**Tagebucheintrag**
Hör zu, Alice! Du hast weder Mutter noch Vater mehr. Auch ein Zuhause hast du nicht, antwortete die Mutter.
Spät am Abend durchbrach ein Telefonanruf die Stille. Pauline hob ab und hörte die Stimme ihrer Tochter.
Mama, ich bins, Alice. Ich habe ein Problem Mein Mann hat mich rausgeschmissen. Morgen früh komme ich mit Papa zu euch und bleibe dann bei euch.
Hör zu, Alice, du hast weder Mutter noch Vater, und ein Zuhause gibts für dich auch nicht mehr.
Was? schrie die Tochter, als hätte sie nicht richtig gehört. Was meinst du damit? Wie kann es kein Zuhause geben? Ich bin deine Tochter, deine Einzige! Ich habe ein Recht auf diese Wohnung!
So ist es nun, mein Kind, erwiderte Pauline ruhig. Die Wohnung gehört dir nicht mehr. Wir haben sie auf Lina überschrieben, sie ist jetzt die Eigentümerin. Und dich wollen wir nicht mehr kennen. Du bist nicht mehr unsere Tochter.
Der Streit am Telefon zog sich hin. Vorwürfe, Forderungen, Tränen.
Ruf hier nie wieder an! Du hast alles verloren! Mit diesen Worten beendete Pauline das Gespräch. Nach allem, was Alice getan hatte, fühlte sie sich im Recht.
Am Fenster stehend, erinnerte sich Pauline unwillkürlich daran, wie auch die andere Geschichte mit einem Anruf begonnen hatte.
Ein verhängnisvoller Anruf zerbrach die Stille des frühen Morgens. Pauline fuhr aus dem Bett und griff zum Telefon.
Ja, hallo?
Am anderen Ende der Leitung ein ersticktes Schluchzen.
Hallo, wer ist da?
Ich bins, Christina.
Christina, was ist los? Warum erschreckst du mich so? Weißt du, wie spät es ist?
Ich weiß. Heute werde ich operiert. Ich mache mir solche Sorgen um Lina. Bitte, lasst sie nicht allein. Sie ist noch ein Kind. Gebt sie nicht ins Heim.
Christina war schon immer unberechenbar gewesen, voller seltsamer Ideen. Doch diesmal übertraf sie sich selbst. Oder war wirklich etwas Ernstes passiert?
Pauline hielt das Telefon mit feuchten Händen, spürte, dass etwas Schreckliches im Gange war, konnte es aber noch nicht fassen.
Christina, warum hast du nichts gesagt? Warum erst jetzt? Was ist mit dir? In welches Krankenhaus bringt man dich?
Christina war seit langem krank, hatte es aber ignoriert. Der letzte Monat war unerträglich geworden sie war abgemagert, ihr Gesicht verändert. Die Ärzte hatten kein gutes Urteil: Eine dringende Operation war nötig. Lange hatte sie gezögert, ihrer Schwester davon zu erzählen, die sie ohnehin schon finanziell und emotional unterstützt hatte, fast wie eine Mutter. Und jetzt sollte sie auch noch ihr Kind aufnehmen.
Pauline, die Ärzte machen keine Versprechungen. Sie sagen, wir können nur auf ein Wunder hoffen. Ich bitte dich kümmere dich um Lina.
Innerhalb einer Stunde war Pauline mit ihrem Mann in der Klinik, wo Christina bereits lag. Die Operation hatte noch nicht begonnen, aber Besuch war nicht mehr erlaubt. Im Flur saß die kleine Lina, in eine Ecke geduckt. Pauline beugte sich hinunter und nahm das Mädchen in den Arm.
Wird Mama wieder gesund? schluchzte das Kind.
Ja, mein Schatz. Sie schläft jetzt und spürt nichts. Wenn sie aufwacht, wirst du sie gesund und lächelnd sehen.
Doch vier Stunden später trat der Arzt aus dem OP und verkündete die Tragödie: Christina hatte es nicht geschafft.
Pauline nahm ihre Nichte mit nach Hause. Sie führte sie ins Zimmer ihrer Tochter, um zu verkünden: Lina hatte keine Mutter mehr, und Alice keine Tante. Die Mädchen würden nun zusammen leben. Alice warf einen bösen Blick, schwieg aber.
Wenige Tage später landeten Linas Sachen vor der Tür. Alice weigerte sich kategorisch, das Zimmer zu teilen.
Mama, das ist mein Raum! Warum soll ich ihre Kleider in meinem Schrank haben?
Um Streit zu vermeiden, gaben Pauline und ihr Mann ihr eigenes Schlafzimmer auf und zogen ins Wohnzimmer. Lina wurde noch verschlossener: Ihren Vater kannte sie nicht, Christina hatte seinen Namen nie verraten. Nun hing ihr Leben ganz von Pauline und ihrem Mann ab, die versuchten, beiden Mädchen gleiche Aufmerksamkeit zu schenken.
Die Jahre vergingen. Alice machte ihren Abschluss und heiratete einen wohlhabenden, älteren Mann. Es störte sie nicht. Schnell packte sie ihre Sachen und zog zu Dietrich. Sie kündigte die Hochzeit an.
Mama, aber eins: Ich will deine Nichte nicht auf meiner Hochzeit sehen.
Alice, das geht nicht. Sie ist wie eine Schwester für dich. Wenn wir sie nicht einladen, ist das eine Beleidigung.
Ich will sie nicht dort haben! schrie Alice. Ich habe dich gewarnt!
Dann kommen wir auch nicht.
Gut. Dann nicht!
Pauline weinte, fasste sich aber und beschloss, stattdessen nach Österreich in Urlaub zu fahren.
Und Alices Hochzeit? fragte ihr Mann verwundert.
Vergiss es. Wir sind nicht willkommen. Lina, hilf mir, ein Hotel zu finden, du kennst dich da besser aus.
Wir fahren also wirklich in den Urlaub?
Ja, mein Schatz. Das können wir uns leisten.
Oh, das ist wunderbar!
Mehr Jahre vergingen. Lina machte ihr Abitur, studierte mit Bravour, wie ihre Mutter. An ihrem achtzehnten Geburtstag wurde Paulines Mann plötzlich krank. Er wurde ins Krankenhaus gebracht.
Die Ärzte erklärten: Nur ein teures Medikament konnte ihn retten. Verzweifelt rief Pauline Alice an, wissend, dass ihr Mann genug Geld hatte.
Alice, dein Vater stirbt. Wir brauchen ein seltenes Medikament, es kostet ein Vermögen. Könnt ihr uns leihen?
Langes Schweigen am Telefon.
Gut, ich spreche mit Dietrich und rufe zurück.
Die Zeit verging. Endlich rief sie an.
Mama, es ist so: Ich bekomme endlich mein Auto. Entweder kauft es Dietrich jetzt, oder wir geben euch das Geld.
Alice, denk nicht an ein Auto! Dein Vater braucht das Medikament, sonst stirbt er!
Und wie wollt ihr es zurückzahlen? Ihr




