Heike wartete im Flur, das Licht flackerte, und ein schwerer Duft hing in der Luft, als würde das Haus selbst nach Atem rufen. Sie hörte das leise Klicken der Tür, dann Jürgens Stimme, die in seinem Handy ein wenig zu fröhlich klang, während er von der Arbeit nach Hause kam. Es lag etwas Unausgesprochenes über dem Moment, das nur Heike spürte.
Er trat ein, die Tür quietschte, und er ging ohne Blickkontakt in die Küche. Ein Moment der Stille breitete sich aus, dann brach Jürgen das Schweigen.
Wir müssen reden, sagte er mit rauer Stimme.
Na los, erwiderte Heike farblos.
Heike, versteh mich bitte richtig. Ich habe darauf gewartet, dass unsere Tochter Lena erwachsen wird, aber du musst auch meine Sicht sehen.
Heike schloss die Augen. Sie wusste bereits, dass dieser Tag kommen würde, dass er gehen würde. Sie kannte sein zweites Leben, die andere Familie, das kleine Kind, das er mit seiner Geliebten, Rita, hatte. Eine flüchtige Idee, ihm einen Sohn zu schenken, kam ihr in den Sinn, verflog jedoch sofort. Egal was sie tat, er würde gehen.
Sie hatte immer gewusst, dass er eines Tages verschwinden würde. Ein Teil von ihr hatte jedoch geglaubt, dass es ernst sei, dass er seine frühere gescheiterte Liebe vergessen hatte. Er hatte sie verlassen, eine neue Frau gefunden, und jetzt, nach all den gemeinsamen Jahren, war er bereit, Heike zu heiraten er wusste, dass sie noch immer ein wenig schwärmt.
Heike, rot im Gesicht, kam eilig nach Hause, als wäre sie in einem Sturm gefangen. Jürgen bemerkte sie endlich, nicht nur flüchtig. Er kniete nieder, hielt ihre Hand und fragte sie, ob sie ihn heiraten wolle. Ohne zu zögern stimmte sie zu. Ihre Mutter schüttelte den Kopf und murmelte: Warum? Er liebt dich nicht, er ist fünf Jahre älter, du bist noch ein Mädchen. Doch Heike ließ sich nicht beirren, sie rannte zu ihm, zu dem Mann, den sie liebte.
Kurz vor der Hochzeit flüsterte Jürgen ihr leise zu, dass er sie nicht mehr liebe. Er sagte nicht: Lass uns Schluss machen, sondern nur: Ich liebe dich nicht. Heike, die ihn bis ins Mark geliebt hatte, antwortete: Ich habe dich geliebt vielleicht genug für uns beide. Er nickte und glaubte ihr.
Er war ein guter Mann, trank nicht, schlug nicht, ging mit ihr ins Kino, fuhr jedes zweite Jahr ans Nordseestrand nach Rostock oder nach Sylt. Er liebte die Tochter, und Heike dachte, das Leben könnte so weitergehen. Doch plötzlich wurde ihr klar, dass nichts verändert war das gleiche bedrückende Schweben in der Luft blieb.
Jürgens Stimme klang jetzt weich, sein Lächeln war leer. Heike fragte sich, ob er einfach loslassen wolle. War es nur eine Affäre? In seinem Alter, mit grauen Haaren, konnte es nicht nur ein Seitensprung sein. Es war ernst, es war Liebe, doch warum, dann, nach fünfzehn Jahren, noch eine andere?
Der Gedanke an die Jahre mit Rita, das Lächeln, das er ihr schenkte, ließ Heike verzweifeln. Sie dachte daran, wie er immer etwas abseits stand, fast immer mit den Händen in den Taschen, um nicht zu nahe zu kommen. So lebten sie, er ein wenig abseits, sie immer ein Stück weiter hinten.
Ich verstehe, flüsterte Heike, während Tränen über ihr Gesicht liefen. Geh. Jürgen war fassungslos. Wie soll ich einfach gehen? Ich liebe dich doch. Heike sagte nur: Ich gehe, Heike, du hast das nie begriffen. Ich verlasse dich für immer. Er starrte sie an, dann drehte er sich um und ging zu seiner anderen Familie, zu Rita und dem Sohn, den er mit ihr bekommen hatte.
Heike blieb zurück, ihr Herz schwer wie Blei. Sie wechselte die Windeln ihres kleinen Mädchens, versuchte, das Haus zu führen, das jetzt nur noch aus ihr, ihrer Tochter Gisela und ein paar zerknitterten T-Shirts bestand. Sie hatte das Gefühl, dass das Leben in einer grauen Monotonie erstarrt war. Der Kühlschrank war leer, die einzige Mahlzeit Nudeln, die Kleidung in Haufen, die Wäsche nie ordentlich gefaltet. Gisela, jetzt ein rebellisches junges Mädchen, kam mit pink gefärbten Haaren, rauchte Zigaretten und schrie in der Schule, und Heike fühlte sich machtlos.
Ihre Kolleginnen am Arbeitsplatz bemerkten, dass Heike plötzlich frischer wirkte, fast jugendlicher. Niemand wusste, dass ihr Mann weg war. Sie sprach kaum noch mit jemandem, ließ sich in die Stille zurückziehen, und doch fand sie einen kleinen Trost im Alltag: ein kurzer Spaziergang am Hafen, ein Film im kleinen Kino, ein Lächeln von Gisela, das doch noch ein Funken Hoffnung war.
Eines Abends klopfte das Telefon. Es war Jürgen, der zurückgekehrt war, um zu fragen, ob er das Haus wieder sehen könne, ob er das Auto zurückbekommen könne, das er ihr einst geliehen hatte. Wir sind geschieden, sagte Heike kühl. Du kannst zu deinem Sohn gehen, aber nicht zu mir. Jürgens Stimme bebte, er flehte, doch Heike schloss die Tür. Sie hatte genug von Versprechen, die nie gehalten wurden.
Die Tage vergingen, und Heike lernte, alleine zu sein. Sie nahm einen Nebenjob in einer Bäckerei in Berlin an, verdiente ein paar Euro, reichte genug, um Miete und Lebensmittel zu bezahlen. Gisela ging zur Schule, machte ihre Hausaufgaben, und ab und zu lachten sie zusammen, als würden sie das Gewicht der Vergangenheit kurzzeitig abwerfen.
Eines Morgens stand Heike am Fenster, sah den Regen über der Stadt, hörte das leise Flüstern ihrer Tochter: Mama, es tut mir leid. Heike zog sie in die Arme, flüsterte: Ich vergebe dir, mein Kind. Und in diesem Moment spürte sie, dass das Leben, trotz aller Schmerzen, weitergehen musste.
Die Kamera zog sich zurück, das Licht dimmte, und die Stimme von Heike hallte nach: Manchmal muss man loslassen, um wieder atmen zu können.





