Nacht am Abgrund

Nacht an der Schwelle

Nathalie Schubert zog die dunkelblaueckige Jacke vom Haken, verstaute sie im schmalen Schrank und schloss die Schnur. Im Umkleideraum roch es nach billigem Waschmittel und nach Chlor aus der benachbarten Waschküche. Die Schicht sollte um neun abends beginnen, doch sie war ein wenig früher gekommen, um in aller Ruhe umzuziehen und einen Schluck heißen, schwarzen Tee aus dem Thermobecher zu nehmen. Der bittere Nachhall ließ sie denken: Diese Nacht wird endlos. Sie richtete die weiße Bluse unter dem Kittel zurecht, steckte ein Paar Gummihandschuhe in die Tasche und schritt in den Flur der Schwerkrankenstation.

Der Flur leuchtete im schwachen Lampenlicht, das Echo der Schritte einer Krankenschwester mit leerem Transportwagen hallte wider. Durch die langen Fenster sah man die späte Herbstdämmerung: vereinzelte Laternen am Innenhof warfen ihr Licht auf die gefrorene Schneeschicht. Nathalie nickte der tagsüber diensthabenden Schwester zu. Diese überreichte ihr eine Akte mit Verordnungen, die Durchwahl des diensthabenden Anästhesisten und ein altes PagerGerät. Drei Patienten standen für die Nacht an alle schwer: Blutdruck messen, Infusionen prüfen, Lungen abhören und vor allem dafür sorgen, dass niemand aus dem Gleichgewicht gerät.

Im Zimmer6 lag Andreas Egger, achtundsiebzig, im Endstadium eines Magenkarzinoms, an einer OpioidPumpe, das Gesicht wie aus Wachs. Der Monitor zeigte einen schwachen Puls, die Sauerstoffsättigung schwankte um vierundachtzig Prozent. Nathalie befeuchtete die Lippen des Alten, richtete das Kissen und kontrollierte die Zeit für die nächste Morphindosis der Schmerz muss auch nachts beherrscht werden. Seine Atemzüge wurden weicher, doch zwischen den Rippen pfiff noch ein rauer Klang.

Durch das nächste Zimmer blinkte der KardioMonitor eines jungen Mannes Niklas Prunk, fünfundzwanzig, nach einem Verkehrsunfall eingeliefert. BeckenFrakturen, leichte Lungenprellung, innere Fixation. Der Katheter war angeschlossen, auf dem Ständer lagen Kolloide. Nathalie sah nach, dass der Urinbehälter nicht überlief, und vernahm ein Flüstern:

Wie lange bin ich noch hier?

Zweite Nacht. Alles läuft nach Plan, das Wichtigste ist, ruhig zu atmen, antwortete sie gleichmäßig. Der Junge schloss die Augen, während die Schwester zum nächsten Patienten weiterzog.

Brunhilde Weber, dreiundvierzig, hatte gerade einen Suizidversuch überlebt: eine Packung Schlaftabletten und tiefe Verzweiflung. Der Magen war ausgespült, das Bewusstsein trüb, an den Handgelenken frische rosa Verbände. Sie zappelte unter der Decke, versuchte sie abzureißen.

Brunhilde, ich bin hier. Der Mund ist jetzt trocken, lass uns die Lippen befeuchten, sagte Nathalie und reichte einen Wattebausch mit Wasser. Der glasige Blick starrte zur Decke: Wie viel Schmerz braucht man, um zu den Tabletten zu kommen, dachte die Schwester.

Zwanzig nach Mitternacht. Erste Aufzeichnungen: Temperatur, Blutdruck, Infusionsrate. Aus dem Zimmer des Alten drang ein wachsender Husten. Nathalie hob das Kopfteil, schloss den Absauger an, setzte schließlich die SauerstoffBrille auf. Das Röcheln ließ nach, doch die Finger des Alten blieben kalt und blau.

Kaum war sie gegangen, schrillte Niklas Monitor: Sättigung neunundsießig, Blutdruck fiel. Der Patient drehte sich zur Seite, kaute die SauerstoffschlauchVerbindung ab; das DrainageRöhrchen riss und hinterließ einen dunklen Fleck auf dem Laken. Nathalie richtete es wieder gerade, drückte ein Stück Kompresse auf die Stelle, wechselte die Lösung und programmierte neue Parameter. Der Vordergrund war dreiseitig, die Helfer nur ein schlafender Flur.

Um Mitternacht fand sie sich in Brunhildes Krankengeschichte wieder: zwei Kinder, Scheidung im August, keine früheren Versuche. Die Frau bat um die Toilette, weinte dann leise. Nathalie half, gab Diazepam und dimmte das Licht. Die tiefe Schicht der Nachtschicht begann Gedanken zogen sich wie Blei, die Beine wurden schwer.

Zur ein­Uhr ertönte ein dünner metallischer Summton aus den Heizkörpern, ein Frostschleier kroch über das Fenster. Die Schwester durchlief erneut Alter Trauma Suizid: Urinbehälter gewechselt, Lippen befeuchtet, Dosierungen kontrolliert. Der diensthabende Arzt kam einmal kurz hin, blickte auf die Kurven, stieg wieder hinauf: Schlaganfall im anderen Stockwerk. Die Welt hielt sich an den grünen Linien der Monitore und am letzten Schluck abgekühlten Tees.

Drei Uhr zweißig. Gleichzeitig: Brunhildes heiserer Schrei, ein Alarm VTAC bei Niklas, ein langgezogenes Stöhnen des Alten. Nathalie drückte den NotrufKnopf, das Pager erwachte. Die Zeit schrumpfte zu einer Schlitze, durch die drei Leben gleichzeitig gepresst werden mussten.

Beim Sprint zu Niklas sah sie einen Puls von einhundertvierzig und fallenden Blutdruck. Die Defibrillation hielt sie zurück, setzte lieber Medikamente ein. Im Flur krachte ein Schrank: Brunhilde ließ die Fixierung los. Der Alte keuchte seltener. Nathalie drückte den roten Alarm, ließ das Licht des Stationsflurs aufblitzen und, die Schlüsselkarte des Medikamentenschranks in der Hand, begriff: Das ruhige Vorher war unwiederbringlich.

Ein rotes Licht flackerte noch, als ein Anästhesist und ein Rettungsassistent mit einer Trage hereinstürmten. Nathalie schilderte kurz die Lage und folgte ihnen zu Niklas, schon die DopaminAmpulle in der Hand.

Im Innern tanzte der Monitor rotgrün, doch der Rhythmus blieb geordnet. Während der Assistent den zusätzlichen Katheter setzte, drückte Nathalie die Kompresse auf den Ausfluss und reichte dem Arzt die Spritze. Einhundertfünfzig auf vierzig, meldete sie. Nach einer Minute glätteten sich die Kurven. Der Junge würde es schaffen.

Der Pager vibrierte: Die Krankenschwester kam mit Brunhilde nicht hinterher. Nathalie übergab die Beobachtung dem Assistenten und eilte ins dritte Zimmer. Die Frau stand barfuß am Fenster, umklammerte den leeren Fläschchen mit Physiologsalz.

Brunhilde, schauen Sie mich an. Hier ist sicher, hier verurteilt niemand, sagte die Schwester, trat ohne Hast heran. Der Plastikbehälter fiel auf den LinoleumBoden, Brunhilde brach in Tränen aus. Nathalie half ihr, legte neue weiche Verbände an, gab eine minimale Dosis Diazepam und rief den diensthabenden Psychiater an: morgendliche Begutachtung und RundumBeobachtung.

Erst dann kehrte sie zu Andreas zurück. Das Röcheln wurde dichter, die Sauerstoffsättigung sank auf dreiundsechzig. Das Morphin wirkte noch, doch die Stirn war von Schmerz gerötet. Nathalie gab einen Bolus, setzte sich auf einen Hocker und nahm die kalte Hand des Alten. Im Flur hatte das Sirenengeräusch bereits nachgelassen, nur ein Flüstern von Befehlen blieb, und hier herrschte fast Stille. Der Alte machte zwei stockende Atemzüge und verstummte. Todeszeit vierNullfünf. Sie schloss den Sauerstoff ab und zog das Laken bis zum Kinn hoch.

Der Rettungsassistent kam, half, die Geräte abzuschalten, und ging dann, um das Papier zu erledigen. Patient gerettet, Patient stabil, Patient gegangen ohne Schrei, dachte Nathalie.

Kurz vor fünf drang durch das trübe Glas ein Hauch vom vorfrühen Himmelblau. Nathalie sammelte die benutzten Handschuhe, spülte Niklas Drainage, wechselte das blutbefleckte Laken. Der Junge atmete gleichmäßiger.

Stabil. Morgens machen wir ein Bild, wenn alles gleich bleibt, verlegen wir ihn auf die Normalstation, sagte sie. Er nickte kaum merklich.

Brunhildes Atmung beruhigte sich. Nathalie stellte einen Klappstuhl ans Bett die Pflegediensthabende bleibt vor Ort. In die Akte schrieb sie: hohes Risiko für erneuten Selbstverletzungsversuch, 24StundenBeobachtung, psychologische Beratung, Sicherheitsplan.

Sieben Uhr dreißig. Der diensthabende Arzt trat erneut herab, diesmal gemächlicher. Nathalie übergab den mündlichen Bericht, reichte das Protokoll. Er prüfte die Zeile zur Todeszeit, nickte und unterschrieb.

Um acht kamen die tagsüber diensthabende Schwester und die Hausmeisterin. Nathalie zeigte die neuen Verbände bei Niklas, den AnalgetikaPlan, die Beobachtungsroutine für Brunhilde. Dann räumten sie das Zimmer des Alten, schlossen ihm die Augen und bereiteten den Körper für den Transport vor.

Die Einträge im Computer entstanden mit zittrigen Fingern: Brunhilde Weber klarer Bewusstseinszustand, negative Gedanken verneint; Niklas Prunk hämodynamik stabilisiert; Andreas Egger tödlicher Ausgang, Schmerz beherrscht. Am Schluss fügte Nathalie hinzu: Pflegedienstliche Überwachung vollständig gewährleistet und klickte auf Speichern.

Im Umkleideraum roch es weiterhin nach Waschmittel, doch jetzt summten die Gespräche des Morgens. Die Schwester ließ den Kittel ab, schlüpfte in die Jacke und stellte das PagerLadegerät auf ein langer Piepton klang wie ein Abschied.

Draußen füllte leichter Schnee die Lücken zwischen den Kopfsteinpflastersteinen. Nathalie atmete die kalte Luft ein, spürte den Dampf aus den Lungen und lächelte unwillkürlich. In ihrer Tasche raschelte ein ErsatzTeePäckchen für die nächste Schicht. Autos rauschten vorbei, sie gönnte sich eine halbe Minute Ruhe, bevor sie zur Haltestelle ging. Die Nacht war zu Ende, und sie hatte durchgehalten.

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Homy
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