Bitte, rief die Schwiegermutter aus dem Wohnzimmer
– Leni, ist das nicht ein bisschen übertrieben? Alle Mädels aus unserer Stadt träumen davon, nach Berlin zu ziehen, an der Universität Heidelberg zu studieren, und du
Die Predigten der Schwiegermutter an ihre mittlere Enkelin ließen Paula leise schmunzeln.
Sie wusste, dass Leni eigensinnig war und man ihr nichts entgegensagen konnte. Und überhaupt warum sollte sie das tun?
– Paula, sag ihr doch was! flehte die Schwiegermutter, verzweifelt, die Enkelin selbst zu überzeugen.
– Was soll ich sagen? Dass sie gegen ihren Willen in eine fremde, unbekannte Stadt gezerrt werden soll, nur weil ihre Großmutter ihr einen prestigeträchtigen Abschluss wünscht?
Das ist doch ihr Leben, nicht deins, und schon gar nicht meine Entscheidung, wo sie studiert und ob sie überhaupt studiert.
– Was meinst du mit ob überhaupt? Paula, darf ich dir gleich zwei Worte entgegnen?
Jeder hat seine eigene Vorstellung davon, was es heißt, im Leben etwas zu erreichen.
Manche messen Erfolg an der Anzahl ihrer Kinder, andere sehen Geld als Maßstab, wieder andere achten nicht auf materielle Dinge, sondern glauben, dass das Leben nur dann gelungen ist, wenn man ein Kind besser gleich mehrere hat.
Und das ist völlig in Ordnung, solange man seine eigene Vorstellung nicht anderen aufzwingt und nicht verlangt, dass sie ihr Leben nach den eigenen Idealen ausrichten.
Erst dann wird das Ganze richtig unangenehm.
Viktoria Ohlberg, Paulas Schwiegermutter, war besessen von einem Hochschulabschluss und zwar an einer angesehenen Uni, nicht an irgendeinem Schaustellungsinstitut!
Mit Paula gab es nie echte Konfrontationen, denn die zukünftige Schwiegertochter hatte bis 25 Jahre mit ihrem Vater in Berlin gelebt, ein Studium an der Universität Heidelberg auf Staatsstipendium abgeschlossen und damit keinerlei Vorbehalte aufgeworfen.
Viktorias Fixierung auf das Papier bemerkte Paula schon beim ersten Kennenlernen, aber da es nie einen konkreten Anlass für einen Streit gab, hielt sie das bis vor Kurzem für ein liebenswertes Firlefanz.
Manche nähen Plüschtiere, andere bewässern ihre Gurken im Garten, wieder andere reden stundenlang über die Wichtigkeit eines Hochschulabschlusses.
Doch alles änderte sich, als Paulas und Pavlos Töchter heranwuchsen. Die Ältere, Saskia, rollte nur die Augen, wenn die Großmutter ihre Ansichten äußerte das war ja nur jugendliche Auflehnung.
Der eigentliche Sturm brach los, als Saskia nach der neunten Klasse ein medizinisches Fachcollege besuchte, dort mehrere Kurse absolvierte und gleich nach dem Abschluss in die BeautyBranche einstieg.
Genau in diesem Moment eskalierte der erste ernsthafte Streit zwischen Paula und Viktoria Ohlberg.
– Was bedeutet es, keinen Abschluss zu wollen? Ein Abschluss ist immer nützlich, er bescheinigt Qualifikationen und gibt Aufschluss über die intellektuellen Fähigkeiten einer Person.
– Ach ja? Und wozu hat dir dein Abschluss eigentlich gedient? Erinnerst du dich, was du studiert hast Warenkunde?
Du hast keinen Sinn für Mode, findest nicht einmal passende Schuhe, und rufst mich ständig.
– Pavi, mein Sohn, warum schreit sie mich jetzt an? Was hab ich falsch gesagt?
Kann man heutzutage noch ohne Ausbildung auskommen? Ich will doch nur das Beste für meine Enkelin, und sie scheint ihr Schicksal zu sabotieren schluchzte die Schwiegermutter, als ihr klar wurde, dass man sie nicht einfach übertönen kann.
Pavlo stellte sich auf die Seite seiner Frau und Tochter und argumentierte natürlich aus seiner eigenen Sicht.
– Sascha hat im Fachcollege fast aufgegeben. Dreimal musste sie ein Fach wiederholen, das habe ich dir doch erzählt. Was soll sie jetzt noch an einem UniAbschluss?
Warum jemanden quälen, wenn er einfach nicht mit der Last klarkommt? An einer guten staatlichen Uni würde sie nicht kommen, und für ein teures Privatstudium haben wir kein endloses Budget.
Übrigens, im nächsten Jahr will ich Lena aufs Gymnasium schicken und Beni in die Grundschule. Warum sollte ich extra Geld für Saskias Prestige aus dem Boden ziehen?
Und wenn sie das wirklich wollte, wäre das ja ihr Problem. Sie kehrte von der Uni zurück, feierte eine Woche lang mit Freundinnen und arbeitete dann im Salon Brauen, Lippen, alles für Damen, die schön aussehen wollen.
Sie verdient ganz gut, also liegt dein Fehler nicht bei mir, Mutter. Die Zeiten, in denen ein Studium zwingend ein Hochschulabschluss sein musste, sind vorbei.
Ob nun Pavlos Argumente die Schwiegermutter überzeugt haben, dass ein Hochschulabschluss für Saskia zu schwer wäre, oder ob sie einfach müde war, das Thema zu diskutieren darüber wurde nicht mehr gesprochen.
Bis Leni, frisch von der Realschule, beschloss, nicht nur ein Fernstudium zu beginnen, sondern gleich ein PräsenzStudium an der nahegelegenen Fachhochschule aufzunehmen, nur einen Katzensprung vom Haus entfernt, und das ohne Heidelberg, das ja gar nicht in der Nähe liegt.
– Was macht das für einen Unterschied, wo ich studiere? Ich habe die Hauptstadt nicht im Visier, war dort ein paar Mal genug, um zu merken, dass ich dort nicht leben will.
Wir wohnen hier im Landkreismittelpunkt, alles, was man braucht, ist vorhanden, und ich habe keinen Drang, in die Großstadt zu stürmen, wo nur Abgase duften.
Ich will künftig remote arbeiten und vielleicht in ein kleines Städtchen ziehen das habe ich laut ausgesprochen.
Das ließ Viktorias Nerven endgültig reißen.
– Paula, du musst ihr etwas entgegensetzen. Wenn du es zulässt, bleibt kein einziges kluges Köpfchen in der Familie.
Nicht nur, dass die ältere Tochter wie ein Korken im Hals steckt, auch Leni schüttelt den Kopf, wenn sie sie ansieht.
Bevor Leni ihre Wortwahl, mit der sie die Schwiegermutter kritisieren wollte, fertig gestellt hatte, meldete sich die ältere Tochter zu Wort.
– Ach, das ist also deine Meinung von mir, Oma? Ich bin also ein Korken? Warum nennst du mich immer dann Korken, wenn du den Müll rausbringen oder einkaufen musst?
Wie hältst du das aus, mit so einem Korken zu reden? Und ist es nicht peinlich, dass du immer wieder Geld und Sachen von mir nimmst?
– Welche Sachen? fragte Paula überrascht.
Finanzielle Angelegenheiten seiner Tochter hatte sie nie berührt, also war die Hilfe, die sie ihr gelegentlich leistete, für sie ein Rätsel.
– Nur Kleinigkeiten. Manchmal kaufe ich ihr einen Wasserkocher, manchmal eine Mikrowelle. Es ist nicht viel, und ihr Gehalt ist doch ein Rentenpension.
Ich dachte nicht, dass ich einer nicht liebenden Oma helfe und stattdessen für jemanden, der mich nicht einmal als Person ansieht, KorkenDienste leiste.
– Sascha, versteh mich doch richtig, ohne Hochschulabschluss
– Dein Hochschulabschluss, Oma, sollst du doch lieber im Supermarkt für Lebensmittel rennen, schnappte Sascha zurück.
Paula forderte daraufhin die Schwiegermutter auf, das Haus sofort zu verlassen und nie wieder zurückzukehren.
Pavlo, der von den Worten seiner Mutter erfuhr, unterstützte die Entscheidung seiner Frau komplett und brach den Kontakt zu seiner Mutter ab.
Er erklärte, dass es das eine ist, wenn jemand eine fixe Idee hat, das andere ist, wenn man dadurch die eigenen Enkel beleidigt.
Die Schwiegermutter versuchte mehrmals, Frieden zu schließen, gab aber bald auf.
Saskia und Leni reden nicht mehr mit ihr und nehmen nicht einmal Anrufe entgegen Paula tut das genauso.
Boris und Pavlo treffen sie noch gelegentlich an neutralen Orten, doch über das weitere Studium des Enkels wird nicht mehr gesprochen.
Vielleicht lernt die Frau noch aus ihren Fehlern und kann, nachdem sie zwei Enkelinnen verloren hat, das Verhältnis zum letzten Sohn ihres Mannes retten.
Die Zeit wird es zeigen.





