ZWEI FLÜGEL
Johann und Heidemarie lebten sieben Jahre lang zusammen, seit der Schulbank hatten sie sich nicht getrennt. Kinder hatten sie nie, doch das blieb nicht ewig so. Johanns geliebte Oma Gertrud bestand darauf:
Heiratet doch rechtlich, ihr beiden! Dann wird Gottes Gnade über euch kommen und ihr bekommt Nachkommen.
Für Johann war seine Großmutter das unantastbare Wort. Deshalb stellte er seiner Lebensgefährtin, mit der er bereits in einer eingetragenen Partnerschaft lebte, bald den offiziellen Antrag. Die Hochzeit war pompös: Ringe wurden ausgetauscht, Stempel in die Reisepässe gedrückt. Während der Feier jedoch kam ein seltsames Malheur.
Als man Johann und Heidemarie mit Sektgläsern beschenkte, musste man bis zum letzten Tropfen trinken Glück ohne Tränen. Dann, nach Tradition, die leeren Gläser zu Boden wirbeln lassen. Johanns Glas zersplitterte in tausend Scherben, Heidemaries Glas jedoch blieb ganz, nur rollte es langsam davon.
Die Gäste tuschelten, flüsterten, sodass jeder es hörte:
Schlechtes Omen! Das junge Leben wird kein Glück finden.
Johann und Heidemarie lachten nur: Das ist doch Quatsch! Und das Fest ging weiter.
Als das Lärmen verklang, sollten die frisch Vermählten ihr gemeinsames Leben beginnen. Doch Heidemarie, nun gesetzlich Ehefrau, verwandelte sich plötzlich in eine Herrscherin. Nichts war ihr recht, sie nörgelte über jede Kleinigkeit und verkündete schließlich:
Wir haben uns zu Unrecht vermählt, Johann. Wir sind so verschieden wie Himmel und Erde. Besser, wir trennen uns.
Johann suchte den Schuldigen in seiner Schwiegermutter, die er für die böse GoldfischGeschichte hielt. Sie verlangte stets mehr Aufmerksamkeit, Geld, Platz in der kleinen Zweizimmerwohnung. Sobald Johann dort eingezogen war, pfiff sie ihm ständig Ratschläge, wie er ein Vermögen machen könne. Ein Jahr ertrug er schweigend die Sticheleien von Frau und Schwiegermutter, bis sie eines Tages sagte:
Geh.
Er fragte Heidemarie:
Ist das deine endgültige Entscheidung, zusammen mit deiner Mutter?
Ja! Meine Mutter hat damit nichts zu tun! zischte Heidemarie.
Langsam packte Johann seine Sachen, hoffte insgeheim, dass sie ihr Herz noch einmal erwärmen würde.
Vielleicht ändert sie ihre Meinung, dachte er, doch Heidemarie zögerte nicht.
Auf Wiedersehen, Frau! Entschuldige, wenn ich etwas falsch gemacht habe, hauchte er.
Leb wohl! knallte Heidemarie die Tür hinter ihm zu.
Johann verließ das heimische Nest, doch die Trauer währte nicht lange. Im Nu fuhr er in die Arme einer anderen Frau. Sie hieß Liselotte, war sportlich, groß und hatte ein Herz, das schon lange für ihn schlug. Sie arbeiteten zusammen in Berlin, und als Liselotte bemerkte, dass Johann in den letzten Tagen wie ein nasser Stein wirkte, lud sie ihn zu einem Treffen außerhalb des Büros ein.
Abends schlenderten sie durch den Tiergarten, tranken Kaffee in einem kleinen Café am Gendarmenmarkt. Johann erzählte ihr sein ganzes Leben; Liselotte hörte mit mitleidigem Lächeln zu und schließlich gestand sie:
Johann, hast du nicht bemerkt, wie ich dich ansehe? Ich liebe dich schon lange! Bist du blind?
Johann wusste um Liselottes Zuneigung. Bei der Arbeit errötete sie, wurde blass, verlor die Stimme, wenn er in die Nähe kam. Er sah sie wie eine duftende Blume, doch nie mehr. Liselotte war das genaue Gegenteil von Heidemarie: sanft, zuvorkommend, leise. Das gefiel Johann, aber er war noch verheiratet und hielt sich zurück. Jetzt, da er aus dem Haus vertrieben war, dachte er: Warum nicht? Das Schicksal führt mich doch.
Am nächsten Morgen fuhren Johann und Liselotte gemeinsam zur Arbeit. Kollegen sahen das Paar, flüsterten: Liselotte hat ihren Wunsch erfüllt. Alle wussten, dass sie sich nach Johann gesehnt hatte, doch die Ehe war immer noch ein Hindernis.
Johann zog zu Liselotte. Sie schwebte wie ein bunter Schmetterling um ihn herum, erfüllte seine Wünsche, versuchte, ihn zu beruhigen. Für ihn wurde sie zum Glühwürmchen, das sein Herz wärmte.
Liselottes Vater, ein hochrangiger Beamter in München, bemerkte, dass seine Tochter bis über beide Ohren in Johann verliebt war, und sprach:
Dann lebt zusammen. Die Hochzeit regeln wir später. Zuerst will ich sehen, was für ein Typ du bist, Schwiegersohn.
Er wusste nicht, dass Johann noch verheiratet war; Liselotte wagte es nicht, ihm das zu sagen, aus Angst vor seinem Zorn.
Die beiden planten das Leben, träumten von einer Reise nach Ibiza, und Liselottes Vater finanzierte den Flug. Für meine Tochter gebe ich alles.
Drei Monate später rief Heidemarie Johann zurück. Sie sagte, sie erwarte ein Kind und brauche den Vater. Mit schwerem Herzen kehrte Johann zu ihr zurück. Liselotte ließ ihn ziehen, versprach jedoch:
Johann, ich warte auf dich.
Ein halbes Jahr später wurden Heidemarie und Johann Eltern einer Tochter, die sie Varvara nannten. Eine Woche danach meldete sich Liselotte, die ebenfalls eine Tochter, Anneliese, geboren hatte. Johann fuhr ins Krankenhaus, ein riesiger Korb roter Rosen in den Händen des Vaters von Liselotte.
Er küsste Liselotte, überreichte ihr den Strauß, und Liselotte sah verwirrt und erschrocken aus.
Das ist unsere Tochter, Johann. Herzlichen Glückwunsch! lächelte sie verschämt.
Johann stand fassungslos, rechnete im Kopf, bis Liselotte ihn beruhigte:
Mach dir keine Sorgen, wir werden dir nicht in den Weg stehen.
Der Vater von Liselotte nickte stumm, wie ein Stein der Verurteilung.
Nun lebte Johann zwischen zwei Familien. Jeder erfuhr vom anderen, Heidemarie von Liselotte, Liselotte von Varvara. Die Frauen litten schweigend, Heidemarie schämte sich, ihren Mann fortgeschoben zu haben, und musste nun die uneheliche Tochter ihres Mannes akzeptieren. Liselotte fühlte keinen Vorwurf; sie hatte ein Kind von ihrem Geliebten und war dankbar, dass Johann ab und zu an sie dachte.
Die Töchter wuchsen schnell, stellten Fragen wie: Papa, warum hast du heute nicht mit uns geschlafen?, Warum riechst du nicht nach Mama?, Ich heiße nicht Varja, ich heiße Anneliese!
Eines Tages, als Johann Liselotte und Anneliese besuchen wollte, traf er auf Liselottes strengen Vater.
Liselotte, geh spazieren. Ich muss mit Johann reden. forderte er.
Liselotte nahm Anneliese an die Hand, schloss die Tür hinter sich und sagte:
Na, Schwiegersohn, willst du bis zur Rente hin und her laufen? Ich brauch keinen faulen Sohn. Bleib bei Liselotte, ich versorge euch alle. Wenn du gehen willst, geh für immer! Wir erziehen die Enkelin ohne dich.
Johann fuhr an diesem Tag zu seiner Großmutter Gertrud.
Enkel, hör zu. Wähle eine von beiden. Du bist ausgemergelt, grau geworden, nicht mehr vierzig. Denk nicht an die andere! Frauen sind listiger, klüger als Männer. Jede findet einen Mann, das Kind braucht einen Vater. Du gibst beiden Hoffnung, sag meine weise Oma.
Johann protestierte: Ich liebe sie alle! Soll ich ein Flügel abschneiden?
Gertrud erwiderte: Johann, ohne zwei Flügel kannst du nicht fliegen. Wie das Sprichwort heißt: Jagen Sie zwei Hasen, fangen Sie keinen. Warum hast du dich mit Liselotte verheddert?
Johann rechtfertigte: Sie haben mich rausgeworfen.
In Familien passiert vieles. Du bist vom rechtmäßigen Weib zum Laster übergegangen. Jetzt hilf ihm. schimpfte die alte Frau.
Er besuchte Liselotte seltener, aus Angst vor ihrem Vater, doch sein Herz zog ihn immer wieder zu ihr. Schließlich ließ er die Ehe mit Heidemarie scheiden. Gertrud lächelte: Ein Flügel ist abgebrochen.
Er kam mit Koffern zu Liselotte.
Hier, Liebste, nimm alles! Ich bin ganz dein! wollte er ihr sagen.
Liselotte jedoch sagte: Johann, ich heirate. Mein Vater hat uns vorgestellt, wir fliegen nächste Woche nach Algerien, mein zukünftiger Mann ist Botschafter. Ohne den Blick zu heben, murmelte sie.
Johann dachte an Gertrud: Der zweite Flügel ist zerbrochen. Nun, ohne Flügel, kehrte er ins eigene Haus zurück. Seine Mutter liebte ihn blind, immer auf seiner Seite. Gertrud war gerecht, und er hörte auf ihren Rat, um sich selbst zu verstehen.
Kurz darauf rief Heidemarie, nun ehemalige Frau, an. Sie bat um ein Treffen, weil ihre Tochter Varvara ins Ausland fliegen sollte und sie Johanns Unterschrift brauchte.
Gut, Heidemarie, ich unterschreibe. sagte er resigniert.
Er wusste, dass er seine Töchter bald nicht mehr sehen würde.
Zwei weitere Jahre lebte Johann als gewissenhafter Junggeselle, widerstand den Flirts, knüpfte keine lockeren Bekanntschaften. Gertrud flüsterte ihm zu:
Wenn die wahre Liebe existiert, wird sie sich zeigen. Gedulde dich.
Dann klopfte es an seiner Bürotür. Dort stand Liselotte, das Glühwürmchen, keuchend:
Johann, ich bin zurück! Mein Vater schimpft mit mir, er ist gegen dich.
Wo ist dein Mann? fragte er verwirrt.
Er ist noch in Algerien. Wir haben uns getrennt. Ich und Anneliese kommen zu dir, für immer.
Johann nickte, kaum fähig zu glauben, dass das Glück endlich gekommen war.
Sie ließen sich beim Standesamt anmelden, ohne Gäste, ohne Feier. Liselotte kaufte ein rotes Kleid, Johann besorgte Ringe, und sie wurden offiziell Mann und Frau, stießen mit Sekt an.
Gemeinsam fuhren sie im Limousinenwagen, ein Teddybär thronte auf der Motorhaube, während die Stadtlichter vorbeizogen.
Zum Abschluss gingen sie zu Liselottes Vater, der nun offiziell ihr Schwiegervater war. Er gratulierte zurückhaltend, sagte: Ich habe meine Tochter immer als Schwägerin betrachtet, aber du hast dir ein Herz geschnitzt.
Er versprach: Ich schenke euch eine Wohnung, und ich erwarte einen Enkel.
Neun Monate später kamen Liselotte und Johann mit ihrer Tochter, Maja, zu ihm.
Der alte Vater schmunzelte: Endlich ein Enkel! Ich habe ja schon lange danach gefragt.
Johann stand nun zwischen zwei Leben, beide voller Liebe und Schmerz, doch das Traumgewand des Schlafs hielt die Welten zusammen, als ob unsichtbare Flügel ihn durch die Nächte trugen.





