Ich erzähle gern von Liselotte, doch sie selbst spricht selten über ihre eigene Liebesgeschichte.
Liselotte war 46, als ihr Mann ihr mit einer um zehn Jahre jüngeren Frau nachließ. Die Sache war so einfach wie ein Zahnstocher im Pfeffer die neue Geliebte war deutlich jünger. Vier Jahre lang steckte sie in einer tiefen Depression, doch nach und nach ließ der Schmerz nach. Ihr Sohn bekam ein Kind, und Liselotte kaufte ein kleines Häuschen mit Garten am Rande von Brandenburg, damit ihr Enkel im Sommer frische Luft schnappen konnte. Dort ließ sie den Kummer hinter sich, pflanzte Tomaten und Paprika, und nahm einen Dackel namens Fritz auf. Den Exmann verzieh sie nie, doch ihre Erinnerung verblasste. Mit über 50 beschloss sie, dass ein neuer Bekanntschaft nicht schaden könnte nur mit wem und wo?
Sie arbeitete als Krankenschwester in einer Kinderarztpraxis in Köln; dort traf man selten potenzielle Partner. Freundinnen rieten ihr, einen Nachbarn vom Garten zu schauen, doch Liselotte winkte ab dort waren alle verheiratet, keiner würde allein zum Garten fahren. So nahm sie an, ihr Schicksal sei es, das restliche Leben allein zu verbringen.
Im Alter von 52 kam der plötzliche Tod ihres Exmannes. Ein Herzinfarkt, schnell und unverhofft. Liselotte war überrascht, dass sie kaum Gefühle zeigte, außer Bedauern für ihren Sohn, für den das ein harter Schlag war. Gerade für ihn ging sie zur Beerdigung, weil sie selbst eigentlich nicht hingehen wollte.
Am Sargtisch fiel ihr Blick auf einen Mann. Ganz nett, dachte sie, korrigierte sich aber sofort das war die Beerdigung ihres ExEhemannes. Sie starrte auf ihren Teller, um nicht hinzusehen, und nach etwa fünf Minuten hörte sie eine Stimme neben ihr:
Entschuldigung?
Sie hob den Blick und sah denselben Mann, der mit seiner Gabel aufstand, den Stuhl ein Stück zurückschob und neben ihr Platz nahm.
Verzeihen Sie die Unverschämtheit, lächelte er. Ich habe selten so warme Augen gesehen wie Ihre. Ich würde Sie gern kennenlernen. Ich heiße Thomas.
Liselotte, murmelte sie kaum.
Thomas war ein angenehmer Gesprächspartner, und das Beste: An seinem Finger fehlte ein Ring. Du hast dich ja doch verrannt, alte Dame, dachte sie, doch sie konnte nichts machen Thomas gefiel ihr. Gegen Ende des Gesprächs fragte er plötzlich:
Wie stehen Sie zum Verstorbenen in Beziehung?
Als Ehefrau, platzte Liselotte heraus.
Thomas blickte skeptisch und zeigte auf die junge Witwe, die blass und tränenüberströmt wirkte.
Das ist die Zweite, erklärte Liselotte. Ich war die Erste.
Thomas lachte und meinte:
Das wird eine recht amüsante Geschichte.
So kam es. Thomas erzählte jedem, dass er zur Beerdigung eines Kollegen gegangen war und die erste Ehefrau des Verstorbenen mitgenommen hatte. Liselotte hingegen schämte sich, musste erklären, dass der Mann nicht ihr, sondern ihr ExEhemann war. Während andere das Geschehene noch in der Geschichte verarbeiteten, dachte niemand mehr an sie. Wichtig war jedoch nicht das Gerede, sondern dass sie sich wirklich verliebte und nun, dank dieses Zusammentreffens, ihrem ersten Mann obwohl er nicht mehr lebte dankbar war.





