Morgen kommen wir zu mir nach Hause, sagte Lukas und küsste Lina an der Wange.
Schön! Und fahren sie dann irgendwo hin? freute sich das Mädchen.
Mir reicht das ständige Kinogucken und CaféBummeln langsam. In der WG kann man nichts in Ruhe machen, immer schaut jemand vorbei oder lauscht.
Lukas zog Lina fester an und lächelte:
Ist dir kalt? Dann wärme ich dich auf. Du hast mich missverstanden wir besuchen morgen meine Eltern, damit ich dich ihnen vorstellen kann.
Lina sprang zurück:
Was? Bist du verrückt? Sieh dich und mich an. Du bist ein anständiger junger Mann, und ich? Sie werden mich nicht einmal über die Schwelle lassen.
Lukas lachte laut:
Hast du etwa Angst, meine mutige Kleine? Meine Eltern? Und warum glaubst du, wir passen nicht zusammen? Ich liebe dich, du hoffst doch auch, dass ich dich liebe. Meine Eltern wollen nur die Frau sehen, die mich spät nach Hause kommen lässt. Das ist alles.
Lukas sah Lina das erste Mal, als sie auf der Fensterbank im dritten Stock das Fenster putzte. Er ging gerade zum Wohnheim zu seinem Mitbewohner, als plötzlich ein lautes Krachen in einem Meter Entfernung zu hören war. Ein Eimer mit Seifenwasser fiel vom Balkon.
Ach du meine Güte, rief jemand von oben, und Lukas hob den Kopf. Ich habe das nicht gewollt, hoffentlich hat euch das nicht erwischt.
Lina ließ so stark von der Fensterbank los, dass Lukas fast erschrak.
Vorsicht, sonst fällt der Eimer noch runter!, rief er.
Keine Angst, ich falle nicht, schrie Lina, und ihr Haarband rutschte vom Kopf. Lukas staunte: Lina war plötzlich kahl.
Was, hast du Angst? Sei doch ein Freund und hol das Haarband zurück, dann bring es ins Zimmer 403. Alles klar?, sagte sie und verschwand aus dem Blick.
Anfangs verwirrte ihn ihr kahler Kopf, doch er gewöhnte sich schnell. Lina war immer fröhlich und witzig. Sie hatte sich aus einem Spaß heraus die Haare rasiert und das passte ihr überraschend gut stilvoll und originell.
In der WG geriet Lina in Panik.
Mädels, helft! Besorgt mir ein anständiges Kleid und jemand mit einer Perücke!, rief sie. Es wurden alle möglichen Sachen gefunden, doch die Perücke war etwas zu groß und rutschte ständig. Trotzdem wirkte Lina trotz allem dezent und ordentlich gekleidet.
Mama, Papa, das ist meine Lina, stellte Lukas seine Freundin den Eltern vor.
Lina stammelte ängstlich:
Sehr erfreut.
Die Mutter lud alle zum Essen an den Tisch ein, und alle setzten sich förmlich. Lina blickte erschrocken auf das gedeckte Mahl. Vor ihr lagen Besteck, nicht nur Messer und Gabel, sondern auch sonderbare Zangen. Die Gerichte waren ihr fremd, also bestellte sie nur Salat, den sie wenigstens mit der Gabel essen konnte.
Während des Essens schob Lina einen Blatt Salat über den Teller, als Anna, seine Mutter, sie ansprach:
Lina, ihr esst doch nichts? Gefällt euch das Essen nicht?
Ich bin einfach nicht hungrig, antwortete Lina rot werdend, wir Mädchen hatten schon genug Kartoffeln.
Ach ja, sagte die Mutter leise zu ihrem Mann.
Nachdem das Essen vorbei war, gingen Lukas und sein Vater zur Küche, um den Kuchen zu holen. Lina sprang sofort auf.
Darf ich beim Abräumen helfen?, bot sie Anna an und stolperte über den Tischrand. Beim Fallen sah sie die runden Augen seiner Mutter.
Als Lina sich aus den Scherben befreite, bemerkte sie, dass die Perücke schief auf ihrem Kopf lag. Anna bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und rannte weinend aus dem Raum.
Völlig verzweifelt rannte Lina nach draußen, Jacke offen, Perücke in der Hand, Tränen in Strömen.
Wie war das wohl?, fragten die anderen Mädchen neugierig.
Peinlich, schluchzte Lina.
Die ganze Nacht erinnerte sie sich beschämt an den missglückten Abend. Sie schaltete ihr Handy aus, aus Angst, eine Nachricht von Lukas zu erhalten: Entschuldige, du bist nicht das Richtige für mich. Wir sollten Schluss machen.
Ihre Mitbewohnerinnen gingen zu ihren Vorlesungen, während Lina, vom Weinen geschwollen, immer wieder den Schammoment durchlebte. Sie dachte daran, nach Hause zu gehen, weil Lukas sie jetzt bestimmt nicht mehr ansehen würde.
Plötzlich klopfte es an der Tür. Lina dachte, es sei ein Mädchen, das zurückkam. Sie öffnete und sah Lukas mit einer Schachtel in den Händen.
Warum gehst du nicht ans Telefon? Und warum bist du gestern weggelaufen? Ich bin dir bis zum Wohnheim hinterhergerannt, doch du warst wie auf einem Besen wegflogen, fragte er sachlich und trat ein.
Was machst du hier? Wie bist du überhaupt hereingekommen? fragte Lina.
Ich habe dir ein Stück Kuchen mitgebracht. Du hast ihn gestern nicht probiert. Ich wollte ihn nicht, aber meine Mutter bestand darauf. Sie meint, du hast den ganzen Abend nichts gegessen und du musst mehr essen, weil du sonst zu dünn wirst, erklärte Lukas ruhig, während er den Kuchen aufschlitzte.
Und jetzt lachst du mich aus? Welcher Kuchen? Welche Mutter? Ich habe das ganze Geschirr zerschlagen, deine Mutter hat geweint. Willst du mich verlassen? Dann sag es und geh!, flüsterte Lina mit zitternder Stimme.
Lukas umarmte sie:
Warum bist du so traurig? Meine Eltern mögen dich sehr. Meine Mutter hat zwar geweint, doch dann laut gelacht. Beim ersten Besuch hat sie gleich die Küchenarmatur kaputtgemacht, weil sie die Teller zu schnell spülen wollte. Und das Geschirr? Sie sagte, es gefiel ihr nie, also kauft sie gleich ein neues Set. Also, Lina, du bist herzlich zum Sonntagsessen eingeladen.
Er fügte hinzu, dass es ohne Perücke besser für sie sei, und scherzte, dass auch sein Vater das so wollte.
Lina und Anna wurden Freundinnen, gingen zusammen in Boutiquen und kochten gemeinsam. Lukas hatte bereits einen kleinen Ring besorgt. Bald stand Linas Geburtstag bevor, und er plante, ihr dort einen Antrag zu machen.
Und so lernte Lina, dass Ehrlichkeit und Mut, auch in peinlichen Situationen, mehr Vertrauen schaffen als jede perfekte Fassade und dass wahre Liebe nicht an Äußerlichkeiten, sondern an dem Herzen gemessen wird.





