— Natalie, bist du zu Hause? — Igor stürmte in die Wohnung und erstarrte, als er seine Frau im Flur sah. Sie hockte am Boden und schluchzte laut. — Ich habe immer noch nicht verstanden, was mit dir passiert ist. Du hast so geweint, dass ich kein Wort verstanden habe. Und dann war auch noch das Handy leer. Was ist los, Natalie? Du bist ganz blass im Gesicht. — Murrle ist verschwunden… — brachte Natalie mühsam hervor. — Er ist nicht mehr daheim. — Wie, verschwunden?! — wunderte sich Igor. — Wo könnte er denn hin sein? Kannst du mir das bitte erklären? Vielleicht hat er sich irgendwo in der Wohnung versteckt? — Nein. Deine Schwester… Vicky… Sie meinte, Murrle sei versehentlich ins Treppenhaus gelaufen, als sie mit Micha draußen spazieren ging. Aber du weißt doch, Igor, unser Murrle… Er würde niemals freiwillig rauslaufen. Warum sollte er auf die Straße wollen, nachdem er dort fast gestorben wäre? Ich glaube, sie hat ihn absichtlich rausgelassen… — Was?! — Igor ballte die Fäuste. — Wo ist sie jetzt? Wo ist Vicky? — Angeblich im Supermarkt… Ich weiß es nicht. Ich habe die ganze Zeit nach Murrle gesucht, aber er ist nirgends zu finden. Und niemand hat ihn gesehen. Wie kann das sein, Igor? Können Menschen wirklich so gemein sein? Ein wehrloses Tier einfach auf die Straße setzen. Im Winter. Wie kann man nur? — Ein Mensch — nein. Aber Vicky… Vicky kann das. Sie hat schon mal so etwas gemacht. Mach dir keine Sorgen, heute noch wird sie keinen Fuß mehr in unsere Wohnung setzen. Ach, warum haben wir sie überhaupt aufgenommen? *** Vor einem Monat… Igor ging zur Haltestelle, als er plötzlich etwas Graues unter dem Schnee entdeckte. Zuerst dachte er, es sei nur ein Stein. Aber der Stein war seltsam, denn er lag nicht einfach nur da — er zitterte, wie ein alter Kühlschrank aus DDR-Zeiten. Wahrscheinlich war es genau das, was seine Aufmerksamkeit erregte. Denn er hatte noch nie gesehen, geschweige denn gehört, dass Steine vor Kälte zittern. Um seine Neugier zu stillen, verließ Igor den Weg und ging näher heran. Erst da bemerkte er, dass kein Stein, sondern ein kleines graues Kätzchen am Boden lag. — Na sowas… — murmelte Igor nachdenklich und kratzte sich am Kopf. — Was machst du denn hier, Kleiner? Es war eine rhetorische Frage. Denn jedem Menschen ist klar, was Haustiere auf der Straße machen. Sie versuchen zu überleben… So auch dieses kleine Kätzchen. Es miaute nicht, rief nicht um Hilfe… Nein. Es lag einfach da und zitterte. Es schien sich schon damit abgefunden zu haben, dass sich niemand für es interessiert. Deshalb wandte es sich nicht an Menschen. Stattdessen versuchte es, sich irgendwie zu wärmen. Igor hob das Kätzchen vorsichtig auf, wischte den Schnee aus seinem Fell und steckte es schnell unter seine Jacke. Mit einer Hand hielt er es fest und rannte zur Haltestelle, wo gerade die Straßenbahn einfuhr. Auf dem Heimweg erinnerte er sich, dass Natalie sich schon lange genau so ein Kätzchen gewünscht hatte — grau und getigert, aber sie hatten nie Zeit gefunden, gemeinsam ins Tierheim zu gehen. Und jetzt hatte ihm das Schicksal das Kätzchen direkt vor die Füße gelegt. Und wenn das Schicksal etwas schenkt — muss man es annehmen. — Natalie, ich habe eine Überraschung für dich, — rief Igor fröhlich, als er die Wohnung betrat. — Ach, du verwöhnst mich in letzter Zeit wirklich, — lächelte seine Frau und kam in den Flur. — Erst goldene Ohrringe einfach so, dann das neue Handy, von dem ich so lange geträumt habe, dann Kinokarten. Was ist es diesmal? Ein Skiurlaub? — Noch besser! — strahlte Igor und zog das Kätzchen aus seiner Jacke. — Hier! Ich habe es auf der Straße gefunden. Du wolltest doch genau so eines, oder? Grau und getigert? — Oh Gott, — rief Natalie aus. — Der ist ja völlig durchgefroren, der Arme. Gib ihn her, ich wärme ihn auf. Und du zieh dich aus, wasch dir die Hände und komm in die Küche. Das Abendessen ist fertig. Natalie sah das Kätzchen noch einmal an und lächelte: — Ist der süß… So kam Murrle zu Igor und Natalie. Sie überlegten lange, wie sie ihn nennen sollten, probierten viele Namen aus, aber am Ende entschieden sie sich für das „Klassische“. — Ich finde, Murrle passt besser zu ihm als Tom oder Lukas. — Da hast du recht, Schatz. Dieses freudige Ereignis geschah Ende November, als der erste Schnee fiel. Das Kätzchen hatte also keine Zeit, die „Freuden“ des Straßenlebens im Winter kennenzulernen. Und Gott sei Dank. Denn für viele ist das die letzte Prüfung… In den zwei Wochen, die Murrle in seinem neuen Zuhause lebte, wuchsen Natalie und Igor sehr an ihm. Genauer gesagt, sie liebten ihn schon am ersten Tag, aber mit jedem weiteren Tag nur noch mehr. Auch das Kätzchen mochte Natalie und Igor sehr — gute, freundliche Menschen. Solche tun niemandem etwas zuleide und setzen kein Tier auf die Straße, wie es seine früheren Besitzer getan hatten. Deshalb war es ganz entspannt. Selbst wenn es mal etwas vom Tisch oder der Kommode warf, wurde es nicht ausgeschimpft, sondern nur gebeten, beim nächsten Mal vorsichtiger zu sein. „Mach ich bestimmt!“, miaute Murrle jedes Mal, wenn er zum zehnten Mal am Tag auf die Kommode im Schlafzimmer sprang und zum zehnten Mal die Fernbedienung herunterwarf. Alles war gut, bis eines Tages jemand an die Tür klopfte. — Wer kommt denn am Sonntagmorgen vorbei? — Igor rieb sich die Augen und schaute überrascht auf die Wanduhr — es war halb sieben. Draußen war es noch dunkel. — Vielleicht die Nachbarn? — vermutete Natalie. — Vielleicht ist bei ihnen etwas passiert? — Ich geh mal nachsehen. Als Igor in den Flur ging und die Tür öffnete, stand seine Schwester Vicky auf der Schwelle. Und sie war nicht allein, sondern mit ihrem Sohn Micha. Der war damals fünf Jahre alt. — Hallo, Bruderherz, — lächelte sie. — Wir kommen euch besuchen. Du hast doch nichts dagegen? — Eigentlich… — Ich weiß, ich weiß — man sollte vorher Bescheid sagen. Hab ich recht? Aber ich hatte so eine Situation, dass ich es nicht geschafft habe. Und so früh hättest du eh nicht ans Telefon gegangen. Also hab ich beschlossen, einfach zu kommen. Lässt du uns rein? Und hilf mir bitte mit dem Koffer, ich dachte, mir fallen die Beine ab, als ich ihn in den vierten Stock geschlep

Annalena, bist du zu Hause? Mit einem Ruck trat Matthias in die Altbauwohnung und blieb wie angewurzelt stehen, als er seine Frau im Flur entdeckte. Sie saß zusammengekauert auf den kalten Fliesen, die Tränen liefen ihr übers Gesicht, als hätte sie gerade einen ganzen Sack Zwiebeln geschält. Ich hab kein einziges Wort verstanden, was los ist. Du hast so laut geweint, ich dachte schon, der Wasserhahn ist geplatzt. Und dann war natürlich auch noch das Handy aus. Was ist passiert, Annalena? Du siehst aus, als hättest du gerade eine Steuerfahndung hinter dir.
Emil ist verschwunden brachte Annalena unter Schluchzen hervor. Er ist nicht mehr in der Wohnung.
Was meinst du mit verschwunden?! Matthias Augen wurden groß. Wo soll er denn hin sein? Kannst du das bitte mal in ganzen Sätzen erklären? Vielleicht hat er sich irgendwo versteckt?
Nein. Deine Schwester Katharina Sie meinte, Emil sei versehentlich ins Treppenhaus gelaufen, als sie mit Jonas rausgegangen ist. Aber du weißt doch, Matthias, unser Emil Der würde nie freiwillig die Wohnung verlassen. Was soll er draußen, nachdem er da fast erfroren ist? Ich glaube, sie hat ihn absichtlich rausgelassen
Was?! Matthias ballte die Fäuste. Wo ist sie jetzt? Wo ist Katharina?
Angeblich beim Edeka Keine Ahnung. Ich hab Emil überall gesucht, aber er ist wie vom Erdboden verschluckt. Und niemand hat ihn gesehen. Wie kann das sein, Matthias? Wie kann ein Mensch so grausam sein? Einfach ein hilfloses Tier auf die Straße setzen. Im Winter. Wer macht denn sowas?
Ein Mensch nicht. Aber Katharina die kann das. Die hat ja schon mal so ein Theater veranstaltet. Heute noch sieht sie unsere Wohnung nur noch von außen. Warum wir sie überhaupt reingelassen haben, weiß ich auch nicht.
***
Vor vier Wochen
Matthias schlenderte durch die verschneiten Straßen Münchens, als ihm plötzlich etwas Graues im Schnee auffiel.
Zuerst hielt er es für einen Stein. Doch dieser Stein zitterte wie ein alter Kühlschrank aus Ostzeiten.
Das machte ihn stutzig. Denn Steine, die frieren, kannte er nur aus schlechten Witzen.
Neugierig verließ Matthias den Gehweg und beugte sich näher.
Da sah er: Kein Stein, sondern ein winziges, graues Katerchen lag da.
Na sowas murmelte Matthias und kratzte sich am Kopf. Was machst du denn hier, du kleiner Schelm?
Natürlich war das eine rhetorische Frage.
Jeder weiß, was Haustiere auf der Straße machen: Überleben, so gut es eben geht. Auch dieses Katerchen versuchte einfach, nicht zum Eisklumpen zu werden.
Es miaute nicht, rief nicht um Hilfe Nichts. Es lag einfach da und zitterte.
Offenbar hatte es längst aufgegeben, dass sich jemand für sein Schicksal interessiert. Also versuchte es, sich irgendwie warm zu halten.
Matthias hob das Katerchen vorsichtig hoch, klopfte den Schnee aus dem Fell und steckte es unter seine Jacke. Mit einer Hand festhaltend, rannte er zur Haltestelle, wo gerade der Bus eintraf.
Auf der Heimfahrt fiel ihm ein, dass Annalena schon immer von so einem grauen, getigerten Kater geträumt hatte, aber nie Zeit für den Tierheim-Besuch war.
Jetzt hatte das Schicksal selbst geliefert. Und was das Schicksal bringt, nimmt man besser an.
Annalena, ich hab eine Überraschung für dich! rief Matthias, als er die Wohnung betrat.
Du verwöhnst mich in letzter Zeit, grinste Annalena, kam in den Flur. Erst die silbernen Ohrringe, dann das neue Handy, jetzt noch Theaterkarten. Was ist es diesmal? Ein Wellness-Wochenende im Schwarzwald?
Noch besser! Matthias strahlte, öffnete die Jacke und zog das Katerchen hervor. Schau! Auf der Straße gefunden. Du wolltest doch immer so einen? Grau und getigert?
Ach du meine Güte, rief Annalena. Der ist ja völlig durchgefroren, der Arme. Gib ihn her, ich wärme ihn auf. Und du: Jacke aus, Hände waschen, ab in die Küche. Das Abendessen wartet.
Annalena betrachtete das Katerchen und lächelte: Der ist ja zuckersüß
So kam Emil zu Annalena und Matthias. Sie wälzten stundenlang Namensideen, aber am Ende blieb es beim Klassiker.
Emil passt einfach besser als so ein Paul oder Max.
Da bin ich ganz bei dir, Liebling.
Das war Ende November, als der erste Schnee fiel. Emil hatte also Glück, das Straßenleben im Winter nicht lange kennenzulernen.
Und das war auch gut so. Für viele ist das der letzte Winter
In den zwei Wochen, die Emil nun bei ihnen wohnte, waren Annalena und Matthias ihm schon völlig verfallen.
Genauer gesagt, sie liebten ihn vom ersten Tag an, aber es wurde mit jedem Tag schlimmer.
Auch Emil mochte Annalena und Matthias freundliche, liebe Menschen. Die würden ihn nie rauswerfen, wie seine früheren Besitzer. Deshalb war er ganz entspannt.
Selbst wenn er mal was vom Tisch fegte, wurde er nicht ausgeschimpft, sondern nur freundlich gebeten, das nächste Mal aufzupassen.
Mach ich bestimmt!, miaute Emil überzeugt, während er zum zehnten Mal am Tag auf die Kommode sprang und zum zehnten Mal die Fernbedienung runterwarf.
Alles lief bestens, bis es eines Sonntagmorgens an der Tür klingelte.
Wer kommt denn um halb sieben am Sonntag? Matthias rieb sich die Augen und schielte auf die Uhr.
Draußen war es noch stockdunkel.
Vielleicht die Nachbarn? mutmaßte Annalena. Vielleicht ist was passiert?
Ich schau mal nach.
Matthias öffnete die Tür und fand seine Schwester Katharina auf der Matte. Und sie war nicht allein ihr Sohn Jonas war dabei, fünf Jahre alt.
Hallo Brüderchen, grinste sie. Wir kommen euch besuchen. Stört das?
Eigentlich
Ja, ja, ich weiß, man soll vorher Bescheid sagen. Aber ich hatte keine Zeit, dich anzurufen. Und so früh hättest du eh nicht abgenommen. Also, lässt du uns rein? Und hilf mal mit dem Koffer, ich dachte, mir fallen die Beine ab bis in den vierten Stock.
Natürlich ließ Matthias die beiden rein. Aber der Koffer machte ihn stutzig. Wer kommt schon mit Koffer zum Kaffeetrinken?
Ist was passiert?
Ist das nicht offensichtlich? konterte Katharina. Mein Mann hat mich rausgeworfen. Hat sich ne Neue angelacht, kannst du dir das vorstellen? Und ich hab keinen Plan, wohin. Wenns dir recht ist, bleib ich ein bisschen bei euch. Bis ich weiß, wies weitergeht. Und Silvester feiern wir zusammen, cool, oder? Wir haben uns ja ewig nicht gesehen.
Du weißt schon, warum wir kaum Kontakt haben Auf Lügen baut man kein Haus.
Ach komm, lass gut sein. Wer in der Vergangenheit wühlt, kriegt Sand in die Augen, sagt man doch. Jeder macht mal Fehler.
Matthias wollte was erwidern, ließ es aber bleiben.
Kein Bock auf Streit am Morgen.
Und Annalena hätte es sicher auch nicht gefeiert, wenn er gleich lospoltert gegen die Schwester, die gerade aus dem Haus geflogen ist.
Obwohl es Gründe genug gegeben hätte.
Vor fünf Jahren war ihr Vater gestorben. Er hatte eine große Wohnung in München, die eigentlich Matthias und Katharina gemeinsam erben sollten. Andere Verwandte gabs nicht.
Katharina war damals schwanger. Von wem, weiß bis heute keiner.
Mit Unterstützung der Mutter überredete sie Matthias, auf seinen Anteil zu verzichten. Sie brauche die Wohnung dringender, er sei ja ein Mann und noch ledig.
Matthias, Katharina hat doch bald ein Kind. Sie braucht ein Zuhause, flehte die Mutter.
Matthias gab nach. Er wohnte eh noch im Studentenwohnheim. Also ließ er sich breitschlagen. Schließlich, so dachte er, ein Mann kommt schon irgendwie klar. Notfalls gibts ja noch Baufinanzierung. Macht ja jeder.
Alles gut, könnte man meinen.
Aber nach der Geburt verkaufte Katharina die Wohnung und zog zu einem neuen Freund, der sie samt Kind aufnahm.
Der Uwe macht jetzt in Start-ups, der braucht das Geld, erklärte sie Matthias. Und überhaupt, die Wohnung ist jetzt meine, ich mach, was ich will. Klar?
Matthias war stinksauer, denn das war nicht die Abmachung.
Sie hätte ihm wenigstens die Hälfte geben können. Aber das Geld war weginvestiert.
Die Mutter hielt sich raus Ihr seid doch erwachsen, klärt das unter euch.
Zehn Jahre vorher, als sie noch Kinder waren, hatte sie sich auch nicht eingemischt.
Damals hatte Matthias ein Kätzchen von der Straße mitgebracht. Nach kurzer Zeit war es verschwunden.
Die Mutter wars nicht sie hatte das Tier sogar erlaubt (auf dem Land, Platz war genug). Also blieb nur Katharina als Verdächtige.
Sag schon, wo ist das Kätzchen hin! Sofort! schrie Matthias.
Aber Katharina gestand nie. Matthias sah ihr an, dass sie log. Das Kätzchen war ihr von Anfang an ein Dorn im Auge. Später brachte er noch eins auch das verschwand.
Zufall? Wohl kaum.
Die Mutter zuckte nur mit den Schultern, Katharina tat, als ginge sie das alles nichts an. Danach brachte Matthias keine Tiere mehr nach Hause
Kein Wunder also, dass das Verhältnis zu seiner Schwester angespannt war.
Und jetzt stand sie da und wollte bleiben.
Matthias, wohin soll sie denn sonst? seufzte Annalena. Lass sie ein bisschen bleiben, bis sie was Eigenes findet. Wir können sie doch nicht mit Kind auf die Straße setzen. Und Silvester steht vor der Tür. Vielleicht versöhnt ihr euch ja.
Na gut, Matthias winkte ab. Wenns dir recht ist, kann sie bleiben.
Matthias ahnte schon, dass das schiefgehen würde.
Und so kam es auch.
Schon am nächsten Tag fing Katharina an, sich über Emil zu beschweren. Mal störte er ihren Schlaf, mal lag er auf ihrem Sofa. Oder er schaute sie so komisch an.
Und dann bekam Jonas Schnupfen.
Das ist bestimmt die Katzenallergie, verkündete Katharina. Mein Jonas war sonst immer kerngesund.
Muss nicht sein. Vielleicht hat er sich einfach erkältet, widersprach Matthias. Ihr seid ja auch draußen unterwegs. Und selbst wenns eine Allergie ist was schlägst du vor? Emil ist Teil unserer Familie.
Ach, du spinnst doch, lachte Katharina. Familienmitglied Ich dachte, du bist erwachsen geworden. Aber du schleppst immer noch Viecher an wie früher. Wie Annalena das mitmacht, ist mir ein Rätsel.
Annalena liebt Tiere genauso wie ich. Aber du scheinst sie zu hassen. Was haben sie dir getan?
Sie stören einfach. Ich schlafe schlecht wegen Emil. Und Jonas auch. Das ist Stress für ein Kind! Aber was erklär ich dir das Wenn du mal eigene Kinder hast, verstehst dus vielleicht.
Matthias schwieg. Kinder ein wunder Punkt.
Sie versuchten es seit Jahren, aber es klappte nicht. Die Ärzte zuckten nur mit den Schultern. Und Katharina wusste das. Die Mutter hatte es ihr bestimmt erzählt. Trotzdem musste sie draufhauen.
Also, ich finde, ihr solltet Emil ins Tierheim bringen. Jonas ist schließlich dein Neffe, und ich deine Schwester. Wir müssen doch nicht wegen so einer Katze leiden. Die ist doch nur ein Tier. Aber ich und mein Sohn wir sind deine Familie, verstehst du? Mama würde das genauso sehen.
Sag mal, hörst du dir eigentlich zu? Matthias wurde laut. Tierheim?! Emil wohnt hier, im Gegensatz zu dir. Wenn dir was nicht passt, zwingt dich keiner zu bleiben. Such dir ne Wohnung.
Bring doch dein Kind ins Heim, wenn du so schlau bist, dachte Matthias.
Laut sagte er das natürlich nicht er wusste, das gäbe Krieg.
Katharina hielt sich eine Weile zurück, aber Emil blieb ihr Feindbild.
Wenn Annalena und Matthias nicht da waren, scheuchte sie ihn vom Sofa und jagte ihn in die hinterste Ecke. Emil hielt das lange aus, dann begann er, sich zu rächen. Erst schmiss er ihr Handy vom Nachttisch, dann hinterließ er versehentlich Kratzer auf ihrer Lieblingsbluse.
Deine Katze ruiniert meine Sachen! schimpfte Katharina. Warum habt ihr überhaupt ein Tier, wenn ihr es nicht erziehen könnt? Mein Jonas macht sowas nicht.
Dass Jonas Emil am Schwanz zog und sein Lieblingsspielzeug in den Koffer steckte, verschwieg sie natürlich. Geklaut, im Grunde.
Pass mal auf! sagte Matthias scharf. Vergiss nicht, du wohnst gerade bei mir. Wenn du hierbleiben willst, lässt du meinen Kater in Ruhe!
Schon gut, schon gut, reg dich ab
Kurz vor Silvester rief Annalena Matthias an, schluchzte ins Telefon, aber er verstand kein Wort.
Er spürte, dass etwas Ernstes passiert war, also bat er auf der Arbeit um früheren Feierabend und fuhr nach Hause.
Annalena, bist du zu Hause? Matthias stürmte in die Wohnung und erstarrte, als er seine Frau im Flur sah. Sie hockte am Boden und schluchzte. Ich hab kein Wort verstanden. Du hast so geweint, dass ich dachte, der Wasserhahn ist offen. Und dann war das Handy auch noch leer. Was ist los, Annalena? Du bist ja völlig neben der Spur.
Emil ist weg flüsterte Annalena. Er ist nicht mehr da.
Wie, weg?! Matthias war fassungslos. Wo soll er denn hin? Vielleicht hat er sich irgendwo versteckt?
Nein. Deine Schwester Katharina meinte, er sei aus Versehen rausgelaufen, als sie rausging. Aber du weißt doch, unser Emil Der würde nie freiwillig raus. Was soll er draußen, nach dem, was er erlebt hat? Ich glaube, sie hat ihn absichtlich rausgelassen
Was?! Matthias ballte die Fäuste. Wo ist sie jetzt? Wo ist Katharina?
Sie ist wohl beim Edeka Keine Ahnung. Ich hab Emil überall gesucht, aber er ist weg. Und niemand hat ihn gesehen. Wie kann das sein, Matthias? Wie kann man so gemein sein? Ein Tier im Winter auf die Straße setzen. Das macht doch kein Mensch.
Kein Mensch, nein. Aber Katharina die schon. Sie hat sowas ja schon mal gebracht. Heute noch ist sie hier raus. Und Emil finde ich auch noch!
Emil blieb an diesem Tag verschwunden. Draußen war es längst dunkel, und er hätte überall sein können.
Als Katharina mit Jonas zurückkam, stellte Matthias sie zur Rede.
Warum hast du das gemacht?! schrie er. Warum hast du die Katze rausgeworfen? Du weißt doch, was er draußen durchgemacht hat!
Ich hab gar nichts gemacht, Brüderchen, zuckte Katharina die Schultern. Ich hab nur die Tür aufgemacht, und er ist raus. Klar, ich bin nicht hinterhergerannt. Soll er doch. Für mich steht mein Kind an erster Stelle, nicht so ein Kater.
Matthias sah ihr in die Augen und wusste: Sie log. Und sie fand es auch noch lustig. Er kannte seine Schwester. Deshalb war Annalena mit ihrer Vermutung wohl goldrichtig Katharina hatte Emil absichtlich vor die Tür gesetzt. Vielleicht hatte sie ihn sogar noch ein paar Stockwerke tiefer getragen, damit er ja nicht zurückfindet.
Hör mal, Matthias, morgen ist Silvester. Ich hab Sekt gekauft. Lass uns doch nicht wegen so einer Kleinigkeit streiten, ja? Katharina lächelte, als wäre nichts gewesen.
Klar, lass uns nicht streiten, entgegnete Matthias eisig. Pack deine Sachen.
Wie bitte?
Hast du ein Hörproblem? Ich sags nochmal: Koffer packen, sonst fliegen deine Sachen aus dem Fenster. Und dann raus hier!
Matthias fuhr Katharina und Jonas zum Hauptbahnhof, drückte ihr ein paar Euro für die Fahrkarten in die Hand.
Fahr zu deinem Uwe, zu Mama, schlaf im Wartehäuschen, ist mir egal. Aber ich will dich nicht mehr sehen. Kapiert? Und ruf mich auch nicht mehr an. Und noch was: Es tut mir leid, dass mein Neffe so eine Mutter hat.
Noch am selben Tag rief die Mutter an und warf Matthias Herzlosigkeit vor, sie hätte das nie von ihm erwartet:
Katharina hat dich doch als Familie um Hilfe gebeten. Und du schmeißt sie raus. Mit Kind! Wie kannst du nur, Matthias?
Sie wird schon was finden. Ist ja kein Kind mehr. Ich will jedenfalls nichts mehr mit ihr zu tun haben.
Am 31. Dezember saßen Annalena und Matthias am Esstisch, aber von Silvesterstimmung keine Spur. Zehn Minuten bis Mitternacht, die Sektflasche stand noch zu, und draußen knallten schon die ersten Böller.
Wie soll man feiern, wenn das Herz fehlt? Emil war und blieb verschwunden.
Seit dem Morgen hatten sie gesucht, aber er blieb wie vom Erdboden verschluckt.
Matthias, hörst du das? Annalena blickte plötzlich auf. Da kratzt doch jemand an der Tür.
Bestimmt Katharina, die was vergessen hat murmelte Matthias und stand auf.
Doch als er die Tür öffnete, stand Emil davor. Zitternd, halb erfroren, aber lebendig und irgendwie hatte er es geschafft, zurück nach Hause zu finden.
Annalena! Er ist wieder da! rief Matthias, hob Emil hoch und drückte ihn an sich.
Emil wurde sofort aufgewärmt und bekam ein Festmahl. Annalena ließ ihn nicht mehr los, als hätte sie Angst, er könnte sich in Luft auflösen.
Emil schnurrte nur zufrieden. Geschafft. Wieder daheim. Da, wo man mich mag.
Matthias, noch eine Minute bis Mitternacht, flüsterte Annalena. Machst du den Sekt auf?
Aber sicher!
Matthias entkorkte die Flasche, schenkte ein, und draußen explodierten die Raketen, während die Nachbarn jubelten.
Man sagt, wie man ins neue Jahr startet, so läuft es weiter.
Emil jedenfalls würde ab jetzt immer bei seinen Menschen bleiben. Und mit ihrem Kind.
Ja, mit Kind. Annalena und Matthias ahnten noch nichts, aber Emil spürte es, als Annalena ihn an sich drückte: In ihrem Herzen wuchs neues Leben.

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Homy
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— Natalie, bist du zu Hause? — Igor stürmte in die Wohnung und erstarrte, als er seine Frau im Flur sah. Sie hockte am Boden und schluchzte laut. — Ich habe immer noch nicht verstanden, was mit dir passiert ist. Du hast so geweint, dass ich kein Wort verstanden habe. Und dann war auch noch das Handy leer. Was ist los, Natalie? Du bist ganz blass im Gesicht. — Murrle ist verschwunden… — brachte Natalie mühsam hervor. — Er ist nicht mehr daheim. — Wie, verschwunden?! — wunderte sich Igor. — Wo könnte er denn hin sein? Kannst du mir das bitte erklären? Vielleicht hat er sich irgendwo in der Wohnung versteckt? — Nein. Deine Schwester… Vicky… Sie meinte, Murrle sei versehentlich ins Treppenhaus gelaufen, als sie mit Micha draußen spazieren ging. Aber du weißt doch, Igor, unser Murrle… Er würde niemals freiwillig rauslaufen. Warum sollte er auf die Straße wollen, nachdem er dort fast gestorben wäre? Ich glaube, sie hat ihn absichtlich rausgelassen… — Was?! — Igor ballte die Fäuste. — Wo ist sie jetzt? Wo ist Vicky? — Angeblich im Supermarkt… Ich weiß es nicht. Ich habe die ganze Zeit nach Murrle gesucht, aber er ist nirgends zu finden. Und niemand hat ihn gesehen. Wie kann das sein, Igor? Können Menschen wirklich so gemein sein? Ein wehrloses Tier einfach auf die Straße setzen. Im Winter. Wie kann man nur? — Ein Mensch — nein. Aber Vicky… Vicky kann das. Sie hat schon mal so etwas gemacht. Mach dir keine Sorgen, heute noch wird sie keinen Fuß mehr in unsere Wohnung setzen. Ach, warum haben wir sie überhaupt aufgenommen? *** Vor einem Monat… Igor ging zur Haltestelle, als er plötzlich etwas Graues unter dem Schnee entdeckte. Zuerst dachte er, es sei nur ein Stein. Aber der Stein war seltsam, denn er lag nicht einfach nur da — er zitterte, wie ein alter Kühlschrank aus DDR-Zeiten. Wahrscheinlich war es genau das, was seine Aufmerksamkeit erregte. Denn er hatte noch nie gesehen, geschweige denn gehört, dass Steine vor Kälte zittern. Um seine Neugier zu stillen, verließ Igor den Weg und ging näher heran. Erst da bemerkte er, dass kein Stein, sondern ein kleines graues Kätzchen am Boden lag. — Na sowas… — murmelte Igor nachdenklich und kratzte sich am Kopf. — Was machst du denn hier, Kleiner? Es war eine rhetorische Frage. Denn jedem Menschen ist klar, was Haustiere auf der Straße machen. Sie versuchen zu überleben… So auch dieses kleine Kätzchen. Es miaute nicht, rief nicht um Hilfe… Nein. Es lag einfach da und zitterte. Es schien sich schon damit abgefunden zu haben, dass sich niemand für es interessiert. Deshalb wandte es sich nicht an Menschen. Stattdessen versuchte es, sich irgendwie zu wärmen. Igor hob das Kätzchen vorsichtig auf, wischte den Schnee aus seinem Fell und steckte es schnell unter seine Jacke. Mit einer Hand hielt er es fest und rannte zur Haltestelle, wo gerade die Straßenbahn einfuhr. Auf dem Heimweg erinnerte er sich, dass Natalie sich schon lange genau so ein Kätzchen gewünscht hatte — grau und getigert, aber sie hatten nie Zeit gefunden, gemeinsam ins Tierheim zu gehen. Und jetzt hatte ihm das Schicksal das Kätzchen direkt vor die Füße gelegt. Und wenn das Schicksal etwas schenkt — muss man es annehmen. — Natalie, ich habe eine Überraschung für dich, — rief Igor fröhlich, als er die Wohnung betrat. — Ach, du verwöhnst mich in letzter Zeit wirklich, — lächelte seine Frau und kam in den Flur. — Erst goldene Ohrringe einfach so, dann das neue Handy, von dem ich so lange geträumt habe, dann Kinokarten. Was ist es diesmal? Ein Skiurlaub? — Noch besser! — strahlte Igor und zog das Kätzchen aus seiner Jacke. — Hier! Ich habe es auf der Straße gefunden. Du wolltest doch genau so eines, oder? Grau und getigert? — Oh Gott, — rief Natalie aus. — Der ist ja völlig durchgefroren, der Arme. Gib ihn her, ich wärme ihn auf. Und du zieh dich aus, wasch dir die Hände und komm in die Küche. Das Abendessen ist fertig. Natalie sah das Kätzchen noch einmal an und lächelte: — Ist der süß… So kam Murrle zu Igor und Natalie. Sie überlegten lange, wie sie ihn nennen sollten, probierten viele Namen aus, aber am Ende entschieden sie sich für das „Klassische“. — Ich finde, Murrle passt besser zu ihm als Tom oder Lukas. — Da hast du recht, Schatz. Dieses freudige Ereignis geschah Ende November, als der erste Schnee fiel. Das Kätzchen hatte also keine Zeit, die „Freuden“ des Straßenlebens im Winter kennenzulernen. Und Gott sei Dank. Denn für viele ist das die letzte Prüfung… In den zwei Wochen, die Murrle in seinem neuen Zuhause lebte, wuchsen Natalie und Igor sehr an ihm. Genauer gesagt, sie liebten ihn schon am ersten Tag, aber mit jedem weiteren Tag nur noch mehr. Auch das Kätzchen mochte Natalie und Igor sehr — gute, freundliche Menschen. Solche tun niemandem etwas zuleide und setzen kein Tier auf die Straße, wie es seine früheren Besitzer getan hatten. Deshalb war es ganz entspannt. Selbst wenn es mal etwas vom Tisch oder der Kommode warf, wurde es nicht ausgeschimpft, sondern nur gebeten, beim nächsten Mal vorsichtiger zu sein. „Mach ich bestimmt!“, miaute Murrle jedes Mal, wenn er zum zehnten Mal am Tag auf die Kommode im Schlafzimmer sprang und zum zehnten Mal die Fernbedienung herunterwarf. Alles war gut, bis eines Tages jemand an die Tür klopfte. — Wer kommt denn am Sonntagmorgen vorbei? — Igor rieb sich die Augen und schaute überrascht auf die Wanduhr — es war halb sieben. Draußen war es noch dunkel. — Vielleicht die Nachbarn? — vermutete Natalie. — Vielleicht ist bei ihnen etwas passiert? — Ich geh mal nachsehen. Als Igor in den Flur ging und die Tür öffnete, stand seine Schwester Vicky auf der Schwelle. Und sie war nicht allein, sondern mit ihrem Sohn Micha. Der war damals fünf Jahre alt. — Hallo, Bruderherz, — lächelte sie. — Wir kommen euch besuchen. Du hast doch nichts dagegen? — Eigentlich… — Ich weiß, ich weiß — man sollte vorher Bescheid sagen. Hab ich recht? Aber ich hatte so eine Situation, dass ich es nicht geschafft habe. Und so früh hättest du eh nicht ans Telefon gegangen. Also hab ich beschlossen, einfach zu kommen. Lässt du uns rein? Und hilf mir bitte mit dem Koffer, ich dachte, mir fallen die Beine ab, als ich ihn in den vierten Stock geschlep
Ich habe meinen Mann überraschend in seinem Büro besucht und sofort verstanden, warum er immer so lange arbeitet