorhanden.





