Das ungewöhnliche Testament der Ehefrau

Also, hier ist die Geschichte, angepasst an die deutsche Kultur:

Der ungewöhnliche Wunsch der Ehefrau

Ihr Schwiegersohn hatte versprochen, Vera Scholz am Samstagmorgen von der Datsche abzuholen. Schade, dass sie gehen musste, aber Ende Oktober war es nun mal so. Das Wasser war abgestellt, Zeit, nach Hause zu fahren.

Veeera! Vera Scholz, bist du da?, klopfte der Nachbar Leo Berger an die Tür. Komm rein, Leo, ich bin noch hier. Packe gerade meine Sachen. Mein Schwiegersohn holt mich übermorgen ab. Er wird mich sicher wieder schelten, weil ich so viele Tüten habe. Aber was soll ich machen? Meine eigenen Sachen sind kaum dabei. Meist ist es die Ernte. Äpfel habe ich getrocknet, es war ein gutes Apfeljahr. Gurken, Paprikasalat, Marmelade. Das kann ich doch nicht einfach hier lassen. Für wen habe ich das alles gemacht? Für sie. Ich selbst brauche nicht viel.

Sag das nicht, Vera. Ich gehe auch bald zurück, aber erst später. Der Herbst ist so schön hier. Lena liebte den Herbst übrigens. Aber weißt du noch, wie wir früher alle zusammen die Datsche-Saison beendet haben? Dein Stefan lebte noch, wir waren jung. Die Kinder klein. Heute wuchert alles auf den Grundstücken, aber damals war es kahl, die Apfelbäumchen winzig man dachte, sie würden nie wachsen. Vera, heute ist Lenas Jahrestag. Wir sollten an sie denken. Leo drehte einen Umschlag in seinen Händen. Allein mag ich nicht. Gemeinsam ist es besser. Komm doch rüber, ich habe Kartoffeln gebraten. Wir sitzen zusammen, erinnern uns, gedenken Lena. Und ich muss auch mit dir reden. Kommst du?

Natürlich, Leo. Hier, nimm die Salzgurken mit. Ich bin in einer halben Stunde bei dir, siehst ja, alles liegt noch durcheinander.

Sie waren seit Jahren befreundet. Als sie von ihrer Firma je sechshundert Quadratmeter Land bekamen, war die Freude riesig. Sie bauten Häuser, pflanzten Gärten, halfen sich. Sommergeburtstage feierten sie gemeinsam. Jeder Sommer war ein kleines Leben, das sie miteinander verbrachten. Jetzt verbringt Vera den Sommer mit ihren Enkeln Langeweile kennt sie nicht. Aber Stefan fehlt ihr seit sieben Jahren.

Leo und Lena waren immer noch ihre Nachbarn. Nein, *waren* denn Lena starb letztes Jahr im Herbst. Sie war noch stolz darauf, schlank wie ein Model zu sein. Und dann … Dieser Sommer war seltsam. Leo wirkte verloren, grub Beete um aber wer sollte sie bepflanzen? Lena war nicht mehr da. Man hörte nur, wie er in der Scheune herumwerkete und fluchte, wenn es nicht klappte. Veras Enkel kamen kaum, mal ins Ferienlager, mal mit den Eltern ans Meer. Sie wusste selbst nicht mehr, für wen sie alles angebaut hatte. Gießen, jäten Hauptsache, beschäftigt.

Vera seufzte. Was sollte sie sagen? Sie zog sich um und ging zu Leo sie hatte es versprochen.

Leo erwartete sie. Der Tisch war gedeckt: Bratkartoffeln, Tomaten, Veras Salzgurken, aufgeschnittene Wurst. Setz dich, Vera. Morgen kommen meine Kinder. Heute gedenken wir Lena. Schau, ich habe alte Fotos gefunden. Siehst du? Stefan pflanzt mit dir die Kirschen. Und hier kommen wir alle mit vollen Körben aus dem Wald. Und hier grillen wir. Der Rauch vom Feuer, Lena kneift die Augen zusammen. Leo schenkte Schnaps ein. Auf uns. Auf meine Lena. Und auf deinen Stefan. Sie schwiegen, knusperten Gurken. Dann zog Leo einen Umschlag hervor.

Vera, wundere dich nicht, aber hör mir zu. Lena verging letzten Herbst vor meinen Augen. Im August verließen wir die Datsche, im September lag sie nur noch. Aber sie gab nicht auf sie war stark. Wir erinnerten uns an unser Leben, Tag für Tag. Sahen alte Lieblingsfilme, redeten über alles. Dann sagte sie plötzlich: Leo, versprich mir, was ich dich bitten werde. Versprichst du? Es ist kein Wunsch, es ist mein Vermächtnis. Schwieg nicht, widersprich nicht wir wissen beide, wie es steht. Und gab mir diesen Umschlag. Sie wusste, ich würde ihn nicht wegwerfen. Lies.

Aber der ist doch für dich.

Lies einfach. Dann verstehst du.

Vera öffnete den Umschlag und entfaltete ein Blatt mit Lenas Schrift:

*Leo, mein Lieber, ich gehe früher. Aber du musst für uns beide leben! Ich vermache dir, glücklich zu sein. Das heißt nicht, dass du mich vergisst. Aber ich habe Angst, dass alles zerbricht. Ich will nicht von oben sehen, wie du leidest. Hab keine Angst vor dem Glück wir liebten das Leben so sehr. Vielleicht triffst du jemanden. Wenn es Vera ist ich hätte nichts dagegen, im Gegenteil. Sie ist gut, sie versteht dich. Frag sie, ob ihr zusammenzieht. Wir gaben nie auf. Leo, lebe allen Widrigkeiten zum Trotz. Deine Lena.*

Vera las es zweimal, sah Leo an.

Ich versprach, ihren Wunsch zu erfüllen. Jetzt liegt es an dir. Vera, lass es uns versuchen. Uns verbindet Freundschaft das ist viel. Wir haben nichts zu bereuen. Glücklich zu leben ist ein Segen. Willst du meine Frau werden? Ich verspreche, du wirst es nicht bereuen.

Vera wusste nicht, was sie sagen sollte. So unerwartet. Doch dann dachte sie da ist Wahrheit drin. Leo, gut. Ich überlege. Sage meinem Schwiegersohn, ich brauche noch eine Woche.

So beschlossen sie es. Leo brachte Vera nach Hause.

Diese Nacht schlief Vera kaum. Eine schwere Entscheidung. Ihr ganzes Leben zog vorbei. Gegen Morgen träumte sie von Stefan. Er lachte: Was quälst du dich? Zu zweit ist alles leichter. Heirate Leo, und gut. Ich bin nicht dagegen im Gegenteil. Meine Vera soll nicht allein sein.

Im nächsten Sommer rissen Vera und Leo den Zaun zwischen ihren Grundstücken ein. Doppelt so viele Enkel tobten jetzt herum. Leo baute eine Schaukel, machte den Jungen Pfeil und Bogen. Er grub Beete um Vera pflanzte alles Mögliche. Genug für die große Familie. Die Enkelinnen halfen ihr, sie bekamen eigene Beetchen.

Die erwachsenen Kinder kamen am Wochenende. Sie freuten sich, dass ihre Eltern nicht allein waren.

Manche mochten sie verurteilen. Aber Lena und Stefan lächelten von oben. Das Vermächtnis, glücklich zu sein, war erfüllt. Und das Leben ging weiter trotz allem.

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Homy
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