Ein Knochen, den man einem Hund wirft das ist keine Gnade. Gnade ist, wenn man den Knochen teilt, obwohl man selbst genauso hungrig ist.
(James London, *JohnBarley Grain*)
Unser Leben, sagten sie einst, sei wie drei Groschen, die man zu Fuß über den Staubweg zertritt und am Straßenrand liegen lässt von Gott geschaffen und deswegen geliebt. Doch dann kam die tiefe Not. Man sagt ja: Von Geld und Gefängnis nichts zu haben
Leise weinten wir, wischten mit runzligen Händen die tränenbefleckten Augen ab und lächelten schuldbewusst, dankten dem Herrn: Er ist gnädig, es hätte schlimmer kommen können. Und schlimmer das war wohl kaum vorstellbar.
Die Kranken und Alten werden kaum besucht. Es ist trostlos, doch sie sammeln keinen Groll: Was soll uns das Gute bringen? Jeder hat genug eigenes Leid.
Krank vom Leib, aber von der Krankheit gezeichnete Seelen blieben rein, vertraulich, dankbar und milde. Heike, die Sozialarbeiterin, staunte: In dieser weißen Welt lebten die Verzweifelten, doch ihr Blick spendete Wärme, ihr Lächeln Trost.
Heike kam zunächst nur kurz, doch die Arbeit zog sie unverhofft in ihren Bann. Wie man sagt, im Sozialdienst bleiben nur jene, die ihr Herz dort verankern. Ein Herz, das liebt und Mitgefühl hat, eine Seele, die menschlich und unruhig ist. Nicht jeder kann seine gesunden, erfolgreichen Verwandten lieben hier aber die fremden Alten: störrisch, misstrauisch, vergesslich, ungepflegt.
Man rät, sich nicht zu sehr an die Schützlinge zu binden, um den Verlust nicht zu fühlen. Doch Heike liebte die hilflosen Frauen wie eigene Verwandte.
Eine Mutter und Tochter, einst Siedler aus dem Osten. Unter dem Wort Umsiedler steckt ein schweres Kreuz für jede Geschichte. Früher, als Grenzen noch kaum existierten, wurde Gerlinde Friedrichsen nach Bayern versetzt, um dort eine Fabrik aufzubauen. Dort heiratete sie, bekam die Tochter Brigitte, später eine Enkelin. Sie bauten ein Haus, ihr Enkelkind kam zur Welt das Leben schien gut. Doch dunkle Kräfte zerrissen das Land, der Nationalismus fegte über alles hinweg, raubte Besitz und Familie. Der Ehemann der Tochter, ein Einheimischer, verlor den Verstand, entzog ihr den Sohn und warf sie aus der Familie. Keine Russen mehr selbst die eigenen Kinder wurden verstoßen. In der Not packten sie das Wenige, was sie hatten, in einen Koffer und flohen nach Westdeutschland. Drei machten die Reise, zwei erreichten das Ziel. Gerlindes Mann ertrug die Demütigung nicht.
Als Siedler hielten sie anfangs zusammen, halfen einander, doch mit der Zeit schwanden das Mitgefühl und die Erinnerung. Gerlinde lag nun allein, ihr Weg war vergessen, die Nachbarn wechselten, die Stadt sah sie nicht mehr.
Der Staat sagt, wir seien überflüssig, seufzte sie einst traurig, doch sie geben uns eine kleine Wohnung, Rente, Leistungen. Der Staat lässt uns nicht im Regen stehen, aber die Menschen wir sind weder für Verwandte noch für Fremde nötig.
Heike besuchte Gerlinde und Brigitte häufiger als erlaubt. Sie wurden herzlich empfangen, dankten für jede Kleinigkeit. Ihre kleine Welt war geschlossen, doch jedes Detail wurde mit kindlicher Freude aufgenommen.
Eines Tages kam Heike ohne besonderen Grund vorbei. Die Tür öffnete sich weit, die Frauen strahlten: Heike, wir freuen uns so! Sonja hat uns besucht, sie wohnt nicht weit, im Ort neben der Stadt. Sie kommt bald wieder! Ihre Gesichter leuchteten, Falten glätteten sich, die Haltung wurde gerade. Selbst die abgetragenen Hausschuhe klapperten weniger.
Sonja, die kluge und schöne, schwärmte Gerlinde, während sie Tee einschenkte. Du musst sie kennenlernen! Sonja lehnte ein Angebot ab: Heute verwöhnen wir euch. Und so redeten sie ununterbrochen.
Heike dachte, das wäre zu viel Aufregung, doch ihr Herz freute sich für sie. Der Tisch war gedeckt: ein hoher Sahnetorte, Schokoladenpralinen, Salami, geräucherter Dorsch, Camembert, Roquefort, bunte Säfte, eingelegte Gurken, allerlei Kurioses. Wie viel Geld Sonja dafür ausgegeben hat, ohne zu wissen, dass wir nichts annehmen dürfen, bemerkte Heike leise.
Die Gastgeberin unterbrach: Das ist für dich, Heike, ein Gastgeschenk. Sie zogen die Augenbrauen hoch, als wollten sie um Erlaubnis bitten. Heike dachte an ihren Diabetes und lächelte innerlich.
Sonjas Eltern hatten einst in der gleichen Fabrik gearbeitet, doch sie starben jung. Die Erinnerung daran ließ die Frauen leise weinen.
Sonja war etwas jünger als Brigitte, aber glücklich und gesund. Wie schön, wie großzügig!, riefen sie. Sie zeigten die Stapel bunter Kleidung in der Ecke: zerrissene Jeans, kunstvoll zersplitterte Hosen, dicke Cardigans, Netzoberteile, weite Röcke, kurze Cocktailkleider, glitzernde TShirts, ein roter Seidenpyjama, Hausschuhe mit weißem Kunstfell, das leicht befleckt war, eine Jeansjacke, ein Regenmantel, ein langer Mantel mit breitem Gürtel, gestrickte Mützen, manche sogar mit Katzenohren.
Je höher der Kleiderberg wuchs, desto schwerer fiel es den Frauen, das Lächeln zu bewahren.
Warum das alles? fragte Brigitte verwirrt.
Vielleicht, verteidigte sich Gerlinde, hat Sonja nicht gewusst, dass wir krank sind und altmodisch.
Brigitte nickte traurig: Heike, vielleicht weiß jemand, wem diese Kleider noch nützlich sein könnten?
Wirklich wertvolle Stücke lagen dort, doch auch abgenutzte. Wer schenkt Unnützes, der zeigt keine Gnade, sondern wirft Essensreste unter den Tisch. Manchmal ist es besser, gar nicht erst zu fragen, was ein Leidender braucht.
Schade, dass kein warmer Bademantel übrig ist, seufzte Gerlinde, zeigend auf die abgenutzten Nähte. Heike spürte Schmerz und Scham für die alte, schöne Sonja. Die Frauen verließen das Haus selten; im Sommer führte Heike sie ein paarmal hinaus, doch im Winter war es für die Alte mit Schlaganfall und die Brigitte mit Multipler Sklerose kaum machbar, Treppen zu steigen.
Sie träumten von ein paar dicken Bademänteln, langen Hemden, warmen Hausschuhen aus Schaffell. Ihre kalten Füße froren ständig; zusätzlich bräuchten sie InkontinenzEinlagen und mehr.
Heike umarmte sie, streichelte ihr silbergraues Haar und flüsterte: Ihr seid keine Fußsoldaten, ihr seid kostbar.
Sonja kam noch zweimal, brachte Stapel abgenutzter Kleidung, die die Frauen liebevoll im Sofa verstauten. Schließlich lernte Heike Sonja richtig kennen: schön, gepflegt, fast zu perfekt für die Straße. Heike fühlte sich unsicher, doch Sonja war leicht zu reden und liebte Gespräche.
Als ich zu ihnen fuhr, konnte ich nicht glauben, wie schlimm es war. Man sagte mir, sie hätten einst ein gutes Leben gehabt. Ihr Mann hatte eine gut bezahlte Stelle, wir waren wie die Sonne.
Du siehst mich nicht, aber ich habe alles selbst erwirtschaftet, jede Münze, jedes Groschen, klagte Sonja. Denke nicht, mein Leben war leicht.
Sie erzählte von ihrem früheren Leben, von zwei glücklichen Ehen, von Autos, von teuren Mänteln.
Heike schwieg, das Urteil war scharf.
Dann sagte Sonja plötzlich: Du bist jung, aber ungepflegt. Soll ich mit der Salonbesitzerin sprechen? Sie könnte dir Gesichtsbehandlungen, Mesotherapie oder Plasmatherapie anbieten. Ich bekomme Rabatt, weil ich an der Rezeption arbeite.
Sie richtete sich stolz, fuhr fort: Zwanzigfünf Prozent, vielleicht mehr, weil meine Freunde mir helfen.
Heike erwiderte verärgert: Kauf lieber Gerlinde und Brigitte warme Bademäntel und Hausschuhen.
Hausschuhe?, fragte Sonja verwirrt. Die sind aus Schafsfell, halten die Füße warm.
Heike hatte nie das Geld, dreitausend Euro fehlten ihr.
Wo soll ich die hernehmen?, stotterte Sonja.
Ein richtiger Fernseher, ein Audioplayer mit Hörbüchern, Bettwäsche , fügte Heike hinzu.
Sag mal, unterbrach die schöne Sonja Heike, warum hat Gerlinde kaum etwas für sich? Sie ist alt, trägt einen Bademantel, ein Kopftuch, hat graues Haar. Darf man nicht die Haare färben, einen Haarschnitt machen?
Heike antwortete leise: Sie trägt Windeln, ihr Sohn sucht sie seit Jahren, sie kämpft gegen die Krankheiten, hält das Haus zusammen.
Jede sprach von ihrem Problem, doch keiner verstand den anderen. Eine unangenehme Stille folgte. Heike wollte gehen, doch konnte sich nicht verabschieden.
Ich habe den Nachbarn im Dorf erzählt, dass ich wohltätig arbeite. Sie wollen ihre Kleiderschränke durchsehen.
Heike stand verdutzt da, lachte sogar über das absurde Gespräch, das wie eine billige Komödie wirkte. Sie hatte im Laufe der Jahre viele Formen von Barmherzigkeit gesehen, aber noch nie, dass Wohltätigkeit als Entsorgung von altem Klamottenzeug verkauft wurde.
Einen Müll nicht einfach wegwerfen, sondern ihn würdevoll überreichen, dachte Heike, doch das war keine Gnade, sondern kalter Schnickschnack.
Sie fühlte Schmerz und Scham für die alte, schöne Sonja. Die Frauen verließen selten das Haus; Sonja hatte im Sommer die Alten auf die Straße gebracht, im Winter war es unmöglich, die Treppen zu steigen.
Sie träumten von warmen Bademänteln, dicken Hemden, Hausschuhen aus Schaffell.
Heike umarmte sie, streichelte ihr silbergraues Haar und flüsterte: Ihr seid keine Fußsoldaten, ihr seid kostbar.
Schließlich kaufte Heike für Gerlinde und Brigitte warme Hausschuhe aus Schaffell, trotz ihres knappen Budgets von dreitausend Euro.
Sie dachte an das unbarmherzige Volk, das dankbar sein sollte, doch das war das Ziel von Heikes Mission.





