Neue Regeln
Als Brunhilde anfuhr, dass sie ab Montag von zu Hause aus arbeiten wolle, zuckte ihr Mann Hans zuerst nur mit den Schultern.
Na dann, sagte er, während er die Socken auf dem Sofa zurechtzog. Weniger Stau, weniger Stress.
Brunhilde sah ihm in die wolligen Socken und fragte sich, ob er überhaupt kapiert, worum es ihr ging. Der Stau war nicht das eigentliche Problem. Das eigentliche Problem war, wie sie jetzt zu dritt in einer kleinen Zweizimmerwohnung leben würden, in der jeder Quadratzentimeter zählt.
Ihr Sohn Lukas, Siebtenklässler, ließ das Handy beiseite:
Mama, bleibst du dann immer zu Hause? Also überhaupt nicht mehr raus?
Ich werde arbeiten, betonte Brunhilde. Nicht nur sitzen. Nur das Büro wechselt von außen nach hier.
Dann gibts wohl normale Mittagessen, meinte Hans und versuchte zu lächeln. Doch der Blick von Brunhilde verriet, dass er ebenfalls ein bisschen besorgt war.
Sie war an ihr altes Büro gewöhnt: an den Drehkreuz, den Wachmann, an den Schreibtisch, an dem sich über die Jahre feste Gewohnheiten angesiedelt hatten die linke Tasse für Tee, die rechte für Stifte, der grüne Aufkleber mit dem Passwort unter dem Monitor. Dort wurde sie als Frau Brunhilde, Buchhalterin angesprochen, man kam mit Fragen zu ihr, sie jonglierte Bilanzen und Vorschussabrechnungen. Zuhause war sie nur Mama und Brunki, die wusste, wo die sauberen Handtücher liegen und warum die Fernbedienung nicht funktioniert.
Freitag brachte sie aus dem Büro ihren Laptop, ein paar Ordner und eine kleine Schreibtischlampe mit. Sie stellte alles auf den Küchentisch, betrachtete das Chaos und spürte, wie ihr ein Kloß im Hals entstand. Die Küche war ihr gemeinsamer Ort: Hans brät dort morgens Eier, Lukas macht Hausaufgaben, abends essen sie zusammen und nun sollte dort auch ihr Arbeitstag stattfinden.
Vielleicht wäre das Zimmer besser?, fragte Hans unsicher und warf einen Blick in die Küche.
Im Zimmer arbeitest du doch, erwiderte sie.
Tatsächlich hatte Hans in den letzten zwei Jahren im HomeOffice für eine Berliner ITFirma programmiert. Sein Schreibtisch stand am Fenster im großen Zimmer: Monitor, Tastatur, Kopfhörer. Sie hatten sich daran gewöhnt, dass die Tür tagsüber verschlossen war und Lukas nicht reinkam.
Ich könnte dir eine Ecke freimachen, bot Hans an. Zweiten Stuhl hinsetzen, Rücken an Rücken.
Brunhilde stellte sich vor, wie sie beide im selben Raum saßen, jeder im eigenen Call, und verzog das Gesicht.
Nein. Ich bleibe in der Küche. Hier läuft das WLAN prima. Mal sehen, wie das klappt.
Am Sonntagabend richteten sie zu dritt die Stühle neu aus. Hans holte aus dem Abstellraum einen alten, noch sowjetischen Stuhl, putzte ihn, justierte die Beine.
Hier, dein Arbeitsthron, witzelte er.
Brunhilde strich über die Rückenlehne. Das Holz war glatt und warm von seiner Berührung.
Einfach gleich zu Beginn festlegen, sagte sie, dass ich, wenn ich am Laptop sitze, nicht gestört werde. Auch wenn es nur zu Hause ist.
Und wenn der Wasserkocher blank wird?, fragte Lukas.
Der Wasserkocher ist deine Verantwortung, antwortete sie und grinste überraschend.
Montag stand sie früher als alle anderen auf, machte Kaffee, schaltete den Laptop ein. In der Wohnung war es still. Aus dem Zimmer dröhnte leise Hans Schnarchen, Lukas drehte sich im Bett, war aber noch nicht aufgestanden.
Brunhilde öffnete ihr Postfach und spürte eine merkwürdige Zwiespältigkeit. Auf dem Bildschirm: Arbeitsmails, Zahlen, Aufgaben. Hinter ihr: der Kühlschrank mit Magneten, das Fensterbrett mit einem Ficus, der schon lange neuen Erde wollte. Sie hörte die Geräusche der Wohnung, als könnte jederzeit etwas die feine Grenze zwischen Büro und Zuhause sprengen.
Nach einer halben Stunde schlich Hans schlaftrunken, im TShirt, aus dem Zimmer.
Morgen, Kollegin, rief er und blickte auf den Bildschirm. Schon im Einsatz?
Schon, erwiderte Brunhilde und deutete leicht auf die Uhr. Wann ist dein Call?
Um zehn. Einen Kaffee schaffen?
In der Küche ist’s still, sagte sie. Und bitte das Radio aus.
Er hob die Hände resigniert und ging vorsichtig zur Kaffeemaschine. Der Duft frisch gemahlenen Kaffees erfüllte die Küche. Brunhilde musste lachen sie war zu Hause, in Pantoffeln, aber gleichzeitig im Büro.
Um neun klingelte die Chefin.
Wie läufts denn?, fragte sie. Hab dich schon eingewöhnt?
Erstmal, sagte Brunhilde, ihre Stimme ein wenig formeller. Internet stabil, Laptop läuft.
Wichtig ist, erreichbar zu bleiben. Und nicht zu vergessen, dass du jetzt zu Hause bist, wir dich aber sehen. Die Chefin lachte. Im guten Sinne.
Nach dem Anruf ging das übliche Getue mit Berichten los. Brunhilde tauchte in Tabellen und Mails ein. Plötzlich zuckte sie zusammen, als hinter ihr etwas krachte.
Entschuldigung, Mama!, stand Lukas in der Tür, Schuldgefühle im Gesicht, eine umgefallene Topfdeckel in der Hand. Ich wollte nur Suppe machen.
Kannst du leiser sein?, seufzte sie, ein Hauch von Ärger in der Stimme.
Ich hab’s versucht, protestierte er. In einer Stunde muss ich zur Schule, ich habe Hunger.
Brunhilde blickte auf die Uhr, dann auf den offenen Bericht. Im Kopf wirbelte es. Im Büro störte niemand sie mit SuppeFragen. Dort gab es Kantine und Mikrowelle, jeder sein Mittag. Hier war jeder Schritt an die Familie geknüpft.
Okay, ich koche schnell etwas, sagte sie und schloss den Laptop. Aber danach kommt niemand bis zum Mittag zu mir.
Mittags spürte sie die Müdigkeit. Der Morgen brachte zwei dringende Mails, einen korrigierten Bericht und drei Mama, wo? von Lukas. Hans schaute ein- oder zweimal vorbei, fragte nach Kleinigkeiten, einmal wollte er wissen, ob sein Notizbuch noch da sei.
Nach dem Mittag, als alle ihren eigenen Dingen nachgingen, merkte Brunhilde, dass sie nur noch auf den Bildschirm starrte und ihre Gedanken nur eines umkreisten: Ist das so jeden Tag? Soll sie gleichzeitig Buchhalterin und Hausfrau sein?
Am Abend, beim Abendessen, brachte sie das Thema vorsichtig auf.
Wir müssen uns absprechen, sagte sie und schob den Salat vom Schüssel in den Teller. Sonst breche ich irgendwann zusammen.
Was meinst du?, fragte Hans, den Blick vom Essen abwendend.
Ich meine, wenn ich arbeite, kann ich nicht sofort auf jede Frage reagieren. Lukas, kannst du selbst herausfinden, wo die Löffel sind und dir selbst Nudeln kochen?
Das kann ich doch, brummte er.
Und außerdem: Ich will tagsüber nicht das Geschirr spülen. Wir machen das abwechselnd abends.
Also bleibst du zu Hause und machst nichts?, versuchte Hans zu scherzen, aber Brunhilde spürte, wie sich ihre Schultern anspannen.
Ich arbeite, wiederholte sie. Du machst zu Hause doch nicht den Boden sauber, wenn du mittags nicht da bist.
Hans schwieg. Lukas sah erst zu seinem Vater, dann zu seiner Mutter.
Lasst uns Regeln aufschreiben, schlug er plötzlich vor. Wie in der Schule. Zum Beispiel: Während des Unterrichts nicht reden.
Brunhilde grinste, die Idee gefiel ihr. Sie holten ein Blatt Papier, Lukas brachte Filzstifte.
Punkt eins, diktierte Brunhilde. Von neun bis fünf arbeitet Mama. Man darf nur im Notfall stören.
Was ist ein Notfall?, fragte Hans.
Blut, Feuer, kaputter Rechner, zählte sie auf.
Und wenn das Internet wegbricht?, fragte Lukas.
Dann ruf Papa, antwortete sie.
Sie lachten, stritten, ergänzten Punkte. Am Ende standen ein paar simple Regeln darauf: abwechselnd das Geschirr spülen, nicht in die Küche stürmen, wenn jemand telefoniert, gemeinsam um zwölf Mittag essen, wenn keiner einen Termin hat.
Dienstag verlief etwas besser. Brunhilde hatte vorher Suppe gekocht und auf dem Herd stehen lassen. Hans hatte am Morgen angekündigt, dass er um elf einen wichtigen Call hat und um Ruhe gebeten.
Ich habe dann auch einen Call, sagte sie. Wir flüstern.
Um elf saßen sie beide vor den Bildschirmen: Hans im Zimmer, sie in der Küche. Durch die Wand hörte man sein gedämpftes Sprechen. Brunhilde versuchte leiser zu reden, als sie in die Videokonferenz ging. Auf dem Bildschirm flimmerten kleine Fenster: jemand vor Bücherregalen, jemand wie sie in der Küche.
Frau Brunhilde, Sie arbeiten jetzt von zu Hause?, fragte eine Kollegin.
Ja, antwortete sie. Gewöhne mich ein.
Als das Meeting endete, atmete sie auf. Keine Panik, kein lautes Mama!. Sie hatte sogar ein paar Fragen zu den Berichten gestellt.
Nach dem Mittag kam Lukas mit seinem Heft zur Küche.
Mama, hast du gerade Zeit?, fragte er, blickte auf den Bildschirm.
Ein bisschen, sagte sie. Was ist los?
Wir haben eine AlgebraAufgabe, ich verstehe sie nicht. Aber das ist kein Blut und kein Feuer.
Sie lachte.
Mach so: Ich schreibe den Bericht fertig, das dauert zwanzig Minuten, dann schauen wir uns deine Aufgabe an. Einverstanden?
Lukas nickte und ging. Und plötzlich wurde ihr klar, dass das, was sie Respekt für Arbeitszeit nannte, tatsächlich funktionierte. Jetzt musste sie nur noch lernen, seine Bitten zu respektieren, anstatt sie immer zu übergehen.
Am Freitagabend stand Hans aus dem Zimmer, streckte sich und sagte:
Ich kann den Bildschirm nicht mehr ertragen.
Brunhilde schloss den Laptop, ihre Augen brannten vom Anstrengen.
Am Montag habe ich die Quartalsabschlüsse, und zu Hause fühlt es sich an, als wäre ich ständig im Büro. Im Büro gehe ich wenigstens mal raus.
Lass uns jetzt spazieren gehen, schlug Hans vor. Ein Laden, der Innenhof, was auch immer.
Lukas zog bereits seine Turnschuhe an.
Draußen war es kühl, aber nicht kalt. Im Hof spielten Hunde, ein Junge fuhr auf einem Roller. Brunhilde ging, hörte Hans über sein Projekt reden, Lukas über den neuen Lehrer meckern. Sie merkte, dass ihr die Luft leichter fiel, wenn die Wände der Wohnung nicht auf ihr Gewicht drückten.
Wir müssen etwas finden, wie wir Arbeit und Zuhause trennen, sagte sie, als sie zurückkamen. Zumindest symbolisch. Wenn ich den Laptop zuklappe, bin ich nicht mehr Buchhalterin.
Wer?, fragte Lukas.
Mama. Ehefrau. Einfach ein Mensch.
Hans sah sie genauer an.
Wie wäre es, wenn wir nach sechs Uhr keine ArbeitsChats und keine Deadlines mehr besprechen, schlug er vor. Weder deine, noch meine.
Und wenn es dringend ist?, fragte sie.
Na, wenn’s brennt, ja. Aber nicht jeden Abend zum Büro machen.
Sie stimmte zu. Die Idee gefiel ihr: Der Tag könnte nicht nur mit dem Ausschalten des Laptops enden, sondern mit einem kleinen Ritual.
Am nächsten Montag ging alles drunter und drüber. Lukas Drucker schlug Feuer, er brauchte sofort das Arbeitsblatt. Hans stritt sich mit dem ITSupport, weil sein FirmenServer nicht ging. Brunhilde versuchte den Kunden zu erreichen, der die Unterlagen noch nicht geschickt hatte.
Mama, ich brauche das jetzt, schrie Lukas.
Ich kann nicht, ich habe einen Call, sagte sie.
Ich auch, schnitt Hans durch.
Die Küche bebte von Stimmen. Brunhilde spürte die Wut aufsteigen. Sie wollte brüllen, dass sie nicht gleichzeitig an drei Orten sein kann. Dann fiel ihr das Blatt mit den Regeln ein, das am Kühlschrank hing, und sie sammelte ihre Kräfte.
Stopp, sagte sie laut, aber ruhig. Wir machen das nacheinander. Hans, du telefonierst mit dem Support. Lukas, schreib deiner Lehrerin, dass du das Blatt später bekommst. Ich rufe den Kunden an. Dann lösen wir das Problem gemeinsam.
Hans nickte, Lukas schnaubte, griff aber zum Handy.
Nach zwanzig Minuten lief der Drucker. Hans fand im Internet die Anleitung, Lukas druckte das Arbeitsblatt, Brunhilde bekam die Unterlagen.
Teamarbeit, sagte Hans, als sie endlich zusammen am Tisch Tee tranken.
Die Anspannung ließ nach. Sie hatten es geschafft, ohne sich zu zerreißen.
Mitte der Woche bat die Chefin um ihre Teilnahme an einem wichtigen Meeting. Sie sollte den Bericht vor der Leitung präsentieren. Früher geschah das in einem großen Konferenzraum mit Leinwand; jetzt nur noch per Videokonferenz.
Schaffst du das?, fragte die Chefin. Die aus Berlin werden dazustoßen.
Mache ich, antwortete Brunhilde, obwohl ihr Herz ein wenig hämmerte.
Zuhause erzählte sie es Hans.
Ich habe dann auch einen Call, bemerkte er und sah auf sein Handy. Ich kann versuchen, den zu verlegen.
Nein, ich schaffe das allein, sagte sie. Ich nehme den Kopfhörer.
Und wenn das Internet ausfällt?, mischte Lukas ein. Oder der Ton wegbricht.
Ich hoffe, das passiert nicht, sagte sie und lachte leise.
Am Tag des Meetings stand sie früh auf, machte Kaffee, setzte sich an den Küchentisch, öffnete den Laptop, prüfte die Verbindung. Auf dem Kühlschrank hing ihr Regelblatt, die Ecken leicht abgeknickt.
Hans kam in die Küche, sie wusste bereits, was er sagen würde.
Ich bleibe im HomeOffice, sagte sie, während sie ihm den Kaffee einschenkte. Zumindest vorerst.
Wirklich?, fragte er.
Ja. Es ist hier anstrengend, aber auch schön. Ich sehe, wie ihr lebt, und ihr seht, wie ich arbeite. Wir haben schon viel getan, ich will das nicht sofort aufgeben.
Er nickte, und in diesem Nicken lag nicht nur Zustimmung, sondern auch ein Hauch Dankbarkeit.
Dann sollten wir die Regeln noch um einen Punkt ergänzen, meinte er. Dass Mama ab vier Uhr den Laptop schließen und spazieren gehen darf.
Das ist heilig, rief Lukas aus dem Zimmer.
Brunhilde lachte. Sie wusste, dass noch viele Tage kommen würden, an denen nichts nach Plan lief jemand vergaß zu klopfen, das Internet streikte, ein Bericht hängte im ungünstigsten Moment. Aber sie hatten bereits Vereinbarungen, kleine Rituale, gemeinsame Siege.
Sie trank den restlichen Kaffee, öffnete die nächste Datei. Die Küche war hell, das große Zimmer summte leise vor Tastaturgeräuschen, im Flur hörte man Lukas Schritte.
Mama, rief er aus der Küche, bist du gerade im Büro oder zu Hause?
Brunhilde blickte auf die Uhr.
Im Büro, sagte sie. Aber in einer Stunde Mittagspause, dann bin ich definitiv zu Hause.
Okay, sagte er. Ich warte dann.
Er ging, und Brunhilde lächelte. Diese Stunde würde vergehen, der Bericht wäre fertig, der Wasserkocher wird singen, und sie werden wieder um den Tisch sitzen. Nicht perfekt, nicht nach Lehrbuch, aber auf ihre Weise. Und so fand ihr leicht chaotisches, manchmal anstrengendes Zuhause Platz für Arbeit und Leben.




