28.April2025 Eintrag
Die neue Wohnung riecht nach frischer Tapete, dieser leicht feuchte Geruch ist fast tröstlich. Er erinnert mich an das sichere Gefühl, das man hat, wenn ein Dach über dem Kopf steht, und an das stolze Bewusstsein, zehn Quadratmeter eigenes Reich zu besitzen. Nach Jahren des ewigen Herumziehens zwischen möblierten Zimmern in Berlin, München und Hamburg, lässt mich dieses leise Zittern, das stets vor einer Kündigung des Vermieters gefürchtet wird, plötzlich los. Selbst die nervenaufreibende Vorbereitung für den Umzug konnte meine gehobene Stimmung nicht trüben. Das erste Mal seit langem fühle ich mich, als hätte ich einen festen Punkt auf der Erdkugel gefunden ein Ort, an dem ich nicht mehr verschwinden kann.
Zum Einzug hat Anke einen Fischkuchen mit Ei und frischem Lauch gebacken. Sie stellte ihn in die Mitte des Tisches, um den die MüllerFamilie versammelt war: mein Vater, meine Mutter und unsere vier Kinder Lukas, Emma, Paul und Lina. Anke strahlte, schwenkte den Tee, schnitt die Stücke, scherzte mit den Kleinen. Die Kinder klirrten mit ihren Löffeln gegen die Tassen, rührten Zucker ein und starrten sehnsüchtig auf den goldbraun glanzenden Kuchen. Ich sah meine Familie und fühlte mich glücklich, wie damals, als meine Mutter noch in der kleinen Küche unseres alten Plattenbaus in Brandenburg gestanden hat. Ein kurzer Gedanke an die Kindheit kam auf, dann verflog das Glück wie ein Wölkchen, das plötzlich von einem Regenstropfen zerdrückt wird. Zum ersten Mal seit Jahren überlegte ich, wann ich das letzte Mal meiner Mutter geschrieben habe wahrscheinlich damals, als unser erstes Kind geboren wurde. Jetzt ist Lukas dreizehn. Nach meinem Wehrdienst sah ich meine Mutter noch einmal, dann ging ich auf die Baustelle in Norddeutschland, und seitdem ist ein Vierteljahrhundert vergangen.
Zieh weiter! rief Anke fröhlich, setzte sich und nahm ein paar Schlucke Tee. Die Kinder kicherten, sprangen von Stuhl zu Stuhl, saugten den heißen bernsteinfarbenen Tee und setzten sich dann wieder. Das fröhliche Treiben ließ mich kurz entspannen, ich nahm dankbar ein großes Stück Kuchen und aß gemächlich.
Anke, wo ist die blaue Akte mit den Briefen?
Ich habe noch drei Kartons ungepackt. Vielleicht liegt sie ja in einem davon.
Such sie mir bitte.
Eilt es sich?
Ja, bitte sofort.
Die Kinder hatten den zweiten Kuchen bereits verputzt, Anke füllte die Tassen nach und lächelte über das Stimmengewirr. Wir aßen und tranken, bis die erste Mahlzeit in den neuen vier Wänden wirklich köstlich war und das Glück ein wenig fester erschien.
Eine Stunde später saß ich am Küchentisch und blätterte durch die blaue Akte. Darin lagen einige Briefe von Kameraden, etwa zwanzig alte Fotos vom Wehrdienst und ein Brief von meiner Mutter. Beim meinen Eintritt in die Bundeswehr war meine Mutter fünfzig geworden, und sie schickte mir lange Nachrichten, in denen sie Dorfgespräche, nationale Neuigkeiten und ihre typischen Sprüche beendete mit: Dein Sohn Thomas aus der lieben Mama. Ich hatte diese Briefe einst flüchtig gelesen, zerrissen und in den Müll geworfen, weil sie mir langweilig wurden. Briefe von jungen Frauen, die mich als den schönsten oder lustigsten Soldaten bezeichneten, bewahrte ich hingegen auf. Jetzt bereue ich die Vernichtung der Mutterbriefe. Das Herz fühlte sich plötzlich kleiner an, ein unangenehmes Ziehen breitete sich aus. Ich nahm das einzige erhaltene Schreiben meiner Mutter hervor und las:
Lieber Thomas, ich habe erfahren, dass dein Vater der Mann, von dem du sprichst nicht mehr lebt. Du erinnerst dich kaum an ihn, er starb, als du noch ein kleiner Junge warst. Ich sehe dich kaum, weiß nicht, ob wir uns noch einmal sehen.
Darunter: Deine Mutter, Margarete.
Ein kurzer Seufzer entwich mir. Ich dachte laut: Anke, lass mich bitte gehen, ich muss meine Mutter besuchen.
Jetzt nicht, mein Lieber! Wir haben kaum Geld, die Umzugskosten haben alles gefressen.
Geld? Ich bekomme mein Gehalt erst in zwei Wochen, das Urlaubs- und Renovationsbudget ist weg.
Dann müssen wir bei den Schmidts leihen.
Warum jetzt? Nach all den Jahren hast du plötzlich beschlossen, wegzugehen?
Anke drückte mich fest an die Brust, küsste mich und sagte: Dann fahr jetzt, du alter Träumer!
Die Reise dauerte drei lange Tage. Ich fuhr zuerst mit dem Zug, dann mit dem Bus, ein Stück mit dem Mitfahrgelegenheit und zu Fuß zu meinem Elternhaus in einem kleinen Dorf im Harz. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde ich auf Watte gehen, ich atmete tief, um die Aufregung zu zügeln, und blickte aufmerksam umher. Das Dorf war verfallen, die Fachwerkhäuser verwittert und von der Erde fast verschluckt, alle in einem grauen Farbton. Nur vereinzelte Gärten zeigten noch grüne Striche, sonst herrschte öde Stille. Ich fand den alten Hof, drückte das knarrende Tor auf, ging ein Stück vor und stand schließlich vor dem verbliebenen Haus. Die Tür stand offen, ich trat durch den Flur in die dunkle Kammer.
Ist noch jemand zu Hause? flüsterte ich.
Eine Stimme aus der Dunkelheit antwortete: Ja, ich bin noch hier.
Nach und nach gewöhnte ich meine Augen an die Dämmerung und sah die Gestalt einer alten Frau, die am Rand des Bettes saß. Ich ließ meinen Rucksack zu Boden fallen und setzte mich auf die Bank.
Sind Sie aus dem Schuldienst? fragte sie.
Nein.
Sie erzählte mir, dass der Winter letztes Jahr hart gewesen sei, sie kaum Holz gehabt habe und nun erneut auf Hilfe angewiesen sei. Ich bot ihr an, Holz zu hacken, obwohl ich sie mit Sie anredete ein unübliches Zeichen des Respekts. Sie nickte, sagte, dass ihr nur einmal pro Woche Brot und Milch gebracht würden, sonst nur wenig. Sie hatte nichts zu tun, außer zu sitzen und zu warten. Ich staunte über das Bild einer fast blinden, aber stolzen Frau, die im Dunkeln lebte, um Strom zu sparen. Das Licht der Stadt war für sie ein fremdes Konzept.
Im Schuppen fand ich einen großen Ast, eine Axt und begann, Holz zu spalten. Gegen Abend war ich mit einer ordentlichen Menge Brennholz fertig, legte es ordentlich in die Scheune und füllte den Ofen. Ich fragte die alte Frau, wer das Feuer entfachte. Sie lächelte müde: Ich selbst. Nach all den Jahren brennen meine Finger nicht mehr.
Wir kochten zusammen Suppe, gossen Tee in den Kessel und sie richtete die Schüssel mit Brei auf den Tisch. Ich betrachtete sie: dünn, grau, ohne Zähne, kleinwüchsig, mit einem Lächeln, das trotzdem ein wenig traurig wirkte. Ich sah, wie ihr Bild langsam zu verschwimmen begann, als würde sie in die Nichtigkeit zurückgleiten. Ich schüttelte den Kopf, um das Bild zu vertreiben, und fragte:
Darf ich bei Ihnen übernachten?
Nur zu gern.
Nach dem Essen legte ich mich auf das alte Sofa, zündete keine Lampe, zog die Decke bis zum Kinn hoch und ließ meine Gedanken schweifen. Ich dachte an die vielen Jahre meines harten Arbeitens zwei bis dreischichtige Jobs, um Miete für Wohnungen zu zahlen, um meiner Frau ein Auto zu schenken, um in den Urlaub an die Ostsee zu fahren. Ich hatte vier Kinder, jedes mit eigenem Sparbuch, und erst jetzt ein Eigenheim in einem Vorort von Köln gekauft. All das schien jetzt wie ein ferner Traum, während ich in der kalten Stube lag.
Plötzlich hörte ich ein leises Flüstern aus dem dunklen Flur:
Ich weiß nicht, wer du bist. Der Tod macht mir keine Angst, ich warte jeden Tag darauf.
Ich rief: Ich will dir nichts tun, ich will nur beweisen, dass ich dein Sohn bin.
Sie antwortete: Wozu das Beweisen? Kinder sorgen für Eltern, so wie Eltern einst für ihre Kinder gesorgt haben.
Ich erzählte ihr von meiner Kindheit, vom kleinen Welpen, den sie mir schenkte, von der Verbrennung an einer heißen Pfanne, von meinem Freund Viktor, den wir beide kannten. Jeden Hinweis, den ich gab, schien sie nicht zu erinnern. Schließlich sagte sie: Ich bin blind, aber ich kenne jede Ecke hier.
Ich stand auf, ging zur Tür, öffnete das Tor und trat hinaus in die kühle Abendluft. Der Himmel war klar, ein leiser Wind wehte, und ich fühlte, wie ein Knoten im Herzen sich löste. Ich dachte daran, dass jedes Schicksal seinen Weg hat und dass ich meine Familie in Berlin nicht weiter vernachlässigen darf.
Ich packte meinen Rucksack, verabschiedete mich von der alten Frau, die nur noch ein leises Gute Reise murmelte. Als ich das Dorf verließ, sah ich im Fenster ein schwaches Licht ihr letztes Zeichen. Ich ging die Straße hinunter, die Schritte wurden leichter, je weiter ich vom Harz wegkam.
Jeder hat sein eigenes Los, flüsterte ich zu mir selbst, und ich muss meine Familie wieder aufbauen.
Zurück in Berlin fuhr ich nach Hause, wo Anke bereits das Abendessen vorbereitete. Wir setzten uns, tranken noch einen Schluck Tee und ich erzählte ihr alles, was ich erlebt hatte. Die Nacht war still, doch mein Herz war voll von einem neuen Verständnis dass ich, trotz aller Mühen, nicht allein bin, und dass das Zuhause, das wir zusammen schaffen, das einzig Wahre ist.
Thomas Müller.





