Find ihr wenigstens irgendwen.
Ich halt das nicht mehr aus. Mit ihr werd ich noch zur alten Jungfer. Hör mal, Hannah, nimm Mama doch zu dir, bitte. Sie kann sich um deine Kinder kümmern, statt um mich.
Klara… Das ist doch deine eigene Schuld. Hast damals Theater gemacht, jetzt zahlst du den Preis, antwortete Hannah ruhig, fast schon müde. Hättest dich nicht so aufspielen sollen.
Ja, okay, ich war im Unrecht, geb ich zu! War jung, war dumm. Und jetzt soll sie mir mein Leben versauen?
Sie hat ja ihres nicht mehr, dank dir. Du wolltest, dass sie nur für dich lebt bitte schön, hier hast dus. Genieß es.
Hannah, bitte, du bist doch die Kluge! Wenn ihr sie zu euch nehmt allen wäre geholfen. Sie könnte auf die Kinder aufpassen, und ich wär endlich raus aus diesem Gefängnis…, seufzte Klara träumerisch. Oder red wenigstens auf sie ein. Auf dich hört sie.
Macht euren Kram alleine, knurrte Hannah und verzog missmutig das Gesicht. Ich geb höchstens einen Rat. Du hast ihr ihr Liebesleben ruiniert, jetzt hilf ihr, es wieder aufzubauen. Such ihr Freundinnen, Hobbys, Verehrer. Find ihr wenigstens irgendwen. Vielleicht einen Hund oder eine Katze. Hauptsache, sie hat was anderes im Kopf.
Klara wollte wie immer, dass andere ihre Probleme lösten. Hannah hätte mitspielen können ihre Beziehung zur Mutter war ohnehin anders , aber sie hatte keine Lust. Wer den Boomerang wirft, muss ihn auch fangen.
Ihr Vater hatte sie verlassen, als Hannah elf war. Klara war damals drei. Hilfe gab es keine, also musste Hannah schneller erwachsen werden, als ihr lieb war. Sie holte ihre Schwester vom Kindergarten ab, kochte Abendessen, putzte und lernte spätnachts, wenn alle schliefen.
Vielleicht wurde sie deswegen so verantwortungsbewusst. Klara hingegen fehlte genau das.
Hannah flog früh aus dem Nest. Kaum hatte sie die Fachschule abgeschlossen. Der Grund war einfach: Sie wollte Freiheit, hatte genug davon, die zweite Mutter zu spielen. Und sie vermutete, dass es ihrer Mutter leichterfallen würde.
Hannah wusste: Valentina war noch jung, sie konnte ein eigenes Leben haben. Je weniger Kinder an ihr hingen, desto besser.
Valentina nutzte die Chance und näherte sich ihrem Kollegen Günther an. Klara, damals zwölf, sah darin das Ende der Welt. Sie wollte keinen Fremden in ihrem Zuhause dulden. Und dann musste sie plötzlich im Haushalt helfen was sie gar nicht begeisterte.
Klara, räum bitte den Tisch ab, bat die Mutter.
Zuerst machte sie es, wenn auch mit Schmollmund. Doch dann wehrte sie sich.
Hab keinen Bock.
Warum nicht?, fragte Valentina verwundert. Jeder hat hier Pflichten. Ich koche, Günther bringt die Einkäufe…
Ich wasch nicht für deinen Günther!, fuhr Klara dazwischen. Warum soll ich in fremden Tellern rumwühlen?
Und das sagte sie direkt vor ihm.
Günther versuchte trotzdem, mit Klara klarzukommen. Er brachte ihr Stofftiere, als wäre sie noch ein Kleinkind, fragte nach ihren Hobbys, ob sie in der Schule Ärger hatte. Geduldig, höflich doch es half nichts.
Vielleicht lag es daran, dass ihr Vater sie schon einmal verlassen hatte. Vielleicht fürchtete Klara, ihre Mutter würde sich nur noch auf Günther konzentrieren. Oder sie fand ihn einfach lästig. Wie auch immer sie versuchte, den Eindringling zu vertreiben.
Klara provozierte Günther, warf ihrer Mutter vor, sie tausche sie gegen einen fremden Mann aus, machte Theater. Aus Protest ließ sie die Schule sausen und hungerte manchmal bis sie nachts heimlich zum Kühlschrank schlich.
Valentina hoffte, Klara würde sich beruhigen. Doch dann kam die Nachricht: Sie wollte Günther heiraten.
Schatz, wie fändest du es, wenn Günther offiziell zu unserer Familie gehören würde?, fragte sie vorsichtig.
Und dann ging es los. Klara stemmte sich dagegen, beschuldigte Günther, er wolle nur ihre Wohnung. Als die Argumente ausgingen:
Wenn ihr heiratet, geh ich! Dann bin ich euch nur noch im Weg.
Klara! Was redest du da? Du bleibst doch unsere Tochter.
Ach ja? Nicht Tochter, sondern Dienstmädchen! Hol was, bring was, verschwinde. Lieber wohn ich bei Hannah, damit ich euch nicht störe.
Valentina wusste nicht weiter. Sie fürchtete, ihre Tochter zu verlieren und dann auch Günther, genau wie ihren ersten Mann.
Sie war zwischen Baum und Borke. Um sich abzulenken, sprach sie mit Hannah. Die sah Klaras Drama gelassen.
Glaubst du, ich mach ihr die Tür auf, wenn sie so kommt?, lachte sie spöttisch. Sie wird im Treppenhaus stehen, dann kommt sie angekrochen. Oder ich machs ihr so ungemütlich, dass sie zurückrennt. Will sie bei mir wohnen? Gern, aber sie muss sich beteiligen. Ich bin nicht ihre Putzfrau.
Hannah war sicher: Klara bluffte. Doch Valentina wollte das nicht riskieren.
Und wenn sie wirklich geht? Wenn du sie nicht reinlässt… Sie könnte auf der Straße landen!
Die Angst siegte. Valentina trennte sich von Günther. Erst zogen sie auseinander, trafen sich neutral, dann war es ganz vorbei.
Wie Klara es wollte, konzentrierte sich Valentina nur noch auf sie. Doch nicht, wie sie es sich vorgestellt hatte. Valentina, schon immer überfürsorglich, wurde zum Drachen, der seine Prinzessin bewachte. Sie brachte Klara zur Schule, holte sie ab, ließ sie nicht allein raus. Wenn Klara sich verspätete, rief sie unablässig an.
Die Zeiten sind gefährlich. Du könntest entführt werden! Gehen wir lieber zusammen ins Kino, wenn ich Zeit habe.
Klara dachte, Valentina rächte sich. Doch die Wahrheit war: Die Mutter hatte nichts außer ihr. Wohin also mit all ihrer Liebe? Und wenn Klara verschwand? Hannah hatte ihre eigene Familie.
Klara versuchte zu fliehen. Sie wollte in eine andere Stadt studieren, doch Valentina inszenierte ein Drama mit Tränen, zitternden Händen und Blutdruckmessgerät.
Du willst mich allein lassen? Ich hab doch nur dich.
Mama, ich muss doch selbstständig werden.
Wo willst du wohnen? Im Studentenheim? Wer beschützt dich? Und woher nehmen wir das Geld?
Valentina klammerte sich an Klara. Und Klara blieb. Vielleicht aus Angst vor dem Alleinsein. Vielleicht aus Schuldgefühl.
Es wurde schlimmer. Als Klara Verehrer bekam, wachte Valentina wie eine Hüterin der Tugend. Kontrollanrufe, Kritik: Der eine zu aufdringlich, der nächste ein Frauenheld, der dritte zu höflich. Jede Beziehung zerbrach, bevor sie richtig begann.
Dabei verstand sich Valentina prächtig mit Hannah. Keine Überfürsorge. Sie war die perfekte Schwiegermutter, backte Kuchen und mischte sich nicht ein.
Kein Wunder, dass Klara es nicht mehr aushielt. Doch Hannah wollte sich nicht einmischen. Erstens: Sie hatte den Salat nicht angerührt. Zweitens: Sie wäre am Ende doch die Böse. Soll Klara sich selbst kümmern.
Und seltsamerweise tat sie das.
Eines Tages sah Hannah auf Klaras Profil: In einer Beziehung. Ungläubig rief sie an.
Kann ich gratulieren?, fragte sie lächelnd. Oder ist das nur so dahingesagt




