Lieselotte empfindet keine Wut mehr, nur noch Verwirrung.
Alles begann in jenem Moment, als die kleine Lieselotte das Wort Scheidung zum ersten Mal hörte. Natürlich verstand sie damals nicht ganz, was es bedeutete, doch ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass es nichts Gutes war. Ihre Familie bestand aus drei Personen: ihr, ihrer Mutter und ihrem Vater. Es schien, als könnte nichts ihre kleine Welt aus Glück und Harmonie zerstören.
Das Leben der Familie verlief ruhig und geordnet. Jeder Morgen begann gleich: Lieselotte erwachte von der sanften Stimme ihrer Mutter, die sie zum Frühstück rief, während ihr Vater köstlichen Kaffee zubereitete und die Nachrichten las. Abends saßen sie alle zusammen, schauten Filme oder spielten Brettspiele. Diese Abende wurden zu Lieselottes schönsten Kindheitserinnerungen.
Doch eines Abends saß ihre Mutter in der Küche und drehte nervös eine Serviette zwischen ihren Fingern. Kurz darauf betrat ihr Vater mit finsterer Miene das Haus. Die Atmosphäre veränderte sich schlagartig. Eine unsichtbare Mauer schien zwischen den Eltern zu stehen, die Spannung war kaum noch auszuhalten.
Wir müssen reden, sagte der Vater mit ernster Stimme.
Lieselotte saß in einer Ecke des Zimmers und hörte, wie ihr kleines Herz laut pochte. Ihre Eltern wechselten Blicke, und sie sah, wie angespannt ihre Gesichter waren. Die Mutter nickte schweigend, zuckte mit den Schultern und stimmte dem Gespräch zu.
Dann folgten endlose Stunden voller Diskussionen, Streit und Tränen. Lieselotte verkroch sich unter ihrer Decke und presste sich die Hände auf die Ohren, doch jedes Wort drang klar und deutlich zu ihr durch. Am schlimmsten war das verzweifelte Weinen ihrer Mutter, das vor Schmerz fast erstickte.
Am nächsten Morgen packte ihr Vater seine Sachen und ging. Die kleine Lieselotte starrte ihm lange nach, während sie ihre Tränen zurückhielt. Mit ihrer Mutter allein gelassen, begriff sie, dass ihre kleine Welt für immer zerbrochen war.
Die folgenden Tage wurden zum Albtraum. Lieselotte durchlebte die vergangenen Jahre immer wieder im Kopf. Die Erinnerungen an glückliche Zeiten quälten sie nun. Sie stellte sich endlose Fragen: Warum hatte ihr Vater das getan? Warum hatte er sie verlassen? Dabei hatte er doch immer gesagt, er liebe sie. Was war zwischen ihnen geschehen, das ihn so verändert hatte?
Lieselotte war in der Liebe und Fürsorge beider Eltern aufgewachsen. Ihre Kindheit war erfüllt von Spielen, Lachen und Freude. Ihren Vater hatte sie als Helden, Beschützer und Freund gesehen. Seine Stimme, sein Lächeln, seine Umarmungen all das war Teil ihrer Welt gewesen. Sie hatten zusammen Spaziergänge gemacht, Spiele gespielt und abends Geschichten vorgelesen.
Doch der schlimmste Schlag kam später. Als Lieselotte zehn war, stand ihr Vater eines Abends plötzlich in der Tür. Er wirkte müde und unsicher.
Du sollst die Wahrheit wissen, flüsterte er. Ich bin nicht dein leiblicher Vater.
Diese Worte trafen sie wie ein Donnerschlag. Die Welt um sie herum verlor ihre Farben, die Geräusche erstarben. Ihr Herz krampfte sich zusammen, der Atem stockte. Ein stechender Schmerz durchfuhr sie, als hätte ihr jemand ein Messer in die Brust gerammt. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich betrogen.
Die Zeit verging, doch die Wunden blieben offen. Lieselotte versuchte, sich mit Schule, Freundinnen und Sport abzulenken. Doch die Erinnerungen kehrten zurück und hinterließen Traurigkeit und Verzweiflung. Besonders schwer waren Feiertage und Familienfeste, wenn Freundinnen von ihren Eltern erzählten. Jedes dieser Gespräche wurde für Lieselotte zur Qual.
Ihr Vater heiratete erneut eine Frau, die ebenfalls eine Tochter in Lieselottes Alter hatte. Dieses neue Leben schien märchenhaft: eine große Wohnung, schöne Dinge, teure Geschenke. Das Mädchen bekam alles, wovon Lieselotte geträumt hatte.
Ein Ereignis brannte sich besonders tief in ihr Gedächtnis. Ihr Vater lud sie zum Geburtstag seiner neuen Tochter ein.
Lieselotte ging langsam die Straße entlang, in Gedanken versunken. Heute würde sie in jenes Leben zurückkehren, aus dem man sie einst ausgeschlossen hatte. Dort, in dieser Wohnung, lebte das Mädchen, das ihr Vater nun als seine wahre Tochter auserkoren hatte. Ihr Name war Gisela.
Vor dem Haus zögerte sie. Sollte sie wirklich hineingehen? Würde sie dort willkommen sein? Schließlich überwand sie ihre Angst und klingelte.
Die Tür öffnete eine hochgewachsene Frau mittleren Alters.
Komm rein, forderte sie knapp auf.
Lieselotte trat ein und wurde sofort vom Duft frischgebackenen Kuchens und fröhlichem Stimmengewirr umfangen. Kinder rannten umher, Musik spielte, Gäste lachten. Mitten im Trubel stand ein schlankes Mädchen in einem blauen Kleid. Gisela.
Ihr Blick traf Lieselotte. Für einen Moment herrschte Stille. Dann kam Gisela näher und streckte die Hand aus.
Hallo, ich bin Gisela, stellte sie sich höflich vor.
Lieselotte errötete leicht und schüttelte die Hand.
Ich weiß, antwortete sie leiser, als sie wollte.
Eine peinliche Pause entstand. Die beiden Mädchen musterten einander, als würden sie Äußerlichkeiten und Inneres gegeneinander abwägen. Gisela sprach zuerst.
Hast du ein Geschenk mitgebracht?, fragte sie sachlich.
Lieselotte senkte den Kopf und erinnerte sich an die Schachtel mit Buntstiften, die sie in Eile gekauft hatte. Das einfache Geschenk erschien ihr plötzlich fehl am Platz. Zögerlich holte sie es aus ihrer Tasche.
Hier, für dich.
Gisela packte es gelangweilt aus, warf dem Inhalt einen flüchtigen Blick zu. Die Stifte erregten kaum Interesse, nur ein schwaches Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Danke, sagte sie kühl und legte sie auf den Tisch.
Lieselotte spürte, wie ihr die Scham ins Gesicht stieg. Ihr bescheidenes Geschenk war nur als Pflichtübung angenommen worden. Innerlich empört, wandte sie sich ab, um ihre Enttäuschung zu verbergen.
Die Feier ging weiter, doch Lieselottes Stimmung sank. Sie sah, wie ihr Vater mit Gisela lachte, ihre Hände nahm, ihr Geschichten erzählte dieselben Geschichten, die er einst ihr erzählt hatte. Dieser Anblick nagte an ihr: Deshalb hat er sie mir vorgezogen.
Als die Feier endete, winkte Gisela nur flüchtig, als wolle sie unerwünschte Gesellschaft loswerden. Ihr Vater kam noch einmal auf Lieselotte zu, etwas verlegen.
Tut mir leid, dass es so gelaufen ist, murmelte er. Vielleicht können wir uns allein treffen?
Lieselotte schüttelte nur den Kopf. Niedergeschlagen verließ sie die Wohnung. Zu Hause weinte sie in ihrem leeren Zimmer. Sie hasste sich für ihre Schwäche, doch der Schmerz war zu groß.
Dieser Geburtstag beendete alle Hoffnungen auf Versöhnung. Ihr Vater gehörte nun einer anderen Welt an einer, in der Gisela die Hauptrolle spielte. Für Lieselotte blieben nur traurige Erinnerungen und die Gewissheit, dass ihr eigenes Dasein sinnlos geworden war.
Lieselotte ist erwachsen geworden, hat eine eigene Familie, einen Mann, Kinder. Ihre Mutter hat einen neuen Partner gefunden, der ihre Kinder wie seine eigenen annimmt. Nur eine Person fehlt in ihrem Leben: ihr Vater. Er lebt weiter sein Leben, liebt seine neue Tochter, hält sie für sein eigen Fleisch und Blut.





