Glasha, willst du heiraten?

Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem ich im Dorfgemeinschaftshaus von Kleinwiesen ein Gespräch hörte, das mehr als nur ein harmloser Flirt war.

Gisela, willst du heiraten? fragte jemand, während ein junger Mann mit breiten Schultern der ungestüme Mischka Zottke ihr die Hand entgegenstreckte. Gisela reagierte prompt, wischte ihm die Hand von der Schulter und stieß ihn leicht zurück. Mischka lachte dabei, zeigte seine Zähne und musterte die üppigen Formen von Gisela Agapova, die in ihrem blauen Kleid stand.

Na, bist du einverstanden? drängte Mischka, während er versuchte, Gisela zu packen. Vielleicht drehen wir ein Tänzchen im Heuschobereich gib mir wenigstens ein Stück Halt.

Ohne zu zögern schob Gisela den jungen Mann in ein Brennnesselbusch, wo er kichernd wie ein Hubschrauber mit den Armen strich. Das Gelächter der versammelten Jugend gellte durch den Saal.

Hey, du Pflaumenblüte, wischte sich Mischka den Saum des Busches vom Gesicht, spuckte Gisela direkt an die Füße und fußte seine Wut aus. Denkst du, ich lache über dich? Die lachen über dich.

Gisela wandte ihr Gesicht ab, verzog die Lippen leicht. Ihre Freundin Natascha legte ihr tröstend die Hand auf die Schulter. Ach, Gisela, kennst du Mischka nicht? Er will nur ein bisschen spötteln.

Gisela lächelte, Tränen waren kein Teil ihres Plans. Sie war es gewohnt, solche Scherze zu ertragen Natascha beruhigte sie, denn auch wenn Gisela manchmal als die Pflaume verspottet wurde, war sie doch ein kräftiges Mädchen, das im Vergleich zu Nataschas zierlicher Gestalt wie eine Birke wirkte.

Kommen wir, der Film fängt gleich an, rief Natascha, und die beiden schlichen gemeinsam mit den anderen ins Halbdunkel des Dorfclubs. Gisela zog ihr Kleid vorsichtig zurecht und setzte sich auf die knarrenden Holzbank, die noch aus den späten fünfziger Jahren stammte. Der Komfort war gering, doch das Kinoerlebnis reichte ihr völlig.

Sie seufzte, als sie die schlanken Heldinnen des Films betrachtete. Ihre ältere Schwester Maria unterschied sich von ihr durch eine schmächtige Statur, ein Erbe des Vaters, der ebenso dünn war wie ihr jüngerer Bruder Klaus. Die Mutter hingegen, die rundliche Klara, hatte Gisela eindeutig nach ihr gestaltet, doch das hinderte die energische Gisela nicht daran, das Haus zu führen. Ihr Vater, hochgewachsen und etwas behäbig, passte wie die beiden Teile eines Schuhpaars zu ihr.

Gisela dachte darüber nach, dass sie in ihrem Heimatort wohl nie einen passenden Partner finden würde und selbst außerhalb des Dorfes kaum.

Am Sonntag luden die Mädchen Gisela zu einem Ausflug ins Bezirkszentrum ein, wo ein Lastwagen mit einer kleinen Holzhütte ankommen würde. Die Holzhütte hatte knarrende Holzbankes und ein holpriges Kopfsteinpflaster, das jeden Schritt wie ein Sprung eines Balles erscheinen ließ. Sie fuhren bis zum Rathaus, das an einem sonnenbeschienenen Platz stand, während aus einem Lautsprecher alte Schlagerklänge dröhnten. In der Nähe stand ein Fass mit kühlem Kraut, zu dem die Mädchen eilig liefen, lachten und in der Sonne die warmen Sommertage genossen.

Schau, was für eine Pflaume, hörte Gisela ein Flüstern. Sie dachte, das sei nicht wirklich für sie gemeint, doch um sie herum schienen keine anderen Mädchen zu sein, die sie nicht in den Blick nahmen. Neben einem Baum im Schatten standen zwei junge Männer. Einer wirkte nachdenklich, der andere mit einem spöttischen Blick musterte Gisela von Kopf bis Fuß und drückte seinem stillen Gefährten einen leichten Stoß zu.

Gisela trat näher an ihre Freundinnen heran, um den prüfenden Blicken zu entgehen. Sie wusste, dass ein solcher Blick nur dazu diente, zu kneifen oder zu verhaken und dann zu spotten.

Mädchen, wir schaffen noch die Tanzveranstaltung! verkündete Nina.

Aber es ist schon Abend wann gehen wir nach Hause?

Wir schaffen es! Onkel Viktor hat versprochen, uns aus dem Kulturverein abzuholen. Kommt ihr mit, oder nicht?

Wir kommen!

Der Tanz im Bezirksheim war nicht wie die wilden Feiern im Dorfclub, wo unverheiratete Mädchen aneinander vorbeischoben. Hier erklangen meist nur Akkordeons, und die Menschenmenge war größer, die Säulen des Saals strahlten im Licht. Manchmal kam ein Orchester aus der Region, aber das war ein Festtagsereignis.

Gisela blickte zufrieden auf den Rock ihres blauen Kleides genau den, den sie gewählt hatte und schnappte sich die Gruppe, um mitzutanzen. Sie wusste, dass sie nicht eingeladen werden würde, doch die anderen Mädchen wirbelten fröhlich umher, lachten und strahlten. Gisela stand an einer Wand, und es schien, als würde sie beobachtet. Warum nicht? Ihre braunen Haare waren zu zwei Zöpfen geflochten, ihre Stupsnase und rosigen Wangen verliehen ihr ein warmes, hoffnungsvolles Aussehen.

Vielleicht tanzen wir ja zusammen, flüsterte sie.

Sie erkannte sofort den Jungen, der am Platz neben dem Spötter stand er war Stefan, ein großer, stiller Bursche, der ihr ein wenig zu hoch war. Er fragte vorsichtig: Wie heißt du?

Gisela, Gisela, antwortete sie.

Ich bin Stefan.

Woher kommst du?

Aus Bärental.

Ach, das ist ganz nah.

Wo wohnst du jetzt?

Hier, im Dorf.

Früher?

In der Stadt, habe dort studiert und gearbeitet.

Stefan begleitete sie bis zum Auto, wollte noch etwas sagen, aber er zögerte. Sein Freund Jürgen, der danebenstand, bemerkte: Ich sah dich bei der Pflaume herumschnüffeln.

Warum nennst du sie so? Sie hat doch einen Namen, sagte Jürgen schmunzelnd.

Stefan, du hast dich wohl verknallt, tuschelte er.

Verknallt? Nur weil sie nett ist?

Stefan räusperte sich: Ich bin nicht allein, ich habe Valentina und Wolfgang, die beiden Kleinen. Sie brauchen mich. Und das Mädchen warum sollte ich ein Kind einer fremden Frau wollen, wenn sie doch ihre eigenen hat?

Stefan verließ dann die Szene, ließ das Gespräch hinter sich. Er war in Bärental aufgewachsen, hatte früher das Dorf verlassen, um zu studieren. Seine Mutter war vor einem Jahr gestorben, und er kehrte zurück, um seine Geschwister zu unterstützen. Der siebenjährige Wolfgang umarmte seine Knie, die zehnjährige Valentina hielt seine Hand fest, weil sie ihn nicht loslassen wollte.

Dann kam Tante Zoya, eine Freundin seiner Mutter, und rief laut: Stefan, du musst heiraten! Du bist jetzt der Ernährer, du brauchst eine Frau mit Kind, damit es fair ist. Ich kenne ein Mädchen, Seraphina Kudrjavec, die etwas jünger ist als Wolfgang.

Stefan schüttelte den Kopf: Das passt nicht zu mir.

Tante Zoya versuchte weiter, ihn zu überreden, doch er blieb stur. Später dachte er darüber nach, wie sehr er sich wünschte, dass Gisela an seiner Seite wäre, wenn er nach Hause fuhr. Er erinnerte sich daran, wie sie beim Wagen stehen blieb, ihn erwartete, vielleicht ein Wort sagen wollte, doch er schwieg. Sie war noch unverheiratet, also warum sollte sie fremde Kinder haben? Und für Stefan waren seine Geschwister wie seine eigene Familie, die er nie verlassen würde.

Gisela dachte oft an die grauen Augen des schüchternen jungen Mannes. Sie wollte ihn sehen, obwohl sie kaum etwas über ihn wusste. Sie sah sich im Spiegel und dachte: Ich bin eine Pflaume, das sagt man manchmal liebevoll, aber es schmeckt bitter.

Am nächsten Sonntag luden die Mädchen wieder ins Bezirkszentrum ein, doch Gisela lehnte ab. Was soll ich dort machen?, überlegte sie, während sie an Stefan dachte.

In der darauffolgenden Woche arbeiteten die Mädchen hart auf den Feldern, erschöpft fielen sie ins Gras, manche setzten sich, andere legten sich hin.

Gisela, ich habe vergessen, dir etwas zu sagen, eilte Natascha zu ihr und flüsterte: Der Junge, der beim Tanz war, ruft dich nächsten Sonntag, das Orchester kommt.

Mich?

Ja, er fragt nach dir.

Dann fahren wir alle.

Alle fahren, aber er wartet nur auf dich.

Gisela spürte, wie ihre Wangen erröteten, zunächst freute sie sich, dann dachte sie: Wird er mich wie Mischka zu einem Heuschobereinsatz einladen, nur zum Spaß?

Die Woche verging, und Gisela und Stefan fanden sich schließlich im schattigen Garten eines alten Baumes wieder, auf einer Bank, die vom Regen glänzte.

Ich wollte dich noch einmal sehen, gestand Stefan, während er unsicher an seiner Mütze zupfte. Aber ich dachte, du willst das nicht vielleicht hast du schon einen Bräutigam.

Keinen habe ich, antwortete Gisela leise.

Ich habe keine Braut, sagte er, und sein Blick wanderte zu den Kindern, die im Hintergrund spielten.

Meine jüngere Schwester Valentina und mein Bruder Wolfgang, zehn und sieben Jahre alt. Unser Vater ist fort, die Mutter nicht mehr. Jetzt bin ich ihr Oberhaupt.

Gisela sah ihn überrascht an so jung und doch bereits Verantwortung.

Vielleicht ändert sich ja etwas, flüsterte sie.

Stefan nahm sie zögerlich in den Arm, hielt sie fest, während er murmelte: Sie sind gut, Valentina und Wolfgang, sie hören auf mich sie werden groß und haben eigene Familien, das verspreche ich dir.

Der Herbst kam, und die Familie Agapov kehrte gemeinsam den Garten zusammen. Am Abend, als das Feuer im Holzofen knisterte, stand Gisela in ihrem blauen Kleid vor dem Ofen und blickte auf die Uhr.

Klara seufzte und sagte: Nun, unser mittleres Kind heiratet.

Der Vater, der mit den Fingern auf den Tisch klopfte, nickte: Mit einem guten Mann, auch wenn er Kinder hat, wird Gisela nicht untergehen. Und sie werden eigene Kinder bekommen.

Klara rief laut: Sie kommen! Sie kommen, um uns zu holen.

Gisela ließ das warme Haus hinter sich, vergaß sogar den Mantel, und trat nach draußen, um den Bräutigam zu empfangen. Valentina und Wolfgang stürzten sich auf sie, packten ihre Hände und sahen ihr tief in die Augen alles war gesagt.

Lasst Gisela los, lachte Stefan, während er sie fest umarmte.

Ja, ein Hoch auf das Brautpaar!, riefen die Kinder, und zusammen gingen sie ins Haus. Gisela vergaß die früheren Spitznamen, die manchen als Scherz oder als Ärger gemeint waren. Vielleicht wird sie eines Tages wieder Pflaume genannt, doch dann nur noch liebevoll.

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Homy
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