Wöchentlicher Kreislauf
Am Freitagabend sitzt Andreas Müller wieder am Küchentisch mit offenem Laptop. Auf dem Bildschirm flackert eine Tabelle mit den Verkaufszahlen des Monats, daneben steht eine Schale mit erkalteter Buchweizen. Durch die Wand läuft ein Fernseher leise und murmelt die Nachrichten, seine Frau Heike blättert auf dem Sofa durch ihr Handy, und im Kinderzimmer tippt ihr Sohn Felix eifrig mit der Maus.
Andreas merkt, dass er seit etwa zehn Minuten nicht mehr auf den Bildschirm, sondern in das dunkle Spiegelbild seines eigenen Gesichts im Monitor starrt. Die Stirn ist zusammengezogen, die Augen müde. Dreiundvierzig. Morgens UBahn, tagsüber Berichte, abends Küche, Laptop, Geschirr. Am Wochenende Einkauf, Wäsche, manchmal ein OnlineFilm. Alles scheint zu passen, doch das Leben wirkt gedimmt.
Bist du noch da? ruft Heike aus dem Wohnzimmer, ohne den Fernseher aus den Augen zu lassen.
Ich esse gerade, antwortet er und schaufelt einen Bissen Buchweizen, der bereits zu einem Klumpen zusammengeklebt ist.
Er erinnert sich, wie die Kollegen letzte Woche darüber gesprochen haben, welche Hobbys sie pflegen: einer läuft im Fitnessstudio, ein anderer besucht einen Fotokurs, die dritte geht zu einem EnglischSprachkurs. Andreas hatte scherzhaft gemeint, sein Hobby sei die SBahn zum Büro. Alle lachten, dann wurde ihm unangenehm. Auf der Rückfahrt im Zug betrachtete er fremde Gesichter und dachte, jeder habe wohl noch etwas außerhalb von Arbeit und Serien.
Er schließt den Laptop, reibt sich die Augen und spürt plötzlich Ärger, fast Zorn. Auf die Tabelle, auf den Tisch, darauf, dass Freitag sich nicht vom Mittwoch unterscheidet und auf sich selbst, weil er schon lange nur noch mit dem Strom schwimmt.
Hör mal, sagt er, als er ins Wohnzimmer kommt. Wie wäre es, wenn wir morgen etwas zusammen unternehmen?
Heike schiebt das Kissen zurück.
Wohin? Wieder ins Einkaufszentrum?
Nein. Nicht für Einkäufe. Vielleicht eine Ausstellung, ein Vortrag ich schaue mal.
Heike lächelt trocken.
Was hast du bei der Arbeit übersehen? Welcher Vortrag soll das sein?
Ich habe zu Hause überhand genommen, sagt Andreas plötzlich entschlossen. Ich habe genug davon, von Montag bis Freitag zu leben und zurück. Ich will, stockt er, einmal etwas anderes machen, mit dir oder mit Felix, abwechselnd.
Aus Felix Zimmer ertönt ein empörter Schrei:
Papa, ich hör das alles. Ich spiele samstags mit meinen Freunden.
Nicht jedes Mal, sagt Andreas. Aber wenigstens einmal zusammen rausgehen.
Heike blickt ihn genauer an. In ihren Augen flackert ein Hauch von Sorge, als hätte er gerade verkündet, den Job zu wechseln oder wegzuziehen.
Bist du wirklich okay?, fragt sie sanft.
Ja. Lass mich einfach etwas für morgen finden. Wenn es nicht gefällt, ist das kein Problem. Nur einmal.
Sie schweigt kurz, nickt dann.
Okay. Aber bitte nicht ins Theater um drei, ich schlafe sonst ein.
Ein wenig löst sich die innere Anspannung. Andreas öffnet den Laptop, nicht mehr für Berichte, sondern für die Suche. Nach einer halben Stunde findet er einen kostenlosen Stadtvortrag über die Architektur alter Viertel, Samstagmittag, in der Nähe ihres Hauses.
Wir gehen zu zweit, entscheidet er. Und nächste Woche lade ich Felix ein. In seinem Kopf formt sich ein einfacher Plan: jede Woche etwas Kleines, nicht unbedingt spektakulär. Wichtig ist, rauszukommen und jemanden mitzunehmen.
Am nächsten Tag stehen Heike und Andreas in einem kleinen Saal der Stadtbibliothek. Der Geruch von Staub und frischer Druckerschwärze mischt sich mit dem Aroma von billigem Kaffeeduft aus dem Automaten am Eingang. Auf den Stühlen sitzen Senioren, junge Mütter, ein paar Studenten.
Ich fühle mich alt, murmelt Heike.
Und ich fühle mich wie ein Student, sagt Andreas. Wir balancieren.
Sie schnaubt, doch ein Lächeln zuckt an ihren Lippen. Der Dozent, ein schlaksiger Mann im karierten Hemd, erzählt von den Bauprojekten der achtziger Jahre, von veränderten Innenhöfen. Andreas hört halb zu, mehr beobachtet er, wie Heike gelegentlich zu ihm hinüberlehnt, um etwas zu flüstern, während die Broschüre mit dem Stadtplan in ihrer Hand knistert.
Nach dem Vortrag gehen sie nach draußen. Es ist bewölkt, aber warm. Der Heimweg dauert zehn Minuten, während sie diskutieren, welches Haus an der Ecke der Dozent als seltenes Exemplar bezeichnet hat. Heike meint, sie habe immer gedacht, das Gebäude sei neu gebaut.
Und das soll jetzt jede Woche so werden? fragt sie.
Ich will es versuchen, antwortet Andreas. Nächstes Mal mit Felix.
Sie zuckt mit den Schultern.
Wenn er mitmacht.
Felix ist nicht sofort begeistert. Als Andreas ihm am Abend vorschlägt, am Wochenende mit einer Gruppe in den Wald zu wandern, sitzt er noch am Monitor.
Papa, ich bin kein Kindergartenkind, das in organisierten Ausflügen mitmacht.
Das ist kein Kindergarten, erklärt Andreas. Das ist ein Wanderverein. Leute unterschiedlichen Alters gehen mit, wir fahren mit der SBahn zur nächsten Station und laufen dann los. Telefon darf mit.
Ich bleibe lieber zu Hause, knurrt Felix.
Andreas will gerade aufgeben, erinnert sich dann an seine eigene Jugend, als er Elternangebote abgewiesen hat. Er setzt sich auf den Rand des Stuhls.
Schau, sagt er ruhiger. Ich habe mir vorgenommen, jede Woche etwas zu tun, nicht nur rumzusitzen. Und ich möchte, dass ihr das mitmacht. Nicht sofort alles, aber ab und zu. Mir ist das wichtig, nicht nur ein Häkchen.
Felix dreht sich endlich um. Ärger mischt sich mit Neugier.
Und was hast du bisher gemacht?
Gestern waren wir bei einem Vortrag über unser Viertel. Wir haben erfahren, dass ein altes Haus, in dem meine Großmutter lebte, nicht abgerissen wurde, weil die Bewohner protestierten. Felix rollt die Augen.
Na gut, einmal könnt ihr mitkommen. Aber wenn es langweilig wird, dann nicht noch einmal.
Abgemacht.
Am Sonntagmorgen fahren sie mit der SBahn. Im Wagen riecht es nach Kaffee aus Thermoskannen und feuchten Rucksäcken. Menschen reden, jemand mampft ein Brötchen. Der Leiter der Wandergruppe, ein rötlicher Typ in grüner Jacke, geht den Wagen ab, prüft, ob alle dabei sind.
Papa, flüstert Felix, wann warst du das letzte Mal im Wald?
Andreas nachdenklich.
Mit dir, als du etwa acht warst. Wir fuhren zu meinem Onkel Paß. Und du bist in die Brennnesseln gefallen.
Beide lachen. Das Lachen klingt ein wenig unbeholfen, aber herzlich. Andreas spürt, dass zwischen ihnen, wie ein lange nicht gespannter Draht, wieder eine Verbindung entsteht.
Der Ausflug ist unkompliziert. Der Pfad führt am Fluss entlang, unter den Füßen rascheln letzte Herbstblätter. Der Leiter hält an, erklärt Bäume, zeigt Tierspuren. Felix läuft zunächst mit Kopfhörern, legt sie dann ab und stellt Fragen. Beim Rastplatz sitzen sie auf einem umgestürzten Baumstamm und essen belegte Brötchen.
Gut, sagt Felix auf dem Rückweg. Können wir das nochmal machen?
Dieses irgendwann wieder wird zum Anfang neuer Gewohnheiten. Andreas legt in seinem Handy eine Notiz an: SamstagAktivität. Jede Woche wählt er etwas aus. Manchmal rutscht es auf den Sonntag, doch die Regel bleibt.
Eine Woche später führt er Heike und Felix in ein Museum für alte Stadtfotografien im Kulturzentrum. Heike beschwert sich zunächst, dass sie Wäsche hat, Felix starrt aufs Handy, doch dann betrachten sie gemeinsam die SchwarzWeißBilder und suchen bekannte Straßenecken.
Siehst du, das ist unser Haus, nur ohne Balkon, staunt Heike.
Und das ist wohl deine alte Schule, sagt Andreas zu Felix.
Felix runzelt die Stirn.
Sieht ähnlich aus. Cool.
Eine weitere Woche meldet er sich mit Felix für einen BrettspielWorkshop im lokalen Spielclub an. Der Raum ist laut, riecht nach Karton und Plastik, an den Tischen sitzen Menschen aller Altersklassen. Der Spielleiter erklärt die Regeln, teilt Karten aus. Felix bekommt schnell Feuer, streitet mit seinem Vater über Strategien, lacht, wenn Andreas die Anleitung verpatzt.
Denkst du immer so lange nach?, neckt er ihn.
Ich überlege meine Entscheidungen, erwidert Andreas und spürt, wie eine alte Steifheit nachlässt, weil er nicht nur der verantwortungsbewusste Vater, sondern auch ein Mitspieler ist.
Manchmal gehen Dinge schief. Einmal muss Heike am Samstag arbeiten, also gehen sie stattdessen abends ins Kino. Ein anderes Mal ist Felix erkältet, und Andreas bleibt zu Hause, storniert Karten für ein Konzert in der Philharmonie und veranstaltet einen HeimFilmabend. Sie wählen einen alten Film, den Andreas aus seiner Jugend kennt, und diskutieren die Handlung.
Habt ihr das ohne mich geschaut?, wundert Felix. Ihr habt ja ein Leben.
Wir hatten eins, grinst Andreas. Und haben noch eins.
Allmählich entwickelt sich um diese wöchentlichen Ausflüge ein neuer Rhythmus. Freitags, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, startet er nicht automatisch den Laptop. Stattdessen stellt er den Wasserkocher an, holt ein Notizbuch aus der Tasche und setzt sich an den Tisch.
Also, sagt er, wir haben am Wochenende zwei Optionen: ein Vortrag über moderne Lyrik oder eine Führung durch ein altes Fabrikgelände. Was wählen wir?
Heike rollt die Augen, kommt aber näher.
Das Fabrikgelände klingt interessanter als Lyrik, meint sie. Zumindest sehen wir, wie es dort drinnen aussieht.
Ich stehe auf den Vortrag, widerspricht Felix. Wir gehen ja doch jeden Tag an dem Fabrikgelände vorbei.
Sie streiten, scherzen, einigen sich manchmal darauf, dass das eine Mal die Entscheidung bei einem liegt, beim nächsten beim anderen. Andreas bemerkt, dass diese FreitagGespräche die Beziehung genauso stärken wie die eigentlichen Unternehmungen. Sie lernen, einander zuzuhören und Wünsche zu berücksichtigen.
Nicht jede Woche klappt perfekt. Einmal besuchen sie einen kostenlosen TöpferWorkshop im Kreativhaus des Stadtteils. Der kleine Raum ist mit Folien bedeckt, riecht nach Lehm und Reinigungsmittel. Die Kursleiterin, eine müde Frau im Schürzenhemd, versucht, einer Gruppe von zehn Personen das Formen von Tassen beizubringen.
Bei mir klappt es nicht, flüstert Heike, deren Tonerde ständig zerläuft.
Bei mir auch nicht, gesteht Andreas, während sein Zylinder schief aussieht.
Felix hingegen formt schnell etwas, das einem Drachen ähnelt.
Sie haben ein Talent, junger Mann, lobt die Kursleiterin. Und Sie?, fragt sie Andreas und Heike.
Wir haben Geduld, antwortet sie. Und das ist auch wichtig.
Auf dem Heimweg lacht Heike über ihre missglückten Keramikkreationen.
Jetzt haben wir einen hässlichen Aschenbecher, obwohl wir nicht rauchen, scherzt sie.
Das ist kein Aschenbecher, das ist Kunst, erwidert Andreas.
Sie stellen die Stücke im Wohnzimmer auf ein Regal. Nach ein paar Tagen zerbricht Felix Drachen, als er ihn achtlos verschiebt.
Schade, sagt er.
Aber wir erinnern uns, wie wir ihn zusammen gemacht haben, antwortet Andreas.
Einige Monate vergehen. Andreas wird manchmal müde von der ständigen Ideensuche, will aber nicht aufgeben. Er erkennt, dass er nicht jedes Mal etwas Neues erfinden muss. Ein Spaziergang im Park, ein Besuch im Stadtteilmuseum, das sie noch nie betreten haben das reicht. Wichtig ist, zu entscheiden, mit wem er die Woche verbringt, und das nicht als lästige Pflicht zu sehen.
An einem Herbstabend, gegen sechs Uhr, sitzen die drei an der Küchentheke. Auf dem Herd köchelt eine Suppe, riecht nach gebratenen Zwiebeln. Andreas verteilt die Teller, Heike schneidet Brot, Felix scrollt durch das VeranstaltungsBoard auf seinem Handy.
Schaut, sagt er, am Sonntag gibt es im Berufskolleg ein RoboterFestival. Können wir hingehen?
Andreas hebt die Augenbrauen.
Du schlägst ein Ereignis vor? Das ist Fortschritt.
Nicht Fortschritt, sondern Interesse. Dort gibt es Drohnen, Wettbewerbe. Ich würde gern mit dir hingehen.
Heike lächelt.
Nimmst du mich mit?
Natürlich, sagt Andreas. Aber ich verstehe gar nichts von Robotik.
Die erklären alles, versichert Felix.
Das Festival ist laut und ein wenig chaotisch. Im Turnsaal des Kollegs stehen Tische mit Kabeln, Lötgeräten und kleinen Robotern. Jungen und Mädchen in TShirts mit Vereinslogos basteln, Erwachsene laufen herum und stellen Fragen. Felix ist sofort Feuer und fragt die Teilnehmer, wie sie ihre Roboter gebaut haben und welche Programme sie nutzen.
Andreas fühlt sich zunächst fehl am Platz, doch dann bemerkt er, dass er zusammen mit seinem Sohn zuhört, nachfragt, obwohl er die Hälfte der Fachbegriffe nicht kennt. Heike hält eine Papiertasse Tee, stellt hin und wieder einfache Fragen nach den Kosten und wo die Kinder lernen.
Auf dem Rückweg im Bus sagt Felix plötzlich:
Papa, kann ich mich für den RobotikVerein anmelden? Die Aufnahme läuft im November.
Natürlich, antwortet Andreas sofort. Wir schauen, was das kostet und wann die Treffen sind.
Heike wirft ihm einen schnellen Blick zu.
Bist du sicher? Er hat doch schon Englisch und Schule.
Wir schaffen das, sagt Andreas. Das ist nicht nur noch ein zusätzlicher Kurs. Es interessiert ihn.
Er ist überrascht, wie leicht er zustimmt. Noch vor einem Jahr hätte er erst die Kosten und den Zeitplan durchgerechnet und dann abgesagt. Jetzt sieht er es als Teil ihres neuen gemeinsamen Rhythmus.
Im Winter hat Heike Geburtstag. Normalerweise feiern sie klein: Kuchen, ein paar Gäste, Anrufe von Verwandten. Dieses Mal nimmt Andreas freitags frei und plant etwas Besonderes. Er überlegt lange: Restaurant, Theater, Ausflug aufs Land alles wirkt zu fremd. Schließlich entscheidet er sich für ein Kammerkonzert in einem kleinen Saal der Musikschule in der Nähe. Dort spielt ein Streichquartett klassische Stücke und ein bisschen Jazz.
Sag nicht, dass das langweilig wird, warnt er Felix, als er das Poster zeigt.
Ich gehe nicht, sagt er. Das ist Mamas Feier.
Gerade deswegen, erwidert Andreas. Ich will, dass wir zusammen sind.
Am Konzertabend gehen sie zu dritt die verschneigte Straße entlang. Heike trägt einen neuen warmen Mantel, den sie vor einer Woche gekauft hat, Felix hat Kopfhörer, aber wirkt nicht abgewandt. Andreas trägt in seiner Tasche eine Schachtel Kuchen nach dem Konzert wollen sie nach Hause gehen und die Kerzen anzünden.
Der Saal ist klein, Holzstühle riechen nach Politur. Auf der Bühne stehen Notenständer. Es sitzen ein paar ältere Paare, eine junge Frau mit Blumenstrauß, zwei Mütter mit Kindern.
Als die Musiker beginnen, fühlt Andreas ein unerwartetes Ruhegefühl. Er schaut nicht nur zur Bühne, sondern auf Heikes Profil, wie sie leicht den Kopf neigt und die Augen schließt. Felix sitzt daneben, zuckt zunächst, beruhigt sich dann.
Während der Pause gehen sie in den Flur. Heike dreht sich zu Andreas.
Danke, sagt sie. Ich wusste gar nicht, dass wir so etwas in der Nähe haben.
Ich auch nicht, gibt er zu. Ich habe erst angefangen zu suchen.
Sie lächelt.
Du bist in letzter Zeit irgendwie anders. Im guten Sinne. Nicht mehr so verkrampft.
Einfach, weil wir ab und zu etwas zusammen machen. Nicht weil es muss, meint er.
Felix wirft ein:
Ich mag, dass wir irgendwohin gehen. Nicht immer, aber, stockt, sucht die Worte, ich verstehe besser, was euch gefällt.
Andreas blickt seinen Sohn an und erkennt, dass seine wöchentliche Regel nicht mehr nur seine Laune bedient, sondern zu einem gemeinsamen Ding geworden ist.
Nach dem Konzert, zu Hause, blasen sie die Kerzen aus und lachen darüber, wie schief Andreas die Kuchenstücke schneidet. Heike sagt plötzlich:
Lass uns nächstenAm nächsten Samstag überlasse ich die Planung Heike, damit wir gemeinsam entscheiden, wohin wir gehen.





