Ich hatte gerade meinen 60. Geburtstag gefeiert und das drückende Gefühl der Einsamkeit umfing mich wie ein kalter Mantel. Mein Mann und ich waren schon lange getrennt, und mein einziger Sohn lebte jetzt in Kanada, weit entfernt von meiner vertrauten Heimat.
Du darfst nicht allein bleiben! wiederholte meine langjährige Freundin Heike immer wieder, während sie mir die Hand auf die Schulter legte.
Wo soll ich denn diesen Prinzen finden? seufzte ich. Meine Freundinnen wirken alle müde, ohne ein Leuchten in den Augen. Sie brauchen keine Ehepartner, sondern nur Pflegerinnen.
Versuch es doch mit einem Jüngeren, du siehst doch großartig aus!, drängte Heike.
Ihre Worte nagten an mir, bis plötzlich Karl in mein Leben trat. Er war 45, geschieden, und seine erwachsene Tochter, Lotte, wohnte bereits allein. Wir begannen zu reden, trafen uns, und bald zog er in meine kleine Wohnung in einem Altbauviertel von Berlin ein.
Für einen Moment war ich glücklich. Doch mit der Zeit erkannte ich, dass Karls Motive völlig andere waren
Mein erster Ehemann war ein echter Ballast. Er arbeitete nicht, lebte von meinem Geld, verschwendete jeden Euro für Alkohol und räumte ständig das Haus leer. Ich hatte das alles ertragen, weil ich dachte, das sei das Richtige. Dann jedoch änderte sich etwas in mir. Ich packte seine Sachen, stellte sie vor die Tür und schloss sie endgültig ab. Eine riesige Erleichterung durchströmte mich.
Nach der Scheidung bekam ich ein wenig Unterstützung, doch ich ließ niemanden wirklich nah an mich heran. Die letzten Jahre waren besonders hart. Mein Sohn hatte sich entschieden, für immer in Kanada zu bleiben. Ich freute mich für ihn, wusste aber, dass ich ihm nicht folgen konnte ein neues Land, neue Gewohnheiten, ein neues Leben waren nicht das Richtige für mich.
Du darfst nicht allein sein! Finde wenigstens jemanden, drängte Heike erneut.
Wo denn? Alle Männer in meinem Alter wirken erschöpft und müde. Sie suchen keine Liebe, sondern nur jemanden, der ihnen den Alltag abnimmt.
Dann schau dich bei jüngeren Männern um!, bestand sie.
Ich lachte damals über den Rat, doch kurz darauf nahm das Schicksal seinen Lauf. Jeden Tag sah ich im kleinen Park vor meinem Haus einen Mann mit einem Hund spazieren. Er war groß, sportlich, mit ein wenig Grau an den Schläfen. Zuerst nur flüchtige Blicke, dann kurze Grüße, und bald war Karl ein fester Teil meines Alltags. Er brachte Blumen, lud zu Spaziergängen ein und erzählte faszinierende Geschichten. Ich fühlte mich wie neu erblüht. Neider blickten mich an, andere verurteilten uns es störte mich nicht.
Als Karl schließlich einzieht, freute ich mich, wieder für jemanden zu kochen, seine Wäsche zu waschen und für ihn zu sorgen. Alles schien perfekt, bis er eines Abends sagte:
Du könntest doch meinen Hund ausführen, das wäre gut für dich.
Dann gehen wir zusammen, schlug ich vor.
Wir sollten nicht zu oft zusammen in der Öffentlichkeit auftauchen
Seine Worte trafen mich wie ein kalter Schauer. War er beschämt? Oder hatte er einfach nur eine bequeme Haushälterin gefunden, die ihn füttert und pflegt?
Am Abend stellte ich ihn zur Rede:
Karl, Hausarbeit muss geteilt werden. Deine Kleidung kannst du selbst waschen.
Er sah überrascht aus, dann ein selbstgefälliges Lächeln:
Du wolltest doch einen jungen Mann, also musst du dich um ihn kümmern. Was soll ich sonst noch für dich tun?
Ich schwieg drei Sekunden.
Du hast eine halbe Stunde, um deine Sachen zu packen und zu gehen.
Das ist ein Witz! Meine Tochter hat gerade ihren Freund in meine Wohnung gebracht.
Dann wohnt ihr zusammen!, erwiderte ich und schlug die Tür zu.
Schmerz oder Trauer verspürte ich nicht, nur eine leichte Melancholie. Ich blieb wieder allein wieder.
Und ich fragte mich: Kann man im Alter noch wahre, echte Liebe finden? Oder ist das nur ein Trugbild, das Filme und Bücher uns einreden? Ich kenne die Antwort noch nicht. Aber eines weiß ich sicher: Ich bin nicht für jemand anderen da. Ich bin für mich selbst.





