Kürzlich hat sich bei uns im Haus ein neuer Hausmeister gemeldet. Er arbeitet zuverlässig, kehrt sauber und reinigt regelmäßig das Treppenhaus. Alles läuft nach Plan an ihm gibt es keinerlei Beanstandungen. Nur ein Detail
Früher war die Hausmeisterin, Frau Liselotte Schulz, für unser Treppenhaus zuständig, das fast wie ein neunstöckiges Foyer eines großen Wohnhauses wirkte. Am Eingang, zu jener längst abgewrackten Eingangstür, legte sie stets einen Teppich aus, was zwar komisch und irgendwie deplatziert wirkte, doch der Teppich diente als Schutz für das bröckelige Betonpflaster und die hervorstehenden Stahlträger er bewahrte die Bewohner vor Splittern und zerbrochenen Absätzen.
Auf allen neun Fensterbänken standen Töpfe, Keramikfiguren und ungewöhnliche Schildkröten. Nie kam Staub auf diese Ablagen.
Eines Tages zogen junge Männer in die Wohnung im sechsten Stock ein. Sie feierten das Leben mit Zigaretten, Schnaps und offenbar etwas Stärkerem. Die Töpfe verwandelten sich in Aschenbecher, das Flaschenlager beeindruckte durch billige Sortenvielfalt, und die Keramikfiguren wurden von ihren Schuhen zu feinem Staub zermahlen. Die übrigen Hausbewohner mieden die laute Truppe aus Angst vor unvorhersehbaren Reaktionen. Doch Liselotte schaffte es, sich mit den jungen Männern anzufreunden, ihre Töpfe zu retten und die Party schließlich in eine andere Richtung zu lenken. Die lauten Feierlichkeiten im Treppenhaus verstummten, und zwischen den Töpfen stand nun ein hübscher Aschenbecher, den Liselotte regelmäßig säuberte.
Am beeindruckendsten an ihr war nicht nur die seltene, heute noch vorhandene Arbeitseifer. Sie begann früh am Morgen ihren Dienst, fegte die Gänge, summte leise ein Lied und putzte den Aufzug sowie das Geländer mit einer alkoholischen Lösung lange bevor das Desinfizieren zur Pflicht wurde.
Auch ihre freundliche Art im Umgang mit den Nachbarn, die ihr durch neue Aufgaben das Arbeitspensum vergrößerten, war bemerkenswert. Während sie täglich das Gras und die Büsche hinter dem Haus von unzähligen Zigarettenstummeln befreite (ob das zur Hausmeisterpflicht gehört, weiß ich nicht), plauderte Liselotte höflich mit den Rauchern auf den Balkonen und tadelte sie nie für ihr unzivilisiertes Verhalten. Sie sprach nur von allerlei Trubel und räumte die Spuren ihrer Freizeitbeschäftigung gewissenhaft weg. Nach einer Weile hörte das Hinterhof-Teppich aus Zigarettenstummeln auf zu wachsen. Dann zerbrach unsere Hausmeisterin, wie man heute sagt, den Pflasterstein, und vor den Fenstern sprangen Tulpen, Stiefmütterchen und prächtige Sonnenblumen.
Am eindrucksvollsten war ihr Aussehen, wenn sie nicht in ihrer orangenen Arbeitskleidung zu sehen war. Perfektes Make-up, eine gepflegte Frisur, obligatorische Pumps bei jedem Wetter und ein stilvolles Outfit ausschließlich in Pastellfarben man erhielt den Eindruck, dass Liselotte nach dem Putzen des Treppenhauses gleich zur Hofdame einer englischen Königin marschieren könnte. Nur ein Hut fehlte ihr noch.
Ihr Ehemann holte sie stets von der Arbeit ab. Er stieg aus dem Auto, reichte seiner Dame eine kleine Blume und küsste sie zärtlich auf die Stirn. Immer.
Ende August hörte ich von den allwissenden Damen auf der Bank, dass unsere Liselotte morgen ihren letzten Arbeitstag hat und dann in Rente geht. Was wird aus unserem Treppenhaus? Am nächsten Tag kaufte ich einen Strauß Blumen für Liselotte. Ich wollte ihr eine kleine Freude machen. Zu meiner Überraschung standen vor ihrer Garderobe, in der Besen, Kehrschaufeln und Mops wogen, mehrere Bewohner unseres Hauses. Manche, wie ich, brachten Blumen, andere Champagner und Korn, die alten Damen riefen laut und überreichten Liselotte verlegen Kuchen und Gläser mit Essiggurken. Dann stürmten die ehemaligen Partygänger aus dem sechsten Stock zu ihr, jene, die einst ihre Töpfe zerstörten und das Treppenhaus erschreckten. Sie zeigten der 65jährigen Liselotte, wie man stylische Selfies macht, und gingen konzentriert über ihr Handy. Ich vermute, sie meldeten sie bei Instagram und TikTok an.
Ihr Mann, der Organisator dieser spontanen Rentenfeier, stand etwas verwirrt da und lud den Kofferraum seines Wagens mit Blumen, Korn und den köstlichen Vorräten unserer alten Nachbarsfrauen.
Am meisten schien Liselotte selbst nicht zu verstehen, was geschah. In einem klassischen Kleid in Mandelfarbe, besetzt mit Perlen und einem etwas kräftigeren Make-up als sonst, lauschte sie den Bewohnern, kämpfte gegen Tränen an und versuchte, nicht zu weinen.
Vielleicht war ihr bewusst, dass kein Kollege jemals so verabschiedet wurde. Nie und nirgends.
Oder sie spürte intuitiv, dass sie mit ihrer bescheidenen, kaum beachteten Arbeit uns, den gewöhnlichen Bewohnern eines normalen neunstöckigen Wohnhauses, ein Stück besser und freundlicher gemacht hatte.





