Hey, hör mal zu, ich muss dir von Heike erzählen, die vor ein paar Wochen völlig durchgeknallt war, weil sie plötzlich das Gespräch ihrer Schwiegereltern über sie mitbekommen hat.
Heike, bist du sicher, dass die Ente durch ist? Papa mag kein zähes Fleisch, du weißt ja, er hat die Zähne, sagte Thomas, während er in den Ofen spähte und vorsichtig mit der Gabel in das goldbraune Stück stach, als könnte er sich die Brauen verbrennen.
Heike balancierte einen riesigen Tablett voller mit Kohl und Ei gefüllter Kipferl, seufzte schwer und wischte sich das festgeklemmte Haar vom Kopf.
Thomas, ich habe die Ente zwei Tage lang im Orangensaft mit Honig mariniert die schmilzt im Mund wie Butter. Hol lieber die Sülze aus dem Kühlschrank, die sollte schon fest geworden sein. Und check, ob genug Brot liegt, meine Eltern essen kein Brot ohne Roggen.
In der Küche herrschte das typische, leicht chaotische VorweihnachtsFeeling, das man sonst erst zu Weihnachten oder bei einer Hochzeit sieht aber im Kalender stand ein ganz normaler Freitag im Hochsommer, Mitte Juli. Draußen am See zirpten die Zikaden, die Luft roch nach warmem Kiefernholz und der Fluss glitzerte, doch Heike hatte keine Zeit für die Natur. Die letzten fünf Jahre vergingen für sie immer nach dem gleichen Schema: Marathon am Herd, Grundreinigung und dann die teuren Gäste Schwiegervater Hans und Schwiegermutter Ursula zu bewirten.
Hans und Ursula waren Menschen aus der alten Schule, fordernd bei allem, besonders beim Essen. Im Supermarkt essen wir nichts, das ist nur Chemie, pflegte Ursula zu sagen und zog die Lippen zusammen. Deshalb wurde Heike, die wochentags als Hauptbuchhalterin in einem großen Unternehmen arbeitet, freitags zur Küchenchefin eines gehobenen Restaurants.
Also, alles fertig, meinte Thomas zufrieden, während er den gedeckten Tisch auf der Veranda betrachtete. Die Tischdecke war aus Leinen, Servietten in Ringen, ein beschlagener Krug für Papa, hausgemachter Beerensaft für Mama. Du bist meine Zauberin, Heike. Mama wird wieder irgendwas zu bemängeln finden, aber ich weiß, dass niemand besser kocht als du.
Heike lächelte schwach. Das Lob war nett, aber ihre Kräfte waren fast aufgebraucht. Der Rücken pochte, die Beine schwollen. Und dann standen noch zwei Tage voller kultureller Programme, Politikgespräche und endloser Gerichte bevor.
Um sieben Uhr kam der alte, aber blitzblanke VW Golf von Hans vor dem Tor an. Das Ritual des Empfangs begann.
Ach, die Straße, das StauChaos!, rief Ursula, eine stattliche Frau mit hoher Frisur, die keinen Wind zu kriegen schien, und winkte mit einer Serviette. Dachte, wir kommen nicht durch. Thomas, warum hast du das Gras am Zaun nicht gemäht? Sieht das hier alles ungepflegt aus.
Hey Mama, hey Papa, sprang Thomas auf, um die Koffer zu holen. Mache ich morgen, hatte heute keine Zeit.
Und Heike?, fragte Ursula mit durchdringendem Blick, während sie das Grundstück absuchte. Wieder in der Küche? Du könntest doch mal rauskommen und einen Tee anbieten, die Gäste sind ja nicht fremd.
Heike kam die Stufe hinunter, wischte sich die Hände am Schürzenband ab.
Guten Tag, Ursula, Hans. Willkommen. Das Abendessen steht schon, alles warm.
Hoffe, nicht zu fettig?, brummte Hans, während er Heike die Hand schüttelte. Der Arzt hat mir das Bratfleisch verboten, meine Leber macht Probleme.
Alles wie Sie mögen, Hans. Gebraten, leicht, beruhigt ihn Heike.
Das Essen verlief nach dem gewohnten Schema. Heike rannte zwischen Küche und Veranda hin und her, wechselte Teller, goss Getränke nach und brachte neue Snacks. Hans aß mit gutem Appetit. Die Ente war nach einer halben Stunde weg, der Salat mit Garnelen und Avocado, den Heike extra für Ursula erfunden hatte (was so etwas Besonderes, wie sie sagte), kam ebenfalls gut an.
Also, die Ente war nicht schlecht, sagte Ursula, wischte ihre Lippen mit einer Serviette ab und schob den Teller beiseite. Etwas trocken in der Brust, aber für einen ElektroOfen okay. Und bei den Kipferln hast du zu viel Fett ins Teig gegeben, das macht sie schwer.
Mutter, das ist doch kein Problem!, protestierte Thomas. Der Teig ist luftig wie ein Kissen!
Dir schmeckt alles, Sohn, du bist bei uns nicht wählerisch, winkte Ursula ab. Ich sage es nur, damit Heike ihr Handwerk verbessern kann. Die Sülze war ein bisschen trüb, die Brühe hätte besser gefiltert werden können.
Heike schluckte die Enttäuschung. Sie hatte die Brühe durch vier Lagen Mulltuch gefiltert, jetzt war sie klar wie eine Träne. Doch ein Widerspruch hätte nur Ursula weiter aufgewühlt.
Danke für die Hinweise, ich nehme sie mir zu Herzen, sagte Heike knapper und räumte das schmutzige Geschirr weg.
Am nächsten Samstag stand Heike um sechs Uhr auf. Sie musste den Pfannenteig für Pfannkuchen vorbereiten (Hans liebte die mit Quark und Rosinen), eine frische Kürbissuppe kochen (Ursula hatte irgendwo gelesen, das tut der Haut gut) und das Grillfleisch für den Abend marinieren. Thomas schlief noch, die Eltern waren ebenfalls noch im Obergeschoss.
Mittags wurde es unerträglich heiß. Heike, rot und verschwitzt, briet die dritte Portion ZucchiniPuffer mit einer ausgefallenen Joghurtsauce. Sie fühlte sich eher wie in einer Fabrikhalle als im Ferienhaus.
Heike, rief Ursula von der Veranda, kannst du uns grünen Tee machen? Nicht in Beuteln, sondern losen, mit Jasmin und frischer Minze.
Kommt sofort, Ursula, antwortete Heike und schaltete den Herd aus.
Sie pflückte Minze vom Beet, goss den Tee in eine hübsche Porzellanteekanne, stellte einen Tablett mit Tassen, ein Glas selbstgemachter Kirschkonfitüre und ging zur Veranda.
Die Verandatür war einen Spalt offen, das Moskitonetz hielt die Welt draußen, und Heikes Schritte auf dem weichen Gras waren fast lautlos. Sie griff nach der Türklinke, als sie plötzlich ihren Namen hörte.
na, schau sie dir an, Viktor, flüsterte Ursula leise, aber deutlich, mit dieser typischen Stimme, die man beim Tratschen hört. Sie rennt herum, wie eine überhitzte Biene. Sieht ja ekelhaft aus.
Ach, lass das, Gabi, murmelte Hans, während er etwas trank. Sie gibt ihr Bestes. Die Ente war gestern grandios, hör nicht so viel rum.
Lecker, lecker, schnappte Ursula zurück. Es liegt nicht an der Ente, sondern am Typ. Erinnerst du dich an Irma, meine alte Kollegin? Die war eine echte Dame, hat nie den ganzen Tag am Herd gestanden. Und du du bist nur ein Dorfmädchen, das denkt, wenn wir uns mit Delikatessen füttern, gehören wir plötzlich zur Familie.
Er mag das Kochen, gähnte Hans.
Sie liebt das nicht, sie macht es nur, um zu gefallen!, schnaubte Ursula. Sie sieht nicht, dass sie unser Thomas nicht ebenbürtig ist. Er ist ein feiner Kerl, sie nur ein graues Mäuschen. Sie versucht, uns mit dem Magen zu kaufen. Ein lächerlicher Anblick.
Heike erstarrte. Der Tablett zitterte, der Deckel der Teekanne klirrte. Sie hielt den Atem an, aus Angst, dass sie alles hörten.
Du, Gabi, wärst etwas milder, brummte Hans. Wir wohnen hier ja nur zu Besuch.
Und ich sage nichts!, kontert Ursula. Ich bin nicht dumm. Warum sollte ich streiten? Wer macht sonst die ganzen Auflagen jedes Wochenende? Nächste Woche habe ich Geburtstag, ich wollte den Esterházy-Kuchen mit Nüssen, und du, Heike, wirst die ganze Nacht die Böden backen. Dann komme ich und sage, dass das Café an der Kurfürstendamm besser ist.
Etwas in Heike brach. Es war, als würde ein dicker Faden reißen, der ihre endlose Geduld hielt. Sie stand da, sah auf die abgenutzten Hausschuhe und fühlte, wie die Wut zu klarem Verstehen wurde.
Köchin, Bedienung, kostenloses Restaurant, sich einschmeicheln all das war jetzt nur noch leeres Gerede.
Sie drehte sich langsam um, die Hände zitterten nicht mehr. Sie ging zum Schwarzen Johannisbeerstrauch, goss den heißen JasminMinzTee hinein, stellte das KonfitüreGläschen unter den Apfelbaum die Ameisen würden es lieben. Den leeren Teekrug und die Tassen brachte sie zurück in die Küche.
Dann ging sie ins Bad, spülte sich mit kühlem Wasser, kämmte die Haare und trug leichtes Makeup auf. Sie zog ein sauberes Leinenkleid an.
Als sie zurück zur Veranda kam, saßen Hans und Ursula in den Gartenstühlen.
Wo ist der Tee?, fragte Ursula verwirrt, als sie Heikes leere Hände sah.
Der Tee ist aus, sagte Heike ruhig und setzte sich auf einen leeren Stuhl, schlug ein Buch auf. Der Aufguss ist weg, die Gasflasche fast leer, also muss ich wohl Wasser trinken.
Wasser?, staunte Hans. Und das Mittagessen? Hast du noch was gekocht?
Ich habe gebraten, aber zu lange und dann weggeschmissen. Ich habe die Zutaten verschwendet, Hans, das war nicht besonders. Heike lächelte, ohne das Buch aus den Augen zu lassen. Also ein leichter Tag, Kefir ist im Kühlschrank.
Der Abend war angespannt. Thomas, der vom Angeln zurückkam, verstand nichts mehr.
Heike, wo ist das Grillfleisch? Du hast es doch mariniert, oder? fragte er und sah in den leeren Topf.
Das Fleisch war etwas komisch, also habe ich es dem Nachbarsdog gegeben, log Heike ohne zu blinzeln. Will ja die Eltern nicht vergiften.
Und was essen wir jetzt?
Kartoffeln kochen und ne Dose Hering öffnen. Die Eltern mögen einfache Kost.
Das Essen bestand aus Kartoffeln in der Schale, Dosenhering und Gurkenscheiben. Ursula blickte mit einem Gesicht, das sagte, ihr wäre ein toter Käfer in die Hand gedrückt worden.
Was ist das?, fragte sie skeptisch und stach mit der Gabel in die Kartoffel.
Mittagessen, Mama, sagte Thomas fröhlich, während er die Kartoffeln verzehrte. Heike sagt, das Fleisch war schlecht. Das passiert.
Ich esse das nicht, erklärte Ursula und wischte sich den Mund. Mein Magen ist empfindlich. Heike, mach mir ein Omelett, gedämpft.
Heike hob langsam den Blick von ihrem eigenen Teller.
Keine Eier da, Ursula. Alles war für die Pfannkuchen am Morgen drauf. Und ich bin heute total erledigt. Die Pfanne ist im Schrank, Thomas kann dir helfen.
Stille legte sich schwer über den Tisch, so dicht, dass man sie mit einem Messer hätte schneiden können. Ursula schnappte nach Luft, Thomas goss sich einen Schnaps ein.
Bist du krank, Heike?, bohrte Ursula.
Nein, ich bin gesund, antwortete Heike geheimnisvoll.
Die nächste Woche lebte Heike in Erwartung. Am Freitag ging sie nicht mehr zum Supermarkt, um Delikatessen zu holen. Stattdessen kaufte sie zwei Tüten Sibirische Piroggen im Angebot, ein Weißbrot und eine gewöhnliche Doctors Wurst.
Als Thomas die Tüten sah, staunte er:
Heike, wo ist der Fisch, der Käse, das Fleisch? Mama hat doch Geburtstag am Samstag, du wolltest doch den Esterházy backen.
Thomas, ich bin nach der Arbeit total erschöpft, seufzte Heike. Ich dachte, wir entspannen am Wochenende. Der Kuchen wir holen uns einen Waffelkuchen, deinen LieblingsLaune.
Waffelkuchen für Mama?, kratzte Thomas am Kopf. Sie wird ja traurig.
Sie wird nicht traurig sein. Wichtig ist die Geste, nicht das Essen.
Am Samstag kamen die Eltern ganz schick, erwarteten ein Festmahl. Ursula trug ein neues Kleid, Hans ein Hemd mit Krawatte.
Endlich ist das Geburtstagskind da!, rief Ursula. Heike, womit überraschst du uns? Duftet es schon in der ganzen Straße?
Alles Gute zum Geburtstag, Ursula!, überreichte Heike ihr einen kleinen Strauß wilder Gänseblümchen. Gesundheit! Setzt euch bitte.
Auf dem Tisch stand ein großer Topf, daneben eine Schale mit Aufschnitt und Brot sowie eine Portion Mayonnaise aus der Tüte.
Was ist das?, fragte Ursula, ihre Stimme bebte.
Piroggen, sagte Heike glücklich und öffnete den Deckel. Dampf stieg in dicken Schwaden auf. Gute Qualität, Klasse B. Setzt euch, solange sie noch heiß sind.
Ursula setzte sich langsam, starrte die Piroggen an, als wären das Gift.
Machst du Witze?, flüsterte sie. Ich habe ja 65 Jahre und du servierst mir Piroggen aus der Tüte und gekochten Aufschnitt?
Ursula, warum das Ganze?, sagte Heike und nahm sich ein Dutzend Piroggen, dann ein bisschen Mayonnaise darüber. Ich dachte, warum das ganze Theater? Warum soll ich mich verstellen, um euch zu gefallen? Ich bin nicht eure Kollegin, nicht wie Irma.
Hans hustete ein wenig vom Schnaps, Thomas hielt die Gabel im Mund, Ursula wurde blass, das Puder auf ihrem Gesicht verschwand fast.
Hast du das gehört?, brüllte sie.
Ja, ich habe es gehört, nickte Heike, kaute weiter. Ich habe das Gerücht über die Küchenhilfe und das kostenlose Restaurant gehört. Und dass ich euren Zuneigung mit dem Magen kaufen soll. Ihr habt recht, ich kann das nicht mehr.
Thomas sah verwirrt zwischen Mutter und Frau hin und her.
Mama, hast du das wirklich gesagt?
Ursula errötete, ein Fleck breitete sich an ihrem Hals aus.
Wir haben nur geredet! Es ist nicht gut, zu lauschen! Und ich bin die Mutter, ich habe das Recht, meine Meinung zu sagen! Und du, Heike, bist doch ein böses, rachsüchtiges Mädchen! Du ruinierst den Tag!
Ihr ruiniert den Tag mit eurer Haltung, erwiderte Heike gelassen. Ich habe euch aufgenommen wie Familie, und ihr habt mich hinter meinem Rücken mit Dreck beschmiert. Also, Ursula, Piroggen oder Fasten eure Wahl. Ach ja, den Waffelkuchen zum Tee gibt es auch, knusprig, nicht den Esterházy, aber für die Landleute reicht er.
Ursula sprang auf.
Ich geh jetzt! HansUrsula stürmte zur Tür, ließ das Fenster offen, und ich schloss hinter ihr leise, während das leise Summen des Mückensaals mich daran erinnerte, dass das wahre Fest erst dann begann, wenn ich wieder mein Lieblingsrezept für Apfelstrudel in der Küche ansetzte.





