Du darfst mich Papa nennen

“Du kannst mich Papa nennen.”

“Mama, stellst du dich schon wieder auf seine Seite?” Johanna stand direkt vor ihrer Mutter und spürte, wie ihre Lippen vor aufsteigenden Tränen zu zittern begannen.

“Johanna, was soll dieses ‘schon wieder’? Und außerdem liegst du falsch! In dieser Situation hast du eindeutig Unrecht, mein Kind!” entgegnete Birgit, die Mutter des Mädchens.

“Mama, das waren meine Lebensmittel! Wir hatten uns doch geeinigt, und ich bin keine Millionärin, um einen Fremden durchzufüttern!” empörte sich Johanna erneut, diesmal kaum noch in der Lage, ihre Tränen zurückzuhalten.

“Undankbare Göre! Ich hab dich großgezogen, dich ernährt, und jetzt geizst du mit einem Stück Käse und Wurst?” aus dem Zimmer drang die halb betrunkene Stimme von Klaus, Johannas Stiefvater.

“Genau! Schämst du dich nicht?” bestätigte Birgit die Worte ihres Mannes.

Das Mädchen bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Die Tränen ließen sich nicht länger zurückhalten. In letzter Zeit war ihr Leben wirklich zum Albtraum geworden…

… Johannas Vater hatte die Familie verlassen, als das Mädchen noch nicht einmal drei Jahre alt war. Wie Birgit später erzählte, hatten sie und Heinrich so hieß der Mann sich nie wirklich geliebt. Nach einer kurzen Affäre war Birgit schwanger geworden, und Heinrichs Eltern hatten ihn gezwungen, sie zu heiraten. Doch die fehlende Liebe wirkte sich natürlich auf die Ehe aus. Mit Mühe hielten sie zwei Jahre durch, dann packte Heinrich einfach seine Sachen und ging.

Birgit widmete sich ganz der Erziehung ihrer Tochter. So lebten sie zu zweit, bis Johanna zwölf wurde. Eines Morgens kündigte Birgit ein ernstes Gespräch an.

“Johanna, du bist ja schon groß und verstehst viel…” Birgit tastete sich langsam vor.
“Ja, klar.” antwortete das Mädchen leicht unsicher.
“Ich habe einen Mann kennengelernt und liebe ihn. Wir wollen heiraten, und bald zieht er bei uns ein. Ich hoffe, das ist okay für dich.”
Johanna nahm die Neuigkeit weder mit Freude noch mit Trauer auf. Sie wusste, dass viele Mitschüler mit Stiefvätern lebten daran war nichts Ungewöhnliches.

Doch als Klaus zum ersten Mal in ihrer Wohnung auftauchte, gefiel er Johanna sofort nicht. Sein Äußeres wie auch sein Verhalten waren alles andere als sympathisch.

“Du kannst mich Papa nennen.” erklärte Klaus sofort.
Johanna nickte schweigend, doch das Wort “Papa” kam ihr nie über die Lippen. Von Anfang an betonte Klaus, er sei selbst streng erzogen worden und habe nicht vor, einem Kind alles durchgehen zu lassen. Mit seinem Einzug begann für Johanna ein neues, hartes Leben.

“Mama, ich gehe mit Lina in die Bibliothek, danach treffen wir uns noch.” sagte Johanna eines Tages.
“Na hör mal, wer hat hier das Sagen? Birgit, warum lässt du dir das gefallen? Diese Göre wird dir noch auf der Nase herumtanzen!” mischte sich Klaus sofort ein.
“Ich bin keine Göre!” versuchte Johanna sich zu wehren, während Birgit schweigend weiter abspülte.
“Du wagst es, frech zu sein? Du hast eine Stunde für die Bibliothek, dann bist du zurück. Wenn du um drei nicht da bist, stell ich dich in die Ecke auf Erbsen! Dann weißt du, wie man sich benimmt!” Klaus genoss sein “Erziehungsprogramm”.
“Mama, ich gehe jetzt!” erklärte Johanna.
“Kind, hör auf deinen Vater. Er ist schließlich das Familienoberhaupt.” antwortete Birgit.

Seit Klaus im Haus war, wartete Johanna nur auf eines: wenn er auf Dienstreise fuhr. Dann konnte sie endlich in Ruhe leben, Freunde einladen und sich entspannen.

… So vergingen sechs lange Jahre. Johanna wurde achtzehn und begann ihr Studium. Sie dachte, nun würde die Freiheit beginnen vielleicht bekam sie ein Zimmer im Studentenwohnheim und konnte endlich ausziehen. Doch die Freude währte nicht lange.

“Wohnheimplätze gibt es nur für auswärtige Studierende. Keine freien Zimmer.” hieß es für alle, die wie Johanna gehofft hatten.
“Wär ich doch bloß in einer anderen Stadt studiert gegangen.” murmelte Johanna und machte sich auf den Heimweg.

Mitte September freundete sie sich mit zwei Kommilitoninnen an, die ebenfalls ausziehen wollten. Sie fanden eine Einzimmerwohnung und planten, sie zu dritt zu mieten.

“Mama, ich möchte ausziehen. Es wäre näher zur Uni, und außerdem…”
“Was fällt dir ein? Da führt ihr doch nur Gott weiß was im Schilde! Ihr wollt die Wohnung mieten, um Kerle reinzulassen, und vom Studium hast du dann keine Zeit mehr!” Klaus mischte sich sofort ein.
“Was geht dich das an?” fragte Johanna.
“Wie redest du mit deinem Vater? Denkst du, dein BAföG reicht für Miete? Deine Mutter wurde auf Teilzeit gesetzt, mir wurde das Gehalt gekürzt, und du willst eine Wohnung? Nicht einen Cent kriegst du von uns!” brüllte Klaus.
“Ich verdiene mir selbst was!” schrie Johanna, knallte die Tür zu und verschwand in ihrem Zimmer.

Doch einen Nebenjob fand sie nicht, also musste sie den Traum von der eigenen Wohnung und einem glücklicheren Leben begraben.

Eines Morgens wachte Johanna von Lärm im Flur auf. Ein fremder Junge stand da, den Klaus herzlich umarmte.

“Johanna, das ist mein Sohn aus erster Ehe Tim. Er hat bisher bei seiner Mutter auf dem Dorf gewohnt, aber jetzt zieht er zu uns.” erklärte Klaus.
“Und wo soll er schlafen? Wir haben nur zwei Zimmer.” fragte Johanna.
“Kein Problem, ich penn’ erstmal auf der Küchencouch, dann sehen wir weiter…” grinste Tim frech.

Johanna war entsetzt. Sie suchte das Gespräch mit ihrer Mutter:

“Mama, wie sollen wir zu viert in dieser winzigen Wohnung leben?”
“Kind, wir werden schon eine Lösung finden. Wo ein Wille ist, da ist ein Weg.”
“Mama, hörst du dir selbst zu?” fragte Johanna ungläubig.
“Johanna, wir leben von Klaus’ Geld. Ich will keinen Streit. Tim bleibt hier.”

Nun schlief Tim in der Küche. Ein normales Frühstück war unmöglich. Wenn Johanna nach Hause kam, saßen Klaus und Tim meist schon am Tisch.

“Hey, Schwesterherz, komm zu uns!” rief Tim eines Tages.
“Lass mich in Ruhe!” fauchte Johanna.
“Wie redest du mit Älteren, du Rotznase!” knurrte Klaus, wie üblich angetrunken.
“Papa, warte. Johanna, komm her.” Tim packte sie an den Schultern.
“Fass mich nicht an, du Idiot!” Johanna riss sich los und flüchtete weinend in ihr Zimmer.

Am nächsten Morgen suchte sie erneut das Gespräch mit Birgit.

“Mama, diese Wohnung hat doch Papa damals gekauft, oder?”
“Ja…” Birgit verstand nicht, worauf Johanna hinauswollte.
“Also gehört sie auch mir?”
“Nun, rechtlich gehört sie mir, aber du bist meine Tochter… Wieso?”
“Ich will diesen Mann und seinen Sohn nicht mehr in unserer Wohnung sehen! Sie sollen verschwinden!”
“Ah, darum geht’s! Undankbare Nuss! Keinen Cent kriegst du mehr von mir! Kauf dein Essen selbst! Dein ganzes BAföG verpulverst du für Klamotten!” schrie Klaus, der das Gespräch belauscht hatte.

Johanna begann, sich selbst zu versorgen. Jeden Cent sparte sie. Doch Klaus und Tim bedienten sich weiter an ihren Vorräten ohne Skrupel. Der gestohlene Käse und die Wurst, die sie erst gestern gekauft hatte, waren der Tropfen

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Homy
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