„Deine Sachen sind schon gepackt – sagte die Schwiegermutter und stellte den Koffer an die Tür“

Deine Koffer stehen schon bereit, sagte die Schwiegermutter und ließ den Koffer an der Tür abstellen.
Was soll das denn!, versuchte Liselotte kaum zurückzuhalten, während sie die Stimme noch lauter machte. Das ist doch auch mein Zuhause!

Dein?, schmunzelte Klara Steppan und wischte ihre Hände an der Schürze ab. Jörg ist mein Sohn, die Wohnung gehört ihm. Also sei doch bitte vorsichtiger mit deinen Worten.”

Ich wohne hier seit acht Jahren! Seit acht! Und ihr habt kein Recht

Ich habe Recht, mein Schatz, und zwar noch lange. Schnapp dir deinen Topf vom Tisch, ich muss jetzt noch das Mittagessen zaubern. Und hör mir gar nicht zu, ich bin hier nicht nur die Gästin, sondern die Herrin der Küche.

Liselotte packte den Topf so hastig, dass fast Borschtsch auf den Boden spritzte. Ihre Hände zitterten, das Ohr dröhnte. Die Schwiegermutter war erst seit drei Tagen in Berlin, und das ganze Haus war bereits auf den Kopf gestellt zumindest nach Klara Steppans Vorstellung.

Klara Steppan, ich verstehe, dass Sie sich um Ihren Sohn sorgen, aber

Ich sorge mich nicht. Ich weiß, was ich tue. Du denkst nur an dich. Jörg liegt im Krankenhaus, und du kochst Borschtsch.

Ich besuche ihn jeden Tag!, platzte Liselotte heraus. Im Moment darf man ihn wegen der Eingriffe nicht sehen.

Ja, Eingriffe. Und du sitzt zu Hause und kochst für ihn. Du sollst doch immer bei ihm sein, wie eine richtige Ehefrau.

Liselotte stellte den Topf zurück, atmete tief ein und zählte laut bis drei, wie ihr einst ein Psychologe geraten hatte vergeblich. Sie kam nicht einmal bis zehn.

Wissen Sie was?, sagte sie leise. Machen Sie, was Sie wollen. Ich gehe spazieren.

Sie schnappte sich die Jacke, zog die Stiefel an ohne die Schnürsenkel zu binden und rauschte aus der Wohnung. Auf dem Flur lehnte sie ihr Haupt an die kalte Wand, atmete tief ein und aus. Im Inneren brodelte es, als hätte ein kleiner, aber sehr grantiger Vulkan Einzug gehalten.

Jörg war vor einer Woche wegen einer unkomplizierten Blinddarmentfernung ins Krankenhaus gekommen leider mit Komplikationen. Er lag nun im Bett und erholte sich. Liselotte hatte kaum geschlafen, pendelte zwischen Arbeit und Krankenhaus, und plötzlich kam die Schwiegermutter wie ein Orkan aus ihrer Kleinstadt Kleinburg, nahm das Gästezimmer ein, verteilte Liselotte ein Schlafsofa im Wohnzimmer.

Sie ließ die Treppe hinunter, trat in den kalten Berliner Herbstwind, ließ ihre Jacke vom Wind zerzausen und setzte sich auf die Bank vor dem Haus. Sie zündete sich eine Zigarette an, obwohl sie das schon dreimal versucht hatte, doch ihr zittriges Gemüt ließ sie weiterziehen.

Liselotte, was hast du denn?, rief ihre Nachbarin Theresa, die mit einem Korb voller Einkäufe vorbeikam. Du sahst ja aus, als hättest du ein Gespenst gesehen.

Ach, nur ein bisschen müde, sagte Liselotte.

Schwiegermutter ist da, hörte ich? Hilft sie dir?

Liselotte lächelte müde.

Hilft? Ja, das tut sie. Auf ihre Art.

Theresa schüttelte den Kopf, setzte sich neben sie. Sie war um die sechzig, lebte allein, hatte ihre Kinder in alle Winde verstreut eine weise, stille Frau mit warmen Augen.

Weißt du, Liselotte, Schwiegermütter gibt’s in allen Variationen. Meine verstorbene Schwiegermutter war ebenfalls gern die Chefin. Ich habe schnell gemerkt, dass das ihr Weg war, Zuneigung zu zeigen zwar nicht immer richtig, aber das war ihr Stil.

Klara Steppan liebt nur ihren Sohn. Sie hat mich nur ertragen.

Vielleicht hat sie Angst, die Kontrolle zu verlieren. Jörg ist ihr einziger Sohn, und sie ist schon über siebzig.

Dreiundsiebzig, korrigierte Liselotte.

Kurz vor der achten Dekade. Sie fürchtet, nutzlos zu werden, und wenn ihr Sohn im Krankenhaus liegt, wird sie noch nervöser doch zeigt sie es nicht.

Liselotte erstickte die Zigarette im Aschenbecher.

Vielleicht. Aber mit ihr zusammenleben ist unmöglich, Theresa. Sie würde mich noch verrückt machen.

Du schaffst das. Jörg wird entlassen, und sie wird gehen.

Wenn sie geht.

Theresa legte eine Hand auf Liselottes Schulter und ging weiter, während Liselotte nachdachte. Sie erinnerte sich, wie alles begann.

Sie hatte Jörg im Büro kennengelernt. Er kam für ein Meeting, sie trug gerade Akten, und im Flur stießen sie zusammen Papiere flogen. Er half ihr, sammelte die Blätter ein, grinste charmant. Groß, gut gebaut, ein kleines Grübchen am Kinn. Er lud sie auf einen Kaffee ein, und sie sagte zu.

Jörg war ein altmodischer Romantiker Blumen, Komplimente, kleine Gesten. Liselotte war 32, unverheiratet, obwohl es Anträge gab. Sie hatte nie wirklich die Zeit für das Liebesleben, weil der Job alles fraß. Und dann kam Jörg, aufmerksam und fürsorglich.

Er erzählte kaum etwas über seine Eltern, nur dass seine Mutter weit weg in einer kleinen Stadt wohne und er sie ein paar Mal im Jahr besuche. Der Vater sei schon lange tot. Liselotte schenkte dem nicht viel Aufmerksamkeit ein Fehler, wie sich später zeigen sollte.

Bei der Hochzeit kam die Schwiegermutter, klein, knochig, mit zu einem strengen Knoten geflochtenen grauen Haaren. Sie musterte Liselotte, als würde sie ein Stück Fleisch auf dem Markt prüfen. Sie sprach wenig, aber jede Bemerkung war mit einem Stich versehen.

Das Kleid ist schön, aber ein bisschen zu voluminös.

Halte den Strauß richtig, sonst sieht er aus wie ein Besen.

Jörg, bist du sicher? Noch zu früh?

Jörg lächelte nur und wischte es ab. Liselotte nickte, hielt durch. Die Hochzeit war vorbei, Klara Steppan fuhr nach Hause. Liselotte atmete auf.

Doch die Schwiegermutter rief täglich an. Sie fragte nach Jörg, gab Ratschläge, schwatze stundenlang. Jörg hörte zu, nickte, während Liselotte innerlich kochte. Sie wollte nicht streiten, also schwieg sie.

Dann kam Klara Steppan öfter zunächst zu Festen, dann ganz ohne Vorwarnung. Eine Woche, dann zwei, das Haus verwandelte sich. Sie räumte um, kochte nur das, was Jörg mochte, ignorierte Liselotte. Sie kritisierte das Essen, die Sauberkeit, die Kleidung.

Jörg, schau dir die Vorhänge an, die sind ja dreckig. Ich würde sie sofort waschen.

Liselotte, hast du nicht mal überlegt, deine Frisur zu ändern? Das wirkt etwas altmodisch.

Oh, wieder Nudeln? Jörg, du magst doch keine Nudeln! Ich mache dir jetzt Frikadellen.

Jörg schwieg, zog sich in ein anderes Zimmer zurück, während Liselotte sich wehren musste.

Klara Steppan, ich weiß, was ich für meinen Mann kochen soll.

Ach, mach dir keinen Kopf, ich will nur das Beste für euch.

In ihren Augen lag ein kalter Stich, als wolle sie Liselotte aus Höflichkeit ertragen, doch innerlich war sie eher ein Dorn im Fleisch.

Acht Jahre vergingen. Keine Kinder. Die Ärzte schüttelten den Kopf, nannten es Stress und das Alter. Klara Steppan deutete an, dass Liselotte schuld sei. Jörg war gesund, also lag das Problem wohl bei ihr. Jörg schwieg, Liselotte weinte nachts leise ins Kissen, damit niemand es hörte.

Schließlich ging die Schwiegermutter seltener, und Liselotte lernte, die Stiche zu ignorieren. Das Leben war nicht glücklich, aber es war kein Höllenfeuer mehr.

Dann kam Jörg erneut ins Krankenhaus, und Klara Steppan tauchte drei Stunden nach dem Anruf mit einer riesigen Tasche voller Töpfe und einem entschlossenen Blick auf.

Ich bleibe jetzt hier. Jörg darf nicht unbeaufsichtigt bleiben.

Liselotte stand von der Bank auf, schüttelte die Jacke, und dachte: Jetzt gehts zurück nach Hause, meine Sachen, mein Leben auch wenn die Schwiegermutter dort wieder das Kommando übernimmt.

Sie ging die Treppe hinauf, öffnete die Tür. Im Flur stand ein Koffer ihr alter, blauer Koffer mit abgewetzten Ecken.

Klara Steppan trat aus dem Zimmer, wischte die Hände ab.

Deine Sachen sind schon gepackt, sagte sie und deutete auf den Koffer. Du kannst sie mitnehmen.

Liselotte stockte. In ihren Ohren dröhnte ein seltsames Geräusch.

Was?

Du hast mich klar verstanden. Jörg braucht jetzt Ruhe, nicht deine Theateraufführungen. Er hat mir selbst gesagt, dass du ständig nervös bist und ausrastest. Solange er krank ist, solltest du woanders wohnen.

Jörg hat das gesagt?, schnappte Liselotte nach Luft. Das ist nicht wahr.

Wahrheit, mein Schatz. Er hat mich gebeten, dich rauszuschicken nicht für immer, nur bis er wieder fit ist. Also such dir eine Freundin und zieh ein.

Liselotte ging zum Koffer, setzte sich daneben, öffnete ihn. Drinnen lagen Kleider, Blusen, Unterwäsche alles wirr zusammengeworfen.

Das ist nicht erlaubt, flüsterte sie.

Ich habe das Recht. Ich bin Jörgs Mutter, und ich weiß am besten, was er braucht.

Liselotte richtete den Blick, sah Klara Steppan fest an. Sie stand da mit verschränkten Armen und einem steinernen Gesicht.

Rufst du Jörg an? Ich rufe ihn gleich selbst.

Bitte, ruf doch. Er wird alles bestätigen.

Liselotte nahm ihr Handy, wählte Jörgs Nummer. Das Klingeln zog sich, dann kam seine müde, schwache Stimme.

Hallo?

Jörg, hier ist Liselotte. Deine Mutter sagt, du hast mich aus dem Haus schicken lassen. Stimmt das?

Stille. Liselotte hielt den Atem an, bis ihr Herz fast aus dem Hals sprang.

Liselotte, begann er, Mutter meint, das ist das Beste. Wir streiten zu sehr, und ich kann mir gerade keinen Stress leisten.

Also bist du einverstanden? Du willst, dass ich ausziehe?

Ja, ich will, dass wir nicht mehr streiten. Bleib ein paar Wochen woanders, dann komm ich zurück.

Und wenn sie nicht weggeht?

Sie wird gehen, das ist sicher. Also bitte, kein Drama, okay?

Liselotte legte auf, setzte sich auf den Flurboden, lehnte sich an die Wand. Klara Steppan stand triumphierend über ihr.

Nun, überzeugt? Nimm deinen Koffer und geh.

Liselotte schloss die Augen. Ein Spannungsseil, das zu lang gezogen war, riss plötzlich. Ein schmerzhaftes, aber zugleich befreiendes Gefühl durchströmte sie.

In Ordnung, flüsterte sie. Ich gehe.

Sie stand auf, nahm den schweren Koffer Klara hatte alles hineingepackt, was ihr in den Sinn kam und zog die Jacke über. Am Türrahmen drehte sie sich um.

Weißt du was, Klara Steppan? Ich komme nicht zurück.

Wie bitte? Jörg

Er kann bei dir wohnen, wenn er euch wichtiger ist als meine Stimme. Acht Jahre habe ich eure Stiche ertragen, dachte, es geht vorbei, aber ich habe gelernt: Ich muss das nicht mehr hinnehmen. Ich bin müde.

Klara erstarrte, ihr Gesicht wurde blass.

Was erlaubst du dir? Jörg lässt dich nicht gehen!

Mal sehen.

Liselotte schob die Tür zu, fuhr die Treppe hinunter, ließ den Koffer die Stufen hinabklappern. Auf der Straße holte sie ihr Handy, wählte ihre Freundin Sabine.

Sabine, hi. Kann ich zu dir kommen? Ich bringe mein Zeug mit, erzähle später alles.

Sie stieg ins Taxi, nannte die Adresse. Der Fahrer drehte das Radio leiser, eine Popmelodie spielte. Liselotte blickte aus dem Fenster, sah die Berliner Häuser, Bäume, Menschen vorbeiflanzen und dachte nach.

Jörg. Ihr Mann. Still, verlässlich, aber ihre Liebe war eher aus Pflichtgefühl entstanden. Sie hatte sich irgendwann gefragt, ob das noch Liebe war oder nur Gewohnheit, Angst vor dem Alleinsein?

Er hatte sie nie verteidigt, wenn die Schwiegermutter etwas Gemeines sagte. Er zog sich zurück, überließ ihr Entscheidungen. Sie hatte das alles ertragen, weil sie dachte, das sei das Richtige, weil die Ehe ein Versprechen war, weil das Alter kam und man nicht mehr wüsste, wohin man gehen sollte. Sie hatte Angst.

Das Taxi hielt vor Sabines Wohnung. Liselotte bezahlte, stieg aus, ging zum dritten Stock. Sabine öffnete die Tür, im Morgenmantel, mit einer Tasse Kaffee in der Hand.

Liselotte, was ist los?, fragte sie.

Kann ich hier einziehen? Nicht lange, bis ich eine neue Wohnung finde.

Natürlich, komm rein, erzähl.

Sie setzten sich in die Küche, bis spät in die Nacht. Liselotte erzählte, weinte, lachte. Sabine hörte zu, nickte, goss Tee nach.

Weißt du, Liselotte, ich dachte immer, du bist zu gut für diesen Jörg, sagte Sabine.

Ach ja?

Du bist klug, hübsch, fleißig. Und er? Er ist wie ein Wattebausch, den seine Mutter immer wieder verheddert.

Genau. Sie hat ihn schon längst fest im Griff.

Jetzt bist du frei. Scheide dich, lebe, wie du willst.

Einige Wochen später wurde Jörg aus dem Krankenhaus entlassen. Er rief Liselotte an, bat sie zurückzukommen. Alles wird gut, die Mutter ist weg, ich vermisse dich. Liselotte hörte zu, schwieg.

Liselotte, warum schweist du? Komm, wir reden.

Jörg, verstehst du, was passiert ist?

Naja die Mutter war überdreht, aber sie hat nur das Beste gemeint.

Ich reiche die Scheidung ein.

Was? Du bist doch verrückt! Wegen eines Streits zu scheiden?

Nicht wegen eines Streits wegen acht Jahren.

Jörg rief weiter an, schrieb Nachrichten, dann verstummte er.

Liselotte fand eine kleine Wohnung am Stadtrand, zog ihre Sachen um, richtete sich ein, arbeitete, spazierte, las. Zum ersten Mal fühlte sie sich lebendig.

Ein Monat später klopfte Klara Steppan an. Sie wollte sich treffen. Sie verabredeten sich in einem Café. Klara sah älter, gebeugt, setzte sich und bestellte Tee.

Liselotte, ich wollte reden.

Ich höre.

Jörg ist ganz anders geworden. Er isst kaum, trinkt kaum, sagt, du würdest ihn nicht mehr sehen wollen.

Ich habe die Scheidung eingereicht.

Warum? Hättest du nicht vergeben können? Ich wollte dich nicht beleidigen.

Liselotte grinste leicht.

Acht Jahre hast du mich erniedrigt. Und Jörg hat nichts gesagt. Ihr habt mich aus meinem Haus rausgeworfen, den Koffer gepackt, als wäre ich ein Dienstmädchen. Und er hat das gutgeheißen. Das war die letzte Träne für mich.

Klara senkte den Blick, die Hände umklammerten die Tasse.

Ich habe mein ganzes Leben Angst gehabt, verlassen zu werden. Mein Mann verließ mich, als unser Sohn drei war. Ich habe Jörg verwöhnt, behütet, aus Angst, dass er auch geht. Dann kamst du, und ich dachte, du nimmst mir den Sohn weg.

Ich habe ihn nicht genommen. Ich wollte nur meine Frau sein.

Ich weiß. Aber ich konnte es nicht akzeptieren. Es tut mir leid.

Liselotte seufzte, sah auf Klaras gebeugten Rücken, die runzligen Hände, die Tasse.Und während ich mit meiner Kofferrutsche in den Sonnenuntergang rollte, grinste Sabine aus dem Fenster und flüsterte, dass das Leben nun endlich wieder nach Geschmack gewürzt ist.

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Homy
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„Deine Sachen sind schon gepackt – sagte die Schwiegermutter und stellte den Koffer an die Tür“
Der Vater brachte seine Tochter zur Oma und ließ sie am Gartenzaun zurück. 20 Jahre später beschließt der Mann, sich wieder in Erinnerung zu bringen.