Der Ehemann bringt ohne Vorankündigung die Tochter aus erster Ehe ins Haus

Wie lange willst du mich noch vor der Tür stehen lassen? dachte ich, während der Aufzug in unserem Hochhaus beschloss, gerade heute in den Winterschlaf zu gehen, und mein Koffer schwer wie ein Stein an mir zog.

Klara, meine Frau, blinzelte verwirrt, als sie das Mädchen im Türrahmen sah. Es war ein hochgewachsenes Wesen in einem überdimensionalen, neongrünen Daunenmantel, aus dessen Kapuze ein Haarschopf in Scharlachrot hervorsprang, das wie ein Feuerwerk auf ihrem Kopf tanzte. Ihr Gesicht war zugleich voller kosmischer Trauer und spöttischer Gleichgültigkeit. Neben ihr stand Andreas, unser Freund, zappelig von Bein zu Bein, den Blick nicht zu Krone zu wagen.

Komm rein, Liesl, komm rein, rief Andreas, während er den Koffer in den knappen Flur schob und fast mit dem Rad an Klaras Bein knirschte. Klara, geh ein Stück zurück, lass das Kind sich orientieren.

Klara rückte wie im Traum einen Schritt zurück, und in ihrem Kopf drehte sich nur eine Frage: Warum? Warum erfuhr ich erst jetzt von der Ankunft von Andreas Tochter aus erster Ehe, während sie bereits am Türschwellenstaub den nassen Schnee von den Stiefeln auf den frisch gewoppelten Teppich schüttelte?

Andreas, flüsterte Klaras Stimme, doch sie presste den Ton so fest wie Blei. Kannst du mir kurz die Küche zeigen?

Jetzt gleich, Klara, half Andreas, während er versuchte, den Reißverschluss des Daunenmantels zu öffnen. Liesl, setz dich aufs Sofa, schau fern, ich bringe dir gleich ein Butterbrot. Hast du Hunger? Von unterwegs?

Ich sterbe, Papa, hauchte Liesl, blies einen Kaugummischaum in die Luft. Und sag mir das WLANPasswort, mein Datenvolumen ist null.

Sie schmiss die schweren Stiefel achtlos zu den Socken, stapfte barfuß über den Parkettboden ins Wohnzimmer. Sekunden später dröhnte ein fernsehiger Sirenenklang, als wäre ein Luftalarm eingeleitet.

Klara drehte sich, schritt entschlossen zur Küche. Andreas folgte, reibte sich schuldbewusst den Nacken seine typische Geste, wenn er merkte, dass er Mist gebaut hatte, aber noch hoffte, dass sich alles von selbst löst.

In der Küche roch es nach frisch aufgebrühtem BergamotteTee mit Zitronenscheiben. Klaras ruhiger Abend mit einem Buch sollte beginnen, doch das war nun vergessen.

Erklär dich, forderte sie, verschränkte die Arme an der kühlen Fensterbank.

Andreas seufzte schwer und ließ sich auf einen Hocker fallen. Sein Blick war wirr.

Klara, nicht anfangen, ja? Die Situation ist ein Notfall. Svetlana, die ExFrau, hat völlig durchgedreht. Sie schreit das Kind an, gibt ihm das Leben ab. Liesl hat in Tränen angerufen: Papa, hol mich ab, ich halte das nicht mehr aus. Wohin soll ich sie bringen? Auf die Straße? Sie ist doch meine Tochter.

Svetlana hat ein Handy. Du hättest sie anrufen können. klagte Klara. Und ich habe ein Handy. Du hättest mich zumindest vorher gefragt, bevor du sie hierher bringst. Wir wohnen seit fünf Jahren zusammen, das ist auch meine Wohnung.

Ich wusste, du würdest rebellieren, platzte Andreas, senkte dann die Stimme und starrte zur Tür. Du hast Liesl nie gern.

Ich habe sie nur dreimal im Leben gesehen bei deinem Geburtstag, bei der Beerdigung deiner Tante und zufällig im Einkaufszentrum. Klara erwiderte. Von nicht gern rede ich gar nicht. Ich will nur verstehen, warum sie jetzt in meinem Haus ist.

Andreas drehte eine Salzstreuer zwischen den Fingern.

Also bis alles geregelt ist vielleicht eine oder zwei Wochen, bis Svetlana sich beruhigt. Liesl ist siebzehn, in der Pubertät, braucht Unterstützung.

Zwei Wochen? Klara spürte, wie ihr Ärger kochte. Andreas, wir haben eine Zweizimmerwohnung, wir arbeiten. Wo soll sie schlafen?

Im Wohnzimmer, auf dem Sofa. Ich decke das zu.

Ein schreiender Ruf dröhnte aus dem Wohnzimmer:

Papa! Wo sind die Sandwiches? Ich spuck gleich alles aus! Und mach endlich Tee, nicht diesen bitteren SchorleKram, sondern richtigen.

Andreas rannte, als hätte ihn ein Stich getroffen, schlug die Kühlschranktüren zu, ließ Krümel fallen und verschüttete Wasser. Klara sah stumm zu, wie ihr geordneter Kosmos zerbrach. Sie war keine böse Stiefmutter aus einem Märchen, aber sie schätzte Ordnung, Privatsphäre und vor allem Respekt den ihr Mann vernachlässigt hatte.

Der Abend wurde zum Albtraum. Liesl, nach einem Berg von Sandwiches und Tee, verteilte das Wohnzimmer wie ein Königreich, ließ ihre Socken auf dem Couchtisch liegen dem Tisch, den Klara mit speziellem Wachs poliert hatte, damit keine Spuren bleiben.

Liesl, sagte Klara sanft, aber bestimmt, bitte nicht die Füße auf den Tisch legen.

Liesl drehte den Kopf, blickte mit teenagiger Überheblichkeit.

Ach, ich trage nur Sauberes, Papa hats erlaubt.

Hier lebe ich auch, und ich verbiete das.

Liesl verschob die Füße langsam, rollte die Augen, bis es schien, als sähe sie ihr eigenes Gehirn.

Es ist stickig hier, murmelte sie. Könnt ihr das Fenster öffnen?

Öffne, wenn du willst.

Mir ist zu faul aufzustehen.

Andreas, Logistikchef Mitte fünfzig, eilte, das Fenster zu öffnen, richtete das Kissen für seine Tochter und fragte, ob es ziehe. Klara schloss die Schlafzimmertür und atmete tief durch.

Die Nacht war unruhig. Durch die dünne Wand hörte man bis drei Uhr morgens Liesls Gelächter beim Serienmarathon, ihr Telefon geklingelt. Andreas schnarchte leise neben ihr, sein Frieden irritierte Klara noch mehr.

Morgens eskalierte die Situation. Klara stand um halb sieben auf, wollte duschen, frühstücken und zur Arbeit eilen. Die Badezimmertür war verschlossen, drinnen gurgelte Wasser.

Liesl? Bist du lange dort? Ich muss los.

Ich bin gerade erst reingekommen! Darf ich duschen?

Sechs Uhr vierzig genug Zeit. Klara stellte den Wasserkocher an, kehrte zurück, nach fünfzehn Minuten war das Wasser immer noch in Strömen. Liesl kam erst nach vierzig Minuten heraus, das Bad sah aus wie eine übergossene Sauna, das Spiegelglas beschläubt, das Handtuch von Klara schlampig auf dem Haken. Auf einem Regal standen geöffnete Luxuscremes, die Klara zum Neujahr geschenkt bekommen hatte.

Sie griff nach einer Dose, ein Fingerabdruck zeugte vom Gebrauch.

Andreas!, schrie Klara, sodass Andreas fast mit dem Spiegel die Hand schnitt.

Was? Was ist los?

Sieh dir das an, hielt sie die Creme unter seine Nase. Deine Tochter hat meine Creme im Wert von fünf Euro auf sich geschmiert und mein Handtuch auf den Boden geworfen. Ich komme zu spät zur Arbeit, weil sie eine Stunde geduscht hat.

Sie ist doch ein Kind, will hübsch sein Ich kauf dir neue Creme, warum die Aufregung?

Auf meinem Handtuch steht ein K, auf deinem ein A. Wie kann man das verwechseln? Und das ist nicht nur die Creme, das sind Grenzen! Erklär ihr die Hausregeln!

Liesl trat ein, ein zweites Handtuch um die Schultern, das Gesicht von Cremeschicht glänzend.

Was schreit ihr? fragte sie. Gib mir Geld für das Taxi, ich will nicht mit dem Bus zur Schule, da ist kalt.

Natürlich, Schatz, gleich, sagte Andreas, vergaß die Vorwürfe seiner Frau.

Und die Creme Entschuldige dich bei Tante Klara, du hast sie einfach genommen.

Ach, das ist doch nichts. schnippte LiesL. Meine Mama hat bessere Cremes, diese ist zu fettig.

Klara fühlte, wie ihr die Augen dunkel wurden. Sie verließ das Bad, zog an, verließ das Haus, schlug die Tür zu, sodass Putzfugen herunterfielen.

Den ganzen Arbeitstag über fühlte sie sich wie im Nebel, Kolleginnen tuschelten, ob sie krank sei. Das kalte Zornbrausen in ihr drohte zu explodieren. Sie wusste: Schweigen würde das Haus in einen Durchgangsflur verwandeln, in dem ihre Stimme nichts wert war.

Am Abend kehrte sie nach Hause, hoffte, Andreas habe wenigstens gegessen oder aufgeräumt. Stattdessen lag Liesls Jacke im Flur, in der Spüle ein Berg schmutziges Geschirr, die Pfanne stand leer, obwohl am Morgen noch Frikadellen drin waren. Im Wohnzimmer, auf dem Sofa, kniete Liesl wieder, doch nun saß neben ihr ein rosahaariges Mädchen, lachte laut über ein Handy.

Hallo, sagte Klara trocken.

Die beiden drehten sich nicht um.

Papa, sag ihr, schrie Liesl in Richtung Schlafzimmer.

Andreas kam aus dem Schlafzimmer, sein Blick war erschöpft.

Ach, Klara, kommst du? Wir wollen Pizza bestellen, ich dachte, wir warten, bis du etwas kochst

Klara stellte leise ihre Tasche auf den Nachttisch.

Also, begann sie, ihre Stimme leiser, dann immer lauter, ich komme von der Arbeit, sehe das Chaos, ihr habt alles aufgegessen, das Geschirr liegt immer noch, und jetzt soll ich noch am Herd stehen und kochen?

Du bist doch die Frau, das ist deine Aufgabe, versuchte Andreas zu lächeln, das Lächeln verzogen.

Es ist schwer, Andreas. Sehr schwer. Und warum ist hier ein fremdes Mädchen, das keiner eingeladen hat?, sie zeigte auf das rosa Haar.

Das Mädchen, das sich jetzt Kira nannte, räusperte sich.

Ich bin Kira. Wir drehen nur Videos.

Kira, sagte Klara eiskalt. Dreht eure Videos woanders. Ihr habt fünf Minuten, das Apartment zu verlassen.

Papa!, protestierte Liesl. Du hältst sie nicht auf!

Andreas zerrte zwischen den Stühlen hin und her.

Klara, lass sie doch sitzen, sie stören nicht

Sie stören mein Leben, Andreas! schrie Klara. Weg!

Kira merkte, dass Rauch nachkam, packte hastig ihre Sachen und rannte den Flur hinunter. Liesl sprang vom Sofa, ihr Gesicht wurde rot vor Scham.

Du hast kein Recht! Das ist Papas Wohnung!

Das ist unsere gemeinsame Wohnung, Kind. Und wenn du hier bleiben willst, musst du meine Regeln achten.

Liesl schluchzte, setzte sich mitten im Durcheinander und weinte. Es war kein manipulatives Winseln mehr, sondern ein kindliches Schreien, das von Verzweiflung zeugte. Andreas wollte ihr zu Hilfe eilen, aber Klara hielt ihn zurück.

Lass sie weinen.

Nach einigen Minuten, als das Schluchzen leiser wurde, reichte Klara ihr ein Taschentuch.

Wisch dir das Gesicht, du siehst aus wie ein Panda.

Liesl schniefte, blies laut.

Also, du hast zwei Optionen. Erstens: Pack deine Sachen, Andreas ruft ein Taxi, du fährst zu deiner Mutter, entschuldige dich für den kaputten Fernseher, gib das Handy zurück und mach deine Hausaufgaben. Zweitens: Bleib hier, aber zu meinen Bedingungen.

Liesl hob die tränenden Augen.

Welche Bedingungen?

Du schläfst im Wohnzimmer, jeden Morgen machst du das Bett. Im Bad bleibst du nicht länger als zwanzig Minuten. Meine Sachen bleiben unangetastet. Du isst, was ich koche, oder kochst selbst. Du spülst dein Geschirr. Du gehst zur Schule, Andreas prüft das OnlineJournal. Und keine Gäste ohne Erlaubnis. Wenn du gegen eine Regel verstoßst, gehst du zu deiner Mutter.

Stille lag im Raum. Liesl sah zuerst zu Andreas, der schuldbewusst schwieg, dann zu Klara, die fest und klar blickte.

Ich bleibe, knurrte sie. Zu Mama will ich nicht, sie wird schreien.

Einverstanden. Jetzt räum deine Sachen auf und spül das Geschirr.

Liesl schnaubte, stand auf.

Jetzt gleich?

Genau jetzt.

Die nächste Woche war wie ein Minenfeld. Liesl schnappte, spuckte, protestierte laut, wenn sie einen Teller wusch, aber hielt die Regeln ein. Andreas schritt leise wie ein Schatten, versuchte beiden zu gefallen, doch er kontrollierte streng den Schulbesuch.

Am Samstagmorgen wachte Klara von einem Poltern auf. Es war neun Uhr, Andreas schlief normalerweise bis zehn. Sie schlüpfte in ihren Bademantel, ging in die Küche. Auf dem Herd stand Liesl, ein Pfannkuchen zerbrach in der Luft.

Mist, murmelte sie.

Zu wenig Öl, bemerkte Klara.

Liesl drehte sich, leicht erschrocken.

Ich wollte Papa ein Frühstück machen, so eine Überraschung.

Klara nahm die Ölflasche, zeigte, wie man die Pfanne erhitzt, ein bisschen Öl verteilt und etwas heißes Wasser zum Teig gibt, damit er luftig wird. Liesl folgte zögerlich, der nächste Pfannkuchen wurde goldgelb.

Cool, lächelte sie ein wenig. Danke.

Mach einen Kaffee, er mag Zimt. Der Zimt liegt in der kleinen Dose dort.

Sie standen schweigend zehn Minuten zusammen, ließen den Teig backen, bestrichen die Pfannkuchen mit Butter.

Tante Klara, sagte Liesl plötzlich, ohne zu schauen.

M?

Entschuldige wegen der Creme und dem Handtuch. Ich wollte wirklich nicht die Schweineh… Ich war einfach nur im Strom.

Klara seufzte.

Schon gut. Aber der neue Creme kauft mir Andreas.

Kauft er? Und wo soll er die hernehmen, wenn er schon Mist gebaut hat? Ich hätte ihn wirklich umgebracht, wenn ich du wäre.

Beide lachten, zum ersten Mal in dieser Woche wirklich.

Andreas kam, gähnte, streckte sich, sah das friedliche Bild von Klara und Liesl am Herd.

Bin ich träumend? Beißt mich.

Setz dich, Papa, befahl Liesl, warf einen Pfannkuchen in die Luft, fuhr fort: Und bring mir den teuersten Creme für Tante Klara.

Andreas lächelte breit, sah seine beiden Frauen, die nicht mehr mit Gabeln aufeinander losgehen wollten.

Abgemacht. Gleich zwei.

Liesl blieb noch eine Woche, bis Svetlana sich beruhigte und bereit war, die rebellische Tochter zurückzunehmen natürlich unter strengem Aufsicht. Beim Auszug räumte sie den Plaid ordentlich zusammen, spülte die Tasse.

Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, fühlte Klara keine Erleichterung, sondern eine leichte Traurigkeit. Doch ein Kopfschütteln vertrieb das Gefühl. Stille kehrte in die Wohnung zurück, reine, klare Stille.

Na, haben wir überlebt? drückte Andreas sie von hinten.

Ja, wir haben überlebt, flüsterte Klara, schmiegte sich an ihn. Aber das nächste Mal, wenn du jemanden mitbringst sei es ein Hamster oder eine Tochter frag mich zuerst. Sonst wohnst du hier allein, mit einem Hamster.

Verstanden, nie wieder. küsste er sie auf die Stirn. Du bist die weiseste Frau der Welt.

Ich weiß, lächelte KlaraAls das Licht der Dämmerung durch das halb offene Fenster fiel, flüsterte das Haus leise: Endlich Ruhe.

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Homy
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