Was kann mehr wert sein als Geld?
Liselotte und Andreas sind seit fast zehn Jahren verheiratet und haben zwei kleine Kinder. Liselotte arbeitet in einem Kindergarten, Andreas in einer Fabrik. Das Geld reicht der Familie nicht einmal für die Grundausgaben; fast das gesamte Gehalt fließt in Kreditraten, sodass kaum etwas zum Leben bleibt.
Liselotte, wie sieht es mit deinem Geburtstag aus? Sollen wir feiern? Schließlich ist das ein Jubiläum, sagt Andreas, weil er seine Frau an ihrem dreißigsten Geburtstag etwas Besonderes gönnen möchte. Doch das Geld fehlt, und Liselotte erinnert ihn daran.
Was sollen wir den Gästen anbieten? Nur Brot und Leitungswasser?
Warum gleich so pessimistisch? Wir müssen keine luxuriöse Feier schmeißen. Wir kaufen einen Kuchen, ein paar Süßigkeiten und trinken einfach Tee. Wir laden die Eltern und ein paar enge Verwandte ein. Übrigens kommt dein Bruder bald aus Berlin vorbei.
Ja, Anton meinte, er ist Ende des Monats für ein paar Tage hier. Ich habe aber keine Lust, ihn einzuladen.
Warum nicht? Er ist doch ein erfolgreicher Geschäftsmann, vielleicht bringt er uns ja ein wenig Geld. Und wenn nicht, haben wir wenigstens die Familie versammelt.
Ich weiß nicht. Ich muss darüber nachdenken, sagt Liselotte, die sich nach einer Feier sehnt die ständige Arbeit mit den Kindern und die ständige Geldknappheit zermürben sie.
Nach einigem Überlegen beschließt Liselotte, Verwandte zum Tee einzuladen. Sie ruft sie an und bittet, Ende des Monats vorbeizukommen. Auch ihren Bruder Anton kontaktiert sie. Anton lebt seit vielen Jahren in Berlin, wo er ein großes Bauunternehmen leitet. Er ist ledig, arbeitet ständig und hat kaum Zeit für Familienbesuche.
Antons Karriere läuft seit seinem Umzug nach Berlin hervorragend. Der hohe Gewinn und der rasante Aufstieg machen ihn selbstgefällig; er verspottet Verwandte als erfolglose Trottel. Dieses Verhalten irritiert Liselotte stark, sodass sie den Kontakt zu Anton auf ein Minimum reduziert.
Kommst du zu meinem Geburtstag? fragt Liselotte, obwohl ihre Mutter das nicht gutheißen würde.
Natürlich!, jubelt Anton, als er vom Fest hört. In welchem Restaurant willst du feiern?
Im Restaurant? Nein, wir bleiben zu Hause, trinken Tee und unterhalten uns.
Ach so, lächelt Anton. Ich habe eure finanzielle Lage natürlich vergessen. Ich überlege mir, was ich tun kann.
Am Geburtstag erscheinen fast alle, die Liselotte gerufen hat. Anton bleibt jedoch aus er fliegt zwar aus Berlin an, aber er besucht seine Schwester nicht.
Ursula Müller, die Mutter von Liselotte und Anton, überreicht ihrer Tochter eine kleine Schachtel.
Was ist das? fragt Liselotte überrascht.
Weiß ich nicht, er hat es mir nicht gesagt, antwortet ihre Mutter.
Liselotte öffnet die Schachtel und findet darin eine alte Statuette.
Was soll ich mit diesem Nippchen anfangen?, fragt sie enttäuscht.
Ursula meint, Liselotte solle Anton trotzdem anrufen und sich für die Geste bedanken.
Nachdem Anton nicht erschienen ist und nur die Statuette geschenkt hat, möchte Liselotte nicht mehr mit ihm reden. Doch gegen Ende des Abends klingelt Anton selbst an.
Ich bin nicht gekommen, weil wichtigere Dinge anstehen als ein TeeZusammenkommen, sagt er.
Dann hättest du die Statuette gar nicht schenken sollen. Ich hätte sie behalten können.
Ein Nippchen?, lacht Anton ironisch. Du erkennst offensichtlich nichts von Wert. Das ist ein antikes Stück, das viel Euro wert ist. Meine Freunde haben es mir geschenkt, aber es passt nicht in meine moderne Wohnung, deshalb musste ich es loswerden.
Und was soll ich damit machen?, fragt Liselotte, obwohl es ein teureres Geschenk ist.
Stell es auf den Kommode, lass es dich erfreuen. Es erinnert dich daran, welch Geld ihr nie verdienen werdet, sagt Anton lachend. Verkauf es bloß nicht! Jeden Monat fotografierst du es und schickst mir den Bericht, sonst lasse ich euch nicht reich werden!
Liselotte ist fassungslos. Sie weiß, dass Anton hochmütig ist, aber das ging zu weit.
Sie fotografiert das Geschenk nicht selbst, sondern ihre Mutter Ursula, die nicht will, dass ihre Kinder offen streiten, schickt heimlich die Bilder an Anton.
Einige Monate nach dem Geburtstag gerät die Familie in ernsthafte finanzielle Not. Andreas verliert seinen Job, und sie können die Kredite nicht mehr bedienen.
Mach dir keine Sorgen, ich finde bald eine neue Stelle, versucht Andreas zu beruhigen, doch er schafft es kaum.
Dann haben wir bald nichts mehr zu essen, sagt Liselotte, während sie die Statuette betrachtet. Vielleicht sollten wir sie verkaufen? Sie ist doch einiges Geld wert. Das würde uns über die Runden helfen, bis du etwas findest.
Aber Anton hat verboten, dass man sie verkauft
Und? Was sollen wir tun, auf der Straße leben? Wenn wir das Geld nicht bald haben, hat die Statuette keinen Platz mehr.
Andreas widerspricht nicht; schließlich ist es Liselottes Entscheidung. Sie verkauft die antike Figur an ein Fachgeschäft für Antiquitäten und bekommt gut Geld. Die Schulden werden beglichen, und das Paar kann aufatmen. Kurz darauf findet Andreas eine neue Anstellung, und das Leben wird wieder erträglicher.
Doch die Freude währt nicht lange. Einen Monat später hört Ursula auf, Anton Fotos der Statuette zu schicken. Sie will ihm nicht gestehen, dass ihre Schwester das Stück verkauft hat, und erfindet Ausreden, warum sie die Berichte nicht senden kann. Anton, ein nicht dummer Geschäftsmann, spürt jedoch, dass etwas nicht stimmt. Bei einem Besuch in der Heimatstadt will er persönlich überprüfen, ob die Statue noch dort ist er plant, sie zurückzuholen. Warum er das tut, bleibt für die Familie ein Rätsel.
Wie steht es um mein Geschenk? Liegt es noch auf dem Kommode und erfreut euch?, fragt Anton unangekündigt.
Ähm Liselotte ist überrascht und sagt ihm die Wahrheit. Dein Geschenk erfreut jetzt andere Kunstliebhaber.
Wie bitte?, fragt Anton verwirrt. Was soll das heißen?
Ich habe deine Statuette verkauft, stammelt Liselotte. Wir hatten enorme Schulden und keine andere Wahl.
Verkauft wegen der Schulden?!, schreit Anton, das Blut läuft ihm in die Augen. Ich habe dir verboten, es zu verkaufen! Wie konntest du das tun? Wer gibt dir das Recht?
Eigentlich hast du mir das Recht gegeben, als du es über meine Mutter geschickt hast.
Nein! Ich habe gesagt, die Figur muss im Haus bleiben!
Hör auf mit diesem Unsinn!, schreit Liselotte. Wozu soll ich diese teure Kleinigkeit? Sie stand monatelang ungenutzt im Regal. Wenn wir sie nicht verkauft hätten, wären wir jetzt obdachlos. Verstehst du das?
Das geht mich nichts an!, erwidert Anton. Kümmert euch selbst um eure Probleme!
Dann haben wir es ja geklärt!, sagt Liselotte.
Auf meine Kosten?!, faucht Anton. Niemand hat dich gebeten, mir so ein Geschenk zu machen. Du wolltest mich demütigen, aber ich habe die Sache umgedreht! Ich entscheide, was mit meinem Eigentum passiert. Beschimpfst du mich noch einmal wegen des Verkaufs, schmeiß ich dich raus!
Rauswerfen?, knurrt Anton. Dann werfe ich mich selbst aus eurem Keller! Ich habe das nur angestellt, weil ich dachte, du bist unfähig, dein Wort zu halten!
Das ist das letzte, was Anton zu seiner Schwester sagt. Der reiche Geschäftsmann ist tief beleidigt. Er hatte gehofft, Liselotte zu demütigen, doch sie nutzt seine Niedertracht zu ihrem Vorteil.
Als Anton wütend die Wohnung verlässt, spürt Liselotte eine enorme Erleichterung. Sie muss nicht mehr Angst vor seiner teuren Kleinigkeit haben. Der Verkauf der Antiquität löst die meisten finanziellen Probleme, was für die Familie wichtiger ist als der Familienstreit.
Ursula Müller ist sehr betrübt, weil ihre Kinder im Streit liegen. Trotz alledem liebt sie beide Kinder gleichermaßen und versucht, sich aus dem Konflikt herauszuhalten. Für Liselotte und Anton spielt das jedoch keine Rolle; jeder geht seinen eigenen Weg.





