Die unersättliche Verwandtschaft

Also, meine Lieben, seid ihr satt geworden? Habt ihr genug getrunken? Hab ich euch gut genug verwöhnt? sagte Gretel, die am Kopf des langen Esstisches stand.

Ja, Schwesterchen, murmelte Klaus zufrieden, wie immer bist du die Höchste!

Ganz genau! jubelte Heike. Wir haben zu Mama nur zu zweit gekocht, aber bei dir schmeckt immer alles besser. Deshalb rufe ich dich immer zu meinen Festen ein!

Mami, flüsterte Ute, ich muss wieder ins Fitnessstudio, aber ich kann nicht einfach aufhören!

Mutter, ich schicke dir meine Frau, damit du ihr das Kochen beibringst, meinte Andreas grinsend.

Darum habe ich dich geheiratet!, sagte Wilhelm und räusperte sich. Entschuldigt mich!

Na, dann hast du wohl getroffen!, lachte Gretel breit. Dann machte sie eine kurze Pause, ihr Lächeln verging, und sie fuhr fort: Jetzt seid ihr alle raus aus meinem Haus!

Das war das letzte Abendessen, das ich für euch gekocht habe! Und das letzte Mal, dass ich mich für euch abgemüht habe! Ich will euch weder sehen noch hören und weiß gar nicht, was ich mit euch anfangen soll!

Sie griff nach der riesigen Salatschüssel, schleuderte sie mit voller Wucht zu Boden!

Leise, Leibeigene! Der Tanz ist aus!, rief sie mit einem finsteren Grinsen. Ich lasse keinen mehr über meine Kosten fahren besonders nicht euch!

Ein drückendes Schweigen lag über dem Tisch, die Gäste waren fassungslos. Niemand hätte so etwas von Gretel erwartet immer die Ruhige, Hilfsbereite, Pflichterfüllte.

Verdammt?, stieß Wilhelm, und bekam sofort eine Ohrfeige von seiner Frau.

Ruf sofort den Notarzt, sie hat einen psychischen Anfall!, rief Heike.

Gretel nahm die Karaffe mit etwas Saft: Wer jetzt zum Telefon greift, kriegt es in den Kopf!, sagte sie verschmitzt. Warum seid ihr erstarrt? Hände in die Taschen und los, ihr Gierigen!

Gretel! befahl Klaus streng. Ich sag dir als großer Bruder: Beruhig dich!

Nein!, grinste Gretel zurück. Ich will euch nicht mehr bedienen! Ich habe genug! Nicht mehr! Und ich renne nicht mehr hinter euch her, nur weil ihr nicht selbst etwas erledigen könnt! Schluss!

Was hat dich gestochen?, fragte Wilhelm, die gerötete Wange massierend. Alles war doch in Ordnung!

Gretel setzte sich, lehnte sich zurück: Ich habe euch nicht grundlos versammelt. Eure Frechheit kennt keine Grenzen und das schon lange! Euer letzter Aufmarsch hat mir gezeigt, wie dreist ihr geworden seid. Deshalb will ich euch nie wieder sehen!

Wir haben doch nichts getan, murmelte Andreas.

Genau, mein Sohn! Genau!, lachte er.

***

Man sagt, man soll das Leben richtig leben. Und das lässt sich nicht bestreiten. Aber was bedeutet richtig? Jeder hat seine eigene Meinung.

Gretel war 45 Jahre alt und war überzeugt, ihr Leben sei vollkommen richtig verlaufen. Sie konnte sich selbst nichts vorwerfen. Sie kam als drittes Kind und zweite Tochter zur Welt, liebte ihre Eltern, bewunderte ihren Bruder, kam mit ihrer Schwester gut zurecht. Sie machte eine Ausbildung, ging arbeiten, hatte nie das Gefühl, vom Sternenhimmel zu fallen, aber auch nicht, dass ihr etwas verwehrt blieb.

Sie heiratete, bekam zwei Kinder, war eine treue, liebevolle Frau, die ihren Mann immer unterstützte, nie grundlos stritt. Sie war eine gute Mutter, zog die Kinder groß, schickte sie hinaus in die Welt. Auch als Erwachsene hielt sie Kontakt zu Bruder und Schwester, half, wenn man feiern oder Probleme lösen musste. Man dachte, sie sei freundlich, hilfsbereit, klug und verständnisvoll.

So glaubte Gretel, ihr Leben sei richtig gewesen. Doch mit 45 erfuhr sie, wie es sich anfühlt, allein und verlassen zu werden, gerade im traurigsten Moment ihres Lebens.

Frau Müller, sagte der Arzt nach dem Mittagstermin, alle Befunde sind da, keine Gegenanzeigen. Wir planen die OP?

Natürlich, Doktor, sagte Gretel traurig, die Entscheidung steht bereits.

Der Arzt bemerkte ihre gedrückte Stimmung: Ich verstehe, aber

Bitte, legen Sie los, winkte sie. Je früher, desto schneller fertig.

Der Arzt notierte: Heute noch Abendessen, morgen nichts, übermorgen OP. Dann wandte er sich an die Zimmernachbarin: Frau Schubert, bei Ihnen gibt es auch Probleme mit den Werten, wir kümmern uns darum.

Gut, Herr Schröder, antwortete Katja, die Nachbarin.

Als der Arzt ging, fragte er Gretel: Warum bist du so niedergeschlagen? Hast du Angst vor der OP?

Ein bisschen, nickte Gretel. Mein Mann, sah sie auf ihr Handy.

Katja lachte: Mein Mann hat mich mit Liedern verabschiedet, ich denke, die Kinder kommen zu ihrer Mutter, und er macht eine Party. Nichts, was nicht wieder gut wird.

Er weiß ja, dass ich operiert werde, hauchte Gretel. Ein bisschen Unterstützung wäre schön, aber er ist gerade mit seinen Freunden in der Kneipe.

Ach, die Männer, schüttelte Katja den Kopf. Sie sind wie Katzen, die immer wieder zurückkommen.

Es ist trotzdem ärgerlich, sagte Gretel. Eine Gebärmutterentfernung ist keine Kleinigkeit. Er hätte wenigstens ein bisschen mitfühlen können. Er schreibt nur kurz, wenn ich weg bin, und sonst hört man nichts von ihm.

Katja war etwa zehn Jahre jünger, hatte nicht genug Erfahrung, um zu trösten, und das Gespräch verstummte von selbst. Gretel nahm vor der OP keine Mahlzeit zu sich, weil das vor dem Eingriff nötig war, und lag still da, den Deckenbalken anstarrend.

Sie erinnerte sich, wie ihr Kollege Peter sich bei der Arbeit beide Beine gebrochen hatte. Sie fuhr täglich mit dem Bus zu ihm ins Krankenhaus, brachte Essen, sauberes Kleid, blieb bis spät in die Nacht bei ihm. Auch nach seiner Entlassung half sie weiter, brachte Wasser, fütterte, wusch, bürstete.

Warum behandelt er mich so?, fragte Gretel, als Katja vom Abendessen zurückkam.

Du bist nicht der Einzige, meinte Katja. Viele Männer denken, sie dürfen ausnutzen.

Gretel überlegte, ob sie zu viel von ihm verlangt habe, weil die OP ihr Angst machte. Katja sagte: Dein Mann bringt dir jeden Tag Früchte, ruft dich an, schickt Herz-Emojis.

Gretel schlang die Decke um sich und blickte auf ihr Handy.

Der Tag verging, das Essen blieb aus, das Telefon klingelte kaum. Ihr Sohn Andreas nahm nicht ab, schrieb nur, dass er später zurückrufen wolle. Ihre Tochter Ute ließ zweimal klingeln und dann war die Nummer gesperrt.

Schöne Kinder, dachte Gretel verwirrt. Sie melden sich kaum. Die Erwachsenen leben schon allein.

Mutter, vergiss sie, sagte Katja. Sie kommen nur, wenn sie etwas brauchen.

Ihr ältester Sohn, sechzehn, behandelte sie schon wie einen alten Teller.

Wir haben doch ein gutes Verhältnis, versicherte Gretel sich selbst.

Dann warum gehen sie nicht ran? fragte Katja.

Gretel dachte nach: Ist es wirklich schwer, nur ein paar Minuten zu finden, um mit der Mutter zu reden? Das letzte, was sie wollten, war Geld leihen.

Katja nickte: Die flogen aus dem Nest, jetzt kommen sie nur noch mit Wind.

Später rief sie ihren Mann an, bekam keine Antwort, schrieb eine Nachricht, die unbeantwortet blieb.

Ach, Thomas, du solltest dich nicht verkrümeln, murmelte sie.

Am Abend kam er endlich: Wo sind unsere Ersparnisse? Das Gehalt ist aus, wir haben nichts mehr zum Leben!

Er hatte sein Gehalt erst vor drei Tagen bekommen.

Gretel dachte: Doch er hat noch ein bisschen was zu bieten ein Festmahl, Wein in Strömen.

Sie antwortete nicht. Wenn er ihr wenigstens einen Hinweis geschenkt hätte, dass er an sie denkt, hätte sie gesprochen. Aber er ließ es sein.

Ihr Bruder Klaus nahm den Anruf an, sagte aber, er sei beschäftigt und legte auf.

Mann, der ist ja beschäftigt, meinte Gretel.

Sie erinnerte sich, wie sie ein halbes Jahr lang für Klaus’ Kinder gesorgt hatte, nachdem seine Frau sie verlassen hatte. Sie war die Mutter, Köchin, Putzfrau, alles, bis Klaus eine neue Partnerin fand.

Ich habe anderthalb Jahre lang versucht, das zu schlichten, und nie ein Wort des Dankes, dachte sie.

Als sie abends zurückrief, nur ein kurzer Piepton und dann Stille.

Danke, lieber Bruder, für die schwarze Liste!, dachte sie. Er wusste ja, dass die OP bevorstand. Als er die Kinder einen Monat holen wollte, sagte Gretel zum ersten Mal nein wegen der Operation.

Ihre Schwester Heike schenkte ihr nur fünf Minuten, fragte nicht nach Gesundheit, nur: Wann bist du wieder fit? Meine Schwiegerfamilie kommt, zehn Personen, wir brauchen ein Zimmer, aber auch Essen zu Hause!

Ich weiß nicht, Heike, sagte Gretel. Die OP ist schwer, danach zwei bis drei Wochen im Krankenhaus, dann noch vierzig Tage Genesung.

Ach, das geht nicht! Wir brauchen dich! drängte Heike.

Ich habe Angst, gestand Gretel.

Komm schon, keine Ausflüchte! Mach hin, das ist das Wichtigste!, rief Heike.

Gretel dachte: Eine Operation hat Risiken, Komplikationen können passieren. Und jetzt brauche ich einen Koch! Ich bin fast fünfzig und habe nie richtig kochen gelernt.

Heike wollte ständig, dass die kleine Schwester für ihre Gäste kocht Kollegen, Freunde des Mannes, Feierlichkeiten. Gretel blieb zwei Tage vom Herd weg, und doch wurde sie nie zum Tisch eingeladen.

Was soll das?, beschwerte sich Heike. Das ist doch fremde Gesellschaft!

Gretel hatte für diese Gesellschaft gekocht, aber das wurde nicht gesehen.

Die OP verlief ohne Komplikationen, sie blieb noch zwei Wochen im Krankenhaus. Sie rief niemanden an, wartete, dass jemand an sie dachte niemand! Weder Mann, Kinder, Bruder noch Schwester.

Sie grübelte lange, bis sie zu einem Entschluss kam.

Gretel, was redest du da?, schimpfte Klaus. Hast du etwa deine Gebärmutter und ein Stück Gehirn wegschneiden lassen?

Du hast dich erinnert!, jubelte Gretel. Ich dachte, niemand erinnert sich mehr!

Sie stand wieder am Kopf des Tisches.

Hört zu, meine lieben Verwandten! Ich lag zwei Wochen im Krankenhaus und keiner hat sich bei mir gemeldet, keiner fragte, wie es mir geht! Keine Stimme, kein Anruf! Nicht mal mein Bruder, der seine Kinder mehr liebt als die neue Mama. Nicht meine Schwester, die mich mein ganzes Leben lang als kostenlose Köchin benutzt hat. Nicht mein Mann, der nicht nur das gesamte Gehalt, sondern auch all unser Erspartes für das Ferienhäuschen ausgegeben hat. Nicht meine Kinder, denen ich das Leben geschenkt habe! Keiner hat angerufen!

Ein leiser Aufschrei ging durch den Raum.

Ich war immer bereit, alles für euch zu tun. Und jetzt, wo ich selbst Hilfe brauche, seid ihr weg! Wenn ich das allein schaffe, kann ich auch allein durchkommen. Aber ich will nicht länger eure Laufburschen sein.

Sie richtete sich an alle:

Thomas, zieh dich zusammen und geh aus meiner Wohnung!
Kinder, lebt euer eigenes Leben, wenn ihr Hilfe braucht, wendet euch an euren Vater!
Boris und Heike, ich sehe euch nicht mehr holt euch lieber neue Kindermädchen und Köche!

Die Stimmen der Verwandten wurden lauter: Bist du normal? Wie kannst du das sagen?

Gretel befahl: Alle stehen auf! Bildet eine Reihe und geht zu eurem Ärger aus meinem Leben! Ich will endlich für mich leben!

Ein lautes Wooo! schallte, als sie das Haus verließ, zum freien Tisch setzte und sagte:

Ich habe übertrieben, das war zu viel Emotion, aber jetzt fange ich ein neues Leben mit dieser neuen Salatschüssel an.

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Homy
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