Neue Entdeckungstouren

Sie saßen sich an der Küchentheke gegenüber, wie sie es schon unzählige Male getan hatten. Der Tee kühlte auf dem Tisch, daneben lag ein offenes Notizbuch mit krakigen Zeilen. Statt einer Einkaufsliste standen dort Städtenamen.

Anke strich mit dem Stift die oberste Zeile entlang.

Rostock, las sie laut. Dresden. Kiel. Bodensee Im Ernst, Bodensee?

Thomas zuckte mit den Schultern und blickte aus dem Fenster auf die grauen Reihenhäuser.

Träumen schadet nie. Aber dieses Jahr wohl ohne Bodensee. Lass etwas Näheres, das wir mit dem Zug ohne Umsteigen erreichen.

Er sprach beruhigt, doch in ihm wirbelte ein leichtes Unruhegefühl, fast wie vor einer Klassenarbeit. Bisher hatten sie immer Pauschalreisen gebucht Reisebüro, fertige Route, Transfer mit Schild am Flughafen. Nur Koffer packen und Ladekabel nicht vergessen. Jetzt wollten sie alles selbst zusammenpuzzeln.

Der Einfall kam im Winter, als Bekannte immer wieder Fotos aus der Türkei in den Gruppenchat warfen gleiche Pools, gleiche Liegestühle, gleiche Lächeln vor einem skandinavischen Buffet. Anke meinte, sie sei von den immer gleichen Hotels satt. Thomas lachte, doch der Gedanke blieb. Eine Woche später schlug er vorsichtig vor: Wie wäre es, wenn wir es selbst versuchen, nur in Deutschland?

Zuerst war Anke unsicher. Ohne Reisebüro würden sie sicher etwas verpfuschen Daten verwechseln, am falschen Ort landen, ohne Unterkunft dastehen. Dann erinnerte sie sich an das letzte Jahr, als ihnen im Hotel ein Zimmer ohne Balkon gegeben wurde, obwohl ein Balkon versprochen war, und der Manager nur mit den Schultern zuckte. Das erinnerte sie an eine leise Wut.

In Ordnung, sagte sie. Machen wir es selbst.

Jetzt saßen sie also mit dem Notizbuch und einer digitalen Karte Deutschlands auf dem Laptop.

Zug, wiederholte Anke. Dann Süden oder das Ruhrgebiet. Warst du schon mal in Köln?

Nur im Vorbeifahren, geschäftlich, antwortete Thomas. Hab nichts gesehen. Soll angeblich schön sein und nicht allzu weit.

Er öffnete die Seite der Deutschen Bahn, Anke drückte sich näher an den Bildschirm, das leichte Lüftungsgeräusch des Computers wärmte die Hände.

Sieh mal, sagte Thomas. Ein Nachtzug. Abends einsteigen, morgens ankommen. Romantik.

Romantik ist, wenn die Klimaanlage funktioniert, schnaufte Anke, grinste aber.

Sie notierte Köln und kreiste das Wort.

Stadt ist gewählt, jetzt die Unterkunft. Das ist quasi ein MiniQuest, sagte sie, während ein Schimmer von Angst in Aufregung überging.

Thomas nickte.

Wir teilen die Arbeit. Ich suche Züge, du suchst Wohnungen. Dann vergleichen wir.

Er klang dabei, als würde er im Büro Aufgaben verteilen. Anke schmunzelte.

Chef, meinte sie. Achte nur darauf, dass die Küche ordentlich ist. Ich will nicht die ganze Woche nur Cafés essen.

Und ich will nicht im Keller schlafen, entgegnete Thomas. Also such nicht nur die Küche.

Sie gingen in verschiedene Zimmer, jeder mit seinem Laptop. Thomas Gerät stand im Wohnzimmer auf dem Couchtisch, Anke richtete sich im Schlafzimmer ein, die Wand als Rückenstütze nutzend.

Nach einer halben Stunde kannte Anke bereits Dutzende fremder Wohnungen bunte Sofas, Farnkästen, triste Teppiche, alte Tapeten. Sie bemerkte, dass sie nicht nur nach Betten und Küchen suchte, sondern auch nach Bücherregalen, Tassen, Kühlschrankmagneten das MiniLeben anderer Menschen.

Thomas kämpfte mit den Ticketpreisen. Die Seite hängte immer wieder, er landete mehrmals auf der Startseite und murmelte Flüche. Als sie erneut hängen blieb, rief er:

Anke, wie läufts bei dir?

Ich lebe gerade in drei Wohnungen gleichzeitig, antwortete sie aus dem Schlafzimmer. Und in einer ist definitiv ein Designer aus den 90ern ein Geist.

Er lachte, die Anspannung löste sich ein wenig. Wieder am Küchentisch trafen sie sich, jeder mit seiner Liste.

Variante eins: Zentrum, gleich beim Dom, aber das Bett ist schmal, zeigte Anke. Variante zwei: Weiter weg, dafür große Küche. Und Variante drei, der Vermieter schreibt, dass Partys nicht erwünscht sind das betrifft uns nicht.

Thomas präsentierte seine Zugresultate.

Nachtzug, wie gewollt. Aber ein Problem: Rückfahrkarten zu einem passenden Tag sind fast rum. Entweder in zwei Tagen, oder in fünf.

In fünf, sagte Anke sofort. Ich will nicht durch die Stadt galoppieren.

Bist du sicher? Das ist fast eine Woche.

Sie zuckte mit den Schultern.

Wir haben doch nichts zu verlieren. Die Kinder sind erwachsen, die Arbeit gibt frei. Wenn nötig, nehme ich ein paar Tage Urlaub.

Thomas nickte. Das Wort Woche bekam plötzlich Gewicht eine ganze Woche nur für sie, ohne die üblichen Routen HausArbeitEinkauf.

Dann nehme ich Hin und Rückfahrt, sagte er und spürte, wie sein Herz schneller schlug. Beim Klick auf Bezahlen zitterte kurz seine Hand, die Sorge, das Datum zu verwechseln, schoss ihm durch den Kopf. Die Zahlung ging durch, eine Bestätigung landete per Mail. Kein Weg zurück.

Und? Hat geklappt? fragte Anke über die Schulter.

Sieht so aus, meinte er. Wir fahren.

Sie sahen sich an wie Kinder, die gerade etwas Großes ohne Aufsicht erledigt hatten.

Am Abend wählten sie die Wohnung. Die mit der großen Küche gewann. Die Vermieterin antwortete prompt, höflich und versprach, sie vor dem Eingang zu treffen.

Siehst du, nicht so schlimm, sagte Anke und schloss den Laptop. Das ist erst der Anfang.

Erst mal die Stadt planen, erwiderte Thomas. Wo wir hingehen, was wir sehen

Morgen, winkte Anke ab. Heute habe ich genug Teppiche angesehen.

Am nächsten Tag saßen sie wieder am Küchentisch, diesmal mit einer Stadtkarte von Köln. Anke umrundete die Mitte mit dem Stift.

Hier ist der Dom, hier der Rhein, hier die Moschee. Vom Apartment zum Dom sind es zwanzig Minuten zu Fuß.

Zwanzig Minuten, wenn du nicht jedes Haus fotografierst, bemerkte Thomas.

Ich fotografiere jedes zweite, erwiderte sie. Kompromiss.

Sie erstellten eine Liste von Sehenswürdigkeiten. Anke zog Museen und Altgassen vor, Thomas suchte nach guten Kantinen und Cafés.

Uns geht es zuerst ums Essen, bemerkte er.

Das liegt am Alter, lachte Anke. Früher dachten wir an Diskotheken.

Die Liste wuchs. Irgendwann spürte Anke, dass sie überfordert war.

Lass uns die Tage nicht minutiös planen, schlug sie vor. Ein bisschen Freiraum lassen.

Thomas blickte überrascht.

Das sagst du jetzt? Der Typ, der sogar den Einkauf plant.

Im Supermarkt ja, aber nicht durch die Stadt herticken.

Er nickte nachdenklich.

Okay, ein paar freie Tage. Sie strichen ein paar Punkte von der Liste, atmeten erleichtert auf.

Eine Woche vor der Abreise, drei Tage vorher, tauchte ein schwerer Fehler auf. Anke prüfte erneut die Buchungsbestätigung und erstarrte.

Thomas, komm her.

Er wischte sich die Hände an das Küchentuch und trat heran.

Was ist los?

Schau. Sie zeigte auf den Bildschirm. Ich habe die Daten falsch eingetragen. Wir kommen in der Nacht vom 5. auf den 6., das Apartment ist aber erst ab dem Abend des 6. buchbar.

Thomas fuhr fort: Dann haben wir ein halbes Tagchen im Nirgendwo.

Panik stieg in Anke auf, Gedanken an eine Nacht auf dem Bahnhofsschlafplatz, Nachrichten an den Vermieter, mögliche Aufpreise schwirrten.

Ich bin blöd, schnaufte sie. Ich hab doch geprüft.

Du bist nicht blöd, beruhigte Thomas, obwohl ihm ein flaues Gefühl im Magen blieb. Wir schreiben einfach dem Vermieter, fragen, ob wir morgens einchecken können.

Und wenn nicht? fragte Anke.

Dann finden wir ein Schließfach, spazieren durch die Stadt bis zum Abend. Kein Weltuntergang.

Sie nickte, doch die Hände zitterten. Thomas öffnete den Laptop und sie verfassten gemeinsam eine höfliche Nachricht, die nicht zu fordernd klang. Am Ende fügte Anke einen Smiley ein etwas, das sie sonst nie benutzt.

Nach einer halben Stunde kam die Antwort: Der Vorbesucher ziehe einen Tag früher aus, sie können also morgens einchecken, nur bitte die Ankunftszeit angeben.

Anke atmete tief durch und lehnte ihren Kopf an Thomas Schulter.

Ich hatte schon das Bild vor Augen, wie wir mit Koffern auf einer Bahnhofbank schlafen.

Das wäre ein interessanter Erfahrungswert, witzelte er. Aber lassen wir das lieber sein.

Beide lachten, die Anspannung löste sich. Der einstige Katastrophenmoment wurde zu einer Anekdote, die man später erzählen würde.

Am Abreisetag kamen sie eine Stunde vor der Abfahrt zum Bahnhof. Thomas fürchtete Stau, drängte Anke, früher das Haus zu verlassen. So saßen sie schließlich auf einer Bank in der Abflughalle und beobachteten die Menschen.

Sieh mal, das Paar mit dem riesigen Koffer, flüsterte Anke. Sie fahren bestimmt ans Mittelmeer.

Und der Typ mit dem Rucksack ist wohl auf Dienstreise, ergänzte Thomas.

Sie erfanden Geschichten für die Fremden, wie in jungen Jahren, was ein wenig das alte, leichte Gefühl zurückbrachte.

Als das Boarding aufgerufen wurde, gingen sie zum Gleis. Der Wagen war warm, aber sauber, die Plätze am Fenster. Thomas schob den Koffer ins Gepäckfach, Anke legte Decken und ein Magazin über Köln auf den Sitz.

Dann ist es offiziell, sagte sie, als der Zug anfing zu rollen.

Er nickte und sah aus dem Fenster, wie das Gleis vorbeizog, Menschen mit Taschen, ein Aufseher im Weste.

Offiziell, bestätigte er.

Die Fahrt verlief ganz ohne größere Abenteuer. Sie tranken Tee aus kleinen Bechern, lauschten den Gesprächen der Mitreisenden, versuchten im Takt der Schienen zu schlafen. Am Morgen, als der Zug sich Köln näherte, verspürte Anke das gleiche Kribbeln wie zu Anfang. Sie würden aus einem unbekannten Gleis aussteigen, den Vermieter treffen, den öffentlichen Nahverkehr erkunden alles ohne die gewohnte Begleitung eines Reiseveranstalters.

Am Bahnhof war es laut. Menschen drängten nach draußen, manche wurden mit Blumen empfangen. Der Vermieter wartete bereits am Haupteingang, winkte. Thomas aktivierte das Navigationssystem, doch die Anweisungen verhedderten sich.

Warte, sagte Anke. Lass uns den Schildern folgen, nicht dem Handy.

Sie fanden den großen Glastürbogen, dahinter ein Platz. Die Vermieterin war eine freundliche Frau um die fünfzig, sprach flotter. Auf dem Weg zur Wohnung erzählte sie von einem nahen Supermarkt, der Buslinie und den Nachbarn.

Die Wohnung übertraf die Fotos: hell, mit großer Küche und Blick auf einen Innenhof, wo ein paar Autos geparkt waren und ein kleines Spielplatzschaukelset.

Ich bin begeistert, sagte Anke, als die Vermieterin ging. Schau dir den Herd an, man könnte echt Kuchen backen.

Wir sind ja eigentlich zum Entspannen hier, nicht zum Backen, erwiderte Thomas.

Für mich ist Kochen auch Entspannung, entgegnete sie.

Sie packten aus, tranken Tee und machten einen Spaziergang. Der erste Tag war ein leichtes Chaos mehrmals Karte prüfen, ein paar Mal falsch abbiegen, Diskussion, ob man lieber zur Rheinuferpromenade oder zum Museum gehen soll. Thomas wollte den Bus, Anke zu Fuß.

Wir haben die Wohnung ja extra nah dran gewählt, erklärte sie. Zum Laufen.

Aber meine Beine tun schon jetzt weh, protestierte er.

Am Ende gingen sie zu Fuß, machten zwischendurch ein paar Haltspausen, kauften je ein Eis und hörten einem Straßenmusiker zu. Thomas merkte, dass ihm das gemächliche Tempo gefiel.

Am dritten Tag kam ein neuer Zwischenfall. Sie wollten zu einem Kloster im Umland fahren, hatten den Fahrplan der Regionalbahn studiert. Am Bahnhof stand jedoch, der Zug sei wegen Bauarbeiten gestrichen.

Siehst du, ich wusste, dass wir ohne Reisefirma alles vermasseln, sagte Anke.

Wo liegt der Fehler, Reisebüro oder wir?, erwiderte Thomas verwirrt. Der Zug ist gestrichen, wir haben ihn nicht verpasst.

Anke war trotzdem etwas enttäuscht. Thomas dachte, jetzt wäre ein guter Moment für Plan B.

Schau, sagte er und zog sein Handy heraus. Hier in der Nähe gibt es eine kleine Insel in der Lahn, da fährt ein Ausflugsboot. Wir könnten einen MiniKreuzfahrt machen. Kein Kloster, aber schön.

Anke blickte skeptisch.

Bist du sicher, dass wir die Tickets nicht verwechseln?

Selbst wenn wir uns verfahren, das wäre doch unser Chaos, unser Trip.

Sie lachte plötzlich.

Unser Chaos, wiederholte sie. Na gut, los.

Sie fanden den Anlegestelle, kauften Tickets, warteten in der Schlange. Das Boot war klein, mit Plastikstühlen auf dem Deck. Sie saßen am Bug, der Wind spielte mit Ankes Haaren, die Stadt rückte langsam zurück. Thomas dachte, genau das fehlte ihm bei den früheren Reisen das Ungeplante, das spontane Umkehren, das Fehlermachen und dabei Neues finden.

Zurück in der Wohnung am Abend diskutierten sie den Tag.

Weißt du, sagte Anke, ich habe heute gemerkt, dass ich nicht mehr darauf warte, dass jemand uns irgendwohin schickt. Ich gehe selbst.

Und?, fragte Thomas.

Es ist beängstigend, gab sie ehrlich zu. Aber spannend.

Die restlichen Tage vergingen wie im Flug. Sie sahen vieles, nicht alles. Einige Punkte auf der Liste blieben offen. Am letzten Abend zog Anke das Notizbuch hervor, in dem sie die ersten Einträge gemacht hatten.

Schau, sagte sie, wir sind nicht mal zu diesem Punkt gekommen.

Und?, meinte Thomas. Dann haben wir Grund, wiederzukommen.

Sie fuhr mit dem Finger über die Zeilen.

Oder wir fahren in eine andere Stadt, schlug sie vor. Wir haben noch so viel vor.

Die Rückfahrt mit dem Zug war ruhig. Sie fühlten sich wie erfahrene Reisende, wussten, wo das Gepäck am besten zu platzieren, wie man Tee zieht, ohne sich zu verbrennen, wie man Jacken falten kann, ohne Falten zu machen.

Zuhause wirkte alles leicht fremd dieselben Wände, dieselbe Küche, aber ein wenig aus der Perspektive verschoben. Anke stellte den Wasserkocher an, Thomas räumte die Koffer aus.

Also zurück zum normalen Leben, meinte er und setzte sich an den Tisch.

War das normale Leben ja nicht ganz normal, lachte Anke.

Er überlegte kurz.

Da war was anderes, aber weißt du, ich denke: Wir könnten das jedes Jahr machen.

Was denn?, fragte sie.

Alles selbst planen Stadt, Route, Unterkunft. Ohne Agenturen, ohne fremde Pläne. Mit Fehlern, mit ausfallUnd so beschlossen wir, jedes Jahr ein neues Abenteuer ganz nach unserem eigenen Geschmack zu planen.

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Homy
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