Liselotte kannte die Nachbarin aus dem Treppenhaus seit Langem. Frau Nadja, stets mit gepflegtem grauen Bob und einer Leinenhandtasche über der Schulter, tauchte jeden Abend zur selben Stunde ungefähr um acht auf der Etage auf. Sie schritt gemächlich die Stufen hinauf, hielt sich leicht am Geländer, und wenn sie am Aufzug vorbeikam, nickte sie Liselotte höflich zu.
Liselotte wohnte im sechsten Stock eines grauen Plattenbaus mit neun Etagen, arbeitete als Lektorin bei einem kleinen Verlag in Berlin und hielt ihr Leben für vorhersehbar. Morgens UBahn, Büro, Manuskripte, abends heimwärts, Abendessen, ab und zu eine Serie. Ihr Mann hatte sie vor zwei Jahren verlassen, das leere Zweizimmer und die stille Enttäuschung hatten sich langsam abgekühlt. Die Nachbarn bildeten nur ein Rauschen: Jungs, die die Treppe wütend hinaufstampften, Rentner mit Einkaufstaschen, ab und zu ein Streit aus der Nachbarwohnung.
Frau Nadja aus der gegenüberliegenden Tür wirkte ruhig und etwas distanziert. Zuerst dachte Liselotte, sie sei nur eine müde Buchhalterin oder Lehrerin. Doch im tiefen Winter, als das Wasser im Haus ausfiel und alle Eimer aus dem Keller trugen, standen sie plötzlich an der Hauseingangstür und begannen zu reden.
Brauchen Sie Hilfe beim Tragen? fragte Liselotte und zeigte auf den Eimer in Nadjas Hand.
Wäre schön, murmelte die andere leicht verlegen. Ich bin Nadja.
Liselotte.
Gemeinsam stiegen sie die Stufen hinab, füllten die Eimer, trugen das Wasser zurück und pausen immer wieder, um Luft zu schnappen. Dabei erfuhr Liselotte, dass Nadja fünfundfünfzig Jahre alt war, allein lebte und von zu Hause aus arbeitete.
Was genau machen Sie? hakte Liselotte nach.
Übersetzungen, Texte, antwortete Nadja kurz und wechselte sofort das Thema: Sie tragen immer Akten mit sich, arbeiten Sie im Büro?
Liselotte erzählte vom Verlag, den endlosen Tippfehlern und den Autoren, die sich über Korrekturen empören. Nadja hörte aufmerksam zu, stellte gelegentlich klärende Fragen, und Liselotte spürte ein plötzliches Verlangen, weiter zu reden. Als sie den sechsten Stock erreichten, fühlte es sich an, als gehörten sie schon seit Langem zusammen.
Von da an blieben sie öfter am Aufzug stehen, tauschten flüchtige Bemerkungen aus. Im Frühling lud Liselotte Nadja einmal zum Tee ein.
Der Kuchen ist fertig, aber ich habe zu viel, sagte sie unbeholfen in der Tür.
Wenn Sie eine einfache Gesprächspartnerin nicht scheuen, komme ich gern, erwiderte Nadja.
Liselottes Wohnung war typisch für den Plattenbau: ein Teppich, ein Bücherregal, eine helle Küche mit Blick auf den Innenhof. Nadja sah sich um, nicht aus Neugier, sondern mit sanftem Interesse, bemerkte ein paar Krimis, die Liselotte abends gern las.
Sie mögen Ermittlungen, sagte sie, setzte sich an den Tisch.
Ja, das hilft mir, den Alltag zu vergessen. Ich lese und vergesse sogar meine Autoren, antwortete Liselotte, während sie den Tee einschenkte.
Sie plauderten über Kleinlichkeiten: Preise im Supermarkt, laute Jugendliche im Hof, die Mühe, die Hausverwaltung zum Reparieren des Aufzugs zu bewegen. Nadja erwies sich als ruhige, leicht ironische, aber nicht bissige Gesprächspartnerin, die Geschichten erzählte, als sähe sie die Menschen durch ein Vergrößerungsglas, achtete auf jedes Detail.
Siehst du den Mann aus dem dritten Stock, immer im Trainingsanzug? sagte sie und blickte aus dem Fenster. Ich habe ihn neulich nachts gesehen, wie er eine riesige, mit Klebeband umwickelte Kiste zum Müllcontainer trug. Er hielt sie behutsam, als wäre es ein Kind, ließ sie dann fallen und verschwand, ohne zurückzublicken.
Und was war darin? fragte Liselotte neugierig.
Weiß ich nicht und will es nicht wissen. Wichtig ist, wie er es getan hat. Das sagt viel über ihn aus.
Liselotte dachte, Nadja beobachte nur gern die Charaktere. Ähnlich wie im Verlag, wo sie manchmal anhand des Textes den Autor beurteilte.
Mit der Zeit wurden die Teestunden regelmäßiger. Manchmal kam Liselotte zu Nadja, manchmal umgekehrt. Nadjas Wohnung unterschied sich: weniger Möbel, mehr Licht, ein ordentlicher Stapel ausgedruckter Seiten und ein Laptop. An der Wand hingen ein paar schwarzweiße Fotos einer alten Stadt.
Haben Sie die selbst gemacht? fragte Liselotte eines Tages.
Nein, ein Bekannter schenkte sie mir. Ich mag es, wenn es im Haus etwas gibt, worauf man blicken und nachdenken kann, erklärte Nadja.
Liselotte bemerkte, dass Nadja kaum über ihre Familie sprach. Über einen Mann nichts, über Kinder nichts. Einmal erwähnte sie nur flüchtig, dass ihre Eltern schon lange tot seien und ihr Bruder in einer anderen Stadt lebe, selten Kontakt. Liselotte drängte nicht weiter, respektierte die Verschlossenheit.
An einem heißen Sommertag, als die Wohnung stickig war, saß Liselotte in ihrer Küche, Laptop auf dem Schoß, bearbeitete einen Text für die Verlagswebseite. Auf dem Bildschirm blinkte die Meldung: Interview mit der geheimnisvollen Krimiautorin N. Rove. Der Pseudonym klang vertraut, doch Liselotte wusste nicht, woher. Sie klickte aus Neugier.
Das Bild war verschwommen, das Gesicht in Schatten. Im Interview erfuhr Liselotte, dass N. Rove beliebte Stadtkrimis schrieb, ihr Gesicht nie zeigte und ihr richtiger Name verborgen blieb. Sie schrieb über Vororthöfe, Nachbarn, Gemeinschaftsküchen. Die Bücher verkauften sich riesig, wurden in Blogs diskutiert.
Weiter unten stand: Ich lebe im Wohngebiet und schöpfe Inspiration buchstäblich aus meinem Fenster. Die Menschen um mich herum sind eine unerschöpfliche Quelle für Geschichten.
Liselotte spürte ein Déjàvu. Die Formulierungen erinnerten an Nadjas Art zu sprechen Wohngebiet, Menschen zum Beobachten. Der Nachname Rove klang entfernte an Roehm, ein Name, den sie einst auf einer Quittung im Briefkasten gesehen hatte, und plötzlich erinnerte sie sich daran, dass Nadja sie dort abgeholt hatte.
Ein Zufall, dachte Liselotte, doch öffnete ein EBook von Rove und blätterte. Der erste Absatz beschrieb einen Hof, der dem ihren fast identisch war: abblätternde Rutsche, kleiner Laden an der Ecke, dieselbe Szene mit dem Mann im Trainingsanzug, der nachts Kisten zum Müll brachte.
Ein Kloß bildete sich in Liselottes Magen. Sie ging zum Fenster, blickte in den Hof, sah den Mann im Trainingsanzug tatsächlich auf einer Bank sitzen und rauchen, die Schultern gesenkt.
Zurück am Tisch las sie den Absatz erneut. Die Übereinstimmung war beängstigend präzise. Stimmen, Stapel von Ausdrucke auf Nadjas Schreibtisch, das Wort Übersetzungen, Texte alles tauchte wieder auf.
Sie las weiter, das Buch fügte bekannte Figuren ein: die Nachbarin, die immer über die Kinder schimpfte, das junge Paar, das nachts laut wurde, die alte Dame aus dem fünften Stock, die die Hofkatzen fütterte. Am schmerzhaftesten war die Passage, in der die Protagonistin nicht Liselotte, sondern Olga, doch die Situation war dieselbe: sie verwechselte Deadlines, über Nacht einen Text korrigierte, kam am nächsten Morgen mit nassen Haaren und unterschiedlichen Socken zur Arbeit.
Liselotte legte den Laptop beiseite, ein Kloß drückte ihr am Hals. Der Gedanke, dass ihr Alltag, ihre kleinen Patzer und komischen Anekdoten als Material für jemandes Buch dienten, ließ ihr das Herz schwer werden.
Sie legte sich spät, wälzte sich, lauschte den Geräuschen hinter der Wand. Bei Nadja war es still, nur das gelegentliche Klicken einer Tastatur. In ihrer Vorstellung sah Liselotte Nadja am Schreibtisch sitzen und die Umgebung in Zeilen verwandeln.
Am Morgen wirkte alles weniger scharf. Im Verlag prüfte Liselotte erneut ein Manuskript, fing Kommas ein, dachte, Schriftsteller schöpfen ja aus dem Leben. Sie selbst las unzählige Bücher, in denen typische Menschen auftauchten. Aber das Eine ein konkreter Hof, konkrete Nachbarn zu verwandeln, war etwas anderes.
Auf dem Heimweg blieb sie im Buchladen stehen, nahm ein Taschenbuch von N. Rove in die Hand. Das Cover zeigte denselben dunklen Umriss. Sie blätterte, markierte die vertrauten Szenen und kaufte es, weil sie verstehen wollte, wie weit Nadja ging.
Am Abend, als sie mit einer Tüte nach Hause kam, stand Nadja im Aufzug. In ihren Händen ein Ordner voller Papiere.
Liselotte, guten Abend. Wie war Ihr Tag? fragte sie lächelnd.
Liselotte erwiderte reflexartig, doch ein Unbehagen blieb.
Ganz okay, die Arbeit ist die Arbeit, sagte sie und schob die Tüte tiefer in ihre Tasche.
Nadja blickte kurz auf das Cover des Buches, das aus ihrem Rucksack hervorlugte, schwieg dann.
Einige Tage später saßen sie wieder bei Liselotte Tee. Die Wohnung im Keller hatte erneut ein Leck, die Bewohner sammelten Unterschriften.
Unterschreiben Sie? fragte Liselotte.
Natürlich. Ich mag es, wenn Menschen gemeinsame Aufgaben haben, antwortete Nadja und fügte plötzlich hinzu: Haben Sie N. Rove schon gelesen? Man sagt, sie schreibt gut.
Liselotte spürte, wie sich ihr Inneres zusammenzog.
Ja, gestern, sagte sie vorsichtig.
Und wie fanden Sie es? Nadja tat so, als gieße Tee ein, die Hand zitterte leicht.
Es wirkt, als würde sie in unserer Nähe wohnen, flüsterte Liselotte und hob den Blick.
Sie sahen einander an, ein kurzer Moment, dann klar wurde:
Sind Sie das? fragte Liselotte, bemüht, ruhig zu klingen.
Nadja seufzte, senkte den Blick zur Tasse.
Ja. Nur wenige wissen das. Ich mag keinen Aufriss.
Liselotte nickte, ihr Kopf schwirrte. Sie wollte gleichzeitig gratulieren, Bewunderung zeigen und fragen, warum sie den Hof als Bühne nutzte.
Glückwunsch, das Buch ist gut geschrieben, sagte sie schließlich.
Danke, erwiderte Nadja leise. Ich mache das schon lange, aber ich halte es verborgen.
Ein Schweigen folgte, hinter der Wand hörte man einen Stuhl rücken.
Sie nehmen Geschichten von hier? begann Liselotte, stockte.
Manchmal, gab Nadja zu. Ich ändere Details, Namen, Berufe, Umstände.
Nicht immer, widersprach Liselotte. Die Geschichte mit den verschiedenen Socken war doch meine.
Nadja lächelte kaum merklich.
Es war eine lebendige Szene, ich konnte nicht widerstehen.
Tränen stiegen Liselotte in die Augen. Sie wollte kein Schauspiel, doch das Gefühl, dass ihr Leben unaufgefordert entnommen wurde, war schmerzhaft.
Könnten Sie wenigstens fragen, bevor Sie etwas verwenden? sagte sie. Sag mir, dass Sie es wollen.
Nadja nickte.
Ich dachte nicht, dass Sie lesen. Sie grinste halbherzig. Wir leben ja quasi durch die Wand.
Zwei Teile von Liselotte stritten in ihr: Einer war empört über die heimliche Aufzeichnung, der andere verstand, dass Nadja nicht böse war, sondern einfach überleben musste.
Lassen Sie uns einen Kompromiss finden, sagte Liselotte schließlich, bemüht, gleichmäßig zu sprechen. Ich kann nicht verbieten, dass Sie schreiben, aber ich will nicht, dass ich in Ihren Büchern wieder auftauche, selbst unter anderem Namen.
Nadja hob den Blick, müde und doch hoffnungsvoll.
Sie schlagen einen Vertrag vor? fragte sie.
Ja, Grenzen. Liselotte fühlte, dass sie jetzt nicht nur über Bücher sprach. Wenn ich etwas Persönliches teile, will ich es später nicht in Ihrem Roman wiedererkennen.
Nadja sah lange nach, überlegte, wie das klingen könnte.
Das ist schwierig, sagte sie schließlich. Manchmal merkt ich gar nicht, dass ein Gespräch in meinen Text fließt. Ich lebe damit. Aber Sie pausierte, dann fester: Ich kann versprechen, dass Ihre klar als persönliche Geschichten gekennzeichneten Erzählungen nicht in die Bücher kommen. Und falls Sie sich doch wieder wiedererkennen, reden wir darüber und passen an.
Liselotte seufzte, das Ergebnis war nicht perfekt, doch ein Schritt nach vorn.
Und vielleicht sollten Sie die Details noch stärker verändern, damit der Hof nicht so eindeutig ist. Die Menschen hier haben eigene Ängste und Geheimnisse.
Nadja nickte.
Weißt du, warum ich überhaupt über solche Häuser schreibe? fragte sie.
Liselotte schüttelte den Kopf.
Ich dachte lange, niemand interessiert sich für mich, für die Menschen um mich herum. Das wahre Drama liegt doch hier, in den Treppenhäusern, stärker als in jeder erfundenen Metropole. Ich wollte zeigen, dass einfach Menschen Tiefe haben. Aber ich habe zu sehr gepaukt und vergessen, dass hinter den Figuren echte Nachbarn stecken.
Ein echtes Bedauern lag in ihrer Stimme. Liselottes Ärger löste sich ein wenig.
Tiefe zu zeigen ist gut, sagte sie. Aber wichtig ist, dass die Leute sich nicht bloßgestellt fühlen.
Stimme zu, antwortete Nadja. Ich werde darüber nachdenken.
Sie tranken den restlichen Tee in stiller Eintracht. Die Unterhaltung war schwer, doch kein endgültiger Bruch. Eine neue, ehrlichere Ebene entstand zwischen ihnen.
Nachdem Nadja gegangen war, blieb Liselotte lange an der Küche stehen, das Buch von N. Rove auf dem Tisch. Sie blätterte ein paar Seiten, schloss es dann und verstaute es im Schrank. Kein Drang mehr, nach bekannten Szenen zu suchen.
Am nächsten Tag sah Liselotte im Hof, wie Nadja am Fenster stand und nach unten schaute. Ihr Blick war weniger gierig, mehr vorsichtig. Liselotte bemerkte, dass sie selbst nun die Nachbarn mit anderen Augen sah nicht nur als potenzielle Figuren, sondern als Menschen, die ihr Recht auf Stille haben.
Wochen vergingen. Der Kontakt blieb, jedoch etwas seltener. Liselotte überlegte vor jedem persönlichen Detail, ob sie es teilen wollte, und sagte manchmal direkt: Das bleibt zwischen uns. Nadja nickte, notierte sich gelegentlich Punkte, um Verwechslungen zu vermeiden.
Eines Tages brachte Nadja ein dünnes Notizbuch zu Liselotte.
Das ist ein Entwurf für eine neue Geschichte, sagte sie. Sie ist vom Hof inspiriert, aber ich habe vieles geändert. Ich würde gern Ihre Meinung hören nicht als Lektorin, sondern als Nachbarin.
Liselotte war überrascht, nahm das Heft und setzte sich abends aufs Sofa. Die Erzählung spielte in einer fiktiven Stadt, das Haus war aus Backsteinen, mit einem kleinen Garten und einer Bögenanlage. Die Charaktere waren ein bunter Mix, einige Erinnerungen an den echten Hof, aber keine direkte Kopie. Liselotte merkte, dass die Protagonistin die Lektorin hier gar nicht vorkam.
Am nächsten Tag gab sie das Heft zurück.
Jetzt wirkt es anders, sagte sie. Es scheint nicht mehr unser Haus zu sein, aber es bleibt lebendig.
Nadja lächelte erleichtert.
Ich fürchtete, die Lebendigkeit ginge verloren, wenn ich genaue Details weglasse.
Lebendigkeit liegt nicht nur im genauen Abschreiben, erwiderte Liselotte. Sie liegt im Verstehen der Menschen.
Die Worte überraschten sie beide; sie erkannten, dass ihre eigene Arbeit im Verlag das Bearbeiten fremder Geschichten eine Parallele zu Nadjas Schreiben war.
Im Herbst wurde es im Hof stiller. Kinder gingen zur Schule, abends eilten die Leute nach Hause. Liselotte sah manchmal den Mann im TrainingsanzSie schloss die Augen, lauschte dem fernen Summen der Hausflure und merkte, dass das wahre Märchen nicht in den Seiten, sondern im stillen, geteilten Atem zwischen Nachbarn lebte.





