„Eine wertvolle Lektion“

Gute Lektion

Mit wem schreibst du denn? fragt Ina neugierig und wirft über die Schulter ihres Mannes einen Blick auf den Laptop.
Ach! zuckt Anton zusammen, schließt hastig das soziale Netzwerk. Willst du mir nachspionieren?
Ich dachte mir gar nichts dabei. Warum bist du so angespannt? War da etwa wieder Lena? fragt Ina.
Welche Lena? erwidert Anton.
Lena Ziegler, deine Klassenkameradin aus der Oberstufe. Du hast damals immer hinter ihr hergelaufen.
Und? Hast du dich das nur eingebildet? Es gibt doch Millionen Menschen. Ich erinnere mich an nichts. Wär lieber das Abendessen warm, als dass du wie ein Pfosten vor mir stehst.
Ina lässt das Nachhaken fallen, schneidet die Lippen zusammen und geht in die Küche.
Er erinnert sich nicht aha murmelt sie vor sich hin.

Anton lügt nicht überzeugend. Wie könnte man das vergessen? Er war seit der Schule in Lena verknallt, folgte ihr überall hin. Noch nach der Hochzeit mit Ina bewahrte er ein Foto von ihr auf. Als Ina eines Tages ein Stück Erinnerung an die alte Liebe entdeckte, zerreißt sie es in kleine Stücke, damit er sie nicht wieder zusammenkleben kann.

Anton steckt das Foto in ein Versteck, doch dort liegen nur Papierfetzen. Ein anderer Mann hätte vielleicht den Rücken zu ihm gedreht und geschwiegen, doch Anton stampft wütend durch das Wohnzimmer. Der Streit eskaliert so sehr, dass Ina zu ihren Eltern zieht die Ehe steht kurz vor dem Ende.

Dann erfährt sie, dass sie schwanger ist, vergibt ihm und gibt ihm eine zweite Chance, sobald er ein wenig Abstand nimmt und um Versöhnung bittet. Das Thema wird nie wieder angesprochen.

Jahre später, als das soziale Netzwerk endlich richtig an Fahrt gewinnt, suchen viele nach alten Bekannten und Schulfreunden. Auch Anton verliert sich im Netz.

Seit dem Vorfall, als Ina ihm fast die Hand vom Arm reißen will, weil sie Lena auf dem Bildschirm sah, beobachtet sie, dass er immer tiefer ins Virtuelle abtaucht. Er schreibt ständig, lacht über Nachrichten, winkt Inas Fragen ab: Mit wem redest du? Er sperrt Computer und Handy mit Passwort, bleibt länger im Büro.

Ina ist am Limit.

Mensch, was machst du denn? Alle sitzen doch im Netz. Soll ich dich jetzt dort anmelden?
Nee, genug von diesem MondscheinTypen, der den ganzen Tag nur vorm Bildschirm sitzt.

Sie schneidet Kabel, zahlt das Internet nicht, macht das Licht aus alles, um ihn vom Bildschirm wegzulocken. Vergebens. Anton schimpft, schnauft, wirft dann wütend die Tür zu.

Genug! denkt Ina, als sie nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommt. Das kann nicht so weitergehen Er muss wählen: entweder ich und unser Sohn oder das Internet.

Sie tritt in die Wohnung, überall Dunkelheit. Ihr Sohn Felix ist zu den Großeltern gefahren, Anton sitzt auf dem Sofa. Zum ersten Mal seit Monaten sieht sie ihn nicht am Rechner. Zuerst freut sie sich, doch dann…

Warum sitzen wir jetzt im Dunkeln? sagt sie ironisch und wirft ihre Stiefel in den Flur.
Ich hab keinen Spaß mehr, Ina. Hör endlich auf zu sarkastisch zu sein, mir geht’s schlecht.
Und wem geht’s leichter? grinst sie. Wirst du überhaupt noch etwas essen?
Mir reicht es bis zum Hals!
Na, das ist ja mal was Neues.

Anton spricht mit zitternder Stimme: Ich bin krank, sehr ernst krank.
Wie meinst du das?
Ich hatte eine Arbeitsuntersuchung das Ergebnis. Er reicht ihr ein zerknülltes Blatt.

Ina überfliegt den Befund, Tränen steigen ihr in die Augen.

Wie bitte? Wann?
Ina, ich habe entschieden. Du musst verstehen, was ich meine.
Wovon sprichst du?
Von der Wohnung.
Und was hat das mit mir zu tun?
Bei uns gibt es noch das Haus der Schwiegermutter, aber meine Mutter hat mir eine Wohnung geschenkt ich bin alleiniger Eigentümer. Ich entscheide.

Also verkaufen, damit du die Behandlung bezahlen kannst? versucht Ina ihn zu bremsen.
Nein, das geht nicht. Ich gebe die Wohnung an Lena. Sie braucht sie mehr.
Was hast du gerade gesagt? Ina schüttelt sich, Tränen trocknen schnell.
Hör zu! Das ist mein letzter Wille! Ich bin der Besitzer, ich bestimme! brüllt Anton vom Sofa auf.

Lena? Das ist doch dieselbe Lena, in die du seit der Schule verliebt warst? Ina kann kaum fassen, jetzt versteht sie, wer Anton im Netz geküsst hat.

Ja, sie ist mir nicht egal. Wer weiß, wie unser Schicksal gewesen wäre, wenn sie nicht mit ihren Eltern nach Hamburg gezogen wäre.

Ein Moment lang erstarrt Ina, dann spricht sie kalt:
Wenn du das entschieden hast, soll Lena dich umwerben. Ich habe hier nichts mehr zu tun. Sie packt ihre Sachen, ruft ein Taxi und fährt zu ihrer Mutter an den Stadtrand.

Anton rechnet nicht mit dieser Reaktion. Er hatte gedacht, sie würde, sobald sie von seiner bevorstehenden Erkrankung erfährt, sein Vorhaben unterstützen.

Drei Monate lebt Ina im Autopilot, ihr Herz von Antons Worten zerrieben. Felix fährt mehrmals zum Vater, trotz Inas Verbote.

Mama, stell dir vor! Papa liegt im Bett, kann nicht aufstehen, und die Tante sucht Mieter für die Wohnung.

Ein Verwandter kommt vorbei und sagt, er wolle ihn ins Hospiz geben. Anton wird wütend, es kommt zu einem handfesten Streit, und er rennt davon.

Ina versucht, den Mann zu vergessen, geht mit Freundinnen in ein Restaurant.

Sie tanzt, singt, weint ein wenig und spricht über das Frauenleben. Jede hat ihre eigenen Sorgen, das gehört zum Leben dazu.

Sie kehrt spät in die Nacht nach Hause zurück, ihr Sohn und ihre Mutter sind bereits im Bett, sie erwarten sie nicht.

Ina steigt aus dem Taxi, ein leichter Sommerabend, ein Laternenlicht gegenüber ihrem Haus ist ausgegangen. Sie geht zur Terrasse, summt leise ein Lied.

Endlich sitzt sie mit den Freundinnen zusammen, erinnert sich an die Jugend, fühlt sich leichter.

Aus einer unbekannten Quelle ertönt plötzlich Antons Stimme im Dunkeln:
Ina, ich habe dich so lange vermisst!

Sie schaut, Anton sitzt auf einer kleinen Bank vor der Tür, in weißen Hosen und kurzärmligem Hemd. Er rührt sich nicht.

Aaah! schreit Ina erschrocken, ihr Herz bleibt kurz stehen.

Ina, tut mir leid! Ich wollte dich nicht erschrecken.

Sie klammert sich an ihr Herz, erkennt, dass es kein Gespenst, sondern ihr Mann ist. Der ganze Schreck verfliegt.

Du bist doch verrückt! Du hast mich fast umgebracht! schimpft sie, wirft ihm die Tasche zu.

Ihre Mutter und Felix eilen herbei, beruhigen die Situation. Anton wirft den Kopf in die Hände, weint wie ein Kind:
Ich bin nicht schuld, ich habe mich nur verirrt. Ich liebe dich und Felix, aber diese Betrügerin muss raus.

Ina lässt ihn los.

Anton gesteht, er sei nicht krank. Ein Diagnosefehler, ein kaputter Apparat drei weitere Patienten hatten dasselbe Ergebnis. Er hatte Lena als Patientin ausgegeben, wollte ins Krankenhaus, um Tests machen zu lassen. Die Frist war ein Monat, er zog sie auf drei Monate.

Wir haben angerufen, die Frau informiert, dass ihre Ehefrau also ich die Wohnung übernehmen will.

Lena hatte stillschweigend das Ganze bedacht, wollte die Wohnung für sich sichern und sogar einen Platz im Hospiz organisieren.

Es tut mir leid, es tut mir leid, kniet Anton vor Ina, ich habe alles erkannt.

Ina will noch nicht zurück zu ihm, überlegt gründlich. Anton verbringt jetzt jede freie Minute mit Felix, die Ehefrau staunt über die Veränderung.

Die Mutter seiner Frau hat im Herbst den Garten neu bepflanzt das hat sie in 15 Jahren Ehe noch nie gemacht. Am Wochenende fährt sie mit Schwiegermutter Kartoffeln auf den Markt.

Und Lena! Sie hat ihm eine Schenkungsurkunde für die Wohnung ausgestellt als Zeichen seiner wahnhaften Liebe zu ihr.

Ina überlegt, ob sie zu ihm zurückkehren soll. Sie hat die Urkunde angenommen, lässt sie liegen, fordert nichts. Der Sohn ist ja ihr gemeinsamer.

So endet die Geschichte, ein guter Lehrer, der Anton endlich die Lehre erteilt hat er hat das Material fürs ganze restliche Leben verinnerlicht.

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Homy
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