12.November 2025
Heute wurde ich von einem Krankenwagen ins Klinikum gebracht. Die Angst kam nicht vom steigenden Blutdruck und dem Schwindel, sondern von dem Gedanken, was mit Balu, meinem alten Labrador, passieren könnte.
Und was macht Balu?, fluchte ich, während ich im Flur in meinem Bademantel mit einer Plastiktüte in der Hand stand. Der Nebel vor den Augen, die Beine wie Watte das war im Vergleich zu der Sorge um meinen treuen Freund ein Nichts.
Mach dir keine Sorgen, ich gebe ihm Futter, sagte meine Nachbarin Tanja, die gerade vorbeikam. Er ist doch ein braver Hund, das ist ganz einfach. Die Schüssel gefüllt, und fertig.
Ich nickte. Ich wusste, dass sie helfen wollte, doch ein leichter Stich der Unruhe ließ mich nicht los. Balu ist nicht nur ein Hund, er ist ein Teil meines Lebens.
Er ist bereits zwölf Jahre alt, ein ehrwürdiges Alter für einen Hund. Er kam zu mir, als ich nach dem Tod meiner Frau anfing, mein Leben neu zu ordnen. Das Haus war plötzlich so still, selbst der Wasserkocher gab keinen Klang mehr. Niemand rief mehr meinen Namen.
Er war damals noch ein Welpe, ein flauschiges Bündel aus Angst und Hoffnung. Seine Vorbesitzer hatten ihn abgegeben, weil er nicht in ihr neues Leben passte. Ich hatte gerade erst ein leeres Haus, und er wurde zum Licht in dieser Leere.
Seitdem waren wir unzertrennlich. Er lag an der Tür, während ich schlief, beobachtete mich beim Waschen und schlummerte neben mir, wenn ich las. Wir atmeten fast im gleichen Rhythmus. Er kannte meine Stimme, ich seinen Blick.
Jetzt liege ich im Krankenhaus, mit Infusionen, einem kalten Bett und fremden Wänden. Ich dachte, es wären ein oder zwei Tage, dann kommen die Kontrollen, die Spritzen, und ich kann heimkehren.
Doch die Entlassung blieb aus. Der Blutdruck, die Medikamente, die Ärzte alles schien gegen mich zu arbeiten. Ich lag da, starrte an die Decke und dachte nur an Balu. Wie würde es ihm gehen?
Jeden Abend rief ich Tanja an. Sie berichtete, dass er an der Tür liegt, kaum etwas frisst und manchmal leise jault, wenn niemand in der Nähe ist.
Vielleicht fühlt er sich einsam, meinte sie. Er trinkt nur ein bisschen Wasser, aber beim Futter hat er Probleme.
Am dritten Tag rief sie mich selbst an, fast schüchtern:
Karl Er hat seit über einem Tag nichts mehr gefressen kein Trockenfutter, kein Fleisch. Er starrt nur in die Schüssel und geht weg. Trinkt kaum, bleibt die ganze Zeit an der Tür stehen, als würde er warten.
Ein Kloß bildete sich in meiner Brust, nicht aus Schmerz, sondern aus Schuldgefühlen.
Tanja, schaltest du das Telefon in Lautsprecher? Bitte.
Warum?
Nur damit er meine Stimme hört. Vielleicht versteht er es dann.
Tanja tat, wie ich bat, und ich sprach, ganz sanft wie eine Mutter, die ihr Kind nachts beruhigt:
Balu, hörst du mich? Ich bins, dein Herr. Ich bin nicht weg, ich bin nur kurz fort. Ich komme zurück, versprochen. Warte bitte und iss etwas. Tanja ist bei dir, sie ist gut. Alles wird gut, mein Junge.
Es folgte eine lange, angespannte Stille.
Er kommt näher, flüsterte Tanja. Er schaut aufs Telefon, die Ohren an die Seite gelegt, der Schwanz wackelt leicht.
Tränen liefen über mein Gesicht. Ich hielt das Telefon an mein Ohr. Ich wusste, er isst nicht, weil er mich vermisst nicht, weil er wählerisch ist.
So verbrachten wir die Tage: ich im Krankenzimmer, er an der Tür. Jeden Morgen das Klingeln, jeden Abend meine Stimme durch das Telefon.
Halte durch, Kleiner. Ich bin bei dir. Noch ein bisschen.
Am fünften Tag sagte Tanja:
Er hat gegessen. Ein bisschen. Erst, nachdem er meine Stimme hörte. Er lag beim Telefon, stand dann auf und ging zur Schüssel. Ich habe mich nicht bewegt, aus Angst, ihn zu verscheuchen.
Ich weinte erneut. Im Krankenhaus ist Weinen fast zur Routine geworden.
Als der Arzt endlich sagte: Sie können nach Hause gehen, kam ein Riss der Freude in mir auf.
Ich beschloss, nicht anzurufen, sondern eine Überraschung zu planen.
Die Treppe zur Wohnung der Aufzug war kaputt ich ging zu Fuß bis zur dritten Etage. Mein Herz pochte, als könnte es jeden Moment herausspringen.
Balu lag an der Tür, wie immer, dünn, erschöpft, das Fell zerzaust.
Balu, hauchte ich.
Er hob den Kopf, sah mich an und erstarrte.
Ich bin es, alles ist gut, ich bin zu Hause.
Zögerlich stand er auf, wankte ein Stück, kam näher, stupste meine Hand, dann meine Schulter, dann meine Brust.
Ein leises Jaulen entwich ihm, nicht laut, nicht ängstlich, sondern fast wehmütig, als wollte er fragen: Bist du wirklich zurück?
Ich setzte mich auf den Teppich, zog ihn zu mir, er legte sich schwer auf meinen Schoß und drückte sich fest an mich, als wollte er nie wieder loslassen.
Wir saßen so etwa zwanzig Minuten, dann öffnete ich die Tür er lief sofort zur neuen Decke, schnüffelte, und dann zum Futternapf.
Alles klar, Balu!, lachte ich. Jetzt gibts was Leckeres. Ich rannte in die Küche, öffnete die Dose mit seinem Futter, während ich gleichzeitig einen Stapel mit Arztverordnungen durchblätterte.
Er fraß langsam, vorsichtig, als fürchte er, dass ich wieder verschwinden könnte.
In dieser Nacht schlief er neben mir, direkt an meiner Seite früher war er immer an der Tür.
Jetzt folgt er mir überall hin: bis zur Schwelle des Ladens, bis zur Tür des Badezimmers. Er hat Angst, ich habe Angst.
Deshalb sage ich jedes Mal, bevor ich das Haus verlasse:
Ich bin gleich zurück. Warte bitte.
Er versteht vielleicht nicht jedes Wort, aber er weiß: Ich werde nicht mehr einfach verschwinden.
**Persönliche Erkenntnis:** Wer in schwierigen Zeiten nicht allein sein will, muss lernen, dass Nähe nicht nur körperlich, sondern vor allem im Herzen besteht. Wenn man seine Liebsten nicht aus den Augen verliert, bleibt der Verlust erträglich und das Leben wieder lebenswert.





