Mit dreißig hat Anna Müller bereits eine leidenschaftliche Affäre mit Jürgen hinter sich, eine langweilige Begebenheit mit Klaus und drei kurze, sinnlose Episoden mit Stefan, Max und Milo. Ach ja, noch Schmidt das war eher ein Hinweis im Schwarze Brett. Noch einmal lesen wollte sie nicht. Anna dachte: Nicht das Schicksal, das wars. Sie seufzte und beschloss, die Literatur hinter sich zu lassen. Sie schrieb sich für einen Strickkurs ein und ging ins Tierheim, um ihren treuen Freund zu finden.
Wissen Sie, welchen? fragte man im Tierheim schauen Sie einfach, dann wissen Sie, ob er Ihr Hund ist oder nicht.
Anna ging alle Käfige und Gehege ab. Ihr Herz blieb ruhig.
Gibt es hier noch jemanden? Und wer ist hinter der Kiste?
Das ist unsere Liesl, aber Sie werden sie sowieso nicht mitnehmen. Liesl, komm her! Keine Angst!
Aus der Kiste lugte Liesl, ein graubrauner Hund mit schwarzen Flecken, ein bisschen bucklig, mit einem wilden Gesicht, fast mehr ein Monster als ein Hund, sah Anna an und wedelte, obwohl ihr Schwanz fehlte, freundlich mit dem Hinterteil.
Liesl ist lieb, aber Sie sehen selbst, sie wurde schon genommen, nach zwei Tagen zurückgebracht, weil man ihr nicht mehr auf die Straße lassen wollte, niemand will sie, unsere Unglückliche.
Wie ich, dachte Anna und sagte: Los, Liesl, wir gehen zusammen los! Muss ich etwas bezahlen?
Die Nachbarin kreischte:
Oh! Wer ist das? Aus dem Tierheim? Gab es dort überhaupt Menschenhunde?!
Der Junge aus der Wohnung darüber fragte:
Tante Dörte, lacht sie? Ich habe einen Film gesehen, die lachen nachts! Mama, lass uns auch eine Hyäne holen!
Das Leben ordnete sich. Morgens brachte Anna Liesl zur Arbeit, abends spazierten sie lange. Im Tierheim wurde nicht betrogen die grimmige Liesl erwies sich als überraschend sanft und gut erzogen. Sie hegte jedoch fremde Hunde, knurrte und beschützte Anna vor möglichen Angriffen. Beim Versuch, die Beziehung zu Schmidt zu retten, riss sie ihm die Hose und biss fast in sein Bein.
Du bist ein Dummkopf, Anna rief der gebissene Schmidt und dein Hund ist auch dumm, beide verrückt!
Im Strickkurs sagte die Lehrerin:
Sie haben viel gelernt, zeigen Sie uns Ihre Fertigkeiten. In einem Monat erwarte ich ein fertiges Stück, was immer Sie wollen. Wer es eilig hat, kann ein Puppenkleid stricken. Beim letzten Treffen bewerten wir alles gemeinsam, und wer strickt, soll das auch vorführen.
Zuerst wollte Anna sich selbst glücklich machen, aber am Ausgang war es ein Häßliches. Dann beschloss sie, einen Pullover für Liesl zu stricken. Der Herbst steht vor der Tür, es wird kühl.
Nun ja, sagte die Lehrerin und versuchte, nicht zu Liesl hinzuschauen ich sehe, Sie haben sich Mühe gegeben.
Liesl in Rosa wurde zum Star im Viertel, die Leute blieben stehen und starrten, eine alte Dame betete sogar. Anna war egal, sie mochten ja schielen, Hauptsache Liesl fror nicht. Sie strickte ihr einen violetten Pullover.
Eines Abends ging Anna Futter holen, band Liesl am Eingang fest. Sie kam zurück und sah einen Mann, der neugierig Liesl musterte.
Entschuldigung, ist das eine bestimmte Rasse? fragte der Mann.
Das ist ein Hund! Wer das nicht mag, darf ruhig wegschauen! bellte Anna Ihnen geht nur das Aussehen, aber das Herz, egal ob Mensch oder Hund, ist Ihnen egal!
Beschweren Sie sich über das Aussehen? sagte der Mann aber mir gefällt die Hündin, wollen wir Freunde werden?
Er streckte die Hand, um Liesl zu streicheln.
Vorsicht! Sie beißt! Sie mag keine Fremden! rief Anna.
Statt zu beißen, stupste Liesl mit dem Kopf die Hand und schnurrte.
Was für ein lieber Hund, sagte der Mann. Jetzt muss ich nur noch mit der Besitzerin befreundet werden.
Die Literatur verschwand bei Anna nicht. Das fünfte Jahr kam. Der fünfte Band wird gerade geschrieben…




