Fährst du ins Wochenendhaus? Dann wohn doch da!” – lachte die Tochter, als sie die Wohnung vermietete

Fährst du nicht eh ständig aufs Land? Dann wohn doch gleich da, lachte die Tochter, während sie die Wohnung vermietete.

Mama, weißt du noch, wo mein blauer Pullover ist? Der mit Kapuze, rief Lena aus ihrem Zimmer.

Antonia Müller blickte von den alten Fotos auf, die sie sortierte, und horchte. Ihre Tochter wühlte im Schrank, die Kleiderbügel klapperten.

Wahrscheinlich in der Wäsche, antwortete sie. Schau mal auf dem Balkon.

Hab ihn!, rief Lena kurz darauf.

Antonia wandte sich wieder den Fotos zu. Da war Lena als Kleinkind auf dem Arm ihres verstorbenen Mannes Markus vor ihrem ersten Auto. Ein anderes zeigte sie als Schulmädchen mit einem Blumenstrauß zum Schulanfang. Und dann die Abschlussfeier…

Mama, was schaust du dir da an?, fragte Lena, als sie ins Zimmer kam und den blauen Pullover überstreifte.

Ach, nur alte Fotos aus der Kommode. Überlege, was ich behalte und was weg kann.

Lena trat näher und sah in die Kiste.

Oh, das sind wir im Gartenhaus!, rief sie und nahm ein Bild heraus, auf dem sie zu dritt vor der frisch gebauten Laube standen. Papa lebte noch. Wie lange ist das her?

Acht Jahre, sagte Antonia leise. Im August werden es acht.

Die Zeit vergeht so schnell, seufzte Lena und legte das Foto zurück. Mama, ich wollte eigentlich mit dir reden.

Etwas in Lenas Stimme ließ Antonia aufhorchen. Nach vierunddreißig Jahren Mutterschaft kannte sie jeden Tonfall ihrer Tochter. Dieser vorsichtige Unterton kündigte meist ein unangenehmes Gespräch an.

Worüber, Schatz?

Lena ging in die Küche und setzte sich. Antonia folgte ihr.

Weißt du, ich habe eine Chance auf einen richtig guten Job, begann Lena, ohne sie anzusehen. Ein Kunde bietet mir eine Stelle an einen Onlineshop aufbauen, die Website gestalten.

Das ist doch toll, freute sich Antonia. Du bist doch Informatikerin, das liegt dir.

Ja, aber es gibt ein Problem, drehte Lena einen Löffel in der Hand. Er zahlt gut, aber nur, wenn ich remote arbeite. Also von zu Hause. Und hier in der Wohnung kann ich mich nicht konzentrieren.

Wieso? Ich störe dich doch nicht.

Mama, du weißt schon… Der Fernseher, Telefonate, die Nachbarn mit ihrer Musik. Ich brauche Ruhe zum Arbeiten.

Antonia nickte. Die Schalldämmung in ihrer Plattenbauwohnung war schlecht, und die jungen Nachbarn liebten laute Musik.

Was schlägst du vor?

Ich dachte…, Lena zögerte. Was, wenn ich mir vorübergehend eine ruhige Wohnung in einer besseren Gegend suche? Mein Gehalt reicht.

Eine Wohnung mieten? Und diese hier?

Mama, versteh mich nicht falsch. Natürlich ist sie meine. Aber ich brauche einen separaten Arbeitsplatz. Zumindest für ein Jahr.

Antonia starrte ihre Tochter verständnislos an. Sie hatten immer zusammen gewohnt, sogar als Lena verheiratet war und ihr Mann einzog. Doch die Ehe scheiterte schnell, Stefan zog aus, und Lena blieb.

Und ich soll hier allein bleiben?

Mama, du bist doch eh ständig im Gartenhaus!, erwiderte Lena lebhaft. Von Mai bis Oktober lebst du fast dort. Also wohn doch gleich ganz da.

Ganz?, verstand Antonia nicht.

Ja, zieh aufs Land, und ich vermiete die Wohnung. Die Miete teilen wir uns, fair ist fair.

Antonia spürte, wie sich ein Kloß in ihrer Kehle bildete.

Du willst mich also rauswerfen?

Ach, übertreib nicht!, winkte Lena ab. Niemand wirft dich raus. Ich biete nur eine praktische Lösung. Dir gefällt es dort, du bist eh immer da. Die Wohnung steht sonst leer.

Und im Winter? Da ist es doch kalt.

Du heizt den Ofen. Oder wir stellen einen Elektroheizer auf.

Lena, sagte Antonia leise, bist du im Ernst der Meinung, eine sechzigjährige Frau soll im Gartenhaus überwintern?

Mama, du bist erst neunundfünfzig! Und außerdem leben viele Rentner ganzjährig dort. Frische Luft, Ruhe, Frieden.

Und niemand da, wenn was passiert.

Die Nachbarn sind doch da! Die Meyers, die Schröders. Die bleiben auch im Winter.

Antonia schwieg und verdante das Gehörte. Lena fuhr fort:

Denk doch mal nach. Wozu eine Zweizimmerwohnung halten, wenn wir damit Geld verdienen können? Die Nachfrage ist hoch, besonders in unserer Gegend.

Und wenn dein Job endet? Was dann?

Er endet nicht. Das Projekt läuft Jahre. Und falls doch, finde ich was Neues.

Antonia stand auf und trat ans Fenster. Im Hof spielten Kinder, ein Hund bellte, Autos fuhren vorbei. Der übliche Stadtlärm, an den sie sich über Jahrzehnte gewöhnt hatte.

Aber das Gartenhaus… Das war etwas anderes. Ein kleines Grundstück in einer Siedlung fünfzig Kilometer entfernt. Ein Häuschen, das sie und Markus selbst gebaut hatten, mit Gemüsebeeten und Obstbäumen. Ein Ort zum Entspannen.

Doch dort leben?

Lena, hast du bedacht, dass ich krank werden könnte? Dass ich vielleicht einen Arzt brauche?

Mama, du hast ein Telefon. Und ein Auto.

Auto fahren traue ich mich nicht. Den Führerschein hab ich, aber ans Steuer setze ich mich nicht.

Dann fährst du halt Bus.

Antonia drehte sich zu ihr um.

Du hast dich also schon entschieden, ja?

Lena wurde verlegen.

Nein, natürlich nicht. Ich schlage es nur vor. Denk in Ruhe drüber nach.

Bis wann brauchst du eine Antwort?

Nun… der Kunde sagte, das Projekt startet am Ersten. Also in drei Wochen.

Antonia griff wieder in die Fotokiste. Sie nahm ein Bild heraus, auf dem sie und Markus als junges Paar vor ihrem neuen Haus standen. Sie war zweiundzwanzig, er fünfundzwanzig. Das ganze Leben lag vor ihnen.

Erinnerst du dich, wie wir diese Wohnung bekamen?, fragte sie ihre Tochter.

Klar. Du hast es hundertmal erzählt.

Dein Vater stand acht Jahre auf der Warteliste. Hat Schichten auf der Arbeit geschoben, Überstunden gemacht, sich ehrenamtlich engagiert. Alles für diese zwei Zimmer.

Mama, das ist lange her. Die Zeiten haben sich geändert.

Ja, sie haben sich geändert, stimmte Antonia zu. Früher holten Eltern ihre Kinder zu sich, statt sie aufs Land zu schicken.

Mama, jetzt dramatisier nicht. Ich schicke dich nicht weg. Ich biete nur eine Win-Win-Lösung an.

Win-Win. Antonia lächelte bitter. Welchen Gewinn hatte sie davon, im Winter in einem ungeheizten Gartenhaus zu sitzen?

Gut, sagte sie. Ich denke nach.

Super!, freute sich Lena. Du wirst sehen, es wird klappen. Die Miete teilen wir wirklich. Eine nette Zusatzrente für dich.

Sie umarmte ihre Mutter und küsste sie auf die Wange.

Ich gehe zu Julia, komm spät zurück. Warte nicht mit dem Abendessen.

Mit diesen Worten ging sie, und Antonia blieb allein mit ihren Gedanken.

Abends, als es längst dunkel war und Lena noch nicht zurück war, setzte sich Antonia mit einer Tasse Tee in die Küche und versuchte, ihre Gefühle zu ordnen.

Einerseits hatte Lena recht. Das Gartenhaus war schön, sie verbrachte viel Zeit dort. Frische Luft, Ruhe, Gemüseanbau.

Andererseits war es etwas anderes, dort Urlaub zu machen oder d

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Homy
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Fährst du ins Wochenendhaus? Dann wohn doch da!” – lachte die Tochter, als sie die Wohnung vermietete
„Du hast doch keine Familie, lass das Haus deiner Schwester – ihr geht es jetzt schwerer“, meinte meine Mutter. „Für dich ist es leichter, deine Schwester hat eine kinderreiche Familie, das musst du verstehen.“ „Warum bist du denn so schlecht drauf?“ Meine Schwester setzte sich mit einem Glas Saft neben mich auf die Couch. Die Kinder lärmten am Tisch, ihr Mann erzählte der Schwiegermutter eine Geschichte, in der Hand eine Gabel mit einem Stück Kuchen. „Alles in Ordnung“, sagte ich abgewandt. „Ich bin einfach nur müde. Es war ein furchtbarer Tag auf der Arbeit.“ Sie lächelte und warf sich eine Haarsträhne zurück. „Ich wollte ein paar Tage schon mit dir reden. Wegen Papas Haus.“ „Ich höre.“ Sie beugte sich näher zu mir und senkte die Stimme. „Wir haben überlegt… Du und dein Mann – wozu braucht ihr das Haus? Ihr seid zu zweit, habt eure Wohnung. Wir sind zu fünft in einer gemieteten Zwei-Zimmer-Wohnung. Wenn wir umziehen – frische Luft, Garten, Platz für alle.“ Ich schwieg und betrachtete meine Nichte, die gerade die Kerzen auf der Torte ausblies. Sechs Jahre alt. Die Älteste der drei. „Eigentlich braucht ihr das Haus gar nicht“, fuhr sie fort. „Nur Ausgaben. Das Dach undicht, der Zaun schief, überall Baustellen.“ ‚Und wie wollt ihr das alles stemmen?‘ ging es mir durch den Kopf. Aber ich schwieg. „Unsere Mutter findet das auch sinnvoll“, fügte sie hinzu. „Wir wollen nichts geschenkt – gib einfach deinen Anteil ab. Danach werden wir uns schon einig.“ Ich nickte, auch wenn in mir alles eng wurde. Auf dem Heimweg fuhr mein Mann schweigend. „Was war los?“ „Sie wollen, dass ich auf meinen Teil am Haus verzichte.“ „Du sollst ihn einfach abgeben?“ „Ja. Sie sagen, sie brauchen es nötiger. Wir haben ja alles.“ „Alles?“, sein Lächeln war bitter. „Die Wohnung mit Hypothek?“ Am nächsten Tag rief meine Mutter an. „Hast du schon darüber nachgedacht?“ „Da gibt’s nichts nachzudenken. Die Hälfte vom Haus gehört mir.“ „Immer nur Rechte“, antwortete sie. „Was ist mit Familie? Die haben drei Kinder. Und du bist allein.“ „Unsere Wohnung ist auf Kredit. Zehn Jahre müssen wir noch zahlen.“ „Die anderen haben nicht mal das.“ „Ich habe mich in den letzten Monaten um Papa gekümmert. Krankenhaus, Medikamente. Deine Schwester war zweimal da.“ „Du bist die Ältere. Du musst Verständnis haben. Du bist doch frei.“ Frei. Das Wort stach. Am Abend saß ich mit Tee in der Küche. „Besteht sie auch darauf?“, fragte mein Mann. „Ja.“ Am nächsten Tag traf ich mich mit einer Freundin. „Wann hat deine Schwester dir das letzte Mal geholfen?“, fragte sie. Ich hatte keine Antwort. „Wissen sie, wie viel ihr für die Kinderwunschbehandlung bezahlt habt?“ „Nein.“ „Fast eine Million. Keine Schwangerschaft. Und trotzdem denken sie, du hast es leicht.“ Ich entschied, zum Haus zu fahren. Allein kam ich an. Verwilderter Garten. Quietschen der Tür. Geruch von Staub und Erinnerungen. Ich fand ein Notizbuch mit Papas Handschrift – Pläne für Renovierung. Er hatte Pläne. Aber keine Zeit mehr. Der Apfelbaum, den wir zusammen gepflanzt hatten, als ich noch ein Kind war. Das Haus war mehr als Eigentum. Es war Erinnerung. Als meine Mutter kam und sagte: „Du bist ohne Familie, für dich ist es einfacher…“, konnte ich nicht mehr schlucken. „Drei Versuche mit künstlicher Befruchtung. Drei.“ Und zum ersten Mal sagte ich: „Das Haus gehört mir. Ich gebe es nicht ab.“ Es wurde still. Doch diese Stille war nicht leer. Sie war befreiend. Der Frühling kam früh. Die Nachbarin sagte: „Er hat nur auf dich gewartet.“ Ich saß auf der Veranda, mit Tee, Papas Pullover über den Schultern, vor mir der Apfelbaum. Das war mein Zuhause. Nicht, weil ich nachgegeben hatte. Sondern weil ich ein Recht darauf hatte.