„Mama, die kann ich auch im Supermarkt kaufen, und die sind billiger!“, sagte eine gestresste Frau und deutete mit dem Kopf auf ihr Gemüse.

Oma, das kann ich auch im Supermarkt holen, das ist günstiger, sagt eine eilige Frau und wählt mit dem Kopf auf ihre Bündel.

Doch niemand weiß, dass an diesem Tag das Leben der alten Frau für immer kippt.

Oma Helga startet ihren Tag noch vor dem Hahnschrei. Nicht, weil sie große Pläne hegt, sondern weil die Armut nie schläft. Sie schleicht vorsichtig aus dem Bett, damit sie Heinrich nicht weckt, ihren Mann. Seit Jahren kann er nicht mehr aufstehen. Die Krankheit hat ihn Stück für Stück geschwächt, lässt nur einen hageren Körper zurück, der im Bett liegt und dessen Augen von der Scham der Hilflosigkeit erfüllt sind.

Für Helga ist er jedoch immer noch der starke Junge, der sie zur Frau nahm und sie meine schöne Tochter nannte, selbst wenn seine Kleider löchrig waren.

Jeden Morgen wäscht sie ihr Gesicht mit kaltem Wasser, zieht das schwarze Kopftuch unter das Kinn und legt den dicken, jahrelang getragenen Pullover an. Sie schaut in den kleinen Spiegel an der Wand und sagt sich leise:
Komm schon, Helga, ein neuer Tag. Noch ein bisschen und es wird besser wenigstens Geld für die Medikamente diesen Monat

Sie tritt nach draußen, wo ein paar Reihen Grünzeug warten. Der Boden gibt nicht mehr die Kraft von einst her, und ihr Körper auch nicht. Trotzdem sammelt sie aus ein paar Petersilienzweigen und etwas Liebstöckel sechs bis sieben Bündel. Heute hat sie nur zwei. Das sind alles, was ihr gewachsen ist zwei kleine Bündel, zusammengebunden mit einer Schnur, die für sie ein Brot, vielleicht eine halbe Packung Pillen bedeuten.

Vorsichtig legt sie sie in eine alte Tüte, prüft den zerfledderten Geldbeutel, in dem das Busgeld liegt, und geht zurück ins Haus.
Ich gehe zum Markt, um noch ein bisschen Geld zu verdienen, flüstert sie, während sie zum Bett schreitet.
Geh, meine Frau, und pass gut auf dich auf, murmelt Heinrich mit schwacher Stimme.
Kümmer dich doch um uns beide, versucht sie scherzhaft.

Sie richtet die Bettdecke, stellt das Wasserglas bereit und streichelt seine Stirn. Dann öffnet sie die Tür, und der Duft von Lindenblütentee mischt sich mit dem Geruch der bescheidenen Armut.

An der Bushaltestelle beißt die Kälte in ihre Wangen. Helga hält die Tüte fest an die Brust, als wäre nicht nur Petersilie darin, sondern ihre ganze Zukunft. Der Bus kommt immer voll: eilige Menschen, Taschen, Seufzer. Niemand bemerkt sie wirklich sie ist nur eine alte Dame mehr.

Auf dem Marktplatz wählt sie ein abgelegeneres Eck. Sie kann keinen Stand mieten, das Geld fehlt. Sie setzt sich auf einen kleinen Hocker nahe einem großen, bunt geschmückten Gemüsestand. Der Verkäufer rufen schon Angebote aus, lächelt breit, trägt eine saubere Schürze und bedient die Kasse.

Helga legt die beiden Petersilienbündel auf eine weiße Tüte, die auf dem Tisch liegt. Der Kontrast ist schmerzhaft: hinten ein Überfluss, vor ihr nur zwei zarte Grünbüschel, zerbrechlich wie ihre Hände.

Die Leute eilen vorbei, vertieft in ihre Gedanken und Einkaufslisten. Einige werfen flüchtig einen Blick, als würde ihr Elend sie stören. Andere bleiben kurz stehen, um ein Wort zu sagen.
Oma, das gibt es auch im Supermarkt, das ist billiger, sagt eine eilige Frau und deutet auf ihre Bündel.
Alles Gute, meine Liebe, antwortet Helga mit einem schwachen Lächeln.

Sie reagiert nicht, verurteilt nicht, ärgert sich nicht. Sie könnte erzählen, dass ihre Petersilie ohne Chemie und mit Gebet gewachsen ist, von den langen Nächten an Heinrichs Bett, von ihrer kleinen Rente, von den Schulden bei der Apotheke. Doch sie schweigt. Ihr Herz ist ein geschlossenes Tagebuch, das niemand mehr liest.

Manchmal, wenn die Kälte in die Knochen schnitzt, faltet sie die Hände und beobachtet die Menschen. Sie fragt sich, wie viele von ihnen verborgene Schmerzen tragen, wer zu Hause gestritten hat. Und unvermeidlich wandert ihr Gedanke zu ihrer Tochter.

Hannelore hat sie seit Jahren nicht mehr gehört. Zunächst zählte sie die Tage, dann die Monate, dann die Jahre. Ein Wortwechsel, ein geschlagene Tür, der Stolz der Tochter, die Sturheit der Mutter beides genährt vom Schweigen. Helga fragt sich oft, ob es noch einen Sinn hat zu hoffen. Doch jedes Mal, wenn sie eine Frau über dreißig mit zurückgebundenem Haar sieht, pocht ihr Herz: Vielleicht?

An diesem Morgen weht der Wind schärfer als sonst. Helga zieht den Pullover enger an die Brust, reibt sich die Hände, um sie zu wärmen. Die Verkäuferin hinter ihr ruft laut:
Zwei Bündel für einen Euro! Frisch, seit heute Morgen!

Helga lächelt bitter. Meine kommen von gestern und vorgestern und einem ganzen Leben, denkt sie.

Dann sieht sie sie.

Eine elegante Frau in einem schicken Mantel, eine große Tasche, eilig schrittend. Braunes Haar am Hinterkopf gebunden, leicht gerötete Wangen vom Frost. Sie bleibt am hinteren Stand, fragt nach Tomaten, Gurken, greift nach ihrem Geldbeutel und dreht dann den Kopf.

Ihr Blick trifft Helgas Augen. Für ein paar Sekunden verstummt der Markt. Lärm und Stimmen verschwinden. Nur zwei Blicke bleiben: einer voller Sehnsucht, der andere voller Schuld.

Mama? flüstert die Frau, kaum hörbar.

Das Wort trifft Helga wie ein Schlag ins Herz. Es hat sie lange nicht mehr erreicht. Es ist gleichzeitig eine Hand und eine Umarmung.

Hannelore? haucht die alte Frau, während ihre Kräfte aus den Beinen fließen.

Die Frau macht einen Schritt, dann noch einen. Ihr Geldbeutel zittert, fällt dann auf das Kopfsteinpflaster. Doch es kümmert sie nicht. Sie greift nach ihrer Mutter und legt ihre Handflächen sanft auf ihr Gesicht.

Mama, verzeih mir ich ich wusste nicht ich stellte mir nie vor, dass du verkaufst

Der Satz bricht ab, Tränen überschwemmen sie.

Helga spürt etwas, das sie lange nicht gefühlt hat: Wärme. Nicht von Sonne oder Wind, sondern die Wärme einer zurückkehrenden Seele.

Lass mich, Mama weine nicht murmelt sie heiser. Ich war nie böse auf dich. Ich habe dich nur vermisst.

Hannelore schlingt ihre Tochter an den Hals, wie ein Kind. Die umstehenden Leute schauen neugierig, doch sie sehen nur zwei Frauen, die sich endlich wiedersehen.

Helga legt ihre Stirn auf Hannelores Schulter und weint, ohne sich zu verstecken.

Sie weint für verlorene Jahre, für Tage, an denen Stolz ihr Telefonieren verhinderte, für Abende, in denen sie sich ein gemeinsames Essen und einen Tee vorgestellt hat.

Mama, ich komme mit dir nach Hause, sagt Hannelore zwischen Schluchzern. Ich will Papa sehen. Ich will euch pflegen. Ich war blind.

Wir brauchten nie viel Geld, meine Liebe nur dich, antwortet Helga.

Die beiden Petersilienbündel liegen vergessen auf der Tüte. Sie sind nicht mehr zu verkaufen. Sie wurden zu Zeugen eines kleinen, aber gewaltigen Wunders: der Rückkehr einer Tochter zu ihrer Mutter.

Im Bus später hält Helga die leere Tüte auf dem Schoß. Der leere Beutel ist nur Plastik, doch ihr Herz ist voller wie nie. Neben ihr hält Hannelore ihre Hand, wie früher, als sie noch ein Kind war und Angst vor der Dunkelheit hatte.

Weißt du, Mama ich bin unzählige Male über diesen Markt gegangen. Ich habe dich gesehen, aber nicht erkannt. Ich war zu beschäftigt mit meinem eigenen Leben

Das macht nichts, Kind, lächelt Helga. Wichtig ist, dass du heute nach oben geschaut hast.

An diesem Tag zählen weder Supermarkt noch Sonderangebote. Es zählt, dass zwei Petersilienbündel eine Brücke zwischen Mutter und Tochter wurden.

Vielleicht eilen die Leute weiter an den alten Menschen auf dem Markt vorbei. Vielleicht sagen sie noch: Im Supermarkt ist es günstiger. Doch dort, in dieser kleinen Marktnische, lernte Oma Helga, dass Gott nicht immer große Wunder schickt, sondern einfache Begegnungen an einem gewöhnlichen Morgen, wenn man sie am wenigsten erwartet.

Und ihr müder, geprüfter Geist versteht endlich, dass Sehnsucht niemals stirbt. Sie wartet nur geduldig auf den Tag, an dem jemand sagt:
Mama, ich bin zurück.

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Homy
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„Mama, die kann ich auch im Supermarkt kaufen, und die sind billiger!“, sagte eine gestresste Frau und deutete mit dem Kopf auf ihr Gemüse.
Er wird immer wieder zu seiner Geliebten zurückkehren. Eine Erzählung Herzlichen Dank für eure Unterstützung, die Likes, das ehrliche Mitgefühl und euer Feedback zu meinen Geschichten, fürs Folgen und ein ganz besonderes Dankeschön für alle Spenden von mir und meinen fünf Katzen! Teilt bitte gern die Geschichten, die euch gefallen haben, in den sozialen Netzwerken – das bedeutet der Autorin viel! – Auf Drängen seiner Mutter trennt sich Anton schließlich doch von Lilia. Auch ihm selbst war ihr Lebensstil nicht wirklich verständlich. Und dann übte seine Mutter zusätzlichen Druck aus, setzte die Akzente und lieferte die Fakten: Lilia sei keine anständige Frau, mit der man eine Ehe eingehen sollte. Anton spürte selbst, dass bei ihnen nichts wirklich passte. Lilia war ständig in ihrem Job unterwegs – mal in Cafés, mal in Restaurants, auf Hochzeiten, Jubiläen, Beerdigungen und bei Kinderfesten. Sie arbeitete als Event-Moderatorin, aber als Antons Mutter davon erfuhr, war sie empört: – Du bist ein anständiger Mensch, verkaufst Sofas und Matratzen. Morgens gehst du aus dem Haus, abends kommst du zurück, wie es sich gehört. Und diese Lilia schläft morgens aus, abends empfängt sie den Ehemann noch nicht einmal, kommt selbst erst gegen Mitternacht heim. Sie wird nach Rauch, Alkohol und fremden Männern riechen – willst du das? Ihr Blick – da sieht man es schon! Schau nur, wie sie lächelt! Antons Mutter hatte Lilia nur einmal gesehen, sich aber sofort ihr Urteil gebildet. Anton beugte sich dem; er litt und war eifersüchtig, wenn sie sich schick machte und zur Arbeit ins Café oder Restaurant ging. Schon das erschien ihm unanständig. Die Meinung seiner Mutter bestätigte ihn darin – auch wenn sie grummelig war, irrte sie sich selten. Nach einem Jahr heiratete Anton die Bibliothekarin Nadine. Seiner Mutter gefiel sie auf Anhieb: leise, bescheiden, fleißig. – Das ist eine richtige Ehefrau. Schau sie dir an! Die schminkt sich nicht für die Arbeit, kleidet sich anständig und zurückhaltend, alle Blusen hochgeschlossen, keine kurzen Röcke. Abends eilt sie nach Hause und wie sie dir in die Augen schaut – Goldstück! Jetzt bin ich stolz auf deine Wahl, Anton… Seine Mutter war eine wunderbare Frau, hatte einfach ein schweres Schicksal. Sie selbst war nie eine Schönheit gewesen, eine bescheidene Postangestellte. Sie hatte sich sehr eine Familie und ein Kind gewünscht, doch mit fünfunddreißig Jahren war ihr klar, dass eine Heirat unwahrscheinlich sein würde. Deshalb entschied sie sich, ein Kind ohne Ehemann zu bekommen, obwohl ihr das eigentlich sehr unangenehm war. So wurde Anton geboren, den sie nach ihrem Vater benannte. Anfangs halfen die Eltern, aber später starben Antons Großeltern, und er war allein mit seiner Mutter … Anton liebte seine Mutter sehr und half ihr, wo er nur konnte. Er war kein besonders guter Schüler, strengte sich aber an. Nach der neunten Klasse machte er seinen Abschluss an der Berufsschule und begann als Fachverkäufer im Möbelhaus zu arbeiten. Seine Mutter war sehr stolz: Ihr Sohn ging im Anzug zur Arbeit und verdiente gut. Und jetzt fand er endlich das passende Mädchen – Nadine. Nun würde das junge Paar glücklich leben, Kinder bekommen, Enkel für Inna Antonovna – davon träumte sie … Die Hochzeit feierte man zu Hause: keine Verwandten, nur Antons Freund Klaus von der Arbeit, dazu ein Schulfreund und zwei Bibliothekskolleginnen von Nadine. Wozu viele Freundinnen, wenn man jetzt eine Familie gründet … So verheiratete sie also ihren Sohn, Gott sei Dank, mit einem guten Mädchen … Jetzt empfing Nadine Anton stets mit einem warmen Abendessen. Sie kochte recht fade und immer das Gleiche – daran war sie gewöhnt, ihr Vater hatte Gastritis. Nadine war langsam und zurückhaltend, lachte selten und las ständig Bücher. Den Fernseher hielt sie für überflüssig; Inna Antonovna schämte sich nun sogar, ihre geliebten Serien zu schauen, und stellte den Ton leiser. Auch die geliebten Berliner briet sie nicht mehr – Nadine fand das ungesund, genau wie Letscho, Plow, Soljanka und andere gebratene und scharfe Gerichte. Ihre Wohnung war jetzt immer ruhig und fade; Anton wirkte niedergeschlagen … Sechs Monate später blieb Anton eines Abends länger auf der Arbeit, schaltete dann ganz das Telefon aus und kam nicht nach Hause. Nadine weinte die ganze Nacht, nahm am nächsten Tag frei, packte ihre Sachen und ging zu ihren Eltern, mit einem bitteren Abschiedswort an Inna Antonovna: – Ich dachte, Ihr Sohn wäre ein anständiger Mensch, aber er hat mich betrogen … Die stille und nachgiebige Nadine erwies sich als stur und prinzipienfest wie ein Fels. Doch Anton versuchte sie nicht einmal zurückzuhalten, entschuldigte sich nur, ihre Erwartungen enttäuscht zu haben. – Wo warst du? Sag schon! – hakte Inna Antonovna nach, bald gab Anton nach. – Mama, es ist so gekommen: Lilia kam in mein Geschäft, um ein Sofa zu kaufen, sie wusste nicht, dass ich in genau diesem Laden arbeite. – Wusste sie nicht? Diese Frau hat sich das genau überlegt, dich so zurückzuholen, dir das Leben zu verderben! – empörte sich Inna Antonovna. – Mama, du weißt nichts, sie ist anders, als du denkst! Ich wollte sie nur nach Hause begleiten und ihr alles erklären, doch sie hat mich weggeschickt! – widersprach Anton. – Oh, wegschicken … das kennen wir. Wegschicken, damit du um sie bittest! Triff dich nicht mehr mit ihr, Anton, sie wird dir das ganze Leben zerstören! – Inna Antonovna war ehrlich besorgt, dass ihr Sohn wieder an diese Abenteurerin geriet … – Du weißt nichts, Mama, es ist kompliziert – versuchte Anton noch, doch seine Mutter schnitt ihn ab: – Schluss jetzt, Anton, meine Nerven machen das nicht mehr mit … Nach diesen Turbulenzen und der Scheidung von Nadine war ihr Sohn für lange Zeit völlig niedergeschlagen. Als Anton schließlich eine neue Freundin fand, war Inna Antonovna fast erleichtert – ohne Freundin würde sie wohl nie Enkel bekommen! Aline war nun Antons Kollegin im Möbelhaus. – Mama, wir wollen erstmal nur zusammenwohnen, ausprobieren, ob es passt, bevor wir heiraten, – sagte Anton bald zu Inna Antonovna – das gefiel ihr schon wieder nicht. Als Aline sich danach jedoch als schlampig und faul herausstellte und sogar den Job verlor wegen ihres groben Tons mit Kunden, war Inna Antonovna entsetzt. Aline lag den ganzen Tag auf dem Sofa mit dem Handy, trank Kaffee und tat so, als suche sie Arbeit. Warum hat ihr Sohn nur so ein Pech mit Frauen? Tag für Tag wurde Inna Antonovna reizbarer. Als Aline dann auch noch erklärte, dass sie und Anton bald heiraten würden, platzte es aus ihr heraus: – Heirate ihn nicht. Er kehrt immer wieder zur „Anderen“ zurück, – sagte die zukünftige Schwiegermutter, – Er hat längst eine andere, die sogar ein Kind von ihm hat! Zu ihr läuft er immer wieder, zahlt für das Kind. Die streiten und versöhnen sich dauernd – kapiert? Doch Aline lachte nur – sie glaubte, Inna schimpfe nur aus Bosheit, weil Anton nur sie liebte und ihr das Leben schön machte … Inna Antonovna blickte die dritte Freundin ihres Sohnes mitleidig an, wusste, mit Aline war nichts zu besprechen und winkte ab: – Lebt doch, wie ihr wollt, macht euren Kram, mir reicht das alles jetzt. Doch dann begab sie sich zu Lilia, wollte endlich wissen, was ihr Sohn an dieser Frau fand und warum er sie einfach nicht vergessen konnte, dafür aber jeder anderen das Herz brach … Sie kannte Lilias Wohnungsnummer nicht, aber das Schicksal meinte es gut: Kaum angekommen, kam Lilia aus dem Haus – an der Hand ein kleiner Junge. Inna Antonovna sah genauer hin – und blieb stehen. Das konnte nicht wahr sein – das war noch schlimmer, als sie geahnt hatte, das Herz hatte nicht getrogen, als sie Aline von dem Kind erzählte. Denn der Junge, den Lilia an der Hand führte, sah ihrem kleinen Anton wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich: dieselben lebhaften hellen Augen, dieselben Segelohren, dieselbe Nase, dasselbe Lächeln, eine Kopie! – Lilia, warte bitte, ich wollte mit dir sprechen – rief Inna Antonovna voller Flehen, die Knie wurden ihr weich. Wie konnte das sein – ihr Enkel lief schon, redete, und sie wusste nichts davon! Lilia sah sie an, erkannte sie sofort und presste die Lippen aufeinander, hielt aber an. – Guten Tag, Frau Antonovna, was möchten Sie? – Wie kann das sein, Lilia – ich wusste von nichts. Und Anton, wie konnte er nur – aber mein Sohn ist doch anständig – versuchte Inna Antonovna, irgendeinen Grund für ihren Sohn zu finden. – Keine Sorge, er wusste es einfach nicht, – erwiderte Lilia kühl und wollte gehen. Aber Inna Antonovna ließ nicht locker. – Er liebt dich doch. Ich bin Schuld, habe ihn durcheinandergebracht. Schmeiß ihn nicht raus, rede mit ihm in Ruhe, – bat sie und konnte den Blick vom Jungen nicht abwenden – er war wie Anton als Kind, ein Ebenbild! – Wie heißt dein Sohn? – fragte sie mit zitternder Stimme und sah so verzweifelt aus, dass Lilia weich wurde, – Er heißt Niklas. Komm, Niklas, wir müssen los. Ich moderiere jetzt nur noch Kinderfeste, Niklas ist immer dabei, wir haben ja sonst niemanden. – Aber ich könnte doch! Ich bin doch seine Oma! – bot Inna Antonovna an, doch Lilia antwortete nicht und zog mit Niklas davon. – Mama, warst du bei Lilia? – fragte Anton wenige Tage später. Sie war immer noch in schwermütiger Stimmung, hatte nicht einmal gemerkt, dass Aline ausgezogen war. – Mama, danke – Lilia hat mir verziehen, ich darf jetzt meinen Sohn sehen, aber ich werde sie überzeugen, mich zu heiraten. Inna Antonovna sah ihren Sohn überrascht an. Er war immer ein Muttersöhnchen gewesen, schien willensschwach – deshalb führte sie ihn immer. Aber jetzt war er anders. Und sie sagte nur: – Bravo, mein Sohn! Vergib mir, ich war dumm! Um das eigene Glück muss man kämpfen – manchmal sogar gegen die eigene Mutter. Anton und Lilia Anton und Lilia heirateten bald, wohnen jetzt gemeinsam bei Lilia, die Großmutter Inna passt auf Niklas auf, während beide arbeiten oder Enkel Niklas zu Besuch kommt. Und das Schönste: Bald kommt ihr zweites Kind – dieses Mal wird es ein Mädchen, sagt der Arzt. Nun kann Oma Inna sich von Anfang an um das kleine Enkelkind kümmern – sie träumt schon davon. In ihr Leben mischt sie sich nun nicht mehr ein. Lilia ist eine tolle Hausherrin, Anton ist einfach nur glücklich. Gut, dass ihr Herz ihr damals gezeigt hat, dass Anton nur mit Lilia glücklich sein kann, und ohne sie verkümmern würde. Man kann kein Glück auf den Ruinen fremder Leben bauen und die Ehefrau für den Sohn wählen oder für ihn entscheiden, mit wem er leben soll. Er soll die heiraten, ohne die er einfach nicht leben kann …